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Tag: Schreiben

Kein Ohr- Teil 3

An einer Sache Zweifel zu haben, bedeutet ihren Sinn zu finden

Ich beantworte hier die letzte Frage von Alesandra, die nochmal wissen wollte, was ich eigentlich mit dem Blog will, bzw. was der Idealfall wäre.

Da ich das in den vorherigen Artikeln noch nicht ganz herausgearbeitet habe, hier eine kleine Ergänzung:

Das Blog hat viele Zwecke, die erstmal ohne erkennbaren Nutzen sind, aber dennoch Spaß machen oder einen inneren Antrieb erzeugen: Kommunikation, sich austauschen, von der Seele reden, Kunst produzieren, Freude am Tun, Ventil für Emotionen, usw.

Das ist alles sehr wichtig und muss auch nicht ständig in Zweifel gezogen werden. Man macht es, weil es Spaß macht und irgendwie hilft- fertig.

In diesem speziellen Betrachtungs-Fall versuche ich aber, das Blog darauf zu reduzieren, was es für eine gesellschaftliche Wirkung und was für einen Nutzen es für die demokratische Teilhabe haben könnte. Also ein ganz spezielles Detail, das von verschiedenen Fragen eingegrenzt und beschrieben wird:

Zum Beispiel

  • Werden Bloggerinnen und Blogger ernst genommen?
  • Nehmen Politiker es wahr, was BloggerInnen schreiben oder ist es ihnen egal?
  • Hat man mit seinen wenigen Besuchern einen Breitband-Effekt auf die Meinungsbildung?
  • Wenn nein, warum nicht? Liegt es an der Art des Mediums oder einfach an der Reichtweite?
  • Welches Prestige haben Blogs und warum spielen sie in der öffentlichen Meinung eine so untergeordnete Rolle?
  • Warum gibt es in DE keine echte Basisdemokratie?
  • Warum interessieren sich in Deutschland so wenige Menschen für echte Basisdemokratie, obwohl doch vielen Menschen klar ist, dass man viel ändern könnte und sich mit wenigen Mitteln gut einbringen könnte?
  • Warum scheitern viele Menschen schon an der einfachsten Grundlage zur Demokratie, nämlich der Diskussion mit anderen und die tolerante Akzeptanz von anderen Meinungen? (Stichwort Streitkultur)
  • Wie ist die „Macht“ der Blogs im Vergleich zu den traditionellen Medien?
  • Wem dient die Macht der Medien? Man denke z.B. an einen Menschen wie Berlusconi wie er die Medien für seine eigenen Zwecke missbraucht oder bei uns in DE die Macht der Zeitung mit den großen Buchstaben ….
  • wenn man sich z.B. Einschaltquoten von Fernsehsendungen oder Auflagen von großen Zeitungen anschaut, wird schnell klar, dass man da als kleine Bloggerin/ kleiner Blogger überhaupt nichts ausrichten kann
  • hat man überhaupt das “Recht” mit dem eigenen Werk Einfluss auf die Meinung anderer zu nehmen oder ist nicht schon der kleinste Versuch eine Manipulation von anderen, die eigentlich nur Abwehr und Blockade erzeugen kann (moralische und psychologische Frage)

Also bei all diesen Punkten wird mir schnell klar, dass das Blog nichts in dem Sinne bringen kann wie eine „normale Zeitung“, einfach weil es viel kleiner und viel privater ist und auch auf einer anderen Grundlage entsteht.

Die Frage bleibt: Was bringt es dann? Wenn ich mich mit ein paar Menschen vernetze und einen engen Austausch betreibe, ist das dann genug? Kann eine kleine Bewegung zu etwas großem werden? Hat die kleine Vernetzung und die kleine Bewegung nicht auch einen “Sinn” ?

Wenn ich mich über etwas aufrege, aber nicht dafür sorge, dass etwas besser wird, kann ich mir die Aufregung eigentlich gleich sparen, weil sie dann überflüssig ist. Der Mensch ist von der Natur zu sehr auf Energie-Sparen angelegt, dass so eine Verschwendung von Zeit, Energie und Ressourcen eigentlich sinnlos und im Extremfall sogar lebensbedrohlich bis unsinnig wäre. Welchen Sinn macht dann eigentlich ein “übergroßes Gewissen” oder ein “übergroßes Mitteilungsbedürfnis”? Wie können wir diesen Effekt nutzen, um die Welt ein kleines bisschen besser zu machen?

Und wenn ich etwas nur tot diskutiere, aber nichts im täglichen Verhalten ändere, macht es auch keinen Sinn. Rein moralisch kann man den hungernden Kindern in Afrika nicht zuschauen, ohne etwas zu tun und gleich im Anschluss an die Fernsehnachrichten etwas spenden zu gehen.

Warum gibt es bei manchen Themen eine so große Bereitschaft der Menschen, sich zu zusammenzuschließen und zu demonstrieren (z.B. bei der Atomkraft oder Stuttgart 21) und bei anderen Themen wiederum nicht (z.B. niedrige Löhne, Armut in Deutschland, Steuerrecht, Kindermangel, etc.) ?

Das sind einfach alles Fragen und Themenbereiche, die mich beim Bloggen sehr beschäftigen und hin und wieder auch Zweifel aufkommen lassen. Ich weiß nicht, ob ich darauf unbedingt eine gute Antwort oder eine Lösung brauche, aber es sind zumindest mal offene Fragestellungen, die ich als wichtig empfinde. Einfach als Grundlage für das eigene Schreiben und Wirken- um zu wissen, in welchem Kontext man sich bewegt.

Kein Ohr- 2

Patient Gesellschaft

Habe nochmal über den letzten Text nachgedacht. Der ist eigentlich zu depressiv, zu negativ und sieht nur eine Seite.

Diese Motivation „etwas ändern zu wollen“ oder die euphorische, bis jugendlich-überschwengliche, vielleicht auch „dumme“ Haltung „die Welt zu verbessern“ hatte ich nicht immer. Wie ist das Blog überhaupt entstanden? Was wurde aus der Anfangsmotivation und welchen Lauf hat sie dann über die Jahre genommen? Es mag manche LeserInnen etwas langweilen und als Nabelschau wirken, aber ich habe einfach Lust darüber nachzudenken, weil es mir auch hilft, Klarheit zu bekommen und den zukünftigen Kurs der eigenen Schreib- Arbeit besser absteckt. Ich könnte den Text auch nur für mich schreiben, aber ich will die Öffentlichkeit darüber informieren, wie der Stand der Dinge aussieht… da meine Blog-Öffentlichkeit überschaubar ist, ist das auch kein Problem (und vom Exhibitionismus einer Charlotte Roche bin/bleibe ich hoffentlich noch weit entfernt).

Ursprünglich habe ich das Blog aus reiner Langeweile gemacht, weil ich ein paar Ideen im Kopf hatte, die raus mussten. Das ist eigentlich schon alles. Vielmehr Motivation gab und gibt es nicht (und sollte es meiner Meinung nach auch nicht geben, weil es dann zu kompliziert wird). Wenn man erstmal überlegt, wieviel Besucher man haben möchte, wieviel Geld man durch Werbung verdienen möchte oder wie die eigene Persönlichkeitsmarke besser ausgebaut werden kann, dann hat man vielleicht mehr Ehrgeiz und einen stärkeren, von außen motivierten Antrieb, aber die Qualität und Art der Texte wird zwangsläufig darunter leiden. Die maximale Freiheit beim Bloggen auszunutzen halte ich für den größten Gewinn an dieser Tätigkeit.

Erst mit der Zeit habe ich gemerkt „hoppla da sind ja noch andere Menschen, die ähnlich denken“ und mir fiel auch auf, wie bei bestimmten Aussagen heftiger Gegenwind entstanden ist oder Leute bereit waren, in eine Diskussion einzusteigen. Ich habe diesen Zweig einfach weiterverfolgt und bin so auch zum politischen Bloggen gekommen. Mit der Zeit schaut man sich immer mehr Details der Gesellschaft an, steigert sich vielleicht auch immer mehr rein… und dann? Enttäuschung? Resignation? Je mehr man eine Sache betrachtet, desto mehr sieht man auch ihre Schwächen und desto eher erkennt man vielleicht auch die Zusammenhänge. Und damit verbunden ist die Kenntnis, dass die Welt zwar schlimm ist, aber man nur recht wenig tun kann. Es ist daher umso wichtiger, das zu tun, was man überhaupt machen kann. Es sind oft nur kleine Schritte, kleine Gedanken- aber die Gesellschaft ist eben die Summe dieser kleiner Menschen, kleiner Gedanken, die erst im Zusammenspiel zu etwas Großem werden. Der einzige Mensch ist nie groß, er ist immer nur ein kleiner Teil von allem.

Bei der Politik drängt sich oft der Eindruck auf, dass das Ganze zwar „Demokratie“ heißt, aber die Menschen selbst durch die modernen Medien nicht wirklich Einfluss auf Enttscheidungen haben. Bestimmte Protestwellen im Bereich der Internetpolitik sind da eine Ausnahme (Zensursula, und ähnliche). Dieses Zusammenspiel zwischen Bürger und Politik zu verbessern, halte ich nach wie vor sehr wichtig, auch wenn es regelmäßig zu Enttäuschungen führt.

Wird ein Arzt rat- und hilflos, wenn er viele Patienten kuriert und viele Krankheiten in seinem Leben gesehen hat? Wenn ihm Menschen unter dem Messer weggestorben sind? Warum kann der Arzt am menschlichen Leben fröhlich weiterschneiden und warum wird der Blogger ratlos und resigniert? Der Blogger schneidet mit seinen Worten durch die Welt und wenn der Text-Körper aufgeschnitten ist, setzt er hier und da eine neue Laut-Verbindung und entfernt am anderen Ende totes Gedanken-Gewebe und pflanzt neue Ideale ein. Er kann die Natur des Menschen nicht komplett ändern, aber er kann kleine Eingriffe vornehmen, die die Natur aus eigener Kraft nicht mehr ändern könnte. Und ja, manchmal sieht es auch kunstvoller aus, als es eigentlich ist. „Ästhetik und Funktion, natürlich beides!“

Der letzte Arzt, der mir in Erinnerung geblieben ist und von dem diese Worte stammen, wirkte auch hilflos. Er hatte Ringe unter den Augen und er wirkte überarbeitet. Er war schon etwas alt und hätte eigentlich in Rente gehen müssen. Seine Worte waren kurz angebunden und er wirkte nicht besonders fröhlich oder gelassen, aber dennoch voll konzentriert und kompetent. Ich hatte das Gefühl, dass er sich an seinem Job festhielt und äußerst ungern in den Ruhestand gehen wollte. Er war ein Workaholic und seine größte Motivation war das Helfen und der Dienst am Menschen. Auch wenn er nicht darüber sprach, so hat man es ihm sehr gut angemerkt.

Wieviel Patienten sind bei ihm gestorben? Wieviel Leiden hat er schon gesehen? Und hat er je aufgegeben? Nein..aber die Arbeit hat ihn verändert. Er wurde älter. Aus seinen hochfliegenden Idealen auf der Uni sind Realitäten geworden. Er ist vielleicht Chefarzt geworden, was er sich vorgenommen hatte. Karriereziel erreicht. Aber hat er auch den bahnbrechenden Durchbruch in der Forschung gemacht? Wurde er international ausreichend gehört? Wurde er ein glücklicher Mensch? Hat seine Ehe zu sehr darunter gelitten? Hat er genug verdient? Hat er „als Mensch“ genug zurückbekommen?

Hat er- und das frage ich mich am meisten- je danach gefragt, was die Patienten für ihn tun können?

Der Arzt ist für mich ein Vorbild. Er arbeitet bis zum Umfallen, die Motivation ist das Helfen. Und er macht es, ohne zu fragen oder ständig was zu erwarten. Obwohl diese Haltung rein logisch und vom Kopf her betrachtet, unsinnig erscheint, so scheint sie auf einer anderen Ebene wunderbar zu funktionieren.

Vom Privaten zum Gesellschaftlichen

Einleitung

Ich bin derzeit in vielen Dingen gefangen, geborgen, versteckt und komme nicht zum Schreiben. Da ist zum einen mein Kindle, der eine schier endlose Kette an Informationen in sich birgt, die durch die kostenlosen Leseproben auch nicht mehr abreißen will. Die Inspirationen auf der einen Seite stoßen endlose Gedankenketten an und führen zu immer weiteren Büchern, in die ich dank der Testfunktion reinlesen kann und so stapeln sich inzwischen über 100 Leseproben, über die ich schon bald die komplette Übersicht verloren habe. Gelesen wird immer das „Obenauf“ und das Ganze wechselt sich munter miteinander ab.

Ca. 20 kostenlose Bücher schlummern im elektronischen Lesegerät, davon habe ich aber erst zwei zu mehr als 50 Prozent gelesen. Dazu kommen ca. fünf kostenpflichtige Exemplare, die ich mir „testweise“ gekauft habe und von denen ich sehr begeistert bin. Diese Bücher werde ich -durch Zitate oder kleinere Rezensionen- sukzessive im Blog vorstellen und erläutern.

Wie die LeserInnen ja wissen, hat mir mein Blog in der letzten Zeit sowieso keinen Spaß mehr gemacht und ich war/bin froh, auch mal etwas anderes machen zu können. Manchmal kann ein Abstand, vor allem ein längerer, sehr heilsam sein, um darüber nachzudenken, was man eigentlich macht und warum. Beim Bloggen fällt es mir aber trotz aller Zweifel und logischen Überlegungen, die mir die Unsinnigkeit so eines Projektes vor Augen führen sollen, stets leichter, einen neuen Text eins ums andere mal aufzusetzen als mich in Enthaltsamkeit zu üben. Für mich ist das ein untrügliches Zeichen, dass das Bloggen und das Schreiben selbst viel mehr ist, als man mit Logik begreifen kann. Es gibt anscheinend unbewusste, versteckte Motive, die mich dazu bringen, immer wieder zu schreiben. Und ich bin mir sicher, wenn ich das jetzt besser „erklären“ könnte, hätte man die Hauptmotivation dafür gefunden, warum es Menschen gibt, die leidenschaftlich gerne bloggen und dann wieder welche, die es überhaupt nicht machen und auch nicht gerne in anderen Blogs lesen.

Das Meta-Thema Blog

Da ist zum einen der Ausdruck über die Sprache. Der Mensch kann sich in vielen Dingen, in vielen Medien und ganz unterschiedlich äußern. Gerade die Kunst bietet einen unüberschaubare Vielfalt an Betätigungsmöglichkeiten (Tanzen, Singen, Modellieren, Malen, Musizieren, usw.); bei mir ist es eben die Sprache, die das Haupttor zur Welt geworden ist.

Daher stellt sich eigentlich auch nicht die Frage, warum man bloggt, selbst wenn man damit kein Geld verdient oder keine Rückmeldungen bekommt; freilich sind die Rückmeldungen auf diese ohnehin schon leidenschaftliche Tätgikeit wie ein Verstärker, der das ganze nochmal ums hundertfache steigert- aber ich bräuchte sie nicht allein, um mich dem Schreiben hin zu wenden.

Manch Mensch kann es nun seltsam erscheinen, warum ich mich auf dieses Experiment (des Nicht-Schreibens) immer wieder einlasse oder gar das Bloggen selbst ständig neu definieren muss. Wäre es nicht leichter, einfach zu schreiben und sich mehr auf die Sachthemen zu konzentrieren und quasi eine Betriebsblindheit zu entwickeln und eine Unzugänglichkeit zu Meta-Themen wie sie viele Bereiche und Berufe des heutigen Menschen mit sich bringen? Dass das nicht geht, liegt in der Natur des Sache, des Schreibens, Denkens und auch „Grübelns“ begründet. Wer richtig „denken“ will, muss auch lernen, den Selbstzweifel zu ertragen. Wer nicht mehr über sich selbst oder sein Tun nachdenken kann, wird sich langfristig von sich selbst entfremden.

Kann man ein Blog überhaupt als „Beruf“ definieren? Gewiss, ich schrecke oft vor den Leuten zurück und bin beeindruckt von ihren logischen Argumenten, wie sie sinnvolles und nicht-sinnvolles fein säuberlich auftrennen und das einzig und allein an der Menge der Geldscheine bemessen, die dann jeweils damit „verdient“ werden. Es ist eigentlich traurig, dass wir heutzutage einzig und allein diese Perspektive kennen und für alle anderen Perspektiven so blind geworden sind. Das ist der Grund, warum soviele Künstler und Dichter (Dichterinnen) ein Nischendasein führen und selbst bei allerhöchster künstlerischer Schreibproduktivität (die eine Produktivität im eigentlichen wirtschaftlichen Sinne ist) kaum bis gar nicht beachtet werden. Hier klafft eine Lücke, zwischen dem was „wertvoll“ ist und eine Demokratie ausmacht und zwischen dem, was die Gesellschaft als wertvoll erachtet und zwar durch Aufmerksamkeit, Zuhören, Zurückgeben oder gar einer materiellen Wertschätzung (die wiederum nur eine von vielen ist).

Private Werte vs. öffentliche Werte

Unsere Gesellschaft driftet an diesem Punkt auseinander und ich will erläutern, wie ich mir das erkläre:

Wenn sich nun Kinder um ältere Angehörige kümmern und sie zu Hause pflegen, wenn die Mutter ihren Job aufgibt, um sich um ihre Kinder zu kümmern und dafür das Alleinsein und den mangelnden Respekt oder gar eine Scheidung in Kauf nimmt, wenn die Geschwister für ihre eigenen da sind, wenn der Lehrer Überstunden an der Problemschule macht, von der seine Kollegen schon längst Abstand genommen haben; wenn der Landarzt seine alten und wenig „lukrativen“ und auch medizinisch und im Sinne der eigenen Karriere nicht reizvollen Patienten mit Liebe und Geduld versorgt, so leisten all diese Menschen einen unschätzbaren Wert für die Gesellschaft.

Sie alle leisten deutlich mehr, als die Gesellschaft bereit zu bezahlen ist. Sie leisten mehr, als dass sie Anerkennung bekommen und sie sind alle durch sich selbst motiviert und bekommen zum Großteil ihrer Zeit kein Lob, keine Aufmerksamkeit und keine staatlichen helfenden Hände, die sie unterstützen. Was sie vielleicht nährt ist ihre menschliche Überzeung, ihr Mitgefühl oder gar ihr Glauben an das Gute im Menschen. Der Zusammenhalt dieser Gesellschaft ist in diesem Moment von der Wertschätzung und dem Mitgefühl dieser Menschen in höchstem Maße abhängig- und obwohl es so evident ist, begreifen die wenigsten diesen “nicht messbaren” Zusammenhang.

Diese Gesellschaft, so scheint es mir, hat an vielen Punkten den Wert für diese Menschen und diese Handlungen des Mitgefühls verloren; mehr als das, sie kann es nicht mehr wahrnehmen, nicht artikulieren und folglich auch nicht ändern. Viele Probleme werden privatisiert und sind sie erst einmal per Gesetz aus dem Blickwinkel des Staates verschwunden, braucht er sich keine Sorgen mehr zu machen. Was übrigt bleibt, sind nicht weniger soziale Probleme, aber deutlich weniger verantwortliche Stellen, die man zur Rechenschaft zwingen oder eine Erklärung abringen könnte.

So schreibt z.B. Ulrich Schneider in seinem Buch „Armes Deutschland“:

Hat der Staat beispielsweise die Kostenübernahme für nicht verschreibungspflichtige Medikamente erst einmal gestrichen, wie in Deutschland geschehen, können ihm Heuschnupfen oder Hautausschläge herzlich egal sein. Er nimmt sie gar nicht mehr wahr. (Highlight Loc. 2250-52)

Er führt darin eine Überlegung auf, mit welchem Eigeninteresse „der Staat“ handelt (und nicht etwa die Politiker, auf die üblicherweise immer eingedroschen wird) und erklärt das Selbstbild dieses Staates. Der Staat ist im Wesentlichen abhängig von einer florierenden Wirtschaft (zwecks Steuereinnahmen, Arbeitsplätzen und Vollbeschäftigung) und von seinen Bürgern (zwecks Steueraufkommen und Erhaltung der Macht durch Wählerstimmen). Und so kommt er im Kontext dieser Selbstdefinition zum Schluss:

Manche Argumente sind mehr, manche weniger zwingend. Manche treffen die Eigeninteressen des Staates mehr, manche weniger. Dass es einfach nur armselig ist, wie diese Alleinerziehenden mit ihren Kindern in Hartz IV leben müssen, ist vor diesem Hintergrund nicht nur kein zwingendes, sondern überhaupt kein Argument.

Hier sieht man den unsichtbaren Trennstrich, der zwischen den Eigeninteressen des Staates und den Interessen und „menschlichen“ Problemen seiner Bürger gezogen wird. Solange etwas dem Steueraufkommen dient und mit Macht verbunden ist (reiche Unternehmer, Drohung mit Abwanderung, große Lobbygruppen, etc.) kann und muss der Staat reagieren. Betrifft es allerdings Menschen, die sowieso schon vom geschäftlichen Erwerbsleben und damit einem Großsteil des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen sind (z.B. Hartz IV Empfänger) versiegt das Interesse und die Absicht in ihrem Sinne überhaupt etwas zu tun.

Anders ist es bei den Rentnern, die inzwischen eine Anzahl von 20 Millionen (!) haben, damit ein Viertel der Bevölkerung und ein Drittel der Wahlberechtigten stellen (Highlight Loc. 2284-85) und durch ihre entsprechenden Lobby-Gruppen und Vereine einer der mächstigsten Gruppen in Deutschland darstellen. Es erklärt sich von selbst, dass das Interesse von jungen Menschen dadurch in Schieflage gerät, weil diese jungen Menschen meistens deutlich weniger Zeit haben, sich zu organisieren (weil sie außer Haus arbeiten müssen oder 18 Stunden am Tag Kinder großziehen) und auch in weniger „Lobbygruppen“ organisiert sind. Der demografische Wandel trägt sein übriges dazu bei (immer weniger Schultern müssen immer mehr Münder ernähren und die Sozialkassen füllen; messbar z.B. durch die in den letzten Jahren ständig gesunkene „Aktivenquote“; die derzeit bei ca. 43 Prozent liegt).1

Die emotionale Berührung

Warum beschäftigt sich ein Mensch wie Schneider denn überhaupt mit der Armutsproblematik? Auch er wird nur indirekt davon profitieren und kein wesentliches Geld damit verdienen. In einem der anfänglichen Sätze macht er eine interessante Feststellung, die sich sodann wie ein rotes Band durch die weiteren Verläufe seiner Argumentation zieht:

Ohne Emotion ist die Verständigung auf einen tragfähigen Konsens zum diffusen Problem der Armut als Grundlage eines gemeinsamen Handelns schwer möglich. (637-38)

und

Um zu dem Schluss zu gelangen, dass es sich in einer ganz konkreten, alltäglichen Situation um Armut handeln könnte, reicht es nicht aus, sie lediglich intellektuell zur Kenntnis zu nehmen und zu reflektieren. Es braucht eine subjektive, emotionale Berührung. (634-36)

Kommen wir nochmal zum Schreiben und den gesellschaftlichen Problemen und Perspektiven, die damit verbunden sind, denn auch hier haben wir unzählige „emotionale Berührungen“ die uns tausendfach bewegen und immer wieder neu antreiben. Sie sind, da bin ich mir inzwischen sicher, der geheime Motor, der die eigene Schreibmotivation immer wieder am Leben hält.

In welche gesellschaftliche Grauzone trifft das Schreiben also? Im Schreiben (vor allem im Blog) nimmt sich der private Bürger der gesellschaftlichen Probleme an, die in seinem Land nicht gut laufen und diskutiert sie mit anderen. Vor allem die Dinge, die von den staatlichen Stellen auf Grund ihrer Struktur oder gar Ignoranz gar nicht mehr wahrgenommen werden und um der Gesellschaft und seinen Mitmenschen zu erklären: Wir haben euch nicht vergessen.

Wenn er auch nichts in unmittelbarer Weise ändern kann, so hat er mit dem Blog doch wenigstens eine Möglichkeit zur Artikulation und kann darauf aufmerksam machen und sich mit anderen zusammenschließen oder Erfahrungen austauschen. Das eigene Leid kann genauso formuliert werden wie das allgemein gültige und „gesellschaftliche Leiden“. Lässt man die ganzen spitzfindigen Unterscheidungen weg, wird man wahrscheinlich feststellen, dass es zwischen ihnen keine sorgsam zu ziehende Trennlinie gibt.

Wenn man sich die Struktur des Staates, seine Eigeninteressen und seine innere Organisation anschaut, gibt es keinen anderen Weg. Darauf abzuwarten, dass die Politik eines Tages gutmütig und weise und alles im eigenen Sinne umstellen wird, ist nicht nur gutgläubig, es ist absolut realitätsfern. Selbst in einer Demokratie (oder gerade darin) gibt es die Verpflichtung zur Eigeninitative. Wir bekommen zwar keinen Weg diktiert, aber es ändert auch niemand was für uns, wenn wir nicht aktiv werden. Wir müssen lernen, selbstständig zu denken, wir müssen lernen uns auszudrücken und mir müssen in diesem Zusammenhang lernen, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten und sie nicht ausschließlich als Konkurrenten oder Gegner zu sehen (wie unser Wirtschaftssystem uns leider teilweise dazu zwingt).

Fazit

Wenn du nicht mehr da bist, wird auch keiner mehr fragen, wer du warst. Gehört wird einzig und allein der, der den Mund aufmacht und seine Bedürfnisse und Ansichten formulieren kann. Jeder Blogartikel, so privat oder technisch er nun ist (denn auch als Verbraucher, auch als Liebender oder Liebende ist man Teil des Systems) trägt seinen Beitrag zur Gesellschaft bei. Der Staat, das ist in der Summe nicht die Hochrechnung aller Institute und Krawattenträger im fernen Berlin, der Staat sind wir.


Anmerkungen:
  1. Allerdings führt er dieses Beispiel auf, um die Macht der Lobbygruppen und Eigeninteressen bestimmter Wählerschichten besser zu erläutern, und ihren Einfluss auf politische Entscheidungen darzustellen. Das kann man natürlich mit der Hoteliers-Entlastung der FDP, den Spritkonzernen, den Banken oder den Energiefirmen noch viel besser und medial wirksamer machen; Er redet dabei nicht “gegen die Rentner” oder gar die Höhe der Sozialkassen, was bei einem Buch über Armut absurd wäre; das kann man auch hier in diesem Artikel leicht verwechseln oder missverstehen; dennoch ist es so, dass der Demografie- Faktor und vor allem die Lobbygruppen in der Politik eine wichtige Rolle spielen []


Vier und eine Geschichte

über das Schreiben

Das Schreiben klappt in der letzten Zeit wieder besser und allein in den letzten Tagen habe ich mir ca. vier mittelgute Geschichten ausgedacht und sie einfach so „runtergeschrieben“. Nur bei der Veröffentlichung, da schrecke ich noch etwas zurück, es klappt in der letzten Zeit nicht mehr so einfach wie früher. „Zu privat“ denke ich mir oder „da ist zuviel von mir drin“. Dazu kommt die Selbstentblößung vor einem Publikum, die mental sehr anstrengend sein kann, wenn man sich nicht 100- Prozentig sicher ist und die Texte einiges an persönlichen Gefühlen enthalten.

Und wer ist sich schon immer 100- Prozentig sicher? Bei einem wackeligen Projekt wie einem „Kunstprojekt“ oder so etwas flüchtigem wie reinen Gedanken und in Text gegossenen Emotionen kann man das nur schwer vorhersagen. Manchmal verflüssigen sie sich im Anschluss und werden wieder heiß, nass oder eisig-kalt… im Austausch mit anderen leben die Gefühle, und wenn man sie für sich behält, werden sie starr. Wenn man sie austauscht, kann man verletzt, angegriffen und kritisiert werden- wenn man sie für sich behält nicht. Wenn man die Texte veröffentlicht, braucht und erhält man dadurch automatisch eine innere Stärke.

So oft habe ich es mit dem Blog erlebt, dass ich mich beim Schreiben frei gefühlt habe und dann ein paar Stunden hinterher nochmal über die Texte nachgedacht und die Veröffentlichung dann bereut habe. Wenn ich ehrlich bin, ist das eher die Regel als die Ausnahme. Wirklich authentisch und „ehrlich“ zu sich selbst gegenüber Texte zu produzieren, erschafft auf der einen Seite lesenswerte Texte und gute Kunst, wie immer man sie auch definieren mag. Die authentischen Gefühle eines in eins-zu-eins abgebildeten Seelendiagramms ist durch eine konstruierte Geschichte kaum zu ersetzen.

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Blog-Abstinenz

Nur ein kurzes Hallo von meiner Seite, damit niemand denkt, dass ich in der Versenkung verschwunden bin und nie wieder etwas bloggen möchte. In der Tat ist es aber so, dass sich derzeit ein ganz neues „Hobby“ aufgetan hat, das meine derzeitige Aufmerksamkeit zu fast 100 Prozent bindet. Für das/den/die Blog bleibt im Moment nicht viel übrig.

Ich habe die ursprüngliche Webseite seit 2000 und das Blog seit 2005, fast jede Woche darin geschrieben oder Inhalte „produziert“- daher denke ich, dass es auch nicht schlimm ist, wenn ich mal eine längere Blog-Pause einlege und ich hoffe, die Stammleser mögen mir das verzeihen… es fällt mir immer so schwer „Ende“ zu sagen, und Pause klingt ja auch viel besser. ;-)

Dazu kommt, dass es derzeit kaum Themen gibt, über die ich bloggen möchte oder die interessant wären. Über das meiste habe ich schon etwas gesagt und immer auf die aktuellen politischen Themen aufzuspringen, ist mir derzeit zu langweilig und zu monoton. Wie ist das mit der Exklusivität und der Qualität? Man findet sie meist nur, wenn man zum Profanen Abstand halten kann. Oder noch krasser ausgedrückt: „Wer vernünftig reden möchte, muss zuerst das Schweigen lernen.“

Ich habe ein paar Bücher hier liegen, die zu meinen bisherigen Themen passen und die ich gerne rezensieren möchte: dazu muss ich sie aber erstmal fertig lesen und mich dann intensiv damit auseinandersetzen. Das wäre pro Buch eine Arbeit von ca. zwei Wochen (lesen) und einem Tag schreiben (intensive Rezension mit Quellenangaben). Leider habe ich im Moment diese freie Zeit nicht. Und seien wir ehrlich: Das Blog ist eben nur Hobby, es ist freiwillig und man macht es zwischendurch. Als richtige „Arbeit“ ist es nicht geeignet. Der Spagat zwischen Hobby-Einsatz und sinnvoller Text-Produktion ist manchmal nur schwer zu halten. Meistens läuft es darauf hinaus, dass man zuviel Einsatz gibt und es sich unter dem Strich nicht rechnet. Dieses Thema habe ich schon oft angesprochen, aber es verlor deshalb nicht an Gültigkeit. Allerdings, gibt es ja noch den immateriellen Wert, das Lernen, das „Spaßhaben“, oder das „Kommunizieren“ – das ist hier nicht eingerechnet.

Einen derartigen Aufwand mit dem Blog betreiben, dass sich Werbekosten oder Flattr-Einnahmen rechnen würden und man es als „Beruf“ sehen kann, ist schwierig und kann man nur machen, wenn man sehr, sehr viel Zeit und eine hohe Motivation hat. (und am besten einen ausreichenden finanziellen Puffer). Meine anfängliche Idee, das Blog über Spenden oder Freiwilligkeit zu finanzieren, hat leider nicht geklappt. Also woran erkrankt der freie Geist? An der mangelnden materiellen Unterstützung? Nein, das wäre zu einfach. Kunst ist leider immer etwas, dass sich unter dem Strich nicht rechnet, vielleicht ist das sogar die indirekte Definition von Kunst in einer sonst zu 98 Prozent messbaren und bezahlbaren Welt. Und auch eine eigene Meinung hat erstmal “keinen Wert”. Meinungen werden zu Werten, wenn man damit die Machthabenden verändern oder manipulieren kann, wenn sie Menschen in großem Stil beeinflusst oder wenn sich damit “Verkaufszahlen” oder gar “Quoten” erzielen lassen. Aber eine einzelne Meinung ist – so gut wie sie auch formuliert wurde- nicht viel mehr wert als heiße Luft. Zur aktuellen Entfremdung des Bürgers in einer Demokratie passt, dass er immer das Gefühl hat, nicht gehört zu werden und nicht gebraucht zu werden. Man kann in den Blogs schreiben, was man möchte- es ändert doch nichts. Aufmerksamkeit braucht schon größeres Kaliber, vielleicht ein Protestplakat oder ein Sternmarsch auf den Bahnhof Stuttgart?

Irgendwie bringe ich beides im Moment nicht zusammen (Zeit u. Motivation). Ich habe mir also überlegt: Ja, das wird jetzt eine größere Blog-Pause und ich schreibe nur noch, wenn sich wirklich interessantes Material angesammelt hat: Eine brisante politische Wendung beispielsweise oder ein Reisebericht mit Fotos. Hin und wieder kann ich auch was Künstlerisches produzieren. Vielleicht überwinde ich meines Tages auch und berichte von meinem aktuellen Lieblingsprojekt, das mit dem Schreiben primär nicht soviel, aber auch etwas mit „Kunst“ zu tun hat. Es ist einfach die Zeit für etwas Neues. Und solche Entscheidungen- aus dem Bauch heraus und dem Gefühl vertrauend – habe ich im seltensten Falle bereut.

Außerdem hänge ich derzeit noch an der Frage, auf welche politisch-ethisch-moralische Grundlage ich mein Blog oder gar ein Neues aufbauen soll. Vor allem die „Außenseiter-Themen“ und die Fragen, die die Menschen wirklich berühren sind in den letzten Jahren zu kurz gekommmen. Das stört mich auf der einen Seite sehr. Aber auch hier gilt: Ohne Einsatz und Herzblut kann mich sich nicht einbringen. Und die Frage: Vielleicht ist das Herzblut im Alltag, vor Ort und „bei den Menschen“ besser aufgehoben als in einer virtuellen Schublade, mit der man meistens nicht die richtigen oder gar „das Richtige“ erreicht. Im direkten Leben kann man oft viel mehr bewirken. Hat mich nicht irgendwann mal eine Leserin darauf hingewiesen??

All diese Fragen muss ich immer wieder neu abwägen, denn nur wenn ich motiviert bin, kann ich gute Texte schreiben und vielleicht auch die Erwartung erfüllen, die andere an mich oder das Blog haben.

Nun, dieser Text ist ganz gewiss kein schmerzliches Ende, aber er soll helfen, die langen Pausen zwischen meinen Einträgen bessser zu erklären.

Bis bald,
Eure Julia

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