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Halbzeitpause


Juhu, ab heute hab ich frei! Zwei Wochen, extra fĂŒr mich reserviert. 😉
Es wurde höchste Zeit. In diesem Jahr konnte ich leider bis jetzt noch ĂŒberhaupt keinen Urlaub nehmen.
Die SelbststĂ€ndigkeit hat stĂ€ndigen Arbeitseinsatz verlangt und immer dann, wenn das eine Projekt abgeschlossen war, hat schon das nĂ€chste Projekt gewartet. Der Start in das Jahr war eher verhalten und nachdem nacheinander ein paar Kunden wieder abgesprungen sind, obwohl wir bereits sehr viel fĂŒr sie gearbeitet hatten, war die Stimmung erstmal am Tiefpunkt. Dazu kam das schlechte Wetter und ein allgemein schwieriges Start-Up Umfeld in Deutschland. Die SelbststĂ€ndigkeit verlangt mehr als jede andere Arbeit eine strenge Selbstkontrolle. Die Selbstausbeutung ist nicht weit entfernt. Man möchte gerne „alles annehmen“ und „auf jeden eingehen“, aber das geht technisch und vor allem menschlich gar nicht. Man muss PrioritĂ€ten setzen. Wo nehme ich was an? Und wo sage ich auch mal nein?
In Deutschland herrscht generell eine sehr pedantische, „ordentliche“ MentalitĂ€t. Es muss immer alles zu vollster Zufriedenheit erledigt werden. Und die Menschen (somit auch die Kunden) finden noch das kleinste Detail. Das sorgt auf der einen Seite fĂŒr ein tolles, qualitatives Ergebnis und die AnsprĂŒche sind hoch. Auf der anderen Seite wĂŒrde ich mir manchmal auch mehr „Lockerheit“ wĂŒnschen. Warum tun sich Menschen so schwer mit „halben Projekten“? Alles, was neu angefangen wird, ist erstmal halb und unfertig, zur Reife kann es nur kommen, wenn man auch dem Spross eine Chance gibt. Warum wird so ungern mal was Neues ausprobiert? Besonders schlimm ist es, wenn Kunden an ihren alten „bewĂ€hrten“ Methoden festhalten, wir aber dann mit unseren frischen Impulsen kommen (es geht hierbei hauptsĂ€chlich um Software, also die Schnittstelle zwischen dem Anwendungsfall und dem Menschen).

Wie auch immer. Meine Kunstprojekte habe ich fleißig „nebenbei“ am Laufen halten können, wie ihr auf Instagram sehen könnt. Die vielen GeschĂ€ftsreisen haben dafĂŒr gesorgt, dass ich die Kamera immer dabei hatte und „nebenbei“ Fotos schießen konnte. Die schnelllebige und etwas oberflĂ€chliche Welt auf Instagram hat zu meinem derzeitigen Lebensstil ganz gut gepasst. Tiefergehende Blog-Artikel hab ich eher weniger geschrieben. Außerdem habe ich gerade einen „MentalitĂ€tswandel“ und schreibe immer weniger gerne ĂŒber Politik. Die Politik wird vor allem von den FlĂŒchtlingsthemen, von Trump und der Globalisierungskrise dominiert. Das sind letztendlich aber alles Symptome. Selten hab ich so eine schlechte Politik wie in Deutschland erlebt. Es wird gar nichts mehr angegangen, nur noch alles „ausgesessen“. Also macht auch das Schreiben ĂŒber die Politik immer weniger Spaß. Aber irgendjemand muss sich ja Gedanken machen…

Menschen sind mir im Schnitt wichtiger geworden und ich habe daher im ersten Halbjahr auch versucht, meine sozialen Kontakte zu verbessern. Ganz seltsam ist es, dass der Todefall letztes Jahr in unserer Familie eine gewisse „ZĂ€sur“ in unseren Kontakten verursacht hat. Wir sind etwas kritischer gegenĂŒber unseren Freunden geworden und auf der anderen Seite (der Gegenseite) war nur wenig Bereitschaft, sich auf unsere verĂ€nderte, emotionale Situation einzustellen. Es war schwierig, die UnterstĂŒtzung zu bekommen, die ich mir gewĂŒnscht hĂ€tte. Ich hab immer wieder „lieb angefragt“ und mir auch einige MĂŒhe gegeben, aber wenn die Menschen nichts geben wollen, dann geben sie nichts. Im Gegenteil, die Funkstille und die KontaktabbrĂŒche zu alten, guten Freundschaften waren in diesem Jahr besonders stark.

Also ist mir dieses Jahr auch klar geworden, dass ich in Sachen Freundschaften und menschliche Beziehungen einige VerĂ€nderung brauche, was vor allem bedeutet, dass man sich „neue Leute suchen“ muss. Das ist so eine ewige Suche. Menschen und Biografien verĂ€ndern sich, man kann nicht ewig an den immer gleichen Menschen festhalten.So wie man sich selbst verĂ€ndert, so verĂ€ndern sich auch die Beziehungen.

So ist es doch eigentlich immer im Leben, oder? Immer wenn du denkst, es geht nicht weiter, kommt jemand völlig neues in Dein Leben und – oh Wunder- er passt plötzlich perfekt in Dein Leben und Du fragst Dich, warum Du ihn nicht schon viel frĂŒher kennen gelernt hast?

Was auch ganz witizig ist: Ich habe in diesem Jahr einige Leute kennengelernt, die mir gesagt haben, dass sie eigentlich gerne bloggen wĂŒrden. Aber es wĂ€re so schwer, eine geeignete Software zu finden. Sie wissen nicht, wo sie anfangen können, etc. Also wird aus Bequemlichkeit eher Facebook oder Instagram genutzt. Schade eigentlich! Da gibt es so viel ungenutztes Autoren- und Blog-Potential. Alles Menschen, mit denen ich mich ĂŒber das Blog vernetzen könnte.

Aber ja, das Blog ist Arbeit. So wie alles andere auch. Zuerst muss man die Grundlage schaffen, das Feld bestellen, Samen einsetzen und dann irgendwann kann man die FrĂŒchte ernten.

Kunst mit Hindernissen

Langsam baut sich die KreativitĂ€t auf. Gedankenblase fĂŒr Gedankenblase blubbern langsam aus dem Hirn,
unaufhörlich steigert sich das textgebene Verlangen,
ungefiltert, authentisch kommt es aus den Fingerspitzen geflossen
der Text formt sich langsam wie ein Glibber aus Schleim, der zu Statue wird.

In diesem hoch-empfindlichen Prozess des Sich-Versenkens werde ich jÀh unterbrochen,
das Publikum reißt mir das Heft aus der Hand und will alles wissen, was ich geschrieben habe.
Bevor der Gedanke zu Ende gesponnen wurde, hat ihn schon jemand in der Hand.
Die Leser sind noch neugierig, geben sich freundlich, dann folgt die Kritik.

Alles ist zerstört, alles ist weg! Vorbei die einsamen GefĂŒhle der Romantik.
Vorbei die Lust am Schreiben, die Freude an der Phantasie.
Die RealitĂ€t ist ĂŒber mich herein gebrochen wie ein 200 Tonnen Fels durch eine dĂŒnne Glasscheibe.

Da war nichts zu schĂŒtzen, da war nichts zu bewahren.
Die kĂŒnstlerische Seele liegt zerfleddert auf dem Asphalt.
Das Publikum lÀuft vorbei und lacht.
Nein schlimmer noch, es beachtet mich nicht mehr.

Der kĂŒhne Textgedanke , der so freudig hat begonnen
er ist verstorben und abgerissen wie ein dĂŒnner Faden
ich kann ihn nicht mehr aufnehmen!
Adieu du kostbarer Buchstabensalat
wann werde ich dich wiedersehen?

FingerĂŒbungen

Dinge beobachten und darĂŒber schreiben

Wenn man mal so ĂŒberlegt, gibt es eigentlich nichts langweiligeres als ein Einkaufsbericht aus dem Supermarkt. Ich denke ĂŒber den letzten Artikel nach, dabei fĂ€llt es mir auf. Dennoch empfinde ich einen gewissen Reiz, darĂŒber zu schreiben. Warum ist das so? Macht es einen Sinn und wenn ja, wo liegt die Motivation? Der Artikel spukt mir seit ein paar Tagen im Kopf herum, heute kommt er an die frische Luft!

Hören
Nehmen wir mal eine andere Kunst als das Schreiben, z.B. das Klavierspielen. Schon von Anfang an lernt man dabei etwas wichtiges: die sogenannten „FingerĂŒbungen“. Langweilige Noten, die immer hoch und runter gehen, die auf verschiedenen Tonleitern gespielt werden. Jeden Tag ist eine andere Tonleiter dran. Man muss sie am besten auswĂ€ndig beherrschen, aus dem „Eff Eff“. Kinder hassen FingerĂŒbungen (weil sie langweilig sind), Klavierlehrer bestehen darauf und nennen sie „wertvoll“. Sie werden oft Ă€hnlich gespielt, die Belegungen fĂŒr die Finger stehen dabei. Bei der C-Dur Tonleiter ist das noch einfach, weil keine schwarze Tasten dabei sind. Je mehr Kreuze und Vorzeichen dazu kommen, desto schwieriger. Wenn man die Tonleitern auswĂ€ndig beherrscht, ist es auch einfacher, ein fertiges StĂŒck zu spielen. Man weiß ja, wo die schwarzen Tasten liegen, wenn z.B. „F-Moll“ gespielt wird. Die Finger sind es gewohnt in der Leiter zu spielen und verrutschen nicht mehr so leicht. Man bewegt sich innerhalb des Harmonie-GebĂ€udes. Noch toller: Man kann ab sofort auch in der entsprechenden Tonleiter improvisieren. Da man weiß, wo die Harmonie liegen, passiert das Verspielen auch nicht mehr so schnell. Das Gehör wird mitgeschult und erkennt Abweichungen.

Beobachten
Etwas Ă€hnliches gibt es beim Zeichnen. Da gibt es eine Übung (aus einem Zeichenbuch): Zeichnen sie jeden Tag einen Gegenstand aus ihrem Alltag! Ich nehme da z.B. gerne die Zuckerdose vom KĂŒchentisch, man kann aber auch einen Radiergummi, ein Wasserglas, eine Tasse oder etwas Ă€hnliches nehmen. Der Trick liegt dann darin, sich jeden Tag aufzuraffen und immer wieder diesen Gegenstand zu zeichnen. Wer mag, mit verschiedenen Techniken, z.B. mal mit Bleistift, Kugelschreiber, Buntstift, Kreide, usw.
Was aber ist so toll daran? Bestimmt nicht das Motiv, das ist ja immer gleich, dazu noch ein langweiliger Alltags-Gegenstand. Nein, der Trick liegt wie beim Klavierspielen darin, sich in der „Kunst“ zu ĂŒben. In der Geschmeidigkeit der AblĂ€ufe, der Bewegungen, der Handbewegungen, der „Strich-Sicherheit“, letztendlich aber auch in der Abbildungstreue, im genauen Sehen und Beobachten, was im Grunde den Löwenanteil des Zeichnen ausmacht. Das ist etwas, das man nicht in die Wiege gelegt bekommt (nur zu einem kleinen Teil), sondern das man wirklich lernen und ĂŒben kann.

Wer kennt nicht den Effekt, dass er nach einer erfolgreichen Zeichenstunde (vielleicht auch zwei) plötzlich mit ganz anderen Augen durch die Welt geht, und die Umrisse und Farben seiner Umgebung plötzlich wie in einem anderen Licht wahrnimmt?

Nicht von ganz ungefĂ€hr sind große KĂŒnstler immer diejenigen, die ihre Kunst wirklich in „Vollzeit“ ausĂŒben. Allein durch die Wiederholung und die tĂ€gliche BeschĂ€ftigung mit einer Sache wird man zum Meister. Nicht durch GlĂŒck, auch nicht durch Zufall. Zuerst muss sich der Geist auf ein Ziel fokussieren, dann kommen die MĂŒhe und der Fleiß. Am Ende steht das Kunstwerk. (Oder ein Papierkorb mit zerknĂŒllten Zetteln, das ist aber auch kein Verlust, denn so hat man es wenigstens versucht!). Randbemerkung: Und das ist evt. auch der Grund, warum aus der Geschichte mehr MĂ€nner als große KĂŒnstler hervorgegangen sind (zumindest vor dem 20. Jahrhundert) – einfach weil ihnen mehr Zeit zur VerfĂŒgung stand und die lĂ€stige Alltagsarbeit (Haushalt, Kindererziehung, Feldarbeit .. etc.) oft von Frauen verrichtet wurde, die dieses Privileg der freien ZeitverfĂŒgung nicht hatten. Dazu kommt die klassische Rollenverteilung, die es bis heute gibt: MĂ€nner machen Karriere und angesehene Arbeiten in Vollzeit, wobei Frauen sich eher in Teilzeit-Jobs einrichten und noch die Hauptverantwortung fĂŒr die Familien-Pflegearbeit ĂŒbernehmen. Dass eine Frau ihrem Mann den RĂŒcken freihĂ€lt, erscheint in unserer Gesellschaft viel selbstverstĂ€ndlicher und „natĂŒrlicher“, als andersherum. Wenn man sich einer Sache aber nicht vollstĂ€ndig widmen kann, wird man auch nie in etwas wirklich gut!

Schreiben
Kommen wir aber zum dritten Punkt der kĂŒnstlerischen Darstellung und somit zum Anfang zurĂŒck. Wenn man schreibt, muss man ja auch Dinge aus dem Alltag abbilden oder intellektuell (also mit geistiger Anstrengung) eigene Interpretationen hinzudichten und in das fertige Produkt mit einweben. Ein Einkauf im Supermarkt eignet sich ganz gut dazu. Zuerst kommt die Beobachtung: Dadurch, dass die Rahmenbedingungen oft gleich sind (gleicher Markt, gleicher Aufbau, Ă€hnliche Dinge werden gekauft) kann man sich mehr auf die Nuancen konzentrieren, auf die Dinge die beim heutigen Besuch unterschiedlich sind oder besonders auffallen. Der Rest wird quasi „weggefiltert“ oder ist eben Teil der Routine-TĂ€tigkeit. Was sich oft Ă€ndert, sind z.B. die Personen im Supermarkt, somit hat man auch eine psychologische Deutungsebene oder einen kleinen Querschnitt durch das derzeitige, soziale Umfeld. Wer mag, kann das auch in anderen LĂ€ndern machen, dann bekommt man eine „Stichprobe“ aus dem jeweiligen Land. Der Vorteil ist: Diese Situationen sind völlig unkonstruiert, also zufĂ€llig. Niemand kann sagen, wer nun zu genau diesem Zeitpunkt einkaufen geht, welches Klientel, welche Charaktere man vorfindet, usw. Man muss also seine Aufmerksamkeit und seine Beobachtungsgabe schulen und sich dabei auf Details konzentrieren. Der Supermarkt hat noch einen weiteren Vorteil: Gerade wenn man sich fĂŒr wirtschaftliche Dinge oder gesellschaftliche VorgĂ€nge interessiert, bekommt man ein Feedback fĂŒr Produkte, fĂŒr Dinge, die in sind, aber auch ein GespĂŒr fĂŒr die Arbeitsweise der Industrie, die all diese Produkte herstellt. Zuletzt ist ein Einkaufsbericht also auch ein Zeitdokument, das vielleicht in 50 Jahren noch viel interessanter zu lesen sein wird.

Ob wir wollen oder nicht, wir sind als Kunden in den Wirtschaftskreislauf mit eingebunden, wir sind ein Teil des Kapitalismus, ein Teil der Industrie. Warum sollten wir dann nicht unseren Mund aufmachen und darĂŒber reden?

Den Herstellern kann es darĂŒber hinaus als Mechanismus dienen, ihre Kunden und die Denkweise besser zu verstehen. Im Idealfall wird das Einkaufserlebnis dann noch besser und kundenfreundlicher. Aber wenn sich keiner aufregt, wenn „kein Feedback“ kommt, kann auch nichts geĂ€ndert und angepasst werden. Der Faktor Geld oder KaufzurĂŒckhaltung ist einfach zu schwach und vage, als dass er eine Orientierung bieten könnte. (Genauso wenig, wie man die Politik mit dem „Nicht-WĂ€hlen“ verĂ€ndern kann.)

Wer mag, kann sich auf einzelne Produkte konzentrieren und dann darĂŒber schreiben. Diese Produktrezensionen werden ja auch speziell von Blogs gerne gemacht. Wer mag, kann das auch kommerzialisieren (z.B. durch zugesandte Proben oder speziellen Seiten, fĂŒr die man dann Artikel schreiben muss).

Wenn man nur einen einfachen Supermarkt-Bericht schreiben möchte, muss man den vergangenen Einkauf Revue passieren lassen. Genau durch diesen geistigen RĂŒckblick fallen dann die Dinge aus dem Kopf, die wichtig sind und anschließend mit Hilfe des Sprachzentrums in einen Strom von EindrĂŒcken verarbeitet werden. Genau das ist „Schreiben“. Man stellt sich der Vorgang bildhaft vor und beschreibt ihn mit eigenen Worten, so gut wie möglich. Es geht nur mit eigenen Worten. Am Anfang sind die aus anderen Worten, die man irgendwo aufgeschnappt hat, zusammengesetzt. Wie ein Kunstwerk, dass ausschließlich aus gestempelten Bildern besteht. Mit der Zeit kommen immer bessere Stempel dazu oder man traut sich die Linien dazwischen auszumalen. Wer weiß, eines Tages kann man sogar eigene Stempel produzieren! Worte und SĂ€tze bestehen aus eigenen Interpretationen, aber auch aus eigenen GefĂŒhlen und emotionalen Verbindungen zu sich selbst. Daher ist das Schreiben auch „wertvoll“ und gut fĂŒr den eigenen, seelischen Zustand. Man kann keinen Text schreiben, ohne das „Ich“ mit einfließen zu lassen. Durch das Schreiben wird die Satzbildung und die Wortfindung verbessert. Besonders kreative Menschen denken sich auch neue Worte aus. Das wird in der Schule oder bei Bewerbungsschreiben vielleicht nicht honoriert, aber im kreativen Schreiben ist es ein wichtiges Element, weil dadurch der eigene, indivuduelle Stil ausgeprĂ€gter wird. Schreiben hilft dabei, sich auch im Alltag besser und eindeutiger ausdrĂŒcken zu können. Im geschriebenen Wort ist die Möglichkeit der Korrektur enthalten. SĂ€tze können immer wieder gelesen werden, logische WidersprĂŒche, aber auch Rechtschreibfehler enttarnt und korrigiert werden.

Wer am Schreiben Freude hat, kann auch eine ganz andere Sache protokollieren. Wichtig ist aber, dass man sie regelmĂ€ĂŸig macht, sie im Kern oft gleich bleibt und sie einfach zu rekapitulieren ist. Dazu geeignet ist z.B. ein Spaziergang immer auf der gleichen Route. (Was Ă€ndert sich? Beobachtungen der Natur, der Farben, des Himmels, Wolken, VerĂ€nderungen der inneren Stimmung, Beschreibung der entgegen kommenden SpaziergĂ€nger) oder z.B. ein Protokoll von einer Autofahrt (Fahrt zu Arbeit, Fahrt in den Urlaub, usw.).

Ein Nebeneffekt ist noch, dass man seinem Leben und den Dingen mehr Bedeutung gibt. Man kommt vom „Haben“ vom reinen Konsumieren und Vergessen von Erlebnissen, hin zum „Sein“- also zum Erleben, zum Durchkauen, zum FĂŒhlen von AblĂ€ufen und Dingen, die dadurch mehr Tragweite bekommen und besser eingeordnet werden. Man lĂ€sst sie mehr an sich heran, man kann es besser verarbeiten. (Alles was nicht verarbeitet wird, wird unverdaut ausgeschieden). Schlechte Laune bekommt gar nicht erst die Möglichkeit zu wachsen, weil man ja durch das genau Hinschauen begreift, was einen gestört hat, was man gut fand, usw.

Das Leben bekommt durch das Schreiben mehr Farbe. Es wird vom Licht des eigenen Geist beleuchtet und wirft etwas zurĂŒck. Du musst es nur auffangen. Und dich jeden Tag darin ĂŒben…

Kein Ohr- Teil 3

An einer Sache Zweifel zu haben, bedeutet ihren Sinn zu finden

Ich beantworte hier die letzte Frage von Alesandra, die nochmal wissen wollte, was ich eigentlich mit dem Blog will, bzw. was der Idealfall wÀre.

Da ich das in den vorherigen Artikeln noch nicht ganz herausgearbeitet habe, hier eine kleine ErgÀnzung:

Das Blog hat viele Zwecke, die erstmal ohne erkennbaren Nutzen sind, aber dennoch Spaß machen oder einen inneren Antrieb erzeugen: Kommunikation, sich austauschen, von der Seele reden, Kunst produzieren, Freude am Tun, Ventil fĂŒr Emotionen, usw.

Das ist alles sehr wichtig und muss auch nicht stĂ€ndig in Zweifel gezogen werden. Man macht es, weil es Spaß macht und irgendwie hilft- fertig.

In diesem speziellen Betrachtungs-Fall versuche ich aber, das Blog darauf zu reduzieren, was es fĂŒr eine gesellschaftliche Wirkung und was fĂŒr einen Nutzen es fĂŒr die demokratische Teilhabe haben könnte. Also ein ganz spezielles Detail, das von verschiedenen Fragen eingegrenzt und beschrieben wird:

Zum Beispiel

  • Werden Bloggerinnen und Blogger ernst genommen?
  • Nehmen Politiker es wahr, was BloggerInnen schreiben oder ist es ihnen egal?
  • Hat man mit seinen wenigen Besuchern einen Breitband-Effekt auf die Meinungsbildung?
  • Wenn nein, warum nicht? Liegt es an der Art des Mediums oder einfach an der Reichtweite?
  • Welches Prestige haben Blogs und warum spielen sie in der öffentlichen Meinung eine so untergeordnete Rolle?
  • Warum gibt es in DE keine echte Basisdemokratie?
  • Warum interessieren sich in Deutschland so wenige Menschen fĂŒr echte Basisdemokratie, obwohl doch vielen Menschen klar ist, dass man viel Ă€ndern könnte und sich mit wenigen Mitteln gut einbringen könnte?
  • Warum scheitern viele Menschen schon an der einfachsten Grundlage zur Demokratie, nĂ€mlich der Diskussion mit anderen und die tolerante Akzeptanz von anderen Meinungen? (Stichwort Streitkultur)
  • Wie ist die „Macht“ der Blogs im Vergleich zu den traditionellen Medien?
  • Wem dient die Macht der Medien? Man denke z.B. an einen Menschen wie Berlusconi wie er die Medien fĂŒr seine eigenen Zwecke missbraucht oder bei uns in DE die Macht der Zeitung mit den großen Buchstaben 
.
  • wenn man sich z.B. Einschaltquoten von Fernsehsendungen oder Auflagen von großen Zeitungen anschaut, wird schnell klar, dass man da als kleine Bloggerin/ kleiner Blogger ĂŒberhaupt nichts ausrichten kann
  • hat man ĂŒberhaupt das „Recht“ mit dem eigenen Werk Einfluss auf die Meinung anderer zu nehmen oder ist nicht schon der kleinste Versuch eine Manipulation von anderen, die eigentlich nur Abwehr und Blockade erzeugen kann (moralische und psychologische Frage)

Also bei all diesen Punkten wird mir schnell klar, dass das Blog nichts in dem Sinne bringen kann wie eine „normale Zeitung“, einfach weil es viel kleiner und viel privater ist und auch auf einer anderen Grundlage entsteht.

Die Frage bleibt: Was bringt es dann? Wenn ich mich mit ein paar Menschen vernetze und einen engen Austausch betreibe, ist das dann genug? Kann eine kleine Bewegung zu etwas großem werden? Hat die kleine Vernetzung und die kleine Bewegung nicht auch einen „Sinn“ ?

Wenn ich mich ĂŒber etwas aufrege, aber nicht dafĂŒr sorge, dass etwas besser wird, kann ich mir die Aufregung eigentlich gleich sparen, weil sie dann ĂŒberflĂŒssig ist. Der Mensch ist von der Natur zu sehr auf Energie-Sparen angelegt, dass so eine Verschwendung von Zeit, Energie und Ressourcen eigentlich sinnlos und im Extremfall sogar lebensbedrohlich bis unsinnig wĂ€re. Welchen Sinn macht dann eigentlich ein „ĂŒbergroßes Gewissen“ oder ein „ĂŒbergroßes MitteilungsbedĂŒrfnis“? Wie können wir diesen Effekt nutzen, um die Welt ein kleines bisschen besser zu machen?

Und wenn ich etwas nur tot diskutiere, aber nichts im tÀglichen Verhalten Àndere, macht es auch keinen Sinn. Rein moralisch kann man den hungernden Kindern in Afrika nicht zuschauen, ohne etwas zu tun und gleich im Anschluss an die Fernsehnachrichten etwas spenden zu gehen.

Warum gibt es bei manchen Themen eine so große Bereitschaft der Menschen, sich zu zusammenzuschließen und zu demonstrieren (z.B. bei der Atomkraft oder Stuttgart 21) und bei anderen Themen wiederum nicht (z.B. niedrige Löhne, Armut in Deutschland, Steuerrecht, Kindermangel, etc.) ?

Das sind einfach alles Fragen und Themenbereiche, die mich beim Bloggen sehr beschĂ€ftigen und hin und wieder auch Zweifel aufkommen lassen. Ich weiß nicht, ob ich darauf unbedingt eine gute Antwort oder eine Lösung brauche, aber es sind zumindest mal offene Fragestellungen, die ich als wichtig empfinde. Einfach als Grundlage fĂŒr das eigene Schreiben und Wirken- um zu wissen, in welchem Kontext man sich bewegt.

Kein Ohr- 2

Patient Gesellschaft

Habe nochmal ĂŒber den letzten Text nachgedacht. Der ist eigentlich zu depressiv, zu negativ und sieht nur eine Seite.

Diese Motivation „etwas Ă€ndern zu wollen“ oder die euphorische, bis jugendlich-ĂŒberschwengliche, vielleicht auch „dumme“ Haltung „die Welt zu verbessern“ hatte ich nicht immer. Wie ist das Blog ĂŒberhaupt entstanden? Was wurde aus der Anfangsmotivation und welchen Lauf hat sie dann ĂŒber die Jahre genommen? Es mag manche LeserInnen etwas langweilen und als Nabelschau wirken, aber ich habe einfach Lust darĂŒber nachzudenken, weil es mir auch hilft, Klarheit zu bekommen und den zukĂŒnftigen Kurs der eigenen Schreib- Arbeit besser absteckt. Ich könnte den Text auch nur fĂŒr mich schreiben, aber ich will die Öffentlichkeit darĂŒber informieren, wie der Stand der Dinge aussieht… da meine Blog-Öffentlichkeit ĂŒberschaubar ist, ist das auch kein Problem (und vom Exhibitionismus einer Charlotte Roche bin/bleibe ich hoffentlich noch weit entfernt).

UrsprĂŒnglich habe ich das Blog aus reiner Langeweile gemacht, weil ich ein paar Ideen im Kopf hatte, die raus mussten. Das ist eigentlich schon alles. Vielmehr Motivation gab und gibt es nicht (und sollte es meiner Meinung nach auch nicht geben, weil es dann zu kompliziert wird). Wenn man erstmal ĂŒberlegt, wieviel Besucher man haben möchte, wieviel Geld man durch Werbung verdienen möchte oder wie die eigene Persönlichkeitsmarke besser ausgebaut werden kann, dann hat man vielleicht mehr Ehrgeiz und einen stĂ€rkeren, von außen motivierten Antrieb, aber die QualitĂ€t und Art der Texte wird zwangslĂ€ufig darunter leiden. Die maximale Freiheit beim Bloggen auszunutzen halte ich fĂŒr den grĂ¶ĂŸten Gewinn an dieser TĂ€tigkeit.

Erst mit der Zeit habe ich gemerkt „hoppla da sind ja noch andere Menschen, die Ă€hnlich denken“ und mir fiel auch auf, wie bei bestimmten Aussagen heftiger Gegenwind entstanden ist oder Leute bereit waren, in eine Diskussion einzusteigen. Ich habe diesen Zweig einfach weiterverfolgt und bin so auch zum politischen Bloggen gekommen. Mit der Zeit schaut man sich immer mehr Details der Gesellschaft an, steigert sich vielleicht auch immer mehr rein… und dann? EnttĂ€uschung? Resignation? Je mehr man eine Sache betrachtet, desto mehr sieht man auch ihre SchwĂ€chen und desto eher erkennt man vielleicht auch die ZusammenhĂ€nge. Und damit verbunden ist die Kenntnis, dass die Welt zwar schlimm ist, aber man nur recht wenig tun kann. Es ist daher umso wichtiger, das zu tun, was man ĂŒberhaupt machen kann. Es sind oft nur kleine Schritte, kleine Gedanken- aber die Gesellschaft ist eben die Summe dieser kleiner Menschen, kleiner Gedanken, die erst im Zusammenspiel zu etwas Großem werden. Der einzige Mensch ist nie groß, er ist immer nur ein kleiner Teil von allem.

Bei der Politik drĂ€ngt sich oft der Eindruck auf, dass das Ganze zwar „Demokratie“ heißt, aber die Menschen selbst durch die modernen Medien nicht wirklich Einfluss auf Enttscheidungen haben. Bestimmte Protestwellen im Bereich der Internetpolitik sind da eine Ausnahme (Zensursula, und Ă€hnliche). Dieses Zusammenspiel zwischen BĂŒrger und Politik zu verbessern, halte ich nach wie vor sehr wichtig, auch wenn es regelmĂ€ĂŸig zu EnttĂ€uschungen fĂŒhrt.

Wird ein Arzt rat- und hilflos, wenn er viele Patienten kuriert und viele Krankheiten in seinem Leben gesehen hat? Wenn ihm Menschen unter dem Messer weggestorben sind? Warum kann der Arzt am menschlichen Leben fröhlich weiterschneiden und warum wird der Blogger ratlos und resigniert? Der Blogger schneidet mit seinen Worten durch die Welt und wenn der Text-Körper aufgeschnitten ist, setzt er hier und da eine neue Laut-Verbindung und entfernt am anderen Ende totes Gedanken-Gewebe und pflanzt neue Ideale ein. Er kann die Natur des Menschen nicht komplett Ă€ndern, aber er kann kleine Eingriffe vornehmen, die die Natur aus eigener Kraft nicht mehr Ă€ndern könnte. Und ja, manchmal sieht es auch kunstvoller aus, als es eigentlich ist. „Ästhetik und Funktion, natĂŒrlich beides!“

Der letzte Arzt, der mir in Erinnerung geblieben ist und von dem diese Worte stammen, wirkte auch hilflos. Er hatte Ringe unter den Augen und er wirkte ĂŒberarbeitet. Er war schon etwas alt und hĂ€tte eigentlich in Rente gehen mĂŒssen. Seine Worte waren kurz angebunden und er wirkte nicht besonders fröhlich oder gelassen, aber dennoch voll konzentriert und kompetent. Ich hatte das GefĂŒhl, dass er sich an seinem Job festhielt und Ă€ußerst ungern in den Ruhestand gehen wollte. Er war ein Workaholic und seine grĂ¶ĂŸte Motivation war das Helfen und der Dienst am Menschen. Auch wenn er nicht darĂŒber sprach, so hat man es ihm sehr gut angemerkt.

Wieviel Patienten sind bei ihm gestorben? Wieviel Leiden hat er schon gesehen? Und hat er je aufgegeben? Nein..aber die Arbeit hat ihn verĂ€ndert. Er wurde Ă€lter. Aus seinen hochfliegenden Idealen auf der Uni sind RealitĂ€ten geworden. Er ist vielleicht Chefarzt geworden, was er sich vorgenommen hatte. Karriereziel erreicht. Aber hat er auch den bahnbrechenden Durchbruch in der Forschung gemacht? Wurde er international ausreichend gehört? Wurde er ein glĂŒcklicher Mensch? Hat seine Ehe zu sehr darunter gelitten? Hat er genug verdient? Hat er „als Mensch“ genug zurĂŒckbekommen?

Hat er- und das frage ich mich am meisten- je danach gefragt, was die Patienten fĂŒr ihn tun können?

Der Arzt ist fĂŒr mich ein Vorbild. Er arbeitet bis zum Umfallen, die Motivation ist das Helfen. Und er macht es, ohne zu fragen oder stĂ€ndig was zu erwarten. Obwohl diese Haltung rein logisch und vom Kopf her betrachtet, unsinnig erscheint, so scheint sie auf einer anderen Ebene wunderbar zu funktionieren.

Vom Privaten zum Gesellschaftlichen

Einleitung

Ich bin derzeit in vielen Dingen gefangen, geborgen, versteckt und komme nicht zum Schreiben. Da ist zum einen mein Kindle, der eine schier endlose Kette an Informationen in sich birgt, die durch die kostenlosen Leseproben auch nicht mehr abreißen will. Die Inspirationen auf der einen Seite stoßen endlose Gedankenketten an und fĂŒhren zu immer weiteren BĂŒchern, in die ich dank der Testfunktion reinlesen kann und so stapeln sich inzwischen ĂŒber 100 Leseproben, ĂŒber die ich schon bald die komplette Übersicht verloren habe. Gelesen wird immer das „Obenauf“ und das Ganze wechselt sich munter miteinander ab.

Ca. 20 kostenlose BĂŒcher schlummern im elektronischen LesegerĂ€t, davon habe ich aber erst zwei zu mehr als 50 Prozent gelesen. Dazu kommen ca. fĂŒnf kostenpflichtige Exemplare, die ich mir „testweise“ gekauft habe und von denen ich sehr begeistert bin. Diese BĂŒcher werde ich -durch Zitate oder kleinere Rezensionen- sukzessive im Blog vorstellen und erlĂ€utern.

Wie die LeserInnen ja wissen, hat mir mein Blog in der letzten Zeit sowieso keinen Spaß mehr gemacht und ich war/bin froh, auch mal etwas anderes machen zu können. Manchmal kann ein Abstand, vor allem ein lĂ€ngerer, sehr heilsam sein, um darĂŒber nachzudenken, was man eigentlich macht und warum. Beim Bloggen fĂ€llt es mir aber trotz aller Zweifel und logischen Überlegungen, die mir die Unsinnigkeit so eines Projektes vor Augen fĂŒhren sollen, stets leichter, einen neuen Text eins ums andere mal aufzusetzen als mich in Enthaltsamkeit zu ĂŒben. FĂŒr mich ist das ein untrĂŒgliches Zeichen, dass das Bloggen und das Schreiben selbst viel mehr ist, als man mit Logik begreifen kann. Es gibt anscheinend unbewusste, versteckte Motive, die mich dazu bringen, immer wieder zu schreiben. Und ich bin mir sicher, wenn ich das jetzt besser „erklĂ€ren“ könnte, hĂ€tte man die Hauptmotivation dafĂŒr gefunden, warum es Menschen gibt, die leidenschaftlich gerne bloggen und dann wieder welche, die es ĂŒberhaupt nicht machen und auch nicht gerne in anderen Blogs lesen.

Das Meta-Thema Blog

Da ist zum einen der Ausdruck ĂŒber die Sprache. Der Mensch kann sich in vielen Dingen, in vielen Medien und ganz unterschiedlich Ă€ußern. Gerade die Kunst bietet einen unĂŒberschaubare Vielfalt an BetĂ€tigungsmöglichkeiten (Tanzen, Singen, Modellieren, Malen, Musizieren, usw.); bei mir ist es eben die Sprache, die das Haupttor zur Welt geworden ist.

Daher stellt sich eigentlich auch nicht die Frage, warum man bloggt, selbst wenn man damit kein Geld verdient oder keine RĂŒckmeldungen bekommt; freilich sind die RĂŒckmeldungen auf diese ohnehin schon leidenschaftliche TĂ€tgikeit wie ein VerstĂ€rker, der das ganze nochmal ums hundertfache steigert- aber ich brĂ€uchte sie nicht allein, um mich dem Schreiben hin zu wenden.

Manch Mensch kann es nun seltsam erscheinen, warum ich mich auf dieses Experiment (des Nicht-Schreibens) immer wieder einlasse oder gar das Bloggen selbst stĂ€ndig neu definieren muss. WĂ€re es nicht leichter, einfach zu schreiben und sich mehr auf die Sachthemen zu konzentrieren und quasi eine Betriebsblindheit zu entwickeln und eine UnzugĂ€nglichkeit zu Meta-Themen wie sie viele Bereiche und Berufe des heutigen Menschen mit sich bringen? Dass das nicht geht, liegt in der Natur des Sache, des Schreibens, Denkens und auch „GrĂŒbelns“ begrĂŒndet. Wer richtig „denken“ will, muss auch lernen, den Selbstzweifel zu ertragen. Wer nicht mehr ĂŒber sich selbst oder sein Tun nachdenken kann, wird sich langfristig von sich selbst entfremden.

Kann man ein Blog ĂŒberhaupt als „Beruf“ definieren? Gewiss, ich schrecke oft vor den Leuten zurĂŒck und bin beeindruckt von ihren logischen Argumenten, wie sie sinnvolles und nicht-sinnvolles fein sĂ€uberlich auftrennen und das einzig und allein an der Menge der Geldscheine bemessen, die dann jeweils damit „verdient“ werden. Es ist eigentlich traurig, dass wir heutzutage einzig und allein diese Perspektive kennen und fĂŒr alle anderen Perspektiven so blind geworden sind. Das ist der Grund, warum soviele KĂŒnstler und Dichter (Dichterinnen) ein Nischendasein fĂŒhren und selbst bei allerhöchster kĂŒnstlerischer SchreibproduktivitĂ€t (die eine ProduktivitĂ€t im eigentlichen wirtschaftlichen Sinne ist) kaum bis gar nicht beachtet werden. Hier klafft eine LĂŒcke, zwischen dem was „wertvoll“ ist und eine Demokratie ausmacht und zwischen dem, was die Gesellschaft als wertvoll erachtet und zwar durch Aufmerksamkeit, Zuhören, ZurĂŒckgeben oder gar einer materiellen WertschĂ€tzung (die wiederum nur eine von vielen ist).

Private Werte vs. öffentliche Werte

Unsere Gesellschaft driftet an diesem Punkt auseinander und ich will erlÀutern, wie ich mir das erklÀre:

Wenn sich nun Kinder um Ă€ltere Angehörige kĂŒmmern und sie zu Hause pflegen, wenn die Mutter ihren Job aufgibt, um sich um ihre Kinder zu kĂŒmmern und dafĂŒr das Alleinsein und den mangelnden Respekt oder gar eine Scheidung in Kauf nimmt, wenn die Geschwister fĂŒr ihre eigenen da sind, wenn der Lehrer Überstunden an der Problemschule macht, von der seine Kollegen schon lĂ€ngst Abstand genommen haben; wenn der Landarzt seine alten und wenig „lukrativen“ und auch medizinisch und im Sinne der eigenen Karriere nicht reizvollen Patienten mit Liebe und Geduld versorgt, so leisten all diese Menschen einen unschĂ€tzbaren Wert fĂŒr die Gesellschaft.

Sie alle leisten deutlich mehr, als die Gesellschaft bereit zu bezahlen ist. Sie leisten mehr, als dass sie Anerkennung bekommen und sie sind alle durch sich selbst motiviert und bekommen zum Großteil ihrer Zeit kein Lob, keine Aufmerksamkeit und keine staatlichen helfenden HĂ€nde, die sie unterstĂŒtzen. Was sie vielleicht nĂ€hrt ist ihre menschliche Überzeung, ihr MitgefĂŒhl oder gar ihr Glauben an das Gute im Menschen. Der Zusammenhalt dieser Gesellschaft ist in diesem Moment von der WertschĂ€tzung und dem MitgefĂŒhl dieser Menschen in höchstem Maße abhĂ€ngig- und obwohl es so evident ist, begreifen die wenigsten diesen „nicht messbaren“ Zusammenhang.

Diese Gesellschaft, so scheint es mir, hat an vielen Punkten den Wert fĂŒr diese Menschen und diese Handlungen des MitgefĂŒhls verloren; mehr als das, sie kann es nicht mehr wahrnehmen, nicht artikulieren und folglich auch nicht Ă€ndern. Viele Probleme werden privatisiert und sind sie erst einmal per Gesetz aus dem Blickwinkel des Staates verschwunden, braucht er sich keine Sorgen mehr zu machen. Was ĂŒbrigt bleibt, sind nicht weniger soziale Probleme, aber deutlich weniger verantwortliche Stellen, die man zur Rechenschaft zwingen oder eine ErklĂ€rung abringen könnte.

So schreibt z.B. Ulrich Schneider in seinem Buch „Armes Deutschland“:

Hat der Staat beispielsweise die KostenĂŒbernahme fĂŒr nicht verschreibungspflichtige Medikamente erst einmal gestrichen, wie in Deutschland geschehen, können ihm Heuschnupfen oder HautausschlĂ€ge herzlich egal sein. Er nimmt sie gar nicht mehr wahr. (Highlight Loc. 2250-52)

Er fĂŒhrt darin eine Überlegung auf, mit welchem Eigeninteresse „der Staat“ handelt (und nicht etwa die Politiker, auf die ĂŒblicherweise immer eingedroschen wird) und erklĂ€rt das Selbstbild dieses Staates. Der Staat ist im Wesentlichen abhĂ€ngig von einer florierenden Wirtschaft (zwecks Steuereinnahmen, ArbeitsplĂ€tzen und VollbeschĂ€ftigung) und von seinen BĂŒrgern (zwecks Steueraufkommen und Erhaltung der Macht durch WĂ€hlerstimmen). Und so kommt er im Kontext dieser Selbstdefinition zum Schluss:

Manche Argumente sind mehr, manche weniger zwingend. Manche treffen die Eigeninteressen des Staates mehr, manche weniger. Dass es einfach nur armselig ist, wie diese Alleinerziehenden mit ihren Kindern in Hartz IV leben mĂŒssen, ist vor diesem Hintergrund nicht nur kein zwingendes, sondern ĂŒberhaupt kein Argument.

Hier sieht man den unsichtbaren Trennstrich, der zwischen den Eigeninteressen des Staates und den Interessen und „menschlichen“ Problemen seiner BĂŒrger gezogen wird. Solange etwas dem Steueraufkommen dient und mit Macht verbunden ist (reiche Unternehmer, Drohung mit Abwanderung, große Lobbygruppen, etc.) kann und muss der Staat reagieren. Betrifft es allerdings Menschen, die sowieso schon vom geschĂ€ftlichen Erwerbsleben und damit einem Großsteil des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen sind (z.B. Hartz IV EmpfĂ€nger) versiegt das Interesse und die Absicht in ihrem Sinne ĂŒberhaupt etwas zu tun.

Anders ist es bei den Rentnern, die inzwischen eine Anzahl von 20 Millionen (!) haben, damit ein Viertel der Bevölkerung und ein Drittel der Wahlberechtigten stellen (Highlight Loc. 2284-85) und durch ihre entsprechenden Lobby-Gruppen und Vereine einer der mĂ€chstigsten Gruppen in Deutschland darstellen. Es erklĂ€rt sich von selbst, dass das Interesse von jungen Menschen dadurch in Schieflage gerĂ€t, weil diese jungen Menschen meistens deutlich weniger Zeit haben, sich zu organisieren (weil sie außer Haus arbeiten mĂŒssen oder 18 Stunden am Tag Kinder großziehen) und auch in weniger „Lobbygruppen“ organisiert sind. Der demografische Wandel trĂ€gt sein ĂŒbriges dazu bei (immer weniger Schultern mĂŒssen immer mehr MĂŒnder ernĂ€hren und die Sozialkassen fĂŒllen; messbar z.B. durch die in den letzten Jahren stĂ€ndig gesunkene „Aktivenquote“; die derzeit bei ca. 43 Prozent liegt). ((Allerdings fĂŒhrt er dieses Beispiel auf, um die Macht der Lobbygruppen und Eigeninteressen bestimmter WĂ€hlerschichten besser zu erlĂ€utern, und ihren Einfluss auf politische Entscheidungen darzustellen. Das kann man natĂŒrlich mit der Hoteliers-Entlastung der FDP, den Spritkonzernen, den Banken oder den Energiefirmen noch viel besser und medial wirksamer machen; Er redet dabei nicht „gegen die Rentner“ oder gar die Höhe der Sozialkassen, was bei einem Buch ĂŒber Armut absurd wĂ€re; das kann man auch hier in diesem Artikel leicht verwechseln oder missverstehen; dennoch ist es so, dass der Demografie- Faktor und vor allem die Lobbygruppen in der Politik eine wichtige Rolle spielen))

Die emotionale BerĂŒhrung

Warum beschĂ€ftigt sich ein Mensch wie Schneider denn ĂŒberhaupt mit der Armutsproblematik? Auch er wird nur indirekt davon profitieren und kein wesentliches Geld damit verdienen. In einem der anfĂ€nglichen SĂ€tze macht er eine interessante Feststellung, die sich sodann wie ein rotes Band durch die weiteren VerlĂ€ufe seiner Argumentation zieht:

Ohne Emotion ist die VerstÀndigung auf einen tragfÀhigen Konsens zum diffusen Problem der Armut als Grundlage eines gemeinsamen Handelns schwer möglich. (637-38)

und

Um zu dem Schluss zu gelangen, dass es sich in einer ganz konkreten, alltĂ€glichen Situation um Armut handeln könnte, reicht es nicht aus, sie lediglich intellektuell zur Kenntnis zu nehmen und zu reflektieren. Es braucht eine subjektive, emotionale BerĂŒhrung. (634-36)

Kommen wir nochmal zum Schreiben und den gesellschaftlichen Problemen und Perspektiven, die damit verbunden sind, denn auch hier haben wir unzĂ€hlige „emotionale BerĂŒhrungen“ die uns tausendfach bewegen und immer wieder neu antreiben. Sie sind, da bin ich mir inzwischen sicher, der geheime Motor, der die eigene Schreibmotivation immer wieder am Leben hĂ€lt.

In welche gesellschaftliche Grauzone trifft das Schreiben also? Im Schreiben (vor allem im Blog) nimmt sich der private BĂŒrger der gesellschaftlichen Probleme an, die in seinem Land nicht gut laufen und diskutiert sie mit anderen. Vor allem die Dinge, die von den staatlichen Stellen auf Grund ihrer Struktur oder gar Ignoranz gar nicht mehr wahrgenommen werden und um der Gesellschaft und seinen Mitmenschen zu erklĂ€ren: Wir haben euch nicht vergessen.

Wenn er auch nichts in unmittelbarer Weise Ă€ndern kann, so hat er mit dem Blog doch wenigstens eine Möglichkeit zur Artikulation und kann darauf aufmerksam machen und sich mit anderen zusammenschließen oder Erfahrungen austauschen. Das eigene Leid kann genauso formuliert werden wie das allgemein gĂŒltige und „gesellschaftliche Leiden“. LĂ€sst man die ganzen spitzfindigen Unterscheidungen weg, wird man wahrscheinlich feststellen, dass es zwischen ihnen keine sorgsam zu ziehende Trennlinie gibt.

Wenn man sich die Struktur des Staates, seine Eigeninteressen und seine innere Organisation anschaut, gibt es keinen anderen Weg. Darauf abzuwarten, dass die Politik eines Tages gutmĂŒtig und weise und alles im eigenen Sinne umstellen wird, ist nicht nur gutglĂ€ubig, es ist absolut realitĂ€tsfern. Selbst in einer Demokratie (oder gerade darin) gibt es die Verpflichtung zur Eigeninitative. Wir bekommen zwar keinen Weg diktiert, aber es Ă€ndert auch niemand was fĂŒr uns, wenn wir nicht aktiv werden. Wir mĂŒssen lernen, selbststĂ€ndig zu denken, wir mĂŒssen lernen uns auszudrĂŒcken und mir mĂŒssen in diesem Zusammenhang lernen, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten und sie nicht ausschließlich als Konkurrenten oder Gegner zu sehen (wie unser Wirtschaftssystem uns leider teilweise dazu zwingt).

Fazit

Wenn du nicht mehr da bist, wird auch keiner mehr fragen, wer du warst. Gehört wird einzig und allein der, der den Mund aufmacht und seine BedĂŒrfnisse und Ansichten formulieren kann. Jeder Blogartikel, so privat oder technisch er nun ist (denn auch als Verbraucher, auch als Liebender oder Liebende ist man Teil des Systems) trĂ€gt seinen Beitrag zur Gesellschaft bei. Der Staat, das ist in der Summe nicht die Hochrechnung aller Institute und KrawattentrĂ€ger im fernen Berlin, der Staat sind wir.

Vier und eine Geschichte

ĂŒber das Schreiben

Das Schreiben klappt in der letzten Zeit wieder besser und allein in den letzten Tagen habe ich mir ca. vier mittelgute Geschichten ausgedacht und sie einfach so „runtergeschrieben“. Nur bei der Veröffentlichung, da schrecke ich noch etwas zurĂŒck, es klappt in der letzten Zeit nicht mehr so einfach wie frĂŒher. „Zu privat“ denke ich mir oder „da ist zuviel von mir drin“. Dazu kommt die SelbstentblĂ¶ĂŸung vor einem Publikum, die mental sehr anstrengend sein kann, wenn man sich nicht 100- Prozentig sicher ist und die Texte einiges an persönlichen GefĂŒhlen enthalten.

Und wer ist sich schon immer 100- Prozentig sicher? Bei einem wackeligen Projekt wie einem „Kunstprojekt“ oder so etwas flĂŒchtigem wie reinen Gedanken und in Text gegossenen Emotionen kann man das nur schwer vorhersagen. Manchmal verflĂŒssigen sie sich im Anschluss und werden wieder heiß, nass oder eisig-kalt… im Austausch mit anderen leben die GefĂŒhle, und wenn man sie fĂŒr sich behĂ€lt, werden sie starr. Wenn man sie austauscht, kann man verletzt, angegriffen und kritisiert werden- wenn man sie fĂŒr sich behĂ€lt nicht. Wenn man die Texte veröffentlicht, braucht und erhĂ€lt man dadurch automatisch eine innere StĂ€rke.

So oft habe ich es mit dem Blog erlebt, dass ich mich beim Schreiben frei gefĂŒhlt habe und dann ein paar Stunden hinterher nochmal ĂŒber die Texte nachgedacht und die Veröffentlichung dann bereut habe. Wenn ich ehrlich bin, ist das eher die Regel als die Ausnahme. Wirklich authentisch und „ehrlich“ zu sich selbst gegenĂŒber Texte zu produzieren, erschafft auf der einen Seite lesenswerte Texte und gute Kunst, wie immer man sie auch definieren mag. Die authentischen GefĂŒhle eines in eins-zu-eins abgebildeten Seelendiagramms ist durch eine konstruierte Geschichte kaum zu ersetzen.

„Vier und eine Geschichte“ weiterlesen

Blog-Abstinenz

Nur ein kurzes Hallo von meiner Seite, damit niemand denkt, dass ich in der Versenkung verschwunden bin und nie wieder etwas bloggen möchte. In der Tat ist es aber so, dass sich derzeit ein ganz neues „Hobby“ aufgetan hat, das meine derzeitige Aufmerksamkeit zu fast 100 Prozent bindet. FĂŒr das/den/die Blog bleibt im Moment nicht viel ĂŒbrig.

Ich habe die ursprĂŒngliche Webseite seit 2000 und das Blog seit 2005, fast jede Woche darin geschrieben oder Inhalte „produziert“- daher denke ich, dass es auch nicht schlimm ist, wenn ich mal eine lĂ€ngere Blog-Pause einlege und ich hoffe, die Stammleser mögen mir das verzeihen… es fĂ€llt mir immer so schwer „Ende“ zu sagen, und Pause klingt ja auch viel besser. 😉

Dazu kommt, dass es derzeit kaum Themen gibt, ĂŒber die ich bloggen möchte oder die interessant wĂ€ren. Über das meiste habe ich schon etwas gesagt und immer auf die aktuellen politischen Themen aufzuspringen, ist mir derzeit zu langweilig und zu monoton. Wie ist das mit der ExklusivitĂ€t und der QualitĂ€t? Man findet sie meist nur, wenn man zum Profanen Abstand halten kann. Oder noch krasser ausgedrĂŒckt: „Wer vernĂŒnftig reden möchte, muss zuerst das Schweigen lernen.“

Ich habe ein paar BĂŒcher hier liegen, die zu meinen bisherigen Themen passen und die ich gerne rezensieren möchte: dazu muss ich sie aber erstmal fertig lesen und mich dann intensiv damit auseinandersetzen. Das wĂ€re pro Buch eine Arbeit von ca. zwei Wochen (lesen) und einem Tag schreiben (intensive Rezension mit Quellenangaben). Leider habe ich im Moment diese freie Zeit nicht. Und seien wir ehrlich: Das Blog ist eben nur Hobby, es ist freiwillig und man macht es zwischendurch. Als richtige „Arbeit“ ist es nicht geeignet. Der Spagat zwischen Hobby-Einsatz und sinnvoller Text-Produktion ist manchmal nur schwer zu halten. Meistens lĂ€uft es darauf hinaus, dass man zuviel Einsatz gibt und es sich unter dem Strich nicht rechnet. Dieses Thema habe ich schon oft angesprochen, aber es verlor deshalb nicht an GĂŒltigkeit. Allerdings, gibt es ja noch den immateriellen Wert, das Lernen, das „Spaßhaben“, oder das „Kommunizieren“ – das ist hier nicht eingerechnet.

Einen derartigen Aufwand mit dem Blog betreiben, dass sich Werbekosten oder Flattr-Einnahmen rechnen wĂŒrden und man es als „Beruf“ sehen kann, ist schwierig und kann man nur machen, wenn man sehr, sehr viel Zeit und eine hohe Motivation hat. (und am besten einen ausreichenden finanziellen Puffer). Meine anfĂ€ngliche Idee, das Blog ĂŒber Spenden oder Freiwilligkeit zu finanzieren, hat leider nicht geklappt. Also woran erkrankt der freie Geist? An der mangelnden materiellen UnterstĂŒtzung? Nein, das wĂ€re zu einfach. Kunst ist leider immer etwas, dass sich unter dem Strich nicht rechnet, vielleicht ist das sogar die indirekte Definition von Kunst in einer sonst zu 98 Prozent messbaren und bezahlbaren Welt. Und auch eine eigene Meinung hat erstmal „keinen Wert“. Meinungen werden zu Werten, wenn man damit die Machthabenden verĂ€ndern oder manipulieren kann, wenn sie Menschen in großem Stil beeinflusst oder wenn sich damit „Verkaufszahlen“ oder gar „Quoten“ erzielen lassen. Aber eine einzelne Meinung ist – so gut wie sie auch formuliert wurde- nicht viel mehr wert als heiße Luft. Zur aktuellen Entfremdung des BĂŒrgers in einer Demokratie passt, dass er immer das GefĂŒhl hat, nicht gehört zu werden und nicht gebraucht zu werden. Man kann in den Blogs schreiben, was man möchte- es Ă€ndert doch nichts. Aufmerksamkeit braucht schon grĂ¶ĂŸeres Kaliber, vielleicht ein Protestplakat oder ein Sternmarsch auf den Bahnhof Stuttgart?

Irgendwie bringe ich beides im Moment nicht zusammen (Zeit u. Motivation). Ich habe mir also ĂŒberlegt: Ja, das wird jetzt eine grĂ¶ĂŸere Blog-Pause und ich schreibe nur noch, wenn sich wirklich interessantes Material angesammelt hat: Eine brisante politische Wendung beispielsweise oder ein Reisebericht mit Fotos. Hin und wieder kann ich auch was KĂŒnstlerisches produzieren. Vielleicht ĂŒberwinde ich meines Tages auch und berichte von meinem aktuellen Lieblingsprojekt, das mit dem Schreiben primĂ€r nicht soviel, aber auch etwas mit „Kunst“ zu tun hat. Es ist einfach die Zeit fĂŒr etwas Neues. Und solche Entscheidungen- aus dem Bauch heraus und dem GefĂŒhl vertrauend – habe ich im seltensten Falle bereut.

Außerdem hĂ€nge ich derzeit noch an der Frage, auf welche politisch-ethisch-moralische Grundlage ich mein Blog oder gar ein Neues aufbauen soll. Vor allem die „Außenseiter-Themen“ und die Fragen, die die Menschen wirklich berĂŒhren sind in den letzten Jahren zu kurz gekommmen. Das stört mich auf der einen Seite sehr. Aber auch hier gilt: Ohne Einsatz und Herzblut kann mich sich nicht einbringen. Und die Frage: Vielleicht ist das Herzblut im Alltag, vor Ort und „bei den Menschen“ besser aufgehoben als in einer virtuellen Schublade, mit der man meistens nicht die richtigen oder gar „das Richtige“ erreicht. Im direkten Leben kann man oft viel mehr bewirken. Hat mich nicht irgendwann mal eine Leserin darauf hingewiesen??

All diese Fragen muss ich immer wieder neu abwĂ€gen, denn nur wenn ich motiviert bin, kann ich gute Texte schreiben und vielleicht auch die Erwartung erfĂŒllen, die andere an mich oder das Blog haben.

Nun, dieser Text ist ganz gewiss kein schmerzliches Ende, aber er soll helfen, die langen Pausen zwischen meinen EintrÀgen bessser zu erklÀren.

Bis bald,
Eure Julia

Was können Blogs?

Diese Frage ist sehr zentral und ich hab mich ihr bestimmt auch schon hundert mal von verschiedenen Seiten angenÀhert und bin immer wieder zu etwas anderen Ergebnissen gekommen.
Die Frage ist so zentral, weil es hier nicht weniger als um die Sinn- und Berechtigungsfrage geht, die sich beim Schreiben und Veröffentlichen von Texten oder anderen Medien ins Internet ergibt. Die vielen privaten Blogs, die Linkschleudern oder reinen Netz-Fundblogs sind streng genommen nicht gemeint, wobei auch sie eine Wirkung haben werden, die man vielleicht nicht so genau vorhersagen oder berechnen kann.

Mir geht es bei der Betrachtung vor allem um privat gefĂŒhrte Blogs, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, ĂŒber eine bestimmte Thematik aufzuklĂ€ren oder gar Menschen zum Umdenken zu bewegen, also als Groß-Einzugsgebiet auch alle politischen oder „moralischen“ Blogs.

Dass eine unbewusste Botschaft, eine Message in den eigenen Äußerungen mitschwimmt, kann der beste KĂŒnstler im Grunde gar nicht vermeiden. Jede Kunst, die sich nur nach einem gĂ€ngigen Schönheitsideal richtet und dabei jegliches kritisches Hinterfragen, jede einfachste Betrachtung aus verschiedenen Blickwinkeln unterdrĂŒckt und dabei der Masse gefallen will, kann nichts anderes als Kitsch sein. Um diese Kunst geht es mir nicht. Nein, mir geht es um alltĂ€gliche Äußerungen von Menschen, die im Rahmen einer BĂŒrger-Demokratie das Instrument Internet nutzen, um sich Gehör zu verschaffen und selbst zu Produzenten von Meinungen, Medien und Denkweisen werden.

All diese Entwicklungen sind in der ĂŒberschaubaren Zeitspanne der menschlichen Kultur im Grunde „brandneu“. Pressefreiheit und Demokratie gibt es noch nicht lange und sie war z.B. eine treibende Kraft, die das kolonisierte Amerika in die UnabhĂ€ngigkeit gebracht hat. Regierungen in Demokratien fĂŒrchten die Medien, weil hier gerne und heftig Stimmung gegen den eigenen Stil gemacht wird. Ein Beispiel ist z.B. der Vietnamkrieg der USA und die zunehmend heftigeren Proteste der Zivilbevölkerung, die schließlich soviel Druck aufbauen konnte, dass die Amerikaner sich zurĂŒckzogen. Nicht zuletzt ein Bild ging dabei um die Welt, ich glaube es war diese nackige vietnamesische Junge vor einem zerbombten Dorf, dass die GemĂŒter erhitzte und die öffentliche Meinung – zum Guten! – verĂ€nderte.

Im Golfkrieg waren die Kriegsmacher dann schlauer und haben sich die Presseleute ausgesucht und ganz gezielt darauf geachtet, dass nur „saubere“ Bilder vom Krieg in die Heimat gesendet werden. Wir alle wissen, dass dies im Grunde ein Ding der Unmöglichkeit ist, denn ein Krieg ist nie sauber. Auch die deutsche Politik-Öffentlichkeit ist streng darauf bedacht, dass alles in einem guten Licht erscheint, aber ein kalt geplanter Bombenangriff auf Zivilpersonen, dass kann auch das beste Presse-Team nicht geradebiegen.

In den letzten zehn Jahren kam zu der Macht der Presse-Meinung noch die Macht der Internet-Bevölkerung, also im Grunde eines jeden einzelnen hinzu. Die DSL-MĂ€rkte werden immer gesĂ€ttigter und es gibt kaum noch Menschen, die das Internet nicht beherrschen oder sich beteiligen können. Die Blog-und Forums-Software ist so einfach geworden, dass selbst jeder ungeĂŒbte Datenbank-/ PHP- Neuling eine Installation in einer halben Stunde verstehen und anwenden kann.

Eine Medienausbildung, einen Presseschein, ein Literaturstudium, eine Berechtigung oder gar einen Amtssiegel braucht man dafĂŒr nicht. Es ist alles „open source“ und die „freeware“ auf den Servern, ist sie auch die freeware in den Herzen?

Gegen die Blogs sprechen vor allem zwei Dinge:

Einmal die geringen Besucherzahlen und die wesentlich geringere Einschaltquoten-Macht im Vergleich zu traditionellen Medien. Hier könnten die Blogs nur mehr Druck aufbauen, wenn sie sich vernetzen und einen geschlossenen Blogring aufbauen wĂŒrden, vereint mit einer Stimme sprechen und sich auch persönlich und politisch einig sind. Leider sind BloggerInnen meistens sehr freiheitsliebende und nicht selten auch gebildete, kritische Menschen, so dass sich die Vereinigung mit einem ĂŒbergeordneten Ideal wie eine Verringerung der persönlichen Freiheit anmutet, die man doch ursprĂŒnglich so geliebt hat.

Man kann eben nur ĂŒber das Establishment schimpfen, wenn man sich selbst nicht als Teil davon sieht. In Blogs mĂŒssen Zielgruppen, aber auch Feindbilder aufgebaut werden, um emotional „effektiv“ zu sein. Jemand, der alles relativiert und sich von ein zwei Gegenargumenten ĂŒberzeugen lĂ€sst, ist eigentlich kein guter Blogger. In der drastischen Einstellung, manchmal auch in der reißerischen Aufmachung und der einseitigen Stimmungsmache scheint ein Patentrezept zu liegen, dass auch schon die klassischen Medien sehr gerne benutzen.

Die moralische Interpretation dieser Gangart ist wieder etwas anderes.

Die andere SchwĂ€che von Blogs, die zumeist auf der Basis von Einzelpersonen gegrĂŒndet werden, ist ihre juristische Angreifbarkeit.

Ein falsches Wort ĂŒber einen MĂ€chtigen, ein zu kritischer Bericht ĂŒber ein Produkt, ein falsches Wort ĂŒber eine real existierende Person kann da schon reichen, um die versammelte Anwaltsschar an den Fersen zu haben. Bekanntgewordene FĂ€lle gibt es genug und wer Twitter aufmerksam liest, findet jeden zweiten Tag so eine Meldung. Angst macht sich breit, der BĂŒrger wird immer glĂ€serner und die Freiheit andere attackieren zu können, ist meist auf dem unsicheren Podest, auch angegriffen werden zu können, begrĂŒndet.

Was dann mit hohen Kosten, Ärger verbunden ist, was meistens reicht, um die freiwillige Motivation schnell zum Erliegen zu bringen.

Ein dritter Punkt, der die ehrenamtliche Arbeit von Bloggern weiter einschrĂ€nkt ist das mangelnde öffentliche Interesse an politischen Positionen und die schlichte Faulheit oder Unlust von Menschen, sich mit einzubringen und einen freiwilligen Beitrag zur „Weltverbesserung“ zu leisten. Was kann der Einzelne schon machen? Warum soll ich meine bequeme angepasste Position verlassen? Versucht mal jemand hinter dem Offen hervorzulocken, wenn es ihm/ ihr da nur allzu gut gefĂ€llt. Ein Ding der Unmöglichkeit, dass nicht selten auf die eigene Motivation schlĂ€gt und den Autor depressiv werden lĂ€sst. Nur sehr starke Charaktere kommen da durch und man muss persönlich bereit sein, privates Denken und Empfinden vom öffentlichen Wirken zu trennen, so wie in einem „normalen“ Beruf auch.

Fazit:
Man sieht, dass es die Blogger nach wie vor nicht einfach haben. Einmal gibt es juristische Barrieren, aber auch eine trĂ€ge Zivilgesellschaft, die erst ihren Spaß an der Demokratie entdecken muss und aus der Reserve gelockt werden will.

Nicht zuletzt sind Blog-Projekte immer eigenstĂ€ndig finanzierte und nicht selten welche, die einen Großteil an Ressourcen binden, die anderswo vielleicht besser aufgehoben wĂ€ren.

Was bleibt ist der Spaß am Schreiben und dass man auch fĂŒr sich selbst viel lernt. Diese Erfahrung kann einem niemand nehmen. Nebenbei sammelt man eine Menge Texte an und schafft kulturelle Werte fĂŒr die Gesellschaft. Auch das kann eine starke Motivation sein, das Erschaffen selbst, ganz ohne Sinn und Ziel. Es ist einfach gut, so wie es ist!

Blog Special Schreiben- Teil 6

Die anderen Teile: HIER

Jede SchwÀche kann zur StÀrke werden

Was sind die StÀrken des Blogs, ist auch die Frage, was sind meine StÀrken?

Das bringt uns unweigerlich auch zu persönlichen und geschlechtlichen Fragen, die sich jeder Autor und jede Autorin tĂ€glich neu stellen muss und die, wenn sie richtig verarbeitet und integriert werden, die eigentliche Substanz jeder kreativen Arbeit sind. Man kann es nicht oft genug betonen, hier liegt der SchlĂŒssel zum Erfolg, aber auch zum GlĂŒck, vor allem wenn man die ethischen und spirituellen Fragen miteinbezieht.

Ich habe mir z.B. meine letzten Artikel angeschaut und stelle fest, dass sie alle so negativ klingen. Von „Vergifteter Stimmung“ ist da die Rede, von Zerbrechlichkeit, Untergang, Selbstmord und Depressionen. Wenn ich es nicht besser wĂŒsste, wĂŒrde ich sagen, ich bin eine blutrĂŒnstige Krimi-Autorin oder eine Skandal-Reporterin, die immer nur ĂŒber Schlechtes schreibt. Auch wenn ich versuche, die schlechten Dinge beim Namen zu nennen und Lösungen zu erarbeiten, so bleibt doch das Negative hĂ€ngen, zumindest in den Schlagzeilen, aber vielleicht auch in den Köpfen?

Bei vielen Leuten, bei denen ich so in der Nachbarschaft lese, stelle ich immer wieder fest, wie kritisch die meisten Menschen mit der kritischen Meinung von anderen umgehen, so als sei dieser Monat der Monat der gegenseitigen Kritik. Jeder auf seinen eigenen Gedanken, aber niemand gemeinsam im Boot. Ist das nicht das eigentliche Problem? Jeder wirft dem anderen persönliches Versagen, Rechthaberei, Engstirnigkeit und andere SchwĂ€chen vor- wann aber sitzt man schonmal an einem Tisch und beredet die Probleme miteinander? Klar, es gibt sie die Momente und ich will auch nichts schlecht reden… aber mir fĂ€llt schon auf, dass Rechthaberei doch auch ganz allgemein eine menschliche SchwĂ€che ist, die wir fast alle haben. Rechthaberei ist eben auch ein Ausdruck der eigenen Persönlichkeit und ist in Maßen genossen hilfreich, angenehm und Ausdruck von Persönlichkeit. In Maßen! 🙂

Und jetzt, in der Weihnachtszeit, sollten wir Frauen speziell nicht lieber ĂŒber PlĂ€tzchen-Rezepte, ĂŒber Geschenkideen und die aktuellsten Mode-Tipps tratschen? Die Probleme verdrĂ€ngen und uns lieber mit Konsum-GĂŒtern berauschen? Warum nicht? 😉

Überhaupt, wir Frauen! Warum habe ich keine richtige enge Freundin, warum sind die kritischen u. intellektuellen Frauen immer so einsam, oder tĂ€usche ich mich da in der Wahrnehmung? Bedeutet der Gang in die Tiefe auch der Gang weg vom GegenĂŒber, weg von der Welt? Nun, ich kenne die Antwort…

Denken und argumentieren sind traditionell schon immer MĂ€nner-DomĂ€nen gewesen. Fast immer waren es die MĂ€nner, die wichtige SĂ€ulen der Meinung projiziert und notfalls auch mit Gewalt verbreitet haben, Frauen waren meistens nur schmĂŒckendes, gebĂ€rendes und kochendes Beiwerk. Sinnvoll, freilich- aber machtlos. Nur ausgestattet mit einer feinen, unsichtbaren Macht, die jedem Manne schon immer ins Gesicht geschlagen ist, der dies mit KĂ€lte und Stolz beantworten wollte. Und ja, auch von denen gibt es heute noch viele…

So ist es auch kein Wunder, dass die wichtigstens Blog in der deutschsprachigen BlogosphÀre alles MÀnner-Blogs sind. Das Blöde am Patriarchat ist, dass diejenigen, die es vertreten, meistens gar nicht merken und wissen wollen, dass es so ist. Die Sicht der Dinge ist aus MÀnnersicht meistens ganz anders als aus Frauensicht und ich bilde mir da ein qualifiziertes Urteil ein. Darf ich das?

Frauen hören auf die Zwischentöne, und sind meistens emotionaler und menschlicher veranlagt. Sie definieren sich auch ganz anders und haben andere Interessen und Weltbilder.

Alleine im Raum stehen und eine Meinung nur fĂŒr sich vertreten, dabei noch Karriere machen wollen, all das schickt sich fĂŒr eine Frau nicht, fĂŒr die ewige HĂŒterin der sozialen Kontakte und des familiĂ€ren Friedens. Man mag es nicht glauben, aber die soziale Kultur hĂ€ngt der technischen Entwicklung in unserem Jahrtausend weit nach. Einfach, weil sie von niemandem mit Nachdruck entwickelt wurde und wir der Technik und dem Verkaufbaren stets den Vorrang gaben.

Klar, wo MÀnner an der Macht sind, werden eben auch nur mÀnner-relevante Dinge fortentwickelt und weiche Themen, alles psychologische, weiche und Soziale liegt den meisten MÀnnern halt nicht so. Es nicht entwickeln zu können, wiederum ist das Dogma und die Falle der mÀnnlichen Geschlechtsrolle.

Auch so Leute wie unsere Bundeskanzlerin wĂŒrde ich als „mĂ€nnlich“ bezeichnen, zumindest in den Werten und Dingen, die sie vertritt, ist sie fĂŒr mich keine typische Frau, kein schwaches, emotionales Wesen, sondern eben eine Karrierefrau- vielleicht eine angepasste?

Um es kurz zu machen, ich glaube schon, dass man als Frau (auch als typische, weibliche) gut bloggen kann, ganz egal was fĂŒr Interessen, Veranlagungen und fĂŒr Vorgeschichten man hat.

Ich denke, es ist nicht gut, sich von der feministischen Denkweise zu sehr einschĂŒchtern oder gar schlecht reden zu lassen. Es ist so typisch fĂŒr das weibliche, die ewige Selbstkritik und nicht nach draußen wollen, sich nichts zuzutrauen und schon gar nicht das eigenstĂ€ndige Denken.

Selbstbewusst auftreten, die Zweifel ĂŒberwinden, einfach das machen und durchziehen worauf man Lust hat- das sind durchaus mĂ€nnliche Eigenschaften, die man braucht, wenn man bloggt.

Aber die weiblichen FĂ€higkeiten und Eigenschaften haben auch ihre StĂ€rken und genau diese StĂ€rken muss man erkennen. Man muss weg, von dem Glauben, dass man schlechter und unfĂ€higer ist, nur weil man eine Frau ist. Und auch als mĂ€nnlicher Autor lohnen sich die ĂŒbermĂ€ĂŸigen Selbstzweifel doch nicht. Zweifelt euch nicht stĂ€ndig selbst an, es reicht, wenn es andere tun.

Denen könnt ihr dann mit aufrechtem Gang das Gegenteil beweisen- und ganz nebenbei lernt ihr gutes Schreiben, Denken und Argumentieren.

Also steht zu dem was ihr seid und seid stolz darauf, ob Frau, ob Mann und welchen Glaubens auch immer.

Seid einfach so wie ihr seid, das ist genug.