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Der Fall eines Prinzen

und der zurückbleibende moralische Scherbenhaufen

Zwei Perspektiven fehlen mir in den derzeitigen Guttenberg-Zu-Rücktritt-Berichten. Einmal: Die Gefühle und zum zweiten: die Rücksicht auf den Menschen.

Auch wenn ich weder Anhängerin der CSU bin und vor allem ihre Wertvorstellungen und konservativen Einstellungen nicht teile oder gut finde; auch wenn ich negativ bzw. etwas spöttisch über den Guttenberg-Vorgang geschrieben habe (und er im Kern ein politischer Skandal bleibt und auch für einen Rücktritt gereicht hat) und auch, wenn ich die Einstellung und die Bewegungen in der Netz-Gemeinde eher progressiv und gut, als schlecht finde; bei all den „trotz“ und „abers“…

Der Mensch Guttenberg tut mir leid. Er tut mir leid, weil er in ein System der Macht und Selbstbezogenheit gezogen worden ist. Er tut mir leid, weil er beneidet wird und die Medien und andere Menschen kollektiv auf ihn eingedroschen haben. Er tut mir leid, weil er gut reden konnte, meistens einen freundlichen bis authentischen Eindruck gemacht hat und eine neue Klasse von Politikern dargestellt hat. Wenn schon CSU, dann wäre Guttenberg das kleinstmögliche Übel gewesen. Der Mut zu Veränderung ist in dieser Partei ein kleiner Lichtblick und die Partei wäre gut beraten, diesen Aspekt weiter auszubauen. Für eine Pauli hat es ja dann leider doch nicht ganz gereicht, aber die Richtung stimmt schonmal!
Die Menschen haben Guttenberg gemocht, weil sie auf ihr Herz vertraut haben und nicht nur, weil sie ausschließlich die Springer-Presse gelesen haben.

Die Soldaten tun mir leid, weil sie eine wichtige Bezugsperson verlieren und jemand, der sich ihrer Sorgen und Nöte angenommen hat. Weil mit Guttenberg eine reisefreudiger und aufrichtiger, anteilnehmender Politiker zurückgetreten ist. Die jungen Menschen, deren Begeisterung für einen freiwilligen Dienst nun erst geweckt werden muss (und damit das eigentliche Problem an der „Reform“ darstellen)… aber auch die alten und kranken Menschen, die von Zivis versorgt worden sind und über die kaum jemand mehr spricht. Ein Guttenberg hätte mit seinem Charisma viel Gutes bewegen können. Er war in vielerlei Hinsicht ein Vorbild, jemand zu dem man aufschauen konnte und leider auch jemand, den man hassen oder beneiden konnte.

Menschen lassen sich nicht täuschen, wenn es um Beliebtheit von Menschen oder Politikern geht. Guttenberg ist jung und mit seiner aristokratischen Wurzeln stellte er für viele Menschen eine Art „Ersatz-König“ dar. Es passte einfach alles zusammen: Jung, vermögend, eine hübsche Frau, fotogen, redegewandt, gebildet, ehrgeizig, erfolgreich und eine kometenhafte Karriere. Beliebtheit bei Partei-KollegInnen und bei den Menschen im Volk. Was kann ein Mensch mehr sein, wenn es um die reine Äußerlichkeit geht? Aber diese gläserne Podest, auf das er von allen gehoben worden ist, war zugleich sein Untergang. Während Frauen meistens vor gläsernen Barrieren oder Decken stehen und schon allein auf Grund ihres Geschlechtes niemals diesen Ruhm und diese Beliebtheit erlangen können, profitierte Guttenberg auch von seiner sportiven Männlichkeit, die den Idealtypus unserer Zeit wie kein zweiter repräsentierte. Auch gerade, dass er kein typischer Politiker zu sein schien und irgendwie locker und natürlich herüberkam, wurde an ihm geschätzt.

Mir tut er leid, aber mir tut auch das ganze Politik, Medien und Internetgeschäft leid. Eine Sache, warum ich immer weniger Lust darauf habe und mich schrittweise immer weiter davon distanziere, weil ich merke, wie falsch alles und jeder ist. Jeder beneidet und kritisiert den anderen, eine wirkliche Bindung gibt es zwischen den Leuten nicht. Und was ist die vielgelobte „Netzgemeinde“ denn oft, als ein sich mit Hilfe technischer Mittel zusammenrottender Mob, der danach schreit, den König zu stürzen? Mir tun die Leute leid, die nicht verzeihen können. Die solange auf den Fehlern und der Schwäche eines Menschen herumreiten, bis dieser unter dem Druck zusammenbricht (oder alternativ: sich umbringt). Mir tun die Leute leid, die von vornherein behaupten müssen, dass das Leben kein Ponyhof sei oder Mitleid grundsätzlich nicht zu erwarten sei. Nein, Mitleid gibt es nicht in der Welt „da draußen“. Und gibt es Mitleid in der Welt „da drinnen“ oder ist sie schon gänzlich ausgehöhlt und zerfressen von Ehrgeiz und Neid?
Was ist Neid? Neid deutet darauf hin, dass dem Menschen etwas fehlt und weil es ihm so sehr fehlt, gönnt er es auch einem anderen nicht. Neid ist Mangel im menschlichen Bereich und er ist ziemlich verbreitet. Niemand ist zufrieden, niemand ist gesättigt. Der Konsum oder die Arbeit allein sorgen nicht für Glück. Glück sind kleine, unsichtbare Momente. Großmut, Verzeihen, sich etwas schenken, Zeit geben, die Stärken sehen, loben.

Mir tun die Menschen leid, die in so einem System leben und so eine Art von Politik hervorbringen. Wo sich Neid und Betrug mehr auszahlt, als intensive Arbeit und qualifizierte Recherche. Wo die Titel und Posten, das Gehalt mehr zählt, als der langsame und auf gesunden Füßen gewachsene Fortschritt. Das ist das traurige daran. Es ist traurig, wie qualifizierte Menschen an so einem System zerschellen, weil sie den Verlockungen nicht widerstehen können. Das System wird auch nicht besser, wenn wir darüber schimpfen. Es entsteht kein menschlicher Wandel auf der Basis von Neid, Gier oder Hass.

Das einzige was man braucht, um glücklich zu sein ist Toleranz, Vergebung und viel, viel Geduld.

Hoppla..

Deutschland, unser Präsi ist weg!

Nachdem der etwas ungelenke und rhetorisch weniger geschickte Horst Köhler nun schon ca. sechs Jahre an der Macht war, hat er gestern völlig überraschend seinen sofortigen Rücktritt erklärt.

Und Schuldige sind schnell gefunden: Die Opposition war schuld, die Kritiker waren es, der Respekt hat gefehlt. Schlimm genug, das man in unserem pazifistischen Nachkriegs-Deutschland (wie lange geht das eigentlich „Nachkriegs-Zeit“?) immer mehr staatstragende Minister mit militärischen Baretten und Abzeichen vor der Kamera posen sieht, auch der ethisch-moralische Rückenwind „von oben“ zu Militär-Einsätzen hat seit Minister Guttenbergs Zeiten deutlich zugenommen. Ui, ui, wenn das mal gut geht!

Plötzlich ist es wieder schick, mit Panzern zu spielen. Plötzlich sind wir wieder wer. Na klar, Bruder Amerika hat ja schon seit längerem von Deutschland verlangt, mehr Truppen nach Afghanistan zu schicken und sich immer nur mit Geld oder Minensuch-Fahrzeugen an Kriegen zu beteiligen ist auf die Dauer ja auch langweilig!

Erinnert sich noch jemand an die Zeit vor der letzten Fußball-WM 2006? Da haben nur ein paar Rechtsradikale den schwarz-rot-goldenen Wimpel geschwungen und es war äußerst unschick sich zu so Sachen wie Deutschland, Nationalität oder gar „neue Stärke“, „neues Selbstbewusstsein“ zu bekennen. Wen wundert´s?

Aber die Deutschen wären nicht die Deutschen, wenn sie nicht wieder einen Grund fänden, sich selbst zu hassen.

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