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Vergangene Kulturen

Was ist das Schöne am Leben? Dass alles flexibel, alles beweglich ist. Dass auch die härteste Säule der Überzeugung ins Wanken geraten kann oder eines Tages so schief steht, dass ein Windhauch genügt, um sie umzupusten..
Dass man hinterher auf sie schaut und das Lachen über diese Groteske kaum verkneifen kann. Dass die harte Erde unter den Überzeugungs-Steinen endlich weich wurde und vom Regen aufgesogen, matschig und unansehnlich gewandelt wurde. Dass das brennende Feuer der Worte und Gefühle, dass mal so heiß im Herzen brannte- die Schwerter der Taten vor vielen Jahren noch zum Biegen brachte, endlich verlosch – und jetzt bloße, kalte, grasüberwucherte Überreste einer untergegangenen Kultur hinterlässt. Traurige Überreste eines großen Reichs voller Träume und Worte, imaginär aufgeblasen von Gedanken allein, die die einzige Grenze dieses Universums waren und sind. Die Erde ist keine Scheibe mehr und am Rande fallen wir auch nicht mehr herunter. In dieser neuen Welt brauchen wir keine Angst mehr zu haben. Alles ist beherrschbar geworden, alles ist machbar. Und hinterlässt den all-mächtig gewordenen Mensch vor einer unüberwindlich großen Auswahl an Möglichkeiten und Entscheidungen. Im Zweifel wählt man das größte und unmöglichst erscheinende Ziel. Warum nicht mal das naheliegendste?

Die Ascheflocken der guten Taten und der einwandfreien Gesinnung, sind indes längst vom Wind in alle Richtungen vertrieben. Die Tränen von damals, schon längst wieder im endlosen Kreislauf des Wassers eingezogen. Nur die Sturheit ist geblieben und die mangelnde Kommunikation. Die Starrheit der Gedanken, die Vorurteile, überstehen unendliche Gezeiten und Jahre. Wenigstens ein einigermaßen verlässlich erscheinender Fixpunkt…

Aber auch diese verblassen irgendwann, werden schwächer, werden vergessen. Wo einst große Mauern der Ablehnung, des Zweifels und der Angst wuchsen- was ist davon geblieben? Ich kann nichts mehr erkennen und fühle mich eigentümlich fremd.

Neues Selbstbewusstsein ist eingezogen, ein neues Selbst-Verständnis. Wie eine neue Jacke oder ein paar neue Schuhe, ausgetauscht, wurde alles einfach gewechselt. Und die anhängenden Freundschaften, Beziehungen und „Wertevorstellungen“ gleich mit. Einmal neu, macht 99 Euro und 50 Cent. Alles neu macht der Mai! Die Werbung verspricht´s und ich will´s so gerne glauben.

Grundsätze, falls es sie je gab, haben sich linear gewandelt. Ein neues Lächeln hat die alte Unsicherheit überspielt. Doch die gekaufte Maske ist noch starr und unbeweglich. Die wahren Beweggründe unsichtbar und verborgen. Versteckt? Auf jeden Fall nicht wirklich frei.

Groß und mit Schaum übersät, noch immer und auf ewige Zeiten.

Kein Ohr- Teil 3

An einer Sache Zweifel zu haben, bedeutet ihren Sinn zu finden

Ich beantworte hier die letzte Frage von Alesandra, die nochmal wissen wollte, was ich eigentlich mit dem Blog will, bzw. was der Idealfall wäre.

Da ich das in den vorherigen Artikeln noch nicht ganz herausgearbeitet habe, hier eine kleine Ergänzung:

Das Blog hat viele Zwecke, die erstmal ohne erkennbaren Nutzen sind, aber dennoch Spaß machen oder einen inneren Antrieb erzeugen: Kommunikation, sich austauschen, von der Seele reden, Kunst produzieren, Freude am Tun, Ventil für Emotionen, usw.

Das ist alles sehr wichtig und muss auch nicht ständig in Zweifel gezogen werden. Man macht es, weil es Spaß macht und irgendwie hilft- fertig.

In diesem speziellen Betrachtungs-Fall versuche ich aber, das Blog darauf zu reduzieren, was es für eine gesellschaftliche Wirkung und was für einen Nutzen es für die demokratische Teilhabe haben könnte. Also ein ganz spezielles Detail, das von verschiedenen Fragen eingegrenzt und beschrieben wird:

Zum Beispiel

  • Werden Bloggerinnen und Blogger ernst genommen?
  • Nehmen Politiker es wahr, was BloggerInnen schreiben oder ist es ihnen egal?
  • Hat man mit seinen wenigen Besuchern einen Breitband-Effekt auf die Meinungsbildung?
  • Wenn nein, warum nicht? Liegt es an der Art des Mediums oder einfach an der Reichtweite?
  • Welches Prestige haben Blogs und warum spielen sie in der öffentlichen Meinung eine so untergeordnete Rolle?
  • Warum gibt es in DE keine echte Basisdemokratie?
  • Warum interessieren sich in Deutschland so wenige Menschen für echte Basisdemokratie, obwohl doch vielen Menschen klar ist, dass man viel ändern könnte und sich mit wenigen Mitteln gut einbringen könnte?
  • Warum scheitern viele Menschen schon an der einfachsten Grundlage zur Demokratie, nämlich der Diskussion mit anderen und die tolerante Akzeptanz von anderen Meinungen? (Stichwort Streitkultur)
  • Wie ist die „Macht“ der Blogs im Vergleich zu den traditionellen Medien?
  • Wem dient die Macht der Medien? Man denke z.B. an einen Menschen wie Berlusconi wie er die Medien für seine eigenen Zwecke missbraucht oder bei uns in DE die Macht der Zeitung mit den großen Buchstaben ….
  • wenn man sich z.B. Einschaltquoten von Fernsehsendungen oder Auflagen von großen Zeitungen anschaut, wird schnell klar, dass man da als kleine Bloggerin/ kleiner Blogger überhaupt nichts ausrichten kann
  • hat man überhaupt das “Recht” mit dem eigenen Werk Einfluss auf die Meinung anderer zu nehmen oder ist nicht schon der kleinste Versuch eine Manipulation von anderen, die eigentlich nur Abwehr und Blockade erzeugen kann (moralische und psychologische Frage)

Also bei all diesen Punkten wird mir schnell klar, dass das Blog nichts in dem Sinne bringen kann wie eine „normale Zeitung“, einfach weil es viel kleiner und viel privater ist und auch auf einer anderen Grundlage entsteht.

Die Frage bleibt: Was bringt es dann? Wenn ich mich mit ein paar Menschen vernetze und einen engen Austausch betreibe, ist das dann genug? Kann eine kleine Bewegung zu etwas großem werden? Hat die kleine Vernetzung und die kleine Bewegung nicht auch einen “Sinn” ?

Wenn ich mich über etwas aufrege, aber nicht dafür sorge, dass etwas besser wird, kann ich mir die Aufregung eigentlich gleich sparen, weil sie dann überflüssig ist. Der Mensch ist von der Natur zu sehr auf Energie-Sparen angelegt, dass so eine Verschwendung von Zeit, Energie und Ressourcen eigentlich sinnlos und im Extremfall sogar lebensbedrohlich bis unsinnig wäre. Welchen Sinn macht dann eigentlich ein “übergroßes Gewissen” oder ein “übergroßes Mitteilungsbedürfnis”? Wie können wir diesen Effekt nutzen, um die Welt ein kleines bisschen besser zu machen?

Und wenn ich etwas nur tot diskutiere, aber nichts im täglichen Verhalten ändere, macht es auch keinen Sinn. Rein moralisch kann man den hungernden Kindern in Afrika nicht zuschauen, ohne etwas zu tun und gleich im Anschluss an die Fernsehnachrichten etwas spenden zu gehen.

Warum gibt es bei manchen Themen eine so große Bereitschaft der Menschen, sich zu zusammenzuschließen und zu demonstrieren (z.B. bei der Atomkraft oder Stuttgart 21) und bei anderen Themen wiederum nicht (z.B. niedrige Löhne, Armut in Deutschland, Steuerrecht, Kindermangel, etc.) ?

Das sind einfach alles Fragen und Themenbereiche, die mich beim Bloggen sehr beschäftigen und hin und wieder auch Zweifel aufkommen lassen. Ich weiß nicht, ob ich darauf unbedingt eine gute Antwort oder eine Lösung brauche, aber es sind zumindest mal offene Fragestellungen, die ich als wichtig empfinde. Einfach als Grundlage für das eigene Schreiben und Wirken- um zu wissen, in welchem Kontext man sich bewegt.

Erst kommt das Fressen

“dann kommt die Moral”- Zitat aus der Dreigroschenoper

Die Frage nach der Moral ist mitunter genauso bagatellhaft wie die Frage nach dem Sinn des Bloggens. Entweder man stellt sie sich oder nicht. Entweder man entwickelt darüber das Gefühl, dass es eine Frage ist, die es wert ist, darüber nachgedacht zu werden oder man verzichtet darauf.

Wozu also Moral? Oder : was ist überhaupt Moral?

Als Laie würde ich es mir so erklären: Moralische Handlungen sind Handlungen aus dem Über-Ich (also dem Gewissen im Unterschied zum logisch-analytischen Denken und den kindlichen, emotional motivierten Absichten). Im Volksmund sagt man auch „Gewissen“ dazu. Beispiel: „Er hat gewissenhaft gehandelt“ oder das ist „ein Mensch ohne Gewissen“.

Das Gewissen ist also eine virtuelle Instanz, die bei Mensch höchst unterschiedlich stark ausgeprägt ist und als übergeordneter Gehirn-Bürokrat in die triebhaften und autonom ablaufenden, unreflektierten Handungen eingreift. Ein zu starkes Gewissen kann dabei den normalen Arbeitsalltag sehr erschweren, weil es mitunter zum Zweifeln, zum Zögern und zum Hadern führt und der „Spaß am Leben“ sich einfach nicht entfalten kann. Umgekehrt ist es bei Menschen ohne Moral, im Extremfall Verbrecher, die einfach das machen, worauf sie Lust haben und ihnen der Sinn steht. Wenn sie etwas haben wollen, holen sie es sich einfach und fragen nicht nach dem Besitzer. Aber auch der rücksichtslose Liebhaber, der sich einfach aus dem Staub macht und auf die Bedürfnisse seiner Partnerin keine Rücksicht nehmt, ist und handelt gewissenlos.

Moral ist flexibel und Deutungen unterworfen

Es ist sehr verbreitet, die moralisch verwerflichen Handlungen und das Fehlen einer Moral zu kritisieren. Wenn man genau hinschaut, ist das tägliche Geschäft der Medien, aber vor allem der Ereiferer dahinter, den Stammtischbürgern und der Volksseele (den Wutbürgern). Auf der einen Seite gibt es „alternativlose“ Pläne und Beschlüsse von moralisch dünn-besetzten Politikern und dann gibt es Wut-Aufschrei der Protestgeneration.

Alles ist letztendlich auf die Fragen des Gewissens zurückzuführen, auf die Frage nach der Moral und nach dem jeweiligen Interpretieren dessen, was richtig oder falsch ist.

Im gleichen Zug hat sich der Begriff des „Gutmenschen“ verfestigt, mit dem die moralisch attackierten „Schlechten“ den Kritikern ein Spiegel vor das Gesicht halten können. Das deutet daraufhin, dass die Moral in ihrer Besetzung flexibel ist und sogar umgedreht werden kann. Letztendlich ist für viele Menschen immer die eigene Haltung, die eigene Einsicht „moralisch“ und die der anderen, die den eigenen Thesen widerspricht „unmoralisch“. Für die einen sind Atomkraftwerke eben moralisch gut, weil sauber und effizient und für die anderen steht der Atommüll und die Gefährdungslage im Vordergrund. Moral ist eine Frage der Bewertung und es ist sehr schwer, eine objektive Moral herauszuarbeiten.

Generell denke ich aber, dass die Moral-Fragen die wichtigsten sind, weil es die einzigen sind, die das Handeln von Menschen hinterfragen, die ihn und seine Entscheidungen transparent werden lassen.

Ein starke Moral-Instanz aus früherer Zeit waren die Kirchen und ihre- zugegeben- oft zweifelhafte oder doppelzüngige Moral. Es gibt langfristig keine absolute Moral-Instanz, die ohne Fehler ist und je mehr jemand dieses für sich behaupten möchte, desto anfälliger wird er für Kritik und reale Verfehlungen. Man denke z.B. an die Vorfälle im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandalen in katholischen Einrichtungen.

Manchmal kann eine starke moralisch Atmosphäre und die Verpflichtung „moralisch“ zu sein, sogar eine Bürde oder eine Last für die Betroffenen sein und die Verstöße gegen die Moral (z.B. die Sexualmoral) dann umso reizvoller erscheinen oder das eigentliche Bedürfnis so sehr unterdrücken, dass es sich irgendwann untkontrolliert einen Lauf bahnt.

Moral und Philosophie

Die Moral und die Philosophie sind enge Verwandeten, denn auch die Philosophie fragt stets nach dem Warum, Weshalb und ob etwas richtig oder gut ist. Es kann keine normativen Erklärungen der Welt geben, ohne dabei die weitausläufigen Gebiete der Moralfragen zu streifen.

Auch die oft als moral-freie definierte Wissenschaft erreicht ihre Grenzen, wenn etwas wissenschaftlich möglich ist, aber von den Grenzen der Moral eingefangen werden muss: Zum Beispiel die Nutzung der Atomkraft, Atomwaffen, oder genetische Veränderungen an Pflanzen, Tieren und Menschen. Die Frage lautet dann: Ist das überhaupt gut, was wir da machen? Ist es moralisch gesehen einwandfrei? Solche Fragen hätten schlimmeres verhindern können, denkt man z.B. an die ersten Atomwaffen-Abwürfe im zweiten Weltkrieg. Aber ein Krieg kann, wenn er erstmal entfesselt ist, nicht als der Hüter der Moral bezeichnet werden, sondern eher als deren Vernichter.

Die Moral als Solches ist im Volks-Bewusstsein und im jeweiligen Zeitgeist streng verstrickt und erinnert tlw. an die Auswirkung eines gedanklichen „Virus“ der von Vera Birkenbihl einst so anschaulich beschrieben wurde.

Moralischer Zeitgeist

Es ist z.B. derzeit unmoralisch, zu rauchen. Die Denkweise hat sich bei den Menschen (bzw. einer bestimmten bürgerlichen Schicht von Menschen) stark verbreitet und z.B. in Bayern zu einem Volksentscheid geführt, der dann das Rauchen aus öffentlichen Räumen und Kneipen verbannt. Noch vor ca. dreißig Jahren haben viel mehr Menschen geraucht, es gab Werbung im Fernsehen dazu und es war sogar „schick“ wenn man rauchte. So schnell können sich die Ansichten drehen und so flexibel ist die Moral.

Dann gibt es aber unmoralische Dinge, die schon immer unmoralisch waren und sich wahrscheinlich nicht ändern werden. Vieles findet man in den zehn Geboten oder anderen Gesetzen wieder: Jemand zu töten ist sehr unmoralisch, genauso wie stehlen, lügen, fremd gehen, usw.

Aber die Dinge können auch aufgeweicht werden, „Fremd gehen“ ist z.B. nicht mehr ganz so unmoralisch wie einst. Es gibt viele Dating-Plattformen im Internet, die sich darauf spezialisiert haben und einen bequemen Seitensprung anbieten. Auch das einst stark verpönte uneheliche Kind ist heutzutage kein Problem mehr, eine Brustvergrößerung kann machen, wer will und die Patchwork-Familien sind an der Tagesordnung. War die Scheidung vor ein paar Jahren (vor allem seitens der Frau) noch ein Riesenproblem, hat sich die moralische Bewertung dessen heute stark gewandelt. Vieles ist „normal“ geworden , was früher noch „unmoralisch“ war.

Grenzenlose Moral?

Vielleicht können die letzten Jahrzehnte mehr als je zuvor eine Befreiung des Menschen von der Moral bezeichnet werden. Alles muss schneller, besser größer sein, die persönlichen Freiheiten haben in den Industrieländern stark zugenommen und der materielle, volkswirtschaftliche Reichtum ist stark angestiegen. Natürlich kommt der Reichtum nicht bei allen an, denn durch das moralische oder nicht-moralische Handeln von einzeln wird eine ungleiche Verteilung voran getrieben. „Reichtum für alle“ war gestern und heute eine Utopie wie je zuvor und die Verfechter des Kommunismus sind „höchst unmoralisch“ (obwohl sie ja eigentlich etwas moralisch gutes wollen, nämlich Reichtum für alle..).

Diese riesige Freiheit an Möglichkeit und Entscheidungen führt aber auf der anderen Seite auch zur Unsicherheit. Wo alles möglich ist und die Grenzen der Moral ausgehebelt wurden, gibt es auch keine Grenzen mehr. Wer begrenzt unseren Konsum, wenn nicht wir, durch unsere Moral? Wer hält uns davon ab, pro Woche 20 kg Fleisch zu essen und uns mit Süßigkeiten vollzustopfen? Bestimmt nicht das Geld, bestimmt nicht der Mangel an Lebensmitteln- sondern nur wir selbst.

Die Befreiung von der öffentlichen Moral und den äußeren Grenzen ruft automatisch unsere Verpflichtung zu einer inneren Moral wach. Die innere Moral ist oft der einzige Pfeiler, der uns geblieben ist. Er muss unweigerlich wachsen, wenn wir nicht in der Fülle der Möglichkeiten untergehen und völlig den Halt verlieren wollen.

Der Mensch, so frei wie er auch ist, kann nicht ohne Moral leben. Die Moral, hat im Guten einen wichtigen Zweck: Sie ist Wegweiser und höhere Instanz, die die Dinge bewerten kann. Sie muss flexibel und darf nicht dogmatisch sein.

Nichts ist jemals wirklich fertig

Blick aus dem fahrenden Zug auf Schienen und Wolken in der Sonne

Die letzten zwei Tage hat mich eine hartnäckige Virus-Erkrankung, die sehr plötzlich kam, etwas ausgebremst. Pünktlich zum Wochenende standen der Fließschnupfen, die Gliederschmerzen und die allgemeine Schlappheit vor der Tür und haben meinen normalen Plan vom Leben erstmal wieder aus der Bahn geworfen.

Aber habe ich überhaupt ein Plan? Manchmal zweifle ich doch sehr daran, ob ich überhaupt irgendeinen Plan habe. Vor allem, wenn die Schaffens- Energie nach der allgemeinen Flaute wieder frei wird und man sich dann die ewig gleiche Frage stellt „Wo fange ich überhaupt an?“

Ich hab tausend Projekte angefangen und auf sehr viele Sachen paradoxerweise meist gleichzeitig Lust. Meistens fang ich mit einer Riesen-Begeisterung an und mache die Sache dann zwei, drei Tage – bis mich die Motivation fast schlagartig verlässt und ich etwas ganz anderes machen möchte. Und so hangel ich mich von „Projekt“ zu „Projekt“ und nichts wird jemals richtig fertig. Ich erringe überall nur Teilsiege, kleine Fragmente meines Schaffens und sie reihen sich leise nebeneinander, aber doch ohne je richtig beachtet zu werden oder einen messbaren „Erfolg“ zu erzielen. Denn wie definiert man Erfolg im engeren Sinn? Wenn es mir genützt hat, wenn es z.B. im Netz steht und betrachtet werden kann, ist es dann nicht genug? Wenn es jemand gelesen hat, wenn es jemandem den Tag erhellt oder vielleicht sogar verdunkelt, hinterfragt und am Ende geholfen hat? Oder wenn es einfach nur steht, schwarz auf weiß, ohne Ufer, ohne Halt im ewigen Meer der fließenden Bits und Bytes?

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Interdependenz

Das wichtigste philosophische Prinzip im Buddhismus scheint die gegenseitige „Abhängigkeit“ (Interdependenz) zu sein. Zumindest stoße ich immer wieder darauf, wenn ich Bücher darüber lese. Der Dalai Lama scheint das Thema besonders zu lieben und erzählt sehr viel darüber. Ich möchte also mal mit Hilfe eines Blogartikels überlegen, was „Abhängigkeit“ eigentlich bedeutet und wie wir das Prinzip in unserem Leben verstehen und anwenden können.

Abstrakt gesehen soll das – auch mit dem Begriff „Leerheit“ bezeichnete Konzept- bedeuten, dass alle Dinge in gegenseitiger Abhängigkeit bestehen und sie keine Selbst-Natur haben, die von allem losgelöst ist. Ein Baum z.B. besteht aus Elementen, die die Erde zur Verfügung stellt, er wandelt Sonnenlicht durch Photosynthese um, er produziert Sauerstoff und nimmt Kohlendioxid auf. Die Zellen teilen sich, folgen ihrem Plan, den die DNS vorgibt, je nach Umweltbedingungen formt sich ein mehr oder weniger schöner Baum. Der Baum an sich ist im Grunde nur die Summe seiner Teile und diese Teile wiederum auch nur wieder immer kleinere Teile. Der Begriff „Baum“ ist ein Element unserer Sprache und der Versuch, die Gruppe von Baumteilen zu einer Elemente- Menge zusammenzufassen und abstrakt zu bezeichnen. Dieser Zeiger, der auf die Baum-Elemente zeigt, ist wiederum veränderlich und kann z.B. je nach Sprache ganz anders besetzt sein und andere Buchstaben verwenden. Sogar die Buchstaben können anders sein oder es gibt nur Schriftzeichen dafür! Wo ist der Baum an sich also zu suchen?

Wissenschaftlich gesehen müsste man darüber hinaus die Frage stellen, was sind die kleinsten Teile und wie sehen sie aus? Ist letztendlich alles nur Energie, mal mehr oder weniger fest? Alle Teile schwingen, d.h. das ganze Universum auf das wir uns beziehen, ist nicht statisch, sondern schwingt, wir haben Frequenzen, Rhythmen, Tag und Nacht, Kreisbewegungen, aber alles andere als Ruhe und „Beständigkeit“. Es gibt z.B. Zerfallszeiten von Atomen, was wohl bedeutet, dass sie irgendwann sowieso verschwinden, zerfallen, sich neu gliedern. Ständig sind wir mit chemischen Reaktionen umgeben, in unserem Körper brodelt es nur so von hochkomplexen Abläufen, die wir meistens gar nicht beachten!

Unsere Nahrung, die wir für das tägliche Auskommen benötigen besteht beispielsweise aus einer Scheibe Brot. Das Brot wiederum musste erst verkauft werden, wir brauchen Geld (EC-Automaten, Banken) und einen Arbeitgeber (Krawatte, Anzug, Auto, Frühstück, Handy). Der Supermarkt musste mit dem Großhandel verhandeln, dieser wiederum beim Bäcker einkaufen. Der Bäcker (Bäckermütze, Schürze, Backofen, starke Hände) braucht Mehl und andere Zutaten, u.a. Getreide. Getreide wird beim Bauern angebaut, der braucht wiederum Maschinen (Mähdrescher, Traktor, Maschinenbau, Bildung), Dünger, finanzielle Subventionen. Egal, wohin wir schauen es gibt immer Abhängigkeiten und Wechselbeziehungen, nicht existiert für sich. Wir können jede Abhängigkeit je nach Perspektive und „Zoom“ bis hin zur Unendlichkeit aufsplittern, es gibt kein Ende. Je mehr wir untersuchen, desto mehr Abhängigkeiten und Beziehungen fallen uns auf und es gibt keinen Punkt, wo man definitiv sagen kann „Das Ende der Untersuchung ist erreicht.“

Die modernen Wirtschaftskreisläufe sind autonom, die Butter steht halt einfach im Regal, Geld hat man halt irgendwie auf dem Konto (oder nicht). Meistens machen wir uns keine Gedanken über die tausende Waren, die wir täglich konsumieren und schon gar nicht über die Menschen, die dahinter stehen. Das wäre auch zu komplex. In der gewöhnlichen Alltagssichtweise komprimieren und vereinfachen wir Dinge und Abläufe, um die Datenflut zu reduzieren und entscheidungsfähig zu bleiben. Je höher die Anzahl der bekannten Variablen ist, desto schwieriger wird es für unser Gehirn, alles genau zu berechnen und zu einem Fazit zu kommen. So ist es kein Wunder, dass die gesteigerte Lebensgeschwindigkeit die einfachen Tatsachen auf sozialer Ebene verdrängt, dass wir von anderen abhängig sind. Da alles so schön autonom und scheinbar selbstständig läuft, sehen wir das dahinter nicht mehr und können leicht die Zusammenhänge übersehen.

Von unserem Nachbarn sind wir heutzutage überhaupt nicht mehr „direkt abhängig“. Wer hat schon mal ein Pfund Mehl beim Nachbar geborgt? Dieser Fall wird im Fernsehen so gerne gezeigt, aber ich denke in echt ist er sehr selten.

Auch sind wir nicht mehr von unseren Verwandten so abhängig wie früher. Wir brauchen sie nicht mehr! Wir können uns die Freunde aussuchen, dahin ziehen wo wir wollen. Medizinische oder psychologische Hilfe beantragen, mit einem Pfarrer sprechen, eine Altersversorgung aufbauen, Ratgeber über Beziehungen lesen, im Internet das neuste Rezept ergooglen und das alles ohne je ein einziges mal ein Familienmitglied um Rat gebeten zu haben. Frauen brauchen ihre Männer nicht mehr so wie früher. Das Leben in der modernen Kultur wird auf die Kraft reduziert, die wir mit unseren Füßen aufbringen können (Autofahren), ein Knopf zieht das Verdeck automatisch hoch, für die Wegfindung gibt es das Navigationsgerät. Menschen werden überflüssig. Kinder steckt man in den Kindergarten, die Kosten übernimmt der Staat, Männer können Optionalerweise noch ein wenig Unterhalt zahlen (für den Luxus) oder man geht halt zum Amt.

Aber wir müssen bei niemand auf Knien rutschen, wir müssen uns nicht entschuldigen, wir brauchen keine zwischenmenschlichen Konflikte zu lösen und das ganze andere Gedöns ist auch überflüssig. Religion, Weltflucht, Moral- Gesabbel, was auch immer! Das moderne Leben führt dazu, dass das menschliche Leben und die menschlichen Werte zurückgedrängt werden können, wenn wir nicht etwas dagegen halten und unseren Geist, Gefühl und Menschenverstand benutzen.

Da wir das Geld als reduzierten Faktor der Handlungsfähigkeit haben, lassen sich die anderen (mitunter störenden) Faktoren leichter herausrechnen. Das Leben wird einfach und bequem, aber vielleicht auch „einsam“ und leer. Wie die Schattenseite einer Droge, die uns zuerst sehr glücklich macht und hinterher eine Leere und Depression hinterlässt, verführt man uns zu einem modernen, automatisierten Leben, was keine tiefgründige Bedeutung mehr hat und schnell zum reinen Vegetieren wird.

Im Buddhismus heißt es nun, man soll über diese gegenseitige Abhängigkeit nachdenken, in Folge dessen zu der Einsicht gelangen, dass wir von allen anderen mehr oder weniger abhängig sind und zum Schluss Mitgefühl für alle anderen aufbringen.

Wenn wir in unserem eigenen Egoismus verharren und meinen unser „Ich“ wäre von allen anderen losgelöst, führt es zu Stumpfsinn, Einsamkeit und Unglück. Wir können unser „Ich“ nicht wirklich beschützen, noch macht es einen Sinn, unseren Egoismus, unsere Ansichten, etc. übermäßig gegen andere einzusetzen oder gar „besiegen“ zu wollen. Wenn letztendlich alles Teil vom Ganzen ist, gibt es keinen Feind. Die linke Hand gehört zur Rechten und die Rechte zur Linken, die Frauen sind Teil der Männer und ihre Männer teil der Frauen. Es gibt nichts losgelöstes, kein für sich genommenes „weibliches Geschlecht“, was total unabhängig von den Männern existiert. Wer das glaubt, sollte man Frauen beobachten, die alleine einen Kaffeeklatsch machen und wie sie sich spontan verändern, wenn plötzlich attraktive Männer die Runde betreten. Sie sind plötzlich anders, sie reagieren auf ihre Umwelt, verändern sich, wollen ihnen vielleicht gefallen, genauso wie die Männer es andersrum auch machen.

Oder die Partnerschaften, die über die Jahre Menschen komplett umkrempeln, verbessern oder gar verderben können. Darin sieht man, wie sehr uns andere Menschen eigentlich beeinflussen und dass es letztendlich nichts gibt, von dem man sagen kann „es ist mein losgelöstes Ich und nichts beeinflusst oder verändert dieses Selbst“.

Zugegeben, es ist anstrengend, darüber nachzudenken, weil man die gewohnten Sprünge und Bequemlichkeiten mal auslassen muss. Darüber nachzudenken bedeutet bildlich gesehen, das Auto stehen zu lassen und sich zu Fuß auf den Weg zu machen. Man hat mehr Zeit, mehr Muße, sieht die Dinge mehr, wie sie eigentlich sind.

Ich kann nur jedem empfehlen, diesen Spaziergang mal zu probieren. 😉