Der Frühling- im Jahr 2160

Lange hatte er sich versteckt, man meinte, er wäre völlig verloren gegangen. Ein halbes Jahr hatten wir ihn nicht gesehen, uns innerlich von ihm verabschiedet- uns auf Dunkelheit, Nass und Grau eingestellt. Dann- mit einmal- brach er aus seinem Versteck und überfiel uns innerhalb weniger Stunden. Das Thermometer kletterte stündlich bis zur Mittagsstunde und mit der Zeitumstellung hatte der Tag plötzlich eine Stunde länger Licht als sonst. Alles ging sehr schnell. Wie ein gut geplanter, strategisch geplanter Feldzug einer Großmacht, waren die Armeen der Dunkelheit wehrlos gegen diese Breitseite aus Sonne, Wärme und guter Laune. Doch er hatte auch seine Nachteile im Gepäck: Der Staub und Dreck, der sich im Winter überall angesammelt und abgelagert hatte, wurde nun deutlich sichtbar. Die Fenster glichen einer großen Tarnnetz aus Schmutz und Erdfarben, die Fensterbänke lagen versunken in einem Meer aus Staubpartikeln der angrenzenden Baustelle. Die Sonne zeigte uns dieses Bild nun sehr deutlich und niemand konnte sich noch davor verstecken.


Riesige Hochleistungsstrahler mit mehreren Millionen Watt wurden alle gleichzeitig angeknipst und Frau Sonne machte mal wieder deutlich, wer hier eigentlich das Sagen hatte. Es ging schnell, sehr schnell. Es wurden jeden Tag wärmer. Zuerst waren es nur 8, dann 15 und am nächsten Tag schon 20 Grad über Null. Die Hummeln fingen an zu fliegen, man konnte Schmetterlinge durch die Luft zirkulieren sehen. Das Unkraut schoss mit einer Mordskraft aus den Boden und war auch mit Chemie nicht mehr zu bremsen.

Am nächsten Tag waren es bereits 25 und die Menschen fingen an, sich zu wundern. Als es dann Mitte April 30 Grad war, freuten sich viele über die „Badesaison“ und dass der Eismann schon überall herum fuhr und die köstliche Süßspeise verteilte. Die Menschen in den Städten schwitzten mehr als die Landbewohner. Vor allem in den Häuserschluchten und Dachwohnungen machte sich drückende Hitze breit. Das Wetter schlug auf den Kreislauf, Menschen, vor allem ältere, brachen zusammen und mussten ins Krankenhaus. Innerhalb von zwei Wochen war das Wetter von minus 5 auf plus 35 geklettert und dieser krasse Wechsel hinterließ seine Spuren.

Es wurde immer heißer und hörte nicht mehr auf. Nur noch die Reichen konnten es sich leisten, mit dem Auto zu fahren, denn die Spritpreise lagen bei über 40 € pro Liter und machten das einstige private Massenvergnügen Auto zu einem Premium-Dienst für Privilegierte. Die Masse drängte sich in Busse und Straßenbahnen- die auf Grund der hohen Auslastung- auch an ihre Grenzen getrieben wurden.

Die Erdbevölkerung war massiv angestiegen und betrug nun 25 Milliarden Menschen. Es wurde eng auf dem einstigen, ruhigen blauen Planeten. Der Lebensraum war so eng, dass immer mehr Tierarten gegessen, verkauft und ausgerottet wurden. Wälder konnte man meistens nur noch mit Eintrittskarte am Wochenende besuchen und wenn, dann gab es überall Überwachungskameras, die peinlichst genau aufpassten, dass niemand seinen Müll fallen ließ oder einen Ast abbrach.

Die Temperatur der Ozeane war im Schnitt seit der Jahrtausendwende um 10 Grad gestiegen, die meisten Eisberge und Gletscher gab es nicht mehr. Die Wüsten in Afrika und anderen Kontinenten hatten sich ausgedehnt. Europa war nicht mehr der fruchtbare Boden, auf den man einst so stolz gewesen war. Es gab nur noch wenig Ackerbau, der vollständig staatlich kontrolliert wurde. Man machte hingegen viel Erfahrung mit gen-veränderten Lebensmitteln und der Alltag musste mit synthetisch hergestellten, oder billig reproduzierbaren und anspruchslosen Massen-Lebensmitteln gedeckt werden. Vitamine bekam man meistens auf Rezept und jeder Arzt konnte auf dem Gesundheitschip die aktuellen Biowerte abfragen und ggf. durch Medikamente nachjustieren.

Die Menschen hatten sich daran gewöhnt. Nur manchmal- bei einem Besuch im Museum, oder dem Schauen einer Reportage über das Jahr 2009 bekamen die Zuschauer ein wehmütiges Gefühl und überlegten, wie gut es die Menschen damals noch gehabt haben…