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Der Tempel des Konsums

und der digitalen Wandlung

Gestern ging es mal wieder durch den Supermarkt. An der Eingangstür erwartete mich bereits ein riesiger, fertig geschmückter Weihnachtsbaum und noch eine dekorative Reihe aus kleinen Bäumen, die mit etwas kitschigen, roten und gelben Glitzergeschenken behängt waren. Verwundert musste ich mir die Augen reiben. „Hab ich mich etwa im Monat geirrt? Ich hab doch noch gar keine Geschenke.“ Weihnachten wurde von mir noch erfolgreich verdrängt. Gerade dieses Jahr hatte ich mir eigentlich vorgenommen, den Stress und die Geschenkezahl deutlich zu reduzieren und die Adventszeit endlich mal zu genießen! ((wie eigentlich erfolglos jedes Jahr))

Aber in den Supermärkten geht mir das oft so, denn hier ist der Einzelhandel seiner Zeit mal wieder weit voraus. Ich gehe noch etwas weiter und betrete die heiligen Hallen des Konsums. Auf der „gesonderten Verkaufsfläche“, die den Besucher auf ca. 100 qm immer als erstes empfängt, geht es munter weiter mit Geschenkpapier, Geschenkverpackungen, Weihnachtsaufklebern, Weihnachtsschmuck und kleineren, fertigen Präsenten, wie z.B. Packungen mit Parfüm oder Spielsachen für Kinder. Ich gucke nur kurz drüber, muss innerlich die Nase rümpfen und entscheide mich gegen den Aufruf zum Konsum. Wobei ich auch zugeben muss, dass die Verlockung groß ist. Allein dadurch, dass das Angebot bereit gestellt wird, wird man nämlich daran erinnert, dass da doch demnächst ein großes Fest kommt und man sich bitte darauf vorzubereiten hat. Es ist in Deutschland unmöglich, nicht daran zu denken. Weihnachten ist also so etwas wie politischer Mainstream, den man einfach zu übernehmen hat. Nur, dass der Mainstream diesmal nicht von den Politikern oder Kirchen, sondern allein vom Wirtschaftswesen und den Unternehmenschefs gesteuert wird. Mir wäre es wohler, wenn ich durch die Radioansprache eines berühmten Intellektuellen oder eines Kirchenvertreters an Weihnachten erinnert werde. Damit verbunden, die Ansprache zur inneren Wandlung, zur inneren Verantwortung und dass mal wieder jemand daran erinnert, welche Werte im Leben wirklich wichtig sind: Mitgefühl, Altruismus, Toleranz, Demokratie.
Aber gut, ich bin auch selbst schuld, denn sobald ich mich durch die Hallen eines „Konsumtempels“ bewege, muss ich natürlich damit rechnen, dass hier nicht „Liebe“, sondern „Konsum“ gepredigt wird. Wenn ich in einer Kirche sitze, erwarte ich ja auch nicht, dass man mir Gesangsbücher oder Geschenkgutscheine verkauft.

Also wird der Einkauf in gewohnter Manier fortgeführt. An den Kassen komme ich nochmal ins Grübeln. Es gibt hier fast 20 einzelne Kassen-Slots.. vor kurzem wurde diese komplett renoviert und mit neuster Technik ausgestattet. Es sieht auf den ersten Blick moderner und chicer aus. Der Kunde hat noch ein extra Display, das klarer und heller ist. Die Kassenautomaten sind insgesamt kleiner und noch „smarter“ geworden. Für die Zigaretten gibt es nun einen Automat mit Touchscreen. Man kann sogar berührungslos bezahlen.
Die wahre Motivation erkennt man aber erst, wenn man genauer hinschaut. Die Bänder sind wieder etwas kürzer und kleiner geworden, was den Stress beim Rauflegen erhöht, außerdem hat man den üppigen Platz an der „Auslaufzone“ etwas verkleinert, so dass es jetzt noch schwieriger wird, den Einkaufswagen zu drehen. Dafür wurde der Verkaufsbereich links und rechts der Bänder nochmal vergrößert. Das (anscheinend) sehr lukrative Sortiment aus Wodka-Flaschen, Kräuterschnaps, Hustenbonbons, Kinder-Spielzeug und Schokolade ist jetzt noch prominenter geworden. Dabei kaufe ich dort aus Prinzip nicht! Mir ist schonmal aufgefallen, dass hier die Preise sogar gesondert berechnet werden. (Batterien im Markt sind günstiger, an der Kasse zahle ich drauf) Außerdem werden immer ganz kleine Packungen hingestellt, was wiederum mehr Verpackung und teurer Verkaufspreis bedeutet.

Warum fragt man bei all diesen Umbauaktionen eigentlich nie den Kunden? Warum wird immer alles von oben herab entschieden? Warum gibt es nie Demokratie in den kleinen Dingen des Lebens? Ich bin gezwungen, mich in das System Einkauf einzufügen, ob ich will oder nicht.

Beim Gespräch mit der Verkäuferin habe ich sogar erfahren, dass die Verkäuferinnen das System selbst nicht gut finden. Die Kassenautomaten wurden nämlich mal nach links und mal nach rechts ausgerichtet, so konnte man die Bänder-Zone noch vergrößern und den Platz optimal ausnutzen. Rechtshänderinnen haben aber nun massive Probleme, weil die Kassen tlw. für Linkshänder ausgerichtet sind. D.h. sie müssen den ganzen Tag vor einer „falschen Kasse“ sitzen und die Arbeit quasi mit der nicht-dominanten Gehirnhälfte aus delegieren. Warum sagt eigentlich da der Arbeitsschutz und die Gewerkschaft nichts? Gibt es solche Verbände eigentlich überhaupt noch? Auch als Kundin kann ich nichts machen, ich muss das ganze so akzeptieren oder woanders einkaufen gehen. Der einzige Ausweg, der noch bleibt, ist eine Protestmail an die Unternehmensleitung.

Es gibt jetzt mehr Bänder und Einkaufsslots, aber mir ist auch aufgefallen, dass seit der Umstrukturierung teils weniger Kassen geöffnet sind. Dieser Supermarkt hatte sich immer dadurch ausgezeichnet, dass viel Personal eingestellt war und man an den Kassen so gut wie nie warten musste. Das war ein Grund, warum das mein Lieblingssupermarkt wurde. Jetzt fällt mir auf, dass an bestimmten Flaute-Tagen (z.B. Donnerstag) die Anzahl geöffneter Kassen deutlich zurückgefahren wurde.

Ich schaue mir die Frauen mittleren Alters genauer an. Ich stelle mir vor, wie sie zu Hause Männer haben, die LKW fahren oder Handwerker sind und darauf angewiesen sind, ein zweites Einkommen zu haben. Plötzlich sagt mein Mann (der immer mit anderen Augen durch den Supermarkt geht als ich) das Stichwort „Automatisierung“ und dass diese Arbeitsplätze in den nächsten Jahren auch wegfallen könnten. Mir fällt es wie Schuppen von den Augen! Er hat recht. Das sind die ersten Arbeitsplätze, die dran glauben müssen. Die Arbeit ist nämlich schon jetzt hochautomatisiert und digitalisiert. Auf jedem Produkt klebt ein Barcode, die Waren müssen nur über den Scanner gezogen werden. Alle Preise werden vom Warenwirtschaftssystem verwaltet und können von der Geschäftleitung kurzfristig angepasst werden (ähnlich wie bei den Benzinpreisen). Was spricht denn dagegen, die Kassen in nächster Zeit auf „Selbstscanner“ umzurüsten? Der Kunde könnte selbst scannen und an der Kasse müsste nur noch eine Person stehen, die alles überwacht. Das gibt es ja z.B. in der „Metro“ schon. Oder man denkt sich neue technische Lösungen aus, z.B. ein Einkaufswagen, in dem man die Waren reintut, die sich dann selbst (z.B. mit RFID-Chip) melden und dann nicht mehr entnommen werden können, bis der Kunde an der Kasse das Schloss wieder freischaltet.

Ich schaue mir die anderen, vielen Menschen an, die anscheinend alle sehr glücklich sind, in diesem Supermarkt einen Job zu haben. Sie fahren die Paletten durch die Gänge und räumen die Regale ein. An einem durchschnittlichen Einkaufstag komme ich meistens auf 10 Verkäufer und Verkäuferinnen. Auch diese können durch „Industrie 4.0“ und Vollautomatisierung ersetzt werden. Roboter für Regale oder vollautomatisierte Lagersysteme gibt es ja jetzt schon. Vielleicht kreuzt mir beim Einkaufen demnächst ein kleiner Roboter den Weg, der mit Hilfe von künstlicher Intelligenz und GPS das gewünschte Regal ansteuert und dort alles ablegt?

Was wird dann mit den Menschen, die jetzt froh sind, einen Job zu haben? Die bei der Programmierung der neuen Roboter vermutlich nicht dabei sein werden und die auch keinen Supermarkt geerbt haben?

Zugegeben- bei allem Optimismus über die schöne neue Welt- ist das eine Vorstellung, die mir Sorgen macht. Wenn man Populismus und extreme Wahlentscheidungen in Zukunft vermeiden möchte, muss man solche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen erkennen und Lösungen dafür erarbeiten. Beim Supermarkt-Beispiel gibt es dafür verschiedene Ansätze: Z.B. müssten die Löhne deutlich steigen, so dass Familien nicht unbedingt auf zwei Einkommen angewiesen sind. Auch die steuerliche Entlastung kleiner und mittlerer Einkommen wäre dringend notwendig. Gewinne, die aus der höheren Produktivität und den technischen Fortschritten entstehen, müssten direkt an die Menschen und Arbeitnehmer weitergegeben werden. Es werden in Zukunft mehr Arbeiten durch Maschinen und Roboter erledigt, der Faktor Mensch kommt immer weniger vor. Also wäre auch eine “Maschinensteuer” denkbar.
Und es müsste mehr für Bildung in der Breite getan werden. Entwicklungen wie „Industrie 4.0“, Elektromobilität und Digitalisierung dürfen nicht verschlafen oder verdrängt werden. Die Industrie (und die Politik) muss wettbewerbsfähig bleiben, sich auf neue Entwicklungen rechtzeitig einstellen und auch dafür sorgen, dass sie Fachkräfte ausbildet und die Menschen bei diesem Wandel mitnimmt.

Das goldene Osterei

Passend dazu : Flash mich

Ganz gut geschlafen bis 9:30 Uhr, die Sonne blinzelt schwach durch die staubigen Scheiben, die Heizung gluckert vor sich hin, es duftet nach Kaffee. Der Hals kratzt, der verschlafene Blick auf das Außenthermometer zeigt 4 Grad plus (minus? kommt mir so vor), es muss Ostern in Deutschland sein!

[Rückblick]

Ende Januar wurden im Supermarkt die ersten Osterhasen-Paletten eingefahren. Die Vorräte stapelten sich bis zur Decke. Leider hatte ich da noch keinen Appetit auf Schokolade in Hasenform. Anfang März hab ich mich dann getraut und das erste gekauft. Die Paletten wogen zusammen immer noch 1270 kg und waren nur mit Hubwagen zu bewegen. Manchmal sah man gestresste Verkäufer wie sie verschwitzt die riesigen Warenmengen hin- und herbewegten.

[Zeitsprung]

Gestern wollten wir auf den letzten Drücker, also genau einen Tag vor Ostern, Oster-Geschenke kaufen. Schlechte Idee! Die Vorräte waren krass reduziert. Aus den zwölf Paletten Osterhasen und Eier sind nun drei geworden. Künstliche Verknappung! Die Leute haben sich fast um das Zeug geschlagen! Überhaupt, die Leute! Ein Ameisenhaufen ist eine Yoga-Veranstaltung dagegen. In der Hektik übersah man auch die Preisschilder. Einbilden konnte ich mir nur den Geschäftsmann des Süßwaren-Konzerns wie er sich heimlich in seiner Fabrik die Hände rieb. Und die Chefs der Handelskette in ihreen verspiegelten Büros, wie sie die Massen konttrollierten und individuellen Einkaufs-Profile mit Hilfe der Überwachungskamera und den Kassenbons erstellten.

Aus der großen kapitalistischen Waren-Freiheit wollten wir anschließend noch eine dämpfende Kuppel-Lampe für den Küchentisch kaufen. Leider war hier der politische Druck und die Lobbyarbeit aus der EU mal wieder stärker als der freie Wille. 60 Watt-Birnen mit herkömmlichen Glühdraht gibt es nicht, 75 Watt- Birnen schon lange nicht mehr. Ein paar funzlige 40 Watt-Birnen sind noch zu haben. Aber auch die sind gefährlich. Mit denen kann man das Klima erschlagen. Also müssen sie verboten werden. Kohle- und Gaskraftwerke sind allerdings noch weiterhin erlaubt.

Ganz unten, am Rand des Regals fanden wir eine Kuppellampe. Eine in 40 Watt und eine in 60 Watt. In 60 Watt! Ich konnte es kaum glauben, dass das noch erlaubt ist. Die Verpackung war indes leicht verstaubt. Man musste sich bücken, die Knie knackten und der Gürtel spannt ein wenig. Zur Auswahl, in der Premium-Etage, standen jede Menge sündhafte teure LED-Lampen ab 14 Euro aufwärts. Aber nicht verspiegelt, nicht gedämpft. Einfach eine Lampe halt. „Warm-White“. (Und was ist mit den Leuten, die kein Englisch können?) Im riesigen Lieblings-Baumarkt mit den 12.000 Quadratmeter Produktfläche. Ich schnappte mir zwei Ostereier-Glühbirnen und trug sie wie einen zarten Schatz durch den ganzen Baumarkt vor mir her. Jetzt soll mich bloss keiner anrempeln! Ich hab hier etwas sehr wertvolles vor meiner Brust.

[Epilog]
Bildete ich mir das ein, oder grinste die Verkäuferin, als sie uns sah? Ein Schmunzeln konnte sie wohl nicht verkneifen.

Aber ich hatte meinen Schatz. Und ganz vorsichtig navigierte ich mich durch das Labyrinth der Massen. Geschafft! Draussen an der frischen Luft wehte mir der kalte, eisige, Nord-Ost Sibirien Wind um die Nase. Es regnete.

Zu Hause schraubte ich das goldene Osterei rasch ein. Zu dunkel, dachte ich mir spontan.

Frohe Ostern euch alle!

Pflichtübungen

Gestern war ich mal wieder im Supermarkt einkaufen. Ich hatte gehofft, etwas interessantes zu erleben oder zu sehen und dann einen passenden Artikel in das Blog zu stellen, so quasi als „Nebeneffekt“ zur eher langweiligen Routinearbeit. Leider wurde ich damit etwas enttäuscht, denn der Dienstag war ausgesprochen ruhig und nur wenige Menschen tummelten sich in den Gängen. Das Klientel bestand hauptsächlich aus Hausfrauen, älteren Ehepaaren und Einzelpersonen. Jüngere Menschen oder Familien mit Kindern, vor allem in größeren Gruppen, sieht man eigentlich hauptsächlich am Samstag, dann wenn es am vollsten ist (und das Einkaufen somit auch am Streßigsten).

Ein älteres Ehepaar stand bestimmt 10 Minuten vor dem Soßenregal und Fertiggerichten, das Angebot war so groß und unübersichtlich, dass es mir auch schwer fiel und ich neben ihnen bestimmt auch 10 Minuten nach den Soßennamen „gescannt“ habe. Die Lebensmittelindustrie hat sich wirklich auf jede Individualität eingestellt. Nur bei der Orientierung bräuchte man eine angeschraubte Tablet-Regal-Suchmaschine – oder noch besser einen persönlichen Assistenten, „Verkäufer“ genannt (die haben keine Zeit, fahren gerade mit den Paletten-Hubwagen spazieren). Irgendwann war der Ehemann etwas genervt und auf einem lustigen bayrischen Akzent fragte er dann seine Frau „und hoschd es?“.. woraufhin sie irgendwas grummelte und die beiden von dannen zogen.
Große Beliebtheit erfreuten sich auch die Regale mit den Gesundheitsprodukten und Nahrungsergänzungsmitteln, wo man wieder auffällig viele ältere Menschen beobachten konnte. Direkt daneben, das Schönheitsregal, wurde allerdings intensiv von ein paar jungen Frauen bevölkert. Gesundheit und Schönheit- wichtige Faktoren im Leben. Auch ich machte hier kurz halt und steckte eine Packung Bierhefe-Tabletten in den Warenkorb (nur 1.95 Euro – wie war das? wahre Schönheit kommt von innen, hoffe ich doch mal). [ Blick zurück: Vor einer halben Stunde stehe ich vorm Badezimmer-Spiegel, in der einen Hand die Probe mit der „Anti Falten-Creme“. Brauche ich wirklich schon Anti-Falten- Creme? Und wie komme ich eigentlich in den Besitz dieser Probe? Wegschmeißen will ich sie nicht, dazu sieht sie zu teuer aus. Also suche ich mein Gesicht verzweifelt nach Falten ab, um die irgendwo draufzureiben, aber vergebens. Okay, wird sie halt als normale Tagescreme benutzt. Hm… fühlt sich gut an. Hey, die Haut wird ja wirklich geschmeidig! Bilde ich es mir ein oder werde ich heute tatsächlich von allen Seiten angestarrt? ]

Der Rest des Einkaufs lief weiterhin ruhig und ohne merkenswerten Ereignisse. Ich wechselte den Markt, um im Discounter noch eine Lage H-Milch zu kaufen (nur 59 Cent, schon wieder reduziert! ). Auf dem Weg zum Ausgang entdecke ich noch was geniales: Halloween-Suppe! Mit einem grinsenden Kürbis drauf und einer gruseligen Hexe. Das Motiv spricht mich sofort an, dazu noch reduziert- zugreifen! Zu Hause merke ich dann, dass der Kürbis-Anteil leider nur bei 15 Prozent liegt und das ganze noch mit Apfel-Püree gestreckt wurde (Apfel-wtf? Das ist aber wirklich gruselig). Egal, nächstes Halloween mache ich die selbst, so wie eigentlich geplant..

Am Ausgang fällt mir dann eine junge Dame auf, die gar nicht anders kann, als aufzufallen. Allein schon von der Lautstärke und ihrer klaren, dialektfreien Stimme her. Um den Bauch hat sie einen neumodischen Tragegurt mit Baby drin, an der Hand ein kleines Mädchen und irgendwo zwischen den Regalen saust noch ein etwas älterer Junge hin und her. Ich zähle mit und komme auf drei Kinder. Die Mutter hat alle Mühe, ihre Kleinen zusammenzuhalten, vor allem die beiden Kleinkinder sausen überall hin und her und machen keine Anstalten auf die Rufe der Mutter zu hören. „Marvin komm her! Nein Lara, nicht unter das Regal klettern. ach lass doch bitte den Schrank zu. Nein das nehmen wir nicht mit, soviel Geld hab ich nicht…wo seid ihr denn jetzt schon wieder??“

Bei allen anwesenden Frauen (ältere…) wird anscheinend automatisch ein Pflege-Instinkt ausgelöst, denn plötzlich bemühen sich alle um diese deutsche Ausnahmeerscheinung „Mutter“ zu buhlen. Die eine lässt sie vor und räumt dafür extra ihre Waren auf dem Band um („kein Problem, soviel Zeit hab ich noch“) … Die anderen nehmen Kontakt mit ihr auf und reden über die Kinder und ihre eigenen Erfahrungen damit. Plötzlich haben wir Kindergarten mitten im Supermarkt! Eigentlich ganz lustig. Dennoch kann ich mein Mitleid (Mitgefühl?) über diese junge Mutter vor mir nicht ganz unterdrücken. In Frankreich oder in Dänemark hätte sie ihre Kinder ganz locker in einen Hort gegeben, hätte dann den Einkauf in Ruhe machen können und nachmittags noch ihrem Hobby nachgehen können. So oder ähnlich stelle ich es mir vor. Nur in Deutschland heißt Mutter-Sein anscheinend immer noch: Vollzeit-Mutter sein, ansonsten Rabenmutter. Entweder Mutter sein oder gar nicht. Ein „dazwischen“ gibt es nicht.

Mutter sein bedeutet: Bemitleidet werden für diesen jämmerlichen Zustand, bei dem du rund um die Uhr arbeitest, dafür aber kein Geld „verdienst“ und vor lauter schlechtem Gewissen der Nicht-Eltern mit „Mitgefühl“ überschüttet wirst. Sehr verdächtig, soviel Anteilnahme und Mitgefühl. Da muss was dran faul sein!

Ich versuche mich in das lockere Kinder-Kassen-Gespräch einzuschalten, aber es gelingt mir nicht. „Na viel los heute an der Kasse. Ist das wegen dem Umtausch?“ versuche ich die Discounter-Kassiererin in ein Gespräch zu verwickeln. Eben hat sie noch lustig-locker mit ihrem (männlichen) Kollegen erzählt, über die Köpfe der Kunden hinweg. Dann ist sie gut drauf, schließe ich. Sie schaut mich jedoch nur entgeistert an. Eine halbe Minute. Schweigt. Guckt etwas beleidigt und fängt an, mich zu mustern. Damit hat sie jetzt nicht gerechnet, dass sie jemand anspricht. Dazu noch zu einem „Kunden-fernen“ Thema, den Wartezeiten oder den seltsamen Umtausch-Gewohnheiten des Discounters …

Bezahlen und weg hier. Der Wocheinkauf ist wenigstens wieder erledigt.

Podcast: Einkaufen im Supermarkt – 1

In diesem Podcast geht es um das Einkaufen im Supermarkt und meine – teils- philosophischen Gedanken dazu:

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Erfahren Sie hier alles über:

  • warum sprechen anstrengender ist als schreiben
  • wie man einkaufen noch angenehmer machen könnte
  • warum es eigentlich noch keinen gebremsten Einkaufswagen gibt
  • warum in der Pfalz die Leute immer zusammen stehen und quatschen
  • was man beim Wurst einkaufen alles falsch machen kann. 😉
  • .. zum Schluss gibt es noch ein paar hintersinnige Gedanken zur Realität und wie wir sie erschaffen
  • .. interessierte Menschen erfahren auch etwas über den selten gewordenen Begriff “Demut”

Viel Spaß beim Anhören!

 

Links zum Nachschlagen:

Einkaufen im Wind

Zurück in der Mühle des Alltags. Die Räder drehen von morgens bis abends. Der Verkehr in der Kleinstadt ist etwas gemütlicher als im Zentrum der „Metropolregion“ mit den zusammengefasst rund zwei Million Erdenbewohnern.

Die Parkplätze sind diesmal frei, allerdings nicht ganz ohne umherfliegende Blätter, Brocken und Teile. Eine lange Folie hat es den vorbeihetzenden Supermarktbesuchern besonders angetan und wickelt sich mit Vorliebe um eilige Knöchel. Beim ersten Mal muss man schon schmunzeln, beim zweiten Mal laut lachen. Ein kleiner Lichtblick im ansonsten recht milden und grau-hässlichen trüben Winter. Kein guter Tag für Fotos für einen Besucherprospekt. Die Schönheit der Region gibt es zu anderen Jahreszeiten viel besser. Einzig der Sonnenuntergang am Abend mit dem blass-roten Strahlen hinter bewegten Wolken kann ein wenig milde stimmen.

Mit den Texten kann man versuchen, die schönen und besonderen Seiten ein wenig zu betonen, so wie die Augenränder mit Kajal. Frei wie eine Skizze und dabei verfremdet durch den Blick des Malers. Jedes Kunstwerk trägt auch ein Stück Selbstoffenbarung in sich.

Die Verkäuferin der Getränkeabteilung hat es eilig und wirft meine mühsam vorsortierten Flaschen durcheinander und in der Hektik gleich ganz auf den Boden. „In die Kästen einsortieren“ schnarrt sie mich fast im Befehlston an. Dabei hat sie die Flaschen doch fallengelassen! Ich schätze ihr Alter auf Anfang 20, also fast zwei Jahrzente jünger als mich ein…. in aller Seelenruhe stelle ich das Leergut irgendwo hin und sortiere ein bisschen. Reicht ja schon, wenn man soviel Geld im Konsumtempel lässt, jetzt muss man sich auch noch anschnarren lassen. Aber das ist bestimmt nicht persönlich gemeint. Ich hab heute in der Früh zum Glück gelernt, dass jede Nachricht verschiedene Anteile enthält: Eine Sachinformation, einen Appell, eine Beziehungsebene und die Selbstoffenbarung. Ich sollte mir mehr Mühe geben, nur die Sachinformation zu hören. Die Flaschen sollen schön sauber in die Kästen einsortiert werden. Den Appell.. kann man überhören, über die Beziehungsebene mag ich gar nicht erst nachdenken… und die Selbstoffenbarung? „Sch.. Job“ bleibt da vielleicht noch hängen und „schon wieder so eine blonde Kundin, die von nichts eine Ahnung hat und mir alles durcheinander macht, da beuge ich besser vor!“.

Aufsehen erregt auch der LKW, der rückwärts und recht umständlich auf den viel zu kleinen Weg des Burger-Restaurants hineinbugsiert. Mit dem PKW hat man schon Probleme, vor allem weil die Bordsteine so hoch und steil gebaut sind. Alle Achtung, dass der das mit dem LKW auch noch rückwärts schafft! Hinaus kommt ein junger Mann mit Knopf im Ohr, wahrscheinlich der Chef, der ihn andauernd zusammenstaucht und/ oder neue Befehle gibt. In aller Eile werden Paletten auf die Laderampe gekarrt, die angesichts der heftigen Windböen so dicht an der Kante eifrig schaukeln- aber sicher halten, der Fahrer hat Erfahrung, das sieht man gleich. Leider ist er ganz allein. Stress im Job, Personalmangel, Kosten sparen- die Rentenkassen müssen ja irgendwie gefüllt werden. Bald ist die Zufahrt wieder frei und wenn ich nicht diesen Text geschrieben hätte, hätte ich ihn schon längst wieder vergessen.

Etwas müde geht es zur letzten Station, dem Supermarkt. Die Gänge sind voll, der Laden ungeplant und die neuraligschen Punkte setzen sich zu wie die Arterien eines Fettleibigen bei zuviel Cholersterin. Zu allem Übel wurde der Markt vor kurzem großflächig umgebaut und ich finde überhaupts nicht mehr. Keine Lust ständig die Kilometer umsonst zu rennen und dabei Kram zu kaufen, den ich nicht wirklich brauche. Schnell raus hier. Mein Kampf-Fluchtsystem scheint noch einwandfrei zu funktionieren. Nur das nötigste wird gekauft. Vorräte aufstocken, nichts weltbewegendes, noch kein Festessen ist dabei, obwohl ich angesichts der vielen Ware schon wieder eifrig Ideen im Kopf produziere…

Das Highlight an diesem Tag war… das Gespräch am Abend. Mit Videofunktion. Wie schön praktisch die neue Welt ist. Fehlerfrei und ruckelfrei und nur ein kleines Echo… leider sieht man auch die Müdigkeit mehr, die sich immer mehr anschleicht, die Worte vertauscht, die Lider beschwert und schließlich voll und ganz Besitz ergreift…

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