Semina

Semina greift Dir an die Schulter und lächelt Dich freundlich an „Mensch Juana, da bist du ja!“
Du erschrickst fast ein bisschen, als du sie siehst. Du hast sie irgendwie nicht erkannt. Obwohl Du zweimal am Café vorbei gegangen bist und ganz gründlich nach ihr gesucht hast. Du hast sie einfach nicht gesehen.
Wie auch? Dein Herz schlägt Dir bis zum Hals und du fühlst dich furchtbar nervös. Du bist eine halbe Stunde zu früh in der Stadt gewesen… hast Dir noch den schönen Brunnen und die schlichte Kirche angeschaut. Die Stadt war voll, voll mit Menschen, die in den Cafés auf der Fußgängerzone gesessen, gelacht und erzählt haben. Du musst alle Menschen unwillkürlich anschauen, beobachten, ja fast anstarren. Du bist plötzlich so interessiert an Menschen! Du spürst eine große Sehnsucht, dich einfach in eines der Cafés fallen zu lassen und ein Teil von ihnen zu werden.
Aber der Treffpunkt ist ja woanders. Du hast ein wenig Durst und musst auf Toilette. Aber es geht noch und so beschließt Du ein paar Fotos von den Innenräumen der Kirche zu machen. Es gibt sogar eine Toilette hier, aber davor ist ein großes Eisengitter mit einem Vorhängeschloss. „Nicht heute!“ denkst Du dir.

„Wie gehts Dir denn so?“ Sie schaut dich mit großen Augen an… aber du ringst noch mit der Fassung und mit dir selbst. Hier sind überall Menschen um dich herum. Sie sind so nah. Es ist so warm, du bist das nicht gewohnt. Sie sitzt da in einem wunderschönen hellen, weißen Kleid mit ein paar Blümchen drauf und wirkt so nett und strahlend. Es ist einfach überwältigend, sie anzuschauen! In ihrem ganzen Wesen ist all das, was du sehnst, was du liebst, was du begehrst. Was du nie warst und nie sein wirst, egal wie du dich auch anstrengst. Sie ist die Freundlichkeit in Person… und diese Freundlichkeit, dieses göttliche Wesen hat sich die Zeit genommen, mit dir einen Kaffee zu trinken. Da bekommst du erstmal keine Worte raus und du merkst, wie du verschlossen bist. Langsam beobachtest du die Menschen um euch herum, ob irgend jemand irgendwas auffällt.. was da überhaupt für Menschen sind. Dann bestellst du etwas zu trinken. Du nimmst einen Cappucino und sie einen Eiscafé.

Ihr plaudert. Langsam wirst du lockerer. Du denkst nicht mehr über Deine Stimme nach.. oder wie du wirken kannst. Sie macht es Dir leicht, dich zu öffnen. Ihre freundliche Art lockert Dich und öffnet alle Schranken. Es ist verblüffend, das zu erleben. Du hast dich selbst eigentlich immer für einen lockeren, offenen Menschen gehalten. Aber wenn du dich mit ihr vergleichst, dann warst du vorher ein Stück Stahl, in das man einen Nagel aus Butter schlagen wollte.

Die Zeit verrennt wie im Flug. Du weißt gar nicht mehr genau, was du gesagt hast. Du glaubst, dass es sich dumm angehört hat. Etwas planlos. Du ringst nach Worten und Erinnerungen. Nichts fällt Dir ein. Der Moment ist noch zu stark. Wie gebündeltes Licht aus einem Laserstrahl, der sich direkt durch deine Seele brennt.

Hin und wieder lacht sie über deine blöden Gedanken. Du freust dich, dass es Dir gelingt, wenigstens ein bisschen witzig zu sein.

Ihr beschließt, euch an diesem schönen Tag noch etwas anzuschauen. Also bezahlt ihr die Getränke und geht ein bisschen durch die Fußgängerzone. Die Bewegung tut gut. Endlich kommt etwas Luft an die Arme… hier sind noch mehr Menschen. Aber du siehst die anderen nicht, du siehst nur SIE. Du hast die Haare auf gemacht und trägst sie jetzt auch lockerer… deine eigenen blonden Haare werden vom Gegenwind ordentlich durchgewirbelt. Sie geht sehr schnell den kleinen Hügel hinauf, du hast Mühe, mit zu halten. Nach ein paar Minuten trefft ihr einen jungen Mann, der etwas „besonders“ aussieht. Jung und kräftig, er wirkt aggressiv und entschlossen. So jemanden würdest du fürchten, wenn du alleine unterwegs bist. Aber er kennt deine Begleiterin und begrüßt sie freundlich! Sie sind alte Schulfreunde. Deine Freundin plaudert mit ihm, als sei es das normalste der Welt. Er ist ganz nett, an dir aber gar nicht interessiert. Er will einen trinken gehen.

Du bist erstaunt, wen sie alles kennt und wie klein die Welt ist. Und wie leicht sie sich mit anderen Menschen tut. Du wünscht Dir, dass du auch diese Lockerheit und Normalität hättest. Aber du bist besonders. Du kannst es dir nicht aussuchen. Du bist so, wie du bist.

Ihr geht in das Museum. Die Taschen werden eingeschlossen. Da gibt es viele Spinde mit Nummern drauf, fast alle sind leer an diesem Samstag. Du fragst sie nach ihrer Lieblingszahl. Blöde Frage, denkst du dir, warum frage ich das eigentlich? Aber sie hat tatsächlich eine Antwort darauf… das ist verrückt.
Sie wundert sich nicht über deine Frage, sondern beantwortet sie so selbstverständlich, als wenn du nach ihrer Lieblings-Fußball- Mannschaft gefragt hättest.

Ihr schaut euch moderne, abstrakte Kunst an. Die Räume sind kühl und weiß und nackt.
Die Kunst ist schlicht und grau. Die Aufsichtsperson wirkt skurril und welt-entrückt. Sie starrt den ganzen Tag auf diese farblose, graue Kunst, die sich fast kein Mensch anschaut.

Im nächsten Stockwerk wird es bunter und lebendiger. Hier fühlt ihr euch wohler. „Ah neue Sachlichkeit“ Ein Kunstkenner ist mit seiner Gattin unterwegs und begutachtet fachmännisch die ausgestellten Stücke.

Es geht weiter nach oben… die Werke werden immer besser und interessanter. Sie interessiert sich für alles, so wie du. Es ist so… als ob ihr das schon seit 20 Jahren so macht. Es fühlt sich normal an.

Nach dem Museum geht ihr noch was trinken. Sie bestellt sich ein Bitter Lemon und du nimmst ein Tonic Water. Plötzlich merkst du, wie eine Angst in dir aufsteigt. Die Zeit, sie rennt. Was schon drei Stunden?
Du hast Angst vor diesem Moment der Trennung. Er ist mit Schmerz verbunden. Du drückst sie herzlich und fest.

Dann ist sie weg.