Sehnsucht

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Stunde um Stunde hatte sie jetzt am Computer gesessen und Seite um Seite im Internet angeklickt. Sie war von einer Shopping-Seite auf die nächste gesurft, ständig dabei, die Preise zu vergleichen und zu überlegen, wo es noch etwas günstiger gewesen sein könnte. Nebenbei hörte sie innerlich Musik und hatte einen großen Spaß daran, die technischen und ästhetischen Details aller Produkte zu untersuchen, auf die so gestoßen war. Egal welche Produktgruppe, in dieser Woche hatte sie irgendwie an allem Gefallen. Ob das nun exquisite Kleidung, teure Möbel, aufwändige Bilder, geniale Mp3-Player oder andere Spielereien für den Computer waren. Ständig entdeckte sie was Neues und stellte sich vor, ihr eigenes Zimmer, das Haus oder gar das ganze Leben mit diesen Dingen einzurichten. Was würden die anderen sagen, wenn sie das gekauft hätte? Würde sie bewundert und geachtet werden? Welches Produkt würde sie benötigen, um ihren Ruf zu verbessern? Wo gäbe es am meisten Beifall, wo den meisten Neid? Welches Produkt würde man kaufen müssen, um den anderen zu beeindrucken, zu gefallen oder zu schmeicheln?

Welche Rolle würde sie spielen wollen, auf welche Farbe hatte sie gerade Lust, welches Gimmick fehlte noch in ihrem Leben? Im Moment war sie bereit für Neues, und wollte alles zusammen, das merkte sie ganz klar.

Sie träumte sich auf diese Weise ihr Leben bunt und verbrachte Stunden und Tage in diesen Welten. Im Geist war ihr ganzes Leben auf diese Weise verbracht und ausgestattet. Viele nette Menschen würde sie treffen, fröhliche Gespräche führen und endlich mal wieder in der wärmenden Sonne spazieren gehen.

Sie würde sich vielleicht neu verlieben, einen netten Mann kennenlernen. Für ihn würde sie sich sehr hübsch machen und nur die feinsten Stoffe verwenden. Mit ihrem neuen Handy würde sie ihn anrufen, in der neuen Lederhandtasche ihr Handy verstauen, den neusten Lippenstift in pink für ihre natürliche Aura verwenden.

In einer stillen Nacht würde sie ihn mit dem neusten Duft verführen, herzlich umarmen und innig küssen, nur um dann ganz leise in seine Hosentasche zu greifen und sein Portmonai zu entlocken.

Von dem auf diese Art und Weise gewonnenen Geld würde sie sich endlich neue Massivholz-Möbel kaufen- oder wer weiß, vielleicht gleich ein neues Haus? Ein hübsches, am Strand. Ein gemütliches in den Bergen. Oder beide? Dazu ein Auto, ein neues. Im glänzenden Rot, vielleicht in Schwarz. Es hätte einen guten Motor, zuverlässig und stark. Ihr perfekter Begleiter für weitere Abenteuer in der Nacht.

Ihr Aussehen würde sie bei der Kosmetikerin verbessern, beim Friseur die Haare stylen lassen und letztendlich bei ihrer privaten Psychologin die Sorgen abstellen.

Wenn das alles nicht helfen würde, würde sie ein paar von diesen Pillen im Internet bestellen. Die würden die Welt bestimmt sehr schön machen. Da war sie sich sicher.

Und wie sie gerade so am Sinnieren war, da kam jemand von hinten und legte ihr die Hand auf die Schulter „So Frau W. nun wird es aber Zeit…“

Es war die Gefängnis-Wärterin. Sie forderte die junge Frau auf, den Gemeinschafts-Computer zu verlassen und wieder in ihre Zelle zurückzukehren.

Leise seuftze sie, als sie sich vom Stuhl erhob. Vielleicht im nächsten Leben..

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