Schwimmbad

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Passende Musik: Free me

Du erstarrst, als du das Gebäude siehst. Du hast Angst, richtig Angst. Du merkst, dass es doch noch eine Blockade in Dir gibt.
Es ist eben nicht alles so einfach, es gibt noch verdammt viel Widerstand.

Du weißt noch nicht alles und du kannst noch nicht alles.
Du fühlst dich einen Augeblick lang wie 12, obwohl du schon 40 bist.

Deine Begleiterin ist auch nicht besonders hilfreich, sie wirkt genauso unentschlossen und zögerlich wie Du. Jede wartet darauf, dass die andere vorgeht.

Du erstarrst, als du die Türen mit den Symbolen für „Frauen“ und „Männer“ siehst. Unbewusst und etwas hilflos steuerst du auf „Frauen“ zu. Deine Begleiterin lacht!

„Julia, doch nicht da lang. Das sind nur die Toiletten. Hier gehts rein!“

Du hast die kleine Schranke übersehen, die mit dem Chip-Armband geöffnet wird. Es wird immer nur genau nur ein Mensch eingeschleust. Alle Geschlechter gehen durch das gleiche Lebenstor. Ein Glück!

Vor der Dusche erstarrst du schon wieder. „Müssen wir da wirklich rein?“ Mit einem hilflosen Blick schaust du zu ihr rüber.
„Warum denn nicht?“, sagt Dir die unsichtbare Antwort.
Die Dusche ist voller kleiner Mädchen im Alter von 9 bis 10 Jahren. Sie gackern herum, waschen sich gegenseitig die Haare und sind recht fidel. Ihre Lehrerin ist auch da und möchte sich bei euch entschuldigen, weil so viel Rummel ist. „Kein Problem!“ Darin seid ihr euch einig.

Du erinnerst Dich an die Zeit, als du 9 oder 10 warst.

Du hattest immer einen Freund dabei. Einen einzigen Freund, den du sehr gemocht hast. Er war lustig und hat ständig blöde Späße mit Dir gemacht. Ansonsten war alles anders.

Früher gab es Fußduschen gegen Nagel- und Fußpilz. Die hast du hier, in diesem Schwimmbad noch nicht gesehen. Auch der Geruch nach Chlor ist viel schwächer und man benötigt keine Badekappe.

Es ist eigentlich ganz leicht. Ihr duscht ein bisschen, dann geht es in den großen Raum. Schön, wie das blaue Wasser so leicht hin- und herschwappt und glitzert.

Der Aufbau der Seitenbegrenzung kommt Dir ein bisschen vertraut vor, ansonsten ist alles neu. Deine Begleiterin quatscht gleich jemand an. Das macht sie gerne und das kann sie gut. Du bist froh, dass es so ist. Denn du würdest im Moment kein Wort raus bekommen, bist noch immer so aufgeregt wie vor einer halben Stunde.

Aber du hast genug vom Reden. Es erinnert dich ans „Denken“ und das hast du in den letzten Tagen schon genug gemacht.

Du willst jetzt handeln! Die stürmische Widderin in Dir kommt durch. Du willst jetzt da rein…

„Zuerst ins Nichtschwimmerbecken oder gleich ein paar Bahnen ziehen?“ Du denkst noch ca. eine Minute darüber nach.

Dann gehst du so selbstverständlich wie nie in das Schwimmerbecken. Du fühlst dich kurz wie ein Hund, den man ins Wasser geworfen hat und der einfach mit dem Strampeln anfängt. Aber dann erinnerst du dich recht schnell „wie das ging“. Die Bewegungen kommen wir von selbst.

Es geht sogar recht gut!

Wie du da so durch das Wasser gleitest, waschen sich die Ängste von Dir ab. Du fühlst dich geborgen und sicher. Es schwappt auf und ab.
Endlich ist die Schwerkraft weg.

Dann – bist du gnädiger mit Dir und überlegst, vor WAS genau du eigentlich so aufgeregt warst. Was hat dich gebremst und zurückgehalten?
Wo steckte die Magie im Detail?

Dir fällt auf, dass du selbst sehr lange nicht mehr schwimmen warst. Vielleicht im Jahr 2004, als ihr auf Fuerteventura wart. Da seid ihr kurz ins Meer gehüpft. Und der Hotelpool wurde auch benutzt. Das ist jetzt 14 Jahre her, genauso lang wie dein letzter „richtiger Urlaub“.

Danach – hattest du nie wieder Lust oder die Kraft, dich vor allen Menschen nackig zu bewegen. Obwohl das gar nicht richtig nackig ist. Denn man hat ja noch was an.

Und dann fällt Dir auf, dass Du heute das erste Mal „als Frau“ in einem Hallenbad warst.

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