Reichtum

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Gestern kam eine interessante Fernsehsendung über besonders reiche Menschen, also Personen, die sich vor allem über persönliche Leistung Reichtümer aufgebaut haben und jetzt zu den „Oberen Zehntausend“ gehören. Beim Schauen der Sendung wurde mir schnell klar, dass es nicht die Leistung alleine ist, die motiviert, sondern vielmehr der Reichtum und die daraus resultierenden Annehmlichkeiten und auch Freiheiten.

Der eine Mann sagte sinngemäß, wenn ihm heute danach sei, nach Timbuktu zu fliegen, mache er es halt einfach. Der andere betonte diesen Aspekt der Freiheit auch besonders, dass er jederzeit machen könne, was er wollte und durch keinerlei materielle Grenzen gehindert sei.

Also jederzeit machen können, was ich will, kann ich auch. 😉 Sieht man mal von den lästigen Pflichten ab, die so was wie Lebensinhalt oder Lebensaufgabe darstellen.

Für mich bedeutet Freiheit, vor allem geistige Freiheit und innere Gelassenheit, die doch ein wenig schwieriger zu erreichen ist.

Zum Beispiel, schwierige Situationen ständig neu zu bewerten und an der eigenen Einstellung so lange zu arbeiten, bis man ein bestimmtes Problem überwinden kann. Vor allem im mitmenschlichen oder sozialen Bereich ist das für mich viel schwieriger. Die materiellen Ziele finde ich eher langweilig und interessiere mich nicht so dafür.

Bei den gezeigten Personen war es auffällig zu sehen, dass alle eine ähnliche Biografie hatten und durchgängig aus armen Verhältnissen stammten. Fast alle mussten einfache und schmutzige Jobs machen und haben sich dann vom sprichwörtlichen Tellerwäscher zum Millionär hochgearbeitet.

Indirekt lässt sich daraus ableiten, dass die Armut in der Kindheit eine besondere Motivation für Reichtum als Lebensziel ergibt.

Oder allgemeiner: Dass persönlich erlebte Phasen der Armut die Motivation erhöhen, einen eigenen Reichtum aufzubauen und den unangenehmen Missstand der Armut endlich zu beseitigen.

Ein reicher Mann in dem Film fuhr mit seinem Sportwagen auf der Autobahn an allen vorbei; dabei sagte er, er erhoffe sich einen Nachahmeffekt bei den ärmeren Menschen, dass diese durch Neid das gleiche wie er erreichen wollen.
Genau hier liegt aber der psychologische Stolperdraht, denn nicht jeder Mensch wird durch Neid motiviert, viel und gerne zu arbeiten. Auch hat nicht jeder Mensch diese extremen materiellen Ziele und die Masse dürfte sich sogar mit weniger zufrieden geben.

Im Gegenteil: Solche Aussagen können leicht Hohn und Spott für den „Angeber“ provozieren und ihn zum Feindbild werden lassen. Auch wenn er es nicht beabsichtigt hatte. Man denke hier an die teils unmenschliche Vorgehensweise, wie prominenten und reichen Personen durch Massenmedien zugesetzt wird.

Die Religionen sehen das einseitige Anhäufen von Besitztümern zumeist kritisch und betonen immer wieder, wie wichtig der innere Reichtum und die Zuwendung zu den anderen ist.

Wenn es also ein Ziel geben könnte, was eine logische Folgerung aus beiden Wegen ist, dann würde ich es so formulieren:

Wichtig ist, durch eigene Arbeit soviel Reichtum zu erwirtschaften, dass es allen Mitmenschen in der Umgebung gut geht und diese vom Reichtum genauso profitieren können wie man selbst.

Damit schlägt man zwei Fliegen mit der Klappe: Man arbeitet selbst und wird reich und ermöglicht es auch anderen Menschen, reich und glücklich zu sein. Reichtum wird nicht mehr ein langweiliger und dekadenter Selbstzweck, sondern bekommt einen ethischen Sinn und eine tiefer gehende, spirituelle Bedeutung.

Ich möchte aber zum Schluss darauf hinweisen, dass diese eine Theorie ist und in der Praxis wahrscheinlich nur sehr schwer zu erreichen ist. Reichtum bekommt man in unserer Gesellschaft vor allem durch Leistung, aber auch durch Konkurrenz und durch Besiegen oder Übertrumpfen von Mitstreitern. Also wie kann man diese Wege schon von Anfang an vereinen? Wenn man von Anfang an versucht, solidarisch zu bleiben und den eigenen Reichtum nicht auf die Kosten anderer zu machen, wird man wahrscheinlich sehr viel länger brauchen und vielleicht auch nie an diese materielle „Millionenspitze“ kommen.

Dafür hat man „soliden Reichtum“, der ehrlich verdient ist und niemanden neidisch gemacht hat. Somit hat man auch weniger Feinde oder Leute, die einem was wegnehmen wollen.

Ich finde diesen Mittelweg auf jeden Fall besser, als ein Extrem von den anderen beiden Möglichkeiten. (extreme Armut oder extremer Reichtum)

4 Gedanken zu „Reichtum“

  1. Hallo Julia. Ich weiss nicht ob Du das Buch „Neununddreissigneunzig“ kennst, wenn nicht, kann ich es Dir nur empfehlen zu diesem Thema. Protagonist ist ein sehr gut verdienender Art Director.

    Er fragt einen Mitarbeiter, warum ihm die Leute bei einem Meeting, weniger zuhoeren, als seinem Chef, obwohl seine Ideen zumindest gleichwertig, wenn nicht besser waren, als die seines Vorgesetzten. Die Antwort: Du verdienst nur 15 000 Euro im Monat und nicht 30 000 Euro, wie Dein Chef.

    Letztendlich geht es also um Anerkennung. Und Anerkennung ist eine primaere Belohnung fuer einen Menschen.

    Gleichzeitig bedeutet Geld Freiheit. In dem Buch geht der Protagonist soweit zu behaupten, mit Geld koenne man sich alles kaufen – selbst Liebe.

  2. Hallo Stephan, das mit der Anerkennung ist natürlich ein wesentlicher Punkt, den ich noch zu wenig berücksichtigt habe.

    Ich gehe immer davon aus, dass die Anerkennung von Kindern z.B. in der Pädagogik schnell zu einem Machtinstrument und einer „Dressierung“ führen kann, so dass man diesen Prozess soweit auflösen kann und muss, dass man völlig frei davon wird.(Stichwort antiautoritäre Erziehung, ist leider nur wenig bekannt in Deutschland) Insofern würde man sich durch das bewusste Loslösen von Anerkennungsmechanismen auch frei von bestimmten Zielen machen, die man nicht unbedingt selbst möchte (sich vielleicht auch gar nicht so bewusst darüber ist). Das ganze ist kompliziert und sollte daher weiter „umschrieben“ werden und Gegenstand des Blogs bleiben. Ganz ohne Zuwendung kommt niemand aus, wo sind also die Grenzen zwischen ehrlicher Zuwendung, guter Kommunikation und Manipulation eines Menschen, z.B. durch über-ehrgeizige Eltern?

    Danke auf jeden Fall für den Lese-Tipp!

    Ich setze das Buch mal auf meine Wunschliste.

    Viele Grüße, Julia

  3. Ich weiss nicht, ob die antiautoritaere Erziehung ein geeigneter Weg ist, Kinder zu erziehen. Zur Zeit sehe ich eher einen gegenteiligen Trend – hin zu mehr Fuehrung. Die Grenzen sollen dem Kind deutlich aufgezeigt werden.

    Das Problem ist nicht das Individuum, sondern die Gesellschaft. Und das Kind soll sich in die Gesellschaft einfuegen. Dazu muss es die Regeln und Grenzen kennen. Antiautoritaere Erziehung mag zwar gut fuer den Charakter des Kindes sein, aber ob es aus ihm ein funktionierenden Teil der Gesellschaft, unserer Gesellschaft macht, weiss ich nicht. In einer materiellen Gesellschaft, sein Kind nicht materiell zu erziehen, ist sehr schwierig und oftmals zum Scheitern verurteilt.

    Ich denke, das Kind sollte an die Gesellschaft, in der es aufwaechst herangefuehrt werden. Wenn es die Regeln gelernt hat und die Mechanismen der Gesellschaft langsam versteht, kann ich ihm nach und nach meine Ueberzeugungen nahebringen. Aber dabei muss ich mir im Klaren darueber sein, dass mein Kind diese Ueberzeugungen auch ablehenen kann. Diese Freiheit muss ich ihm lassen.

  4. Das sind Gründe, die von den „Gegnern“ der antiautoritären Erziehung oft genannt werden. Was aber kommt zuerst? Die Gesellschaft oder die richtige Erziehung der Kinder? Das eine bedingt doch das andere. Freie Kinder können durchaus sehr gut am Leben teilnehmen, übernehmen gerne Verantwortung u. sind im Allgemeinen glücklicher und selbstbewusster.

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