Die beste Freundin – 2

image_pdfimage_print

Passend dazu: Dont push me von 50 Cent

Ihr redet noch sehr lange miteinander. Auf dem Tisch vor euch stapeln sich so langsam die Gläser. Die Bedienung bringt ständig neue Bier- und Cocktail-Gläser, räumt die alten aber nicht ab. Du schiebst die Gläser hin und her und kramst einen neuen Bierdeckel aus der Halterung. Der Aschenbecher vor euch ist voll. So langsam macht dich der Alkohol richtig frei. Du überlegst, was du deiner neuen Freundin noch alles erzählen könntest. Sie hat die Haare geöffnet und sich bequem hingesetzt. Ihr Augenausdruck ist ganz ruhig und behutsam. Es ist so einfach, ihr alles zu erzählen. Deine Hemmungen sind weg. Du weißt im Grunde sehr wenig über sie und sie weiß auch nur wenig über dich. Also nähert ihr euch so langsam den ernsthaften Themen. Es geht um Kinder, Beziehungen, Partnerschaft. Wie wir denn so ticken, warum wir so sind, wie wir sind? Beim Reden über diese Themen wird dir dein eigenes Leben nochmal bewusst. Du fragst dich, ob jede Entscheidung richtig war? All diese kleinen Schritte haben dich heute hier her gebracht. Es sind eine Menge, wenn man genau hinschaut! Genau da, wo du sitzt. Du bist glücklich und frei, daher kann das ganze nicht „falsch“ gewesen sein. Aber wirkliche Verbundenheit zu anderen Menschen ist trotzdem selten. Du magst die Menschen, soviel ist klar. Aber es gibt nicht viele Menschen, die dein Schicksal teilen, die das wirklich nachempfinden können. Die Erfahrung ist, dass Menschen Offenheit meistens nicht schätzen. Dass sie deine Schwächen ausnutzen und gegen dich verwenden. Dass sie dich ignorieren und schneiden. Dass sie sehr viel selbst an sich herumfummeln und keine Lösung finden. Dass es einfacher ist, falsch und verlogen durch das Leben zu gehen, als aufrichtig und ehrlich. Es ist eine traurige, oberflächliche Welt da draußen.
Wie auch immer – Du kannst DICH nicht erklären. Du kannst niemanden bekehren, keinen belehren. Die Dinge sind, wie sie sind. Sie haben dich eindeutig geprägt. Wenn man Vertrauen zu anderen Menschen aufbauen möchte, muss man sich diesen Themen stellen. Es geht nicht ohne. Dennoch ist da der Wunsch, es einfach zu vergessen. Man schneidet es mal an, und gut ist. Es hängt nicht an deiner Stirn und das muss es auch nicht. Es ist irgendwo da drinnen, ein Teil deiner Persönlichkeit, so wie Baumringe ein Teil des Stammes geworden sind. In guten Jahren sind die Ringe größer und kräftiger und in schlechten Jahren mickerig. Aber sollte man ständig den Stamm aufsägen und drauf rumgucken? Nein, das hast du nicht nötig. Du kannst ein Buch verteilen, wo die Anleitung zu Deiner Seele drin geschrieben steht. Du kannst es aber auch lassen und andere „raten“ lassen.
Du trinkst das letzte Glas aus, der Schaum schwimmt am Glasboden. Dann fragst du dich, was du eigentlich willst?

Ein Blick auf die Armbanduhr verrät, dass es schon 23:30 Uhr ist. Die Zeit ist wie im Flug vergangen. Draußen ist es stockdunkel. Der Verkehr auf der Straße hat leicht abgeflaut. Ein paar Menschen laufen noch schnell am Fenster vorbei und haben den Kragen tief vor den Hals gekrempelt, weil es kalt ist.

Die beste Freundin – 1

image_pdfimage_print

Passend dazu “Lifes on the Line” von 50 Cent

Du bist etwas schüchtern, als du in die verrauchte Kneipe kommst und dich vorsichtig umschaust. Es sind ein paar Leute da, aber es ist nicht überfüllt. Die Kneipe riecht nach Rauch und Alkohol. Im Hintergrund spielt leise HipHop-Musik. Deine neue Bekanntschaft aus dem Internet ist vom Tisch an der Ecke aufgestanden und hält Dir ihre Hand entgegen. „Hi, da bist du ja!“ ihre leuchtenden dunklen Augen strahlen dich an. „Schön, dass du kommst, ich hab dich schon erwartet“ Ihre Stimme ist warm, aber bestimmt. Ihre Hand ist weich und warm. Deine eigene Hand schwitzt ein bisschen. Nach dem Händedrücken und der leichten Umarmung fühlst du dich gleich besser und ruhiger. Du bist etwas angespannt, weißt aber nicht wieso.

„Was willst du denn zum Trinken bestellen?“ fragt sie dich und mustert dich dabei von oben nach unten. Du würdest am liebsten auf der kleinen Eckbank verschwinden und dich unsichtbar machen. Schon wieder hat sie sich nach Dir erkundigt. Sie ist so zuvorkommend und hilfsbereit, das bist du nicht gewohnt. „Ich äh…“ du überlegst irgendwas zu sagen, aber in deinem Gehirn ist erstmal eine große Leere und du suchst noch nach Worten. „Ich trinke wohl ein Bier. Und Du?“ „Ich hab mir schon was bestellt, kommt gleich“ sagt sie und lächelt Dich an.

Du rutscht etwas auf dem Hosenboden hin und her und suchst eine bessere und bequemere Haltung. Du merkst, dass Deine Schultern noch nach oben gezogen und angespannt sind. Du atmest tief ein und versuchst dich zu entspannen. Dein Atem geht aber trotzdem sehr schnell und tief. Du hörst dich beinahe selbst schnaufen. Du fragst dich, wann denn endlich das Bier kommt mit den beruhigenden Inhaltsstoffen…

Du versuchst unaufällig zu ihr rüber zu schauen und ihre Kleidung zu begutachten. Sie hat auf jeden Fall einen anderen Kleidungsstil als Du, aber das findest du durchaus reizvoll. Du spürst eine große Verbindung zu ihr, eine Freundschaft, eine Verbundenheit, auf der man „aufbauen“ kann. Dennoch ist sie anders. Und dieses „andere“ reizt dich. Sie ist recht klein und sehr weiblich gebaut. Ihre Schultern sind schmal, die Augen dunkel und leuchtend. Sie hat schöne blonde Haare und ein aufgewecktes Gesicht. Ihre Hände sind klein und schlank. Sie trägt lockere und moderne Kleidung, die sehr stilvoll und angemessen wirkt. Du bist Dir sicher, sie macht ihren Kleiderschrank auf und greift blind zu den richtigen Stücken. Es passt bei ihr immer und sieht gut aus. Du bewunderst diese Stilsicherheit und das alles passt. Dir selbst fällt das nicht so einfach. Wie oft hast du deinen eigenen „Stil“ gesucht und wie oft ihn wieder verworfen. Du kommst dir selbst unsicherer und schwankender vor. Was Dich an ihr reizt ist ihre Ruhe und Ausgeglichenheit. Und dass sie sich soviel Zeit für dich nimmt.

Das Bier kommt und du trinkst ein Schluck. Heute hast du besonders viel Durst. In großen Zügen trinkst du das Pils-Glas zu einem Drittel leer. Sie hat sich einen Cocktail bestellt. Irgendwas süßes mit einer Verzierung oben drauf. Ihr fangt an zu plaudern. Es ist erstaunlich leicht, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Sie weiß zu allen Dingen was zu sagen. Sie hat immer gute Ideen und Einfälle. Es ist besonders schön, dass sie sich von Dir „anstecken“ lässt und sie auch deine Ideen mag. Du spürst eine große Offenheit in ihr. Eine Freundlichkeit und Liebe gegenüber allen Menschen. Es ist dir fast peinlich, dass du sie immer wieder ansprechen musstest. Du bist süchtig nach Ihrer Freundlichkeit und Ihrer Toleranz. Du fragst dich dabei, ob du vielleicht davon zu wenig hattest… dass es jetzt so bei Dir einschlägt?

Bei allem wirkt es so natürlich bei Ihr. So locker und beschwingt. Sie kritisiert dich nie. Klar, gibt es Dinge, die nicht ganz passen. Aber das ist nie ein Problem. Die Dinge, die anders sind, sind eben anders. Du fragst Dich, wo die großen Baustellen kommen, ob es nicht schwieriger werden müsste? Ob sie wirklich ehrlich ist, ob sie dir alles gesagt hat? Im Moment lächelt sie wieder und scheint sich in Deiner Gesellschaft recht wohl zu fühlen. Es ist so einfach, das verblüfft Dich.

Du redest so wie du bist. Einfach frei Schnauze, es sprudelt beinahe aus Dir heraus. Du darfst das jetzt. Und es ist gut.

Da ist kein Konflikt. Kein Schweigen. Kein saures -aus- dem- Weg- gehen oder eingeschnappt sein.

Sie ist einfach sie selbst. Glücklich und frei.

Ihr Glück breitet sich aus und umhüllt Dich. Ihr befindet euch in einem Resonanz-Bereich und steckt euch an.

Mit guten Ideen, mit Gelächter, mit verrückten Einfällen, mit Grenzüberschreitungen, mit Reisen, mit Bildern, mit Natur mit dem ganzen Leben. Zwischen Euch entsteht eine Wolke, ein Traum. Du träumst von Ihr. Tag und Nacht.

Sie hat dich völlig in Beschlag genommen. Du überlegst, ob du dich änderst… du willst wissen, was sie macht. Und du willst das auch machen.

Die Mauer aus Glas

image_pdfimage_print

Sie wollte die Gefühle erkennen. Also kramte sie die Gefühle aus Ihrem Gehirn und schaute sich sie an.
Da standen interessante Gefühle, die alle einen Namen und tolle Fachbegriffe hatten. Gefühle von Trauer, von Depression, Abschied und Tod. Da waren auch ein paar lustige Gefühle, z.B. Freude, Glück, Euphorie, Neuanfang. Diese Gefühle mochte sie aber nicht so gerne. Das war ihr zu albern. Sie mochte lieber die richtigen „ernsthaften“ Gefühle. Daher zog sie auch immer Leute an, die auch ernsthaft waren und über Gefühle nur reden wollten. Das Problem war, die Gefühle glitten ihr immer aus den Fingern weg, wenn sie sie fassen wollte. Sie waren glitschig und nicht greifbar. Besonders schlimm war es mit der Liebe. Die war wie ein Schmetterling, der fröhlich hin und her flatterte, sich aber nie dauerhaft irgendwo hinsetzte. Immer, wenn sie ihn einfangen wollte, flatterte er weiter.

Und sie grübelte sehr lange und intensiv und fragte sich, was sie denn falsch machte?
Wie kann man fühlen, wenn man nicht darüber reden konnte?
Das war wie ein Widerspruch! Man sollte was essen, durfte aber nicht satt werden.
Man sollte über das Wasser laufen, aber keine nassen Füße bekommen.
Man sollte in den Wald gehen, aber keine Pflanzen treffen.
Es ging einfach nicht.

Also versuchte sie es weiter. Sie versuchte es mit Musik. Sie spielte die Musik… aber das war nur ein Ablesen von Noten. Wo war da das Gefühl? Es waren doch nur Noten. Und Klänge. Schallwellen- konnte man alles physikalisch erklären. Aber wo war das ominöse Gefühl in der Musik versteckt? Sie verstand es nicht. Was machten die anderen nur immer einen Hype daraus?

Das machte sie traurig. Sie wollte weinen. Aber es kamen keine Tränen.
Da waren nur trockene Augen.

Noch nicht mal das klappte.

Sie versuchte es mit einem Smiley. Da gab es sehr viele Smileys mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken.
Welcher würde wohl am besten passen? Sie wusst es wieder nicht.

Also schaute sie sich Menschen und ihre Gesichter an. Versuchte Gefühle zu erkennen.
Sie sah nichts. Sie sah die Formen, die Muster, die Farben. Sie las die Texte… aber sie erkannte den Menschen nicht. Er war weg. Unsichtbar, nicht zu greifen. Sie verstand nicht, warum sie IHM schreiben sollte. Was er denn eigentlich erwartete von ihr? Liebe, Zuneigung, Mütterlichkeit? Das war schwierig für sie.

Sie schaute sich weitere Menschen an. Die Zuordnung erfolgte über den Namen und das Geschlecht.
Sie konnte sie anschreiben und mit ihnen kommunizieren. Es funktionierte.

Aber hatte sie eine Beziehung zu den Menschen? Liebte sie? Fühlte sie sich verantwortlich?
Oder ging es nur um sie?

Fühlte sie sich selbst? Ich glaube nicht. Da wo normalerweise ein „Ich“ und ein „Gefühl“ war, war bei ihr ein großes Fragezeichen. Und ein Lexikon. Und ein Computer mit 100 Gigabyte. Ein Smartphone. Ein Gerät.

Sie funktionierte so tadellos. Aber ihr fehlte das Gefühl. Vielleicht ein Bauteil, ein Chip… oder die Versorgung über die Hauptrecheneinheit, den biologischen Zentralcomputer, dem der Treibstoff fehlte.

Ihr Gehirn machte das, was es sollte. Es bildete die Umgebung wirklichkeitsgetreu ab. Die Welt war logisch, und klar aufgebaut. Die Welt duldete kein Chaos, kein „Zwischen den Zeilen“. Also hatte ihr Gehirn auch nicht gelernt, diese Zwischentöne zu erkennen. Sie wollte lieben und klopfte nur gegen eine Mauer aus Glas, die sich langsam aber unaufhörlich um sie herum aufgebaut hatte.

Ich packe meinen Koffer

image_pdfimage_print


Ich packe meinen Koffer und nehme mit: meine Freiheitsgedanken, meine künstlerischen Gedanken, meinen Mut für mehr Feminismus, meine Kritiksucht und meine Kritikfähigkeit, meine Liebe zum Anderssein und für andere, meine Liebe zur Musik, für poetische Gedanken, für Badezimmer-Sprüche und verschmierte Blog-Wände, meinen Drang „progressiv“ und fortschrittlich zu denken, die Angst nicht über den Mut siegen zu lassen, meine Lust auf Menschen zu zu gehen und sie gleichzeitig zu fürchten, meinen Drang zu reisen und mich innerlich zu weiten, meinen Drang stabil zu bleiben und das Alte zu bewahren, meine Liebe für alle Menschen, aber ganz besonders für Dich.

Diesen Koffer packe ich und verreise innerlich. Auf eine Insel, auf der mich keiner finden kann, die aber überall Brücken und Schlauchboote hat, mit denen man übersetzen kann, wenn man denn will.

1 2 3 4 5 6 138