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In meinem kleinen Weblog schreibe ich über Psychologie, Philosophie, Kunst und Politik.
Interessierte LeserInnen und freundliche Kommentare sind immer willkommen. Viel Spaß beim Lesen!
Posted by J.A. on Dezember 14, 2014

Wetten, Dass .. es das nicht so schnell wieder gibt

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Das war also gestern die letzte Ausgabe von „Wetten Dass“. Nie wieder wird es eine Sendung geben. Freude, Erleichterung und Trauer, stille Wehmut mischen sich gleichermaßen, um dann in einem stillen Strom der endgültigen Gewissheit überzugehen. Oder in der gewissenhaften Gleichgültigkeit…

Natürlich bin ich – wie viele andere auch- mit der Sendung aufgewachsen und groß geworden. „Wetten dass“ war immer eine Konstante im Leben. Etwas, auf das man sich verlassen kann. Etwas, das man schauen kann, es aber auch nichts macht, wenn man mal eine Sendung verpasst. Dennoch sind die Erinnerungen angestaubt und schon leicht verblasst. Da war zuerst der ernste, aber dennoch amüsante und für die damalige Zeit als locker geltende Frank Elstner, der der Sendung zu erster Popularität verhalf: geniale Ideen, lustig verpackt für ein großes Familienpublikum. Die Diversität der Sender und Kanäle war noch nicht so ausgeprägt, man konzentrierte sich eben auf das, „was lief“. Immer wieder wurde die Sendung mit der „großen Samstag Abend-Sendung“ angepriesen und viele Jahre schien es das Konzept der deutschen Fernseh-Gegenwart zu sein. Als Kinder waren wir immer begeistert, wenn Prominenz in der Sendung Einzug erhielt. Echte Schauspieler und Sänger-Stars, lebensgroß zum anfassen! Wann hatte man schonmal die Gelegenheit prominente Deutsche beim lockeren Plaudern auf dem Sofa zuhören zu können? Das große Wohnzimmer der Showbühne kam gleichzeitig in das eigene Wohnzimmer mit Salzstangen, Schnittchen und Schlafanzug bis weit nach 22 Uhr…

Auch die Musik war ein Highlight, denn Musik-Sender wie MTV gab es ja noch nicht und von der freien, jederzeit verfügbaren Musikauswahl von Streamingdiensten und Internet war man noch Lichtjahre entfernt. Wenn man gute Musik im Fernsehen sehen wollte, war „Wetten Dass“ die erste Wahl. Legendär z.B. der Michael Jackson – Auftritt. Wenn man am Montag über eine Sendung sprach, dann über „Wetten dass“. Alles andere hat nie diesen Ruhm und diese Größe erreicht, keine andere Sendung konnte tiefer in die deutsche Fernsehseele blicken und in keine andere Sendung hat man je tiefer zurückgeschaut.

Dazu kam das neuartige Showkonzept, das mit den Wetten einen gewissen, unberechenbaren, chaotischen Faktor in die ansonsten biedere und streng durchregulierte Fernsehlandschaft brachte.

Umso bezeichnender, dass es in der letzten Sendung gestern nur noch vier Wetten gab und die Saalwette kurzerhand ganz gestrichen wurde. Dabei lief die Sendung über vier Stunden, in der gleichen Zeit hätte man bei der konkurrierenden Sendung „Schlag den Raab“ schon mind. 12 Spiele gespielt, drei Werbeblöcke und zwei Musikauftritte gesehen. Und das ganze „Gelaber“, das zusehends verkrampfter, überflüssiger und mit Markus Lanz nie besser wurde, schenkt man sich gleich dazu.

Richtig anarchisch wurde die Sendung erst mit Thomas Gottschalk, der für mich bis heute noch der beste aller „Wetten Dass“- Moderatoren war. Er brachte die Sendung auf ihren Höhepunkt, und zwar mit genau der richtigen Mischung aus frecher Schnauze, Improvisationstalent, dem richtigen Gespür und Geschick für die internationale und nationale Prominenz und sogar der Fähigkeit mit Kindern freundlich und respektvoll umzugehen. Bei der gestrigen Sendung war der Aufbau der Kinder-Wette zwar im Ansatz schön und süß gemacht („Hunde am Schlabbern erkennen“), litt aber unter den Kommentaren der anwesenden Prominenten und dem mangelnden Respekt und Feinfühligkeit für die Situation. Erst der frühere Kindersendung-Moderator Elton machte es besser, als er sich zum Clown machen ließ und wegen des verlorenen Wett-Tipps die Backe mit Leberwurst bestreichen ließ. Anschließend wurde diese von einem Hund, der auch Teil der Wette war, abgeleckt.

Dennoch, Gottschalk war und ist im Vergleich zu Lanz immer das bessere Gesamtpaket für diese Sendung gewesen. Er war irgendwann „Wetten dass“, Lanz hingegen wird immer Lanz bleiben.

Eine Sendung, die auf etwas so unvorhersehbaren aufbaute, wie es die meisten Wetten waren, musste einfach ein Erfolg werden. Die Wetten waren schon immer der Markenkern, das besondere an der Show. Die Botschaft war einfach: Jeder einfache Mensch von der Straße kann es auf die große Bühne des Rampenlichts schaffen, wenn er nur etwas wirklich besonders kann und leistet. Somit war die Sendung auch der Vorbereiter für die vielen Casting-Shows, die heute die Fernsehlandschaft überschwemmen. Und mit dem eingebauten Leistungsfaktor auch typisch deutsch. Die Botschaft ist immer die gleiche: Wir zeigen Dich, wenn du uns was zeigst. Streng Dich an, dann kannst du wenigstens für zwei Stunden deines Lebens mal den süßen Duft des Ruhmes und der Ehre um die Nase wehen lassen. Danach wirst du ebenso sicher wieder vergessen.

Tragik vs. Klamauk

Den einzigen Namen eines Wett-Kandidaten den man sich bis heute gemerkt hat, war der tragische Samuel Koch. Mit seiner traurigen, und stillen Bescheidenheit wirkt er wie ein erdfarbener Kontrapunkt zum dem sonstigen neonfarbenen Getöse der Show. Zugleich ist der Antizipator und Grabträger der Sendung.
Mit der Gier, die feilgebotenen Wetten auf ein Äußerstes auszudehnen und die Risiken und Dramatik immer weiter zu erhöhen, hat sich auch das Team um Thomas Gottschalk überhoben. Die große Blase der Sensationslust platzte in vielen Tränen und einem sehr traurigen Schicksal. Danach wurde es nicht mehr besser. Ein Nachfolger fand sich lange nicht. Mit Markus Lanz schien nur noch der „Nächstbeste“ in Frage gekommen zu sein. Obwohl mit einem fernsehtauglichen Nice Guy-Lächeln gesegnet, war er doch am Ende zu glatt, zu bieder zu wenig innovativ, um die Sendung aus der Leichenstarre befreien zu können. Das besondere an „Wetten dass“ war eben auch das Freche und politisch unkorrekte. Wo früher dezente Chaotik und gute Scherze standen, wandelte sich Wetten Dass zum Schlimmsten aller TV-Formate: Dem belanglosen Klamauk, den es so oder in leicht abgewandelter Form schon tausendfach gibt. Die Sendung wechselte sich vom hippen, coolen, unberechenbaren Jugend-Image zum biederen, trockenen, steifen, uncoolen Format. Spätestens als die ausländischen Stars in der Presse über die Sendung lästerten, hätten alle Alarmglocken angehen müssen. Wobei es da auch schon zu spät war.

Fazit
„Wetten Dass“ war eine einstmals gute Sendung, die sich nun vielfach überlebt hat. Einen guten, würdigen Nachfolger wird es lange nicht geben. Vielleicht fehlt es an mutigen, innovativen Konzepten in der deutschen Fernsehlandschaft, vielleicht aber auch an den passenden Charakteren für den Moderatoren-Job. Vielleicht sind auch das Publikum und die veränderten Lebensbedingungen schuld: Große Haushalte und Familien-Abende mit vier oder mehr Leuten sind selten geworden. Wozu da noch das Lagerfeuer der Nation entzünden?

Solange es nichts neues gibt, muss man auf Alternativen ausweichen, das beste ist noch „Schlag den Raab“.

Shows gibt es sowieso viel zu viele im Fernsehen. Lieber eine gute auf die man sich dann mal alle acht bis zwölf Wochen freuen kann, als tausend schlechte, die niemals satt machen und belanglos vor sich her vegetieren.

Posted by J.A. on November 7, 2014

Fingerübungen

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Dinge beobachten und darüber schreiben

Wenn man mal so überlegt, gibt es eigentlich nichts langweiligeres als ein Einkaufsbericht aus dem Supermarkt. Ich denke über den letzten Artikel nach, dabei fällt es mir auf. Dennoch empfinde ich einen gewissen Reiz, darüber zu schreiben. Warum ist das so? Macht es einen Sinn und wenn ja, wo liegt die Motivation? Der Artikel spukt mir seit ein paar Tagen im Kopf herum, heute kommt er an die frische Luft!

Hören
Nehmen wir mal eine andere Kunst als das Schreiben, z.B. das Klavierspielen. Schon von Anfang an lernt man dabei etwas wichtiges: die sogenannten „Fingerübungen“. Langweilige Noten, die immer hoch und runter gehen, die auf verschiedenen Tonleitern gespielt werden. Jeden Tag ist eine andere Tonleiter dran. Man muss sie am besten auswändig beherrschen, aus dem „Eff Eff“. Kinder hassen Fingerübungen (weil sie langweilig sind), Klavierlehrer bestehen darauf und nennen sie „wertvoll“. Sie werden oft ähnlich gespielt, die Belegungen für die Finger stehen dabei. Bei der C-Dur Tonleiter ist das noch einfach, weil keine schwarze Tasten dabei sind. Je mehr Kreuze und Vorzeichen dazu kommen, desto schwieriger. Wenn man die Tonleitern auswändig beherrscht, ist es auch einfacher, ein fertiges Stück zu spielen. Man weiß ja, wo die schwarzen Tasten liegen, wenn z.B. „F-Moll“ gespielt wird. Die Finger sind es gewohnt in der Leiter zu spielen und verrutschen nicht mehr so leicht. Man bewegt sich innerhalb des Harmonie-Gebäudes. Noch toller: Man kann ab sofort auch in der entsprechenden Tonleiter improvisieren. Da man weiß, wo die Harmonie liegen, passiert das Verspielen auch nicht mehr so schnell. Das Gehör wird mitgeschult und erkennt Abweichungen.

Beobachten
Etwas ähnliches gibt es beim Zeichnen. Da gibt es eine Übung (aus einem Zeichenbuch): Zeichnen sie jeden Tag einen Gegenstand aus ihrem Alltag! Ich nehme da z.B. gerne die Zuckerdose vom Küchentisch, man kann aber auch einen Radiergummi, ein Wasserglas, eine Tasse oder etwas ähnliches nehmen. Der Trick liegt dann darin, sich jeden Tag aufzuraffen und immer wieder diesen Gegenstand zu zeichnen. Wer mag, mit verschiedenen Techniken, z.B. mal mit Bleistift, Kugelschreiber, Buntstift, Kreide, usw.
Was aber ist so toll daran? Bestimmt nicht das Motiv, das ist ja immer gleich, dazu noch ein langweiliger Alltags-Gegenstand. Nein, der Trick liegt wie beim Klavierspielen darin, sich in der „Kunst“ zu üben. In der Geschmeidigkeit der Abläufe, der Bewegungen, der Handbewegungen, der „Strich-Sicherheit“, letztendlich aber auch in der Abbildungstreue, im genauen Sehen und Beobachten, was im Grunde den Löwenanteil des Zeichnen ausmacht. Das ist etwas, das man nicht in die Wiege gelegt bekommt (nur zu einem kleinen Teil), sondern das man wirklich lernen und üben kann.

Wer kennt nicht den Effekt, dass er nach einer erfolgreichen Zeichenstunde (vielleicht auch zwei) plötzlich mit ganz anderen Augen durch die Welt geht, und die Umrisse und Farben seiner Umgebung plötzlich wie in einem anderen Licht wahrnimmt?

Nicht von ganz ungefähr sind große Künstler immer diejenigen, die ihre Kunst wirklich in „Vollzeit“ ausüben. Allein durch die Wiederholung und die tägliche Beschäftigung mit einer Sache wird man zum Meister. Nicht durch Glück, auch nicht durch Zufall. Zuerst muss sich der Geist auf ein Ziel fokussieren, dann kommen die Mühe und der Fleiß. Am Ende steht das Kunstwerk. (Oder ein Papierkorb mit zerknüllten Zetteln, das ist aber auch kein Verlust, denn so hat man es wenigstens versucht!). Randbemerkung: Und das ist evt. auch der Grund, warum aus der Geschichte mehr Männer als große Künstler hervorgegangen sind (zumindest vor dem 20. Jahrhundert) – einfach weil ihnen mehr Zeit zur Verfügung stand und die lästige Alltagsarbeit (Haushalt, Kindererziehung, Feldarbeit .. etc.) oft von Frauen verrichtet wurde, die dieses Privileg der freien Zeitverfügung nicht hatten. Dazu kommt die klassische Rollenverteilung, die es bis heute gibt: Männer machen Karriere und angesehene Arbeiten in Vollzeit, wobei Frauen sich eher in Teilzeit-Jobs einrichten und noch die Hauptverantwortung für die Familien-Pflegearbeit übernehmen. Dass eine Frau ihrem Mann den Rücken freihält, erscheint in unserer Gesellschaft viel selbstverständlicher und „natürlicher“, als andersherum. Wenn man sich einer Sache aber nicht vollständig widmen kann, wird man auch nie in etwas wirklich gut!

Schreiben
Kommen wir aber zum dritten Punkt der künstlerischen Darstellung und somit zum Anfang zurück. Wenn man schreibt, muss man ja auch Dinge aus dem Alltag abbilden oder intellektuell (also mit geistiger Anstrengung) eigene Interpretationen hinzudichten und in das fertige Produkt mit einweben. Ein Einkauf im Supermarkt eignet sich ganz gut dazu. Zuerst kommt die Beobachtung: Dadurch, dass die Rahmenbedingungen oft gleich sind (gleicher Markt, gleicher Aufbau, ähnliche Dinge werden gekauft) kann man sich mehr auf die Nuancen konzentrieren, auf die Dinge die beim heutigen Besuch unterschiedlich sind oder besonders auffallen. Der Rest wird quasi „weggefiltert“ oder ist eben Teil der Routine-Tätigkeit. Was sich oft ändert, sind z.B. die Personen im Supermarkt, somit hat man auch eine psychologische Deutungsebene oder einen kleinen Querschnitt durch das derzeitige, soziale Umfeld. Wer mag, kann das auch in anderen Ländern machen, dann bekommt man eine „Stichprobe“ aus dem jeweiligen Land. Der Vorteil ist: Diese Situationen sind völlig unkonstruiert, also zufällig. Niemand kann sagen, wer nun zu genau diesem Zeitpunkt einkaufen geht, welches Klientel, welche Charaktere man vorfindet, usw. Man muss also seine Aufmerksamkeit und seine Beobachtungsgabe schulen und sich dabei auf Details konzentrieren. Der Supermarkt hat noch einen weiteren Vorteil: Gerade wenn man sich für wirtschaftliche Dinge oder gesellschaftliche Vorgänge interessiert, bekommt man ein Feedback für Produkte, für Dinge, die in sind, aber auch ein Gespür für die Arbeitsweise der Industrie, die all diese Produkte herstellt. Zuletzt ist ein Einkaufsbericht also auch ein Zeitdokument, das vielleicht in 50 Jahren noch viel interessanter zu lesen sein wird.

Ob wir wollen oder nicht, wir sind als Kunden in den Wirtschaftskreislauf mit eingebunden, wir sind ein Teil des Kapitalismus, ein Teil der Industrie. Warum sollten wir dann nicht unseren Mund aufmachen und darüber reden?

Den Herstellern kann es darüber hinaus als Mechanismus dienen, ihre Kunden und die Denkweise besser zu verstehen. Im Idealfall wird das Einkaufserlebnis dann noch besser und kundenfreundlicher. Aber wenn sich keiner aufregt, wenn „kein Feedback“ kommt, kann auch nichts geändert und angepasst werden. Der Faktor Geld oder Kaufzurückhaltung ist einfach zu schwach und vage, als dass er eine Orientierung bieten könnte. (Genauso wenig, wie man die Politik mit dem „Nicht-Wählen“ verändern kann.)

Wer mag, kann sich auf einzelne Produkte konzentrieren und dann darüber schreiben. Diese Produktrezensionen werden ja auch speziell von Blogs gerne gemacht. Wer mag, kann das auch kommerzialisieren (z.B. durch zugesandte Proben oder speziellen Seiten, für die man dann Artikel schreiben muss).

Wenn man nur einen einfachen Supermarkt-Bericht schreiben möchte, muss man den vergangenen Einkauf Revue passieren lassen. Genau durch diesen geistigen Rückblick fallen dann die Dinge aus dem Kopf, die wichtig sind und anschließend mit Hilfe des Sprachzentrums in einen Strom von Eindrücken verarbeitet werden. Genau das ist „Schreiben“. Man stellt sich der Vorgang bildhaft vor und beschreibt ihn mit eigenen Worten, so gut wie möglich. Es geht nur mit eigenen Worten. Am Anfang sind die aus anderen Worten, die man irgendwo aufgeschnappt hat, zusammengesetzt. Wie ein Kunstwerk, dass ausschließlich aus gestempelten Bildern besteht. Mit der Zeit kommen immer bessere Stempel dazu oder man traut sich die Linien dazwischen auszumalen. Wer weiß, eines Tages kann man sogar eigene Stempel produzieren! Worte und Sätze bestehen aus eigenen Interpretationen, aber auch aus eigenen Gefühlen und emotionalen Verbindungen zu sich selbst. Daher ist das Schreiben auch „wertvoll“ und gut für den eigenen, seelischen Zustand. Man kann keinen Text schreiben, ohne das „Ich“ mit einfließen zu lassen. Durch das Schreiben wird die Satzbildung und die Wortfindung verbessert. Besonders kreative Menschen denken sich auch neue Worte aus. Das wird in der Schule oder bei Bewerbungsschreiben vielleicht nicht honoriert, aber im kreativen Schreiben ist es ein wichtiges Element, weil dadurch der eigene, indivuduelle Stil ausgeprägter wird. Schreiben hilft dabei, sich auch im Alltag besser und eindeutiger ausdrücken zu können. Im geschriebenen Wort ist die Möglichkeit der Korrektur enthalten. Sätze können immer wieder gelesen werden, logische Widersprüche, aber auch Rechtschreibfehler enttarnt und korrigiert werden.

Wer am Schreiben Freude hat, kann auch eine ganz andere Sache protokollieren. Wichtig ist aber, dass man sie regelmäßig macht, sie im Kern oft gleich bleibt und sie einfach zu rekapitulieren ist. Dazu geeignet ist z.B. ein Spaziergang immer auf der gleichen Route. (Was ändert sich? Beobachtungen der Natur, der Farben, des Himmels, Wolken, Veränderungen der inneren Stimmung, Beschreibung der entgegen kommenden Spaziergänger) oder z.B. ein Protokoll von einer Autofahrt (Fahrt zu Arbeit, Fahrt in den Urlaub, usw.).

Ein Nebeneffekt ist noch, dass man seinem Leben und den Dingen mehr Bedeutung gibt. Man kommt vom „Haben“ vom reinen Konsumieren und Vergessen von Erlebnissen, hin zum „Sein“- also zum Erleben, zum Durchkauen, zum Fühlen von Abläufen und Dingen, die dadurch mehr Tragweite bekommen und besser eingeordnet werden. Man lässt sie mehr an sich heran, man kann es besser verarbeiten. (Alles was nicht verarbeitet wird, wird unverdaut ausgeschieden). Schlechte Laune bekommt gar nicht erst die Möglichkeit zu wachsen, weil man ja durch das genau Hinschauen begreift, was einen gestört hat, was man gut fand, usw.

Das Leben bekommt durch das Schreiben mehr Farbe. Es wird vom Licht des eigenen Geist beleuchtet und wirft etwas zurück. Du musst es nur auffangen. Und dich jeden Tag darin üben…

Categories: Schreiben
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Posted by J.A. on November 5, 2014

Pflichtübungen

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Gestern war ich mal wieder im Supermarkt einkaufen. Ich hatte gehofft, etwas interessantes zu erleben oder zu sehen und dann einen passenden Artikel in das Blog zu stellen, so quasi als „Nebeneffekt“ zur eher langweiligen Routinearbeit. Leider wurde ich damit etwas enttäuscht, denn der Dienstag war ausgesprochen ruhig und nur wenige Menschen tummelten sich in den Gängen. Das Klientel bestand hauptsächlich aus Hausfrauen, älteren Ehepaaren und Einzelpersonen. Jüngere Menschen oder Familien mit Kindern, vor allem in größeren Gruppen, sieht man eigentlich hauptsächlich am Samstag, dann wenn es am vollsten ist (und das Einkaufen somit auch am Streßigsten).

Ein älteres Ehepaar stand bestimmt 10 Minuten vor dem Soßenregal und Fertiggerichten, das Angebot war so groß und unübersichtlich, dass es mir auch schwer fiel und ich neben ihnen bestimmt auch 10 Minuten nach den Soßennamen „gescannt“ habe. Die Lebensmittelindustrie hat sich wirklich auf jede Individualität eingestellt. Nur bei der Orientierung bräuchte man eine angeschraubte Tablet-Regal-Suchmaschine – oder noch besser einen persönlichen Assistenten, „Verkäufer“ genannt (die haben keine Zeit, fahren gerade mit den Paletten-Hubwagen spazieren). Irgendwann war der Ehemann etwas genervt und auf einem lustigen bayrischen Akzent fragte er dann seine Frau „und hoschd es?“.. woraufhin sie irgendwas grummelte und die beiden von dannen zogen.
Große Beliebtheit erfreuten sich auch die Regale mit den Gesundheitsprodukten und Nahrungsergänzungsmitteln, wo man wieder auffällig viele ältere Menschen beobachten konnte. Direkt daneben, das Schönheitsregal, wurde allerdings intensiv von ein paar jungen Frauen bevölkert. Gesundheit und Schönheit- wichtige Faktoren im Leben. Auch ich machte hier kurz halt und steckte eine Packung Bierhefe-Tabletten in den Warenkorb (nur 1.95 Euro – wie war das? wahre Schönheit kommt von innen, hoffe ich doch mal). [ Blick zurück: Vor einer halben Stunde stehe ich vorm Badezimmer-Spiegel, in der einen Hand die Probe mit der „Anti Falten-Creme“. Brauche ich wirklich schon Anti-Falten- Creme? Und wie komme ich eigentlich in den Besitz dieser Probe? Wegschmeißen will ich sie nicht, dazu sieht sie zu teuer aus. Also suche ich mein Gesicht verzweifelt nach Falten ab, um die irgendwo draufzureiben, aber vergebens. Okay, wird sie halt als normale Tagescreme benutzt. Hm… fühlt sich gut an. Hey, die Haut wird ja wirklich geschmeidig! Bilde ich es mir ein oder werde ich heute tatsächlich von allen Seiten angestarrt? ]

Der Rest des Einkaufs lief weiterhin ruhig und ohne merkenswerten Ereignisse. Ich wechselte den Markt, um im Discounter noch eine Lage H-Milch zu kaufen (nur 59 Cent, schon wieder reduziert! ). Auf dem Weg zum Ausgang entdecke ich noch was geniales: Halloween-Suppe! Mit einem grinsenden Kürbis drauf und einer gruseligen Hexe. Das Motiv spricht mich sofort an, dazu noch reduziert- zugreifen! Zu Hause merke ich dann, dass der Kürbis-Anteil leider nur bei 15 Prozent liegt und das ganze noch mit Apfel-Püree gestreckt wurde (Apfel-wtf? Das ist aber wirklich gruselig). Egal, nächstes Halloween mache ich die selbst, so wie eigentlich geplant..

Am Ausgang fällt mir dann eine junge Dame auf, die gar nicht anders kann, als aufzufallen. Allein schon von der Lautstärke und ihrer klaren, dialektfreien Stimme her. Um den Bauch hat sie einen neumodischen Tragegurt mit Baby drin, an der Hand ein kleines Mädchen und irgendwo zwischen den Regalen saust noch ein etwas älterer Junge hin und her. Ich zähle mit und komme auf drei Kinder. Die Mutter hat alle Mühe, ihre Kleinen zusammenzuhalten, vor allem die beiden Kleinkinder sausen überall hin und her und machen keine Anstalten auf die Rufe der Mutter zu hören. „Marvin komm her! Nein Lara, nicht unter das Regal klettern. ach lass doch bitte den Schrank zu. Nein das nehmen wir nicht mit, soviel Geld hab ich nicht…wo seid ihr denn jetzt schon wieder??“

Bei allen anwesenden Frauen (ältere…) wird anscheinend automatisch ein Pflege-Instinkt ausgelöst, denn plötzlich bemühen sich alle um diese deutsche Ausnahmeerscheinung „Mutter“ zu buhlen. Die eine lässt sie vor und räumt dafür extra ihre Waren auf dem Band um („kein Problem, soviel Zeit hab ich noch“) … Die anderen nehmen Kontakt mit ihr auf und reden über die Kinder und ihre eigenen Erfahrungen damit. Plötzlich haben wir Kindergarten mitten im Supermarkt! Eigentlich ganz lustig. Dennoch kann ich mein Mitleid (Mitgefühl?) über diese junge Mutter vor mir nicht ganz unterdrücken. In Frankreich oder in Dänemark hätte sie ihre Kinder ganz locker in einen Hort gegeben, hätte dann den Einkauf in Ruhe machen können und nachmittags noch ihrem Hobby nachgehen können. So oder ähnlich stelle ich es mir vor. Nur in Deutschland heißt Mutter-Sein anscheinend immer noch: Vollzeit-Mutter sein, ansonsten Rabenmutter. Entweder Mutter sein oder gar nicht. Ein „dazwischen“ gibt es nicht.

Mutter sein bedeutet: Bemitleidet werden für diesen jämmerlichen Zustand, bei dem du rund um die Uhr arbeitest, dafür aber kein Geld „verdienst“ und vor lauter schlechtem Gewissen der Nicht-Eltern mit „Mitgefühl“ überschüttet wirst. Sehr verdächtig, soviel Anteilnahme und Mitgefühl. Da muss was dran faul sein!

Ich versuche mich in das lockere Kinder-Kassen-Gespräch einzuschalten, aber es gelingt mir nicht. „Na viel los heute an der Kasse. Ist das wegen dem Umtausch?“ versuche ich die Discounter-Kassiererin in ein Gespräch zu verwickeln. Eben hat sie noch lustig-locker mit ihrem (männlichen) Kollegen erzählt, über die Köpfe der Kunden hinweg. Dann ist sie gut drauf, schließe ich. Sie schaut mich jedoch nur entgeistert an. Eine halbe Minute. Schweigt. Guckt etwas beleidigt und fängt an, mich zu mustern. Damit hat sie jetzt nicht gerechnet, dass sie jemand anspricht. Dazu noch zu einem „Kunden-fernen“ Thema, den Wartezeiten oder den seltsamen Umtausch-Gewohnheiten des Discounters …

Bezahlen und weg hier. Der Wocheinkauf ist wenigstens wieder erledigt.

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Posted by J.A. on Oktober 31, 2014

Happy Halloween!

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Halloween-2Puh! Gerade noch geschafft. (hoffentlich merkt keiner, dass es eine Melone ist..)

Meine christlich-philosophischen und -aus Kommentarspalten großer Newsseiten übernommenen- kulturpessimistischen Überlegungen trage ich dann das nächste Mal vor. Diesmal hatte ich einfach Spaß am Dekorieren und Ausschnitzen. Die Kürbissuppe kommt dann morgen.

Gehört und gelacht hab ich die letzten Tage solche Sachen:

https://www.youtube.com/watch?v=FQniisyjpHo
Atemlos!
Passt zwar nicht ganz zu Halloween, ist im Original aber auch gruselig. ;-)

https://www.youtube.com/watch?v=iWQTHFma_is
Crazy in Love, aus der gleichen Reihe..

 

Und jetzt: Viel Spaß beim Feiern und Gruseln.

Update:
https://www.youtube.com/watch?v=RK-oQfFToVg
Für den Tag danach: Was passiert, wenn man Kindern sagt, man hätte all ihre Halloween-Süßigkeiten aufgegessen.

Hahaha!

 

 

 

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Posted by Catharina Spangenberg on Oktober 17, 2014

„The Ghost Writer“

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THE GHOST WRITER

ist ein Film des amerikanischen Regisseurs Roman Polanski aus dem Jahr 2010.

Erzählt wird die Geschichte eines namenlosen britischen Ghostwriters (also eines Schriftstellers, der für andere, oft Prominente, Bücher schreibt und dabei selbst namentlich nicht in Erscheinung tritt), der den Auftrag erhält die Memoiren des fiktiven britischen Premierministers Adam Lang zu verfassen.

Bereits zu Beginn erfährt er, dass der bisher mit dieser Aufgabe vertraute Ghost Writer auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen ist und dass nun er dessen Werk fortsetzen soll. Ein ungewöhnlich hohes Honorar lässt ihn die extrem kurze Abgabefrist von nur vier Wochen vergessen.
Durch strikte Geheimhaltungsvereinbarung an das Haus des Verlagsbosses auf Martha´s Vineyard gebunden, entdeckt der „Ghost“ Ungereimtheiten und hochbrisante politische Verstrickungen des Premiers, die ihn selbst zunehmend in Gefahr bringen.
Noch während der Schreibarbeit und den Interviews mit Adam Lang beginnt in Den Haag am Internationalen Gerichtshof eine Untersuchung der Rolle des Premiers im Irak- Krieg. Der Verdacht, Lang hätte sein Land gegen bestehendes Völkerrecht in diesen Krieg an der Seite Amerikas „getrieben“, steht im Raum. Das Anwesen, an das der Ghost Writer mit seiner Arbeit gebunden ist und in dem er sämtliche Gespräche mit Lang führen kann, wird wie ein Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses bewacht;
ausserhalb des Sicherheitswalles sammeln sich auch tatsächlich ständig wütende Kriegsgegner, die Protestcamps errichten.
Als besonders wichtige Beraterinnen des Premiers stellen sich die beiden rivalisierenden Frauen an Langs Seite heraus: einerseits die persönliche Assistentin Amelia Bly und andererseits die Ehefrau Ruth Lang. Während Ruth die etwas unterkühlte, starke und richtungsweisende Frau hinter ihrem erfolgreichen Mann ist, so scheint Amelia durch ihren Sex- Appeal auf Lang zu wirken. Der Ghost Writer deckt im Zuge seiner Recherchen nicht nur Lügen und Falschangaben des Premiers auf, er entdeckt auch, dass sein Vorgänger, der offiziell Selbstmord begangen hat, ebenfalls von diesen beschönigenden Angaben Langs wusste. So erkennt der „Ghost“ die Verbindungen Langs mit der CIA und stößt dabei auf den Namen Professor Paul Emmetts, eines Studienkollegen Langs aus dessen Cambridge Zeiten. Dieser ist über die Waffenfirma „Hatherton“ mit der amerikanischen Rüstungsindustrie verbunden, die der CIA untersteht. Der Ghost gerät zunehmend in Gewissenskonflikte und schwankt zwischen seiner Loyalität seinem Auftraggeber gegenüber und seiner moralischen Pflicht, seine Enthüllungen publik zu machen. Da wendet er sich an Langs stärksten Kontrahenten, den Politiker Richard Rycart, und übergibt diesem das, was er für die Wahrheit über Adam Lang hält. Nach dem Heimflug nach Martha´s Vineyard, auf dem der Ghost Lang begleitet, wird Lang von einem fanatischen Kriegsgegner erschossen. Am Ende des Films entdeckt der Ghost im Skriptum seines Vorgänger die verschlüsselte Botschaft, Ruth Lang würde in Wahrheit als CIA Agentin hinter allem stecken und teilt ihr dies auch unvorsichtigerweise mit.
Beim Verlassen des Gebäudes wird er ebenfalls Opfer eines „Unfalls“.

Roman Polanskis Film glänzt – wie so viele Filme diese Regisseurs – auf mehreren Ebenen. Da ist einerseits die erstklassige Besetzung: Ewan McGregor spielt den Ghost. Der sympathische Schotte ist in Hochform und glänzt in fast allen Szenen des Films. Er portraitiert einen sensiblen (er selbst sagt in einer Szene: “We are sensitive spirits“ als doppelbödige Anspielung auf seinen Charakter) Durchschnittsmann, der etwas naiv hinter die Kulissen der Macht blickt. Da der Film aus seiner Perspektive erzählt wird, kann der Zuschauer auf ein und derselben, unvoreingenommenen Ebene mit dem Hauptdarsteller miterleben und sich seine eigene Meinung bilden. Man schwankt zwischen kopfschüttelndem, verschwörungstheoretischem Denken und einem „Naja, so einfach ist das auch wieder nicht“. So erklärt Adam Lang in einer Szene sehr glaubwürdig seine Aufrichtigkeit in seinem politischen Handeln.

Polanski, dem als Vorlage zu diesem Film der Bestseller „The Gost Writer“ von Robert Harris dient, trägt zur Verarbeitung der politischen Ereignisse rund um den zweiten Irak- Krieg bei. Adam Lang, der unzweifelhaft für den damaligen Premier Tony Blair steht, wird ausgezeichnet von Pierce Brosnan verkörpert, der zeigt, dass er abseits von der James Bond- Stereotypie ein exzellenter Schauspieler ist. Er portaitiert einen Machtmenschen, von dem man etwas klischeehaft davon ausgeht, es handle sich um jemanden, der skrupellos über Leichen geht. Brosnan zeigt aber neben einem starken Mann, der durch eigenes Selbstvertrauen (oft in Eitelkeit umschlagend) Erfolg hat, auch einen verletzlichen Menschen, der Nerven zeigt und sich oft an seine Frau wenden muss, wenn es um wichtige Entscheidungen geht, bei denen er zögert.
Ruth Lang (Olivia Williams) ist die wirklich starke Person in diesem „Stück“. Sie gibt den Ton an und man kann erahnen, dass sie es ist, die die Geschicke Großbritanniens oft lenkt. Sie ist hochintelligent, kühl und berechnend. Sie hat auch wenig Skrupel, eine Affaire mit dem „Ghost“ zu beginnen, als ihr Mann nicht da ist. Und schließlich ist auch sie es, die sich am Ende als Agentin der CIA herausstellt, die so entscheidend auf die Aussenpolitik Großbritanniens Einfluß nimmt.
Ebenfalls herausragend spielt Tom Wilkinson Paul Emmett, den Verbindungsmann der CIA mit Ruth Lang.

Polanski, der ja seit den Siebzigern nicht mehr nach Amerika reisen kann, da ihm dort die sofortige Verhaftung droht, konnte die Dreharbeiten folglich nicht auf Martha´s Vineyard stattfinden lassen (>mehr Info darüber). Stattdessen wurde ein Großteil auf Usedom und in Berlin gedreht; die grandiose Kamera liefert zum Film passende düstere Aufnahmen der tollen Landschaft. Allein diese Bilder erzeugen eine sehr dichte, sehenswerte Atmosphäre, die durch eine ausgezeichnete Filmmusik noch verstärkt wird.

Der Film hat als Aufarbeitung der politischen Hintergründe zum Irak- Krieg vor elf Jahren eine fortdauernde Aktualität. Wir erleben auch heute noch die Folgen der Destabilisierung der arabischen Welt. Saddam Hussein wurde damals ja bezichtigt, Massenvernichtungswaffen zu besitzen; erst nach dem Krieg und Husseins Hinrichtung mussten die USA zugeben, niemals Beweise dafür gewonnen zu haben.
Großbritanniens Tony Blair war einer der glühendsten Kriegsbefürworter und schickte tausende Soldaten in den Irak. Man warf ihm im eigenen Land eine unterwürfige Haltung gegenüber den USA vor; er selbst steht nachwievor zu seiner damaligen Politik.
Deutschland, vetreten durch Aussenminister Joschka Fischer, war sehr kritisch bis ablehnend einem Krieg gegenüber. Denkwürdig ist da zum Beispiel Fischers Pressekonferenz in München, in der er sichtlich erregt sagte: „Wo sind die Beweise, Herr Präsident?“ (an George W. Bush gerichtet).Die Folgen jahrzehntelanger politischer und miltärischer Eingriffe des Westens (und Russlands) in islamisch beherrschte Länder sehen wir heute jeden Tag in den Medien und erleben sie auch in unserem Land; der Film „The Ghost Writer“ leistet ein wichtiges Stück Aufarbeitung.

Alles in allem: Sehr sehenswert!