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In meinem kleinen Weblog schreibe ich über Psychologie, Philosophie, Kunst und Politik.
Interessierte LeserInnen und freundliche Kommentare sind immer willkommen. Viel Spaß beim Lesen!
Posted by J.A. on September 3, 2016

Mal wieder was bloggen

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und die eigene Meinung stärken

Ein Blog ist ja eigentlich ein Mechanismus, mit dem man täglich Beiträge schreiben kann. Meistens sind diese Beiträge persönlicher Natur und sie werden auch oft aktualisiert. Eigentlich das perfekte Medium für alle, die gute Texte und einen engen Kontakt zu den Autoren suchen. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass dieses schöne Medium immer mehr am sterben ist, bzw. sich radikal verändert.

Ich habe schon seit Monaten keinen wirklichen Neuzugang in meiner Blogroll. Bestehende Autoren schreiben seltener und die Artikel werden kürzer. Ich finde auch keine Blogs mehr, wenn ich auf Google etwas suche. In den ersten drei Ergebnisseiten kommen fast ausschließlich bezahlte Medien (Magazine, Zeitschriften oder größere Online-Portale).
Früher hat man bei den Suchmaschinenergebnissen viel öfter Blogartikel angezeigt bekommen. Mittlerweile gar nicht mehr.
So etwas wie die „Blogosphäre“ scheint es nicht mehr zu geben. Erinnert ihr euch noch an das „Stöckchen werfen“, das vor ein paar Jahren noch so chic war und bei dem man alle Nas lang etwas abbekam? Gibt es auch nicht mehr. Auch die Kommentier-Rate unter den Bloggern scheint ziemlich eingeschlafen zu sein. Ich finde das eigentlich sehr schade. Denn gerade die Blogs ermöglichen ja die freie Kommunikation unabhängig von Online-Zeitungen, Staats-Fernsehen oder wirtschaftlich geprägten Meinungsmachern. Es gab so gar einmal die Zeit, als „bezahlte“ Magazine und Zeitungen die Blogs fürchteten, weil ja jetzt jeder Journalist sein konnte, jeder einen Leser fand. Von diesen Ängsten ist lange nichts mehr zu spüren. (Vermutlich spätestens seit Google seinen Algorithmus umgestellt hat…) Jetzt sind die Blogs wieder da, wo sie der Überzeung der Mächtigen nach hingehören: In der Nische.

Wenn ich mir so meinen Verwandten- und Bekanntenkreis anschaue, dann sind fast alle Leute auf Facebook aktiv. Das große soziale Netzwerk aus den USA hat es anscheinend geschafft, massiv Aufmerksamkeit und Nutzer abzuziehen. Auf der einen Seite ist das gut, weil sich hier etwas fokussiert und dann ein gewisser „Anhäufungseffekt“ auftritt. Wenn erstmal alle dort sind, bleiben auch alle dort und man muss sich nicht mehr in den unendlichen Weiten des komplizierten Internets verlieren. Es ist also in erster Linie mal bequem. Was ich dabei nur schade finde, dass die Datenschutzfragen von Facebook überhaupt nicht mehr diskutiert werden- und von den meisten anscheinend auch gar nicht mehr angezweifelt oder hinterfragt werden. Zumindest bekomme ich außer den täglichen Belanglosigkeitsmeldungen davon nichts mit. (Vielleicht scheint aber die diffuse Angst vor dem Alles-Wisser Facebook auch gerade dazu zu führen, dass die Leute nur noch an der Oberfläche bleiben und dann Dinge von sich geben, deren Daten nichts bedeuten). Die Tiefe scheint generell in den sozialen Netzwerken zu fehlen. Aber egal, hauptsache wir sind „sozial“ und wir liken und empfehlen uns und bestätigen uns gegenseitig in unserer „Nicht-Meinung“ des Konformismus. Ich bin da naturgemäß sehr kritisch und abwartend und konnte den Vorteil von Twitter und Facebook für mich noch nicht nutzen. Bei Twitter denkt man einmal in die falsche Richtung und läuft dann gleich Gefahr massiv Gegenwind von „Followern“ zu bekommen. Aber wie soll man eine Meinung ernsthaft kritisieren oder anzweifeln, wenn sie nur 140 Zeichen lang ist?
Soziale Netzwerke und meine Absicht beim Schreiben sind fast so ein bisschen wie Öl und Wasser. Es kommt einfach nicht zusammen.. Und was bringt der Protest von einer Person, wenn alle anderen hinter dem „Anführer“ Facebook hinterher laufen?
Dennoch bin ich immer mehr am Überlegen, ob ich Facebook & Co nicht stärker in mein Wirken einbauen sollte. Denn wenn man an einer Sache nicht teilnimmt, dann kann man sie auch nicht verändern.

Generell mag ich nach wie vor die langen, fundierten und ausführlichen Artikeln von Leuten, die sich wirklich Gedanken machen und bei denen man auch merkt, dass sie eine Sache durchschauen und sich ihrer annehmen. Es müssen nicht unbedingt Experten sein, die reden. Die Texte müssen auch nicht zwangsläufig lang und ausschweifend sein. Aber ich finde es immer gut, wenn sich jemand von einer Sache berühren lässt. Denn über eine Sache nachzudenken und sie an sich heranlassen ist sehr wichtig. Gerade in der schnelllebigen Zeit, wo wir ständig mit neuen Input geflutet werden, brauchen wir diese Zeit des Innehaltens- und Nachdenkens. Es ist ein angenehmer Kontrapunkt, ein Gegengewicht vor der Macht des Mitgerissen-Werdens. Und wenn man sich emotional auf eine Sache einlässt, öffnet man sich und lässt Energie reinfließen. Wenn man von den momentanen Alltagsnachrichten nur geschockt und frustiert wird, ist das kein großes Wunder. Aber es ist keine gute Reaktion, das alles dauerhaft an sich abprallen zu lassen. Das ist dann nur eine Art Verdrängung. Die Welt ist sehr negativ und wird von vielen Krisen erschüttert. Aber gerade dann darf man nicht wegschauen. Die Welt und Gesellschaft wird ja vom einzelnen geprägt. Es gibt nicht „die Bürger“ oder „die Gesellschaft“ oder „den Wähler“. Es gibt nur mich und dich, diesen Nachbarn und jene Nachbarin. Von der Meinung und den Taten jedes Einzelnen hängt alles ab. Wenn wir alle nur einer Massenmeinung anhängen oder den großen Meinungsführern wie blinde Schafe folgen, KANN dabei nicht viel mehr herauskommen, als ein großes blökendes Volk, dass sich mal wieder von Hetzern und Egoisten verführen lässt.

Und am Ende wählen alle rechts-extreme Parteien und wir fragen uns wieder „Wie konnte das nur passieren??“.

Categories: Schreiben
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Posted by J.A. on Juli 25, 2016

Terror oder Amok

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Ich wollte ja eigentlich was über diesen durchgeknallten Axt-Attentäter von Würzburg schreiben… aber dann kam München und der Typ mit der umgebauten Theater-Waffe dazwischen. Und gerade, als sich dieser Medienhype ein wenig gelegt hat und ich durchatmen wollte, las ich heute morgen „alles was wir über den Bombenanschlag von Ansbach wissen“.

Puh, das ist ein harte Woche, auch für erfahrene und Angst-befreite Blog-Autorinnen.

Was mir bei der Medien-Berichterstattung sehr stark auffällt: Alle beeilen sich, den Terror dieser Tage vom Amok abzutrennen.
In der Nachrichtensendung wird dieser Satz am Ende der Sendung sogar nochmal nachgereicht. Der Machetenmörder war nur krank, der Mord vermutlich eine Beziehungstat. Puh, und kein Terror in München, was für ein Glück! Nur ein 18-jähriger Spinner, der mit einer Waffe aus dem Darknet wahllos Ausländer und Jugendliche abknallt. Über den anscheinend alles bekannt gewesen ist: Er hat sich ein Buch über Amokläufe gekauft, er hat im Internet Counterstrike gespielt und dabei Nicknamen wie „Hass“ oder „Terror“ verwendet, er hat in Chats über Ausländer geschimpft, und er hat sogar als (vermutlich 17-jähriger) die weite Reise auf sich genommen und den Amoklauf-Tatort in Winnenden besucht und dort sogar Fotos gemacht. Dann hat er noch in aller Ruhe ein Manifest über seinen Amoklauf geschrieben und sich als Tatzeitpunkt den Jahrestag des Breivik-Attentats von Utøya ausgesucht (22. Juli). Nebenbei war er anscheinend so intelligent, dass er sich im Internet eine Waffe bestellen konnte und anscheinend auch so reich, denn so eine Waffe ist ja bestimmt nicht billig, dazu kamen noch 300 Schuss Munition. Mit dieser Waffe muss er auch mal geübt haben und wurde wahrscheinlich von niemanden wahrgenommen.

Und alle Freunde, Verwandten, Eltern und Familienmitglieder haben davon nichts mitbekommen und den Jungen weiter gewähren lassen?
Er war wegen eines „depressiven Formenkreises“ in Behandlung, aber kein Psychiater der Welt hat die Anzeichen erkannt oder den Jungen mit der instabilen Psyche irgendwie auffangen oder aufhalten können. Was nützt uns all die Polizei, die GSG9, die Feldjäger und die 2300 Beamten im Einsatz, wenn all diese zivilen Sicherheitsmechanismen versagen? Man wird den Terror niemals aufhalten können, wenn diese Attentäter nicht aus dem zivilen, bürgerlichen und familiären Umfeld erkannt und aufgehalten werden.

Und somit ist der Terror auch ein Versagen der Gesellschaft. Unrecht kann dort passieren, wo die Gesellschaft Unrecht zulässt und keine geeigneten Gegenmittel findet. Der Junge wurde laut Medienberichten gemobbt und ausgegrenzt. Wahrscheinlich war er auch von den Identitäten zerissen. Darauf deutet hin, dass er als „Deutsch-Iraner“ bezeichnet wird, wahrscheinlich in Deutschland geboren wurde, aber iranische Eltern hat. In diesem wackligen Handy-Video vom Balkon in Richtung Parkhaus hat er ja auch lautstark protestiert und betont „Ich bin Deutscher… aus einer Hartz IV-Gegend“.
Woraufhin der Baggerfahrer in Unterhemd Bierflaschen auf ihn geworfen haben soll und ihn als „Spinner“ bezeichnet hat, der in die Psychiatrie muss .. Dieses kleine Video ist ein schreckliches Zeugnisvideo von all dem Elend. Es ist komprimiert auf die wichtigsten Punkte. Da unten steht ein verzweifelter Jugendlicher, der seinen Platz in der Gesellschaft noch nicht gefunden hat. Während er mit der Pistole in der Hand hin- und herläuft, wird er von der Gesellschaft (= dem Mann auf dem Balkon) verspottet, beschimpft und angegriffen. Obwohl es so komplett offensichtlich ist, dass er seelisch aus dem Ruder läuft, findet sich niemand, der dieses Chaos aufhalten kann. Ein paar beruhigende Worte hätten vielleicht gereicht. Stellt neben den 2300 Polizisten und den Sondereinheiten gegen Terror bitte auch noch ein paar Polizeipsychologen in den Dienst. Und die sollen dann auch mit Blaulicht an den Tatort fahren.

Und die sprachliche Unterscheidung zwischen Terror und Amok? Streng genommen gibt es keinen Unterschied. Beide Straftaten dienen dem Zweck, die Bevölkerung zu verunsichern, Angst und Schrecken zu verbreiten und wahllos Opfer zu töten, die man irgendwie für „Feinde“ hält.

Beim Terroranschlag mag es noch ein paar politische oder pseudo-religiöse Motive geben- aber in der Verblendung und dem blinden Hass gegen alles Fremde und Abgelehnte gibt es kaum Unterschiede zum Amoklauf. Der Amokläufer will die Gesellschaft bestrafen, von der er sich gehasst und ausgeschlossen fühlt. Der Amoklauf ist der drastische Kontrapunkt zur Gleichgültigkeit und Ignoranz, die ansonsten vorherrschen. Man wird jahrelang ignoriert, gemobbt, ausgeschlossen. Menschen beachten sich auf der Straße kaum. Nur der Stärkste, coolste, hübscheste gewinnt den Kampf um die Aufmerksamkeit. Wer bei diesem Wettbewerb nicht mitmachen kann, landet schnell im Kanaldeckel der Ungeliebten. Bemerkenswert ist z.B. auch dass der Attentäter von München sich als junge Frau ausgibt, um die Leute in den MacDonalds zu locken. Hätte ihm seine männliche Identität nicht ausgereicht? Hat er schon geahnt, dass dann niemand kommen würde?

Aus diesem Untergrund der Verlierer-Randgesellschaft gibt es nur ein Entkommen: Den blinden Hass, den man die Leute zurück vor die Füße wirft. Plötzlich wird die Gesellschaft gewzungen, sich um einen zu kümmen. Nun müssen alle hinschauen! Nun müssen sie sich alle mit dem 18-jährigen beschäftigen. Nun wird er endlich geliebt. Doch es ist zu spät. Er richtet die Pistole gegen den Kopf und verschwindet aus dieser Welt. Was alles schief gelaufen ist, erfahren wir erst hinterher.

Der Terrorist ist in seiner Verzweiflung nicht viel anders. Auch er dichtet sich wahnhafte Motive zusammen, sieht überall Feinde und „Ungläubige“ die er bekämpfen muss. Menschen, die sich amüsieren, friedlich ein Feuerwerk anschauen oder dem Wochenend-Einkauf nachgehen, werden wahllos zu Feinden deklariert. Die Auswahl scheint hier völlig irrational und zufällig. So waren z.B. beim Nizza-Attentat auch viele Muslime unter den Opfern. Der LKW unterscheidet nicht nach Religion. Die Stoßstange wälzt jeden Menschenkörper unter die Räder. Die harten Felgen trennen alle Arme und Beine ab, ob der oder die jetzt regelmäßig in der Moschee war oder nicht. Die Leben werden allesamt beendet. Mit einem Miet-LKW gefahren aus den Händen eines Irren. Es sind nicht die LKW, die Macheten oder Äxte, die man verbieten muss. Es sind die fehlgelenkten Gedanken des Hasses, die den eigentlichen Feind ausmachen.

Die beste Antwort auf Hass in der Gesellschaft kann nur „Liebe“ sein. Auch wenn es abgedroschen und plakativ klingt, denke ich, dass die Formel recht einfach ist. Eine verrohte Gesellschaft, die sich um den anderen nicht kümmert und Schwächere ausgrenzt und mobbt, wird Hass und Gewalt ernten. Amokläufer und Terroristen sind immer Augeschlossene und „Nicht-Integrierte“. Daher muss das Wort „Integration“ ganz nach oben auf die politische Agenda.

Neu ist allerdings, dass wir mit den vielen neu-dazugezogenen und Geflohenen auch die Probleme anderer Länder und anderer Regionen zu unseren eigenen dazu bekommen. Wer anderen helfen möchte, muss damit rechnen, dass nicht nur problemlose, friedliche Menschen aus einer heilen Welt kommen. Wenn diese Menschen nicht massiver Gewalt, Armut, Ungerechtigkeit, Terror und Leid ausgesetzt wären, würden sie ja nicht fliehen. Wer also die Arme aufmacht und die Welt willkommen heißt, MUSS damit rechnen, dass auch die Probleme mitkommen. Es ist gefährlich und naiv, wenn man diese Realität nicht sieht. Diese Realität des Fremden kann auch sehr leicht von ausländerfeindlichen und extremistischen Parteien missbraucht werden, um negative Stimmungen zu erzeugen und Wähler zu gewinnen. Allein schon deshalb muss sich die Politik und die Gesellschaft all dieser Probleme endlich annehmen. „Wir schaffen das“ alleine reicht nicht.

Categories: Gesellschaft,Psychologie
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Posted by J.A. on Juli 20, 2016

Gut integriert

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Der Axt-Attentäter von Würzburg galt laut einhelligen Bekundungen der Online-Medien als „gut integriert“.

Als gut integriert wird dann folgende Aufzählung gegeben: Er reiste vor ca. zwei Jahren als unbegleiteter minderjähriger Jugendlicher nach Deutschland ein. Dann kam er erstmal in ein Kolping-Heim und ist wohl auch zur Schule gegangen. Weil dann seine Leistungen so gut waren und der Erfolg sich zeigte, wurde er vor ca. drei Wochen in eine Pflegefamilie überwiesen. Er hatte die Aussicht auf eine Bäckerlehre. (Quelle)

Das muss also den Medien und Politikern reichen, um eine Aussage über „gute Integration“ zu stellen.

Aber ich finde, „gute Integration“ ist viel mehr, als nur die äußeren Faktoren. Über dieses viel verwendete Wort „Integration“ muss endlich einmal geredet werden. Es ist sehr abstrakt und man kann sich darunter nur wenig vorstellen. Der Wikipedia-Artikel gibt einen ersten Überblick.  Auch hier stehen die äußeren Werte wie Sprache, Bildung, Arbeitsmarkt ganz vorne.

Ich mache es mir etwas einfacher und versuche, ein anschauliches Bild für das Wort „Integration“ zu finden:

Mal angenommen ich habe ganz viele rote Kugeln in einer Reihe (Deutsche) und in meiner Hand noch drei Grüne (Einwanderer). Meine Aufgabe ist nun, die grünen Kugeln in die Reihe der roten einzusortieren, so dass sie in die Reihe passen und nicht so auffallen. Nach erfolgreicher Einsortierung in die Kugel-Gesellschaft hab ich jetzt eine rote Kugel, eine grüne, dann wieder eine rote, usw. Dann hab ich einen Haufen mit ganz vielen roten Kugeln und in meiner Box hinter mir warten noch ein paar grüne Kugeln auf Einsortierung.

Werden die grünen Kugeln jetzt zu roten? Nicht so ohne weiteres. Ich müsste also die grünen Kugeln irgendwie anmalen. Vielleicht geht das nicht, weil die Farbe nicht haftet. Oder ich hab nicht genug Farbe. Oder die grünen Kugeln wollen grün bleiben. Vielleicht wollen auch die roten Kugeln nicht, dass soviele grüne Kugeln neben ihnen stehen und stoßen diese magnetisch ab.

Vielleicht hab ich noch ein größeres Problem, und nicht nur die Farbe ist unterschiedlich, sondern auch die Größe. Die roten Kugeln haben alle einen Durchmesser von 3 cm, die grünen Kugeln aber von 4 cm. D.h. sie ragen aus meiner Reihe heraus, auch wenn ich sie noch angemalt habe.

Aber müssen alle Kugeln denn rot werden? Ein paar erklären sich freiwillig bereit, sich selbst grün anzumalen. Und ein paar andere Kugeln vermischen sich mit den neuen und heraus kommt eine Mischung aus rot-grün. Diese sind am unauffälligsten in der Reihe und am schwierigsten zu erkennen. Sie sind also „gut integriert“. Allerdings dauert das ein paar Jahre. Und nicht alle roten Kugeln wollen sich mit den grünen verbinden.

Eine andere Idee zur Integration ist, dass ich noch andersfarbige Kugeln nehme. Ich nehme weiße, blaue, gelbe, lila und schwarze Kugeln und vermische sie mit den roten und grünen Kugeln. Dann hab ich eine Sammlung mit verschiedenen Farben und das ganze nennen wir dann „Multikulti“. Ich habe also keinen Anspruch mehr auf „Homogenität“, sondern akzeptiere die Verschiedenartigkeit meiner Kugel-Sammlung. Wiederum klappt das bei einigen Kugeln, aber andere Kugeln protestieren lautstark und wollen nur neben Kugeln ihrer eigenen Farbe liegen. Denn rote Kugeln haben immer neben roten Kugeln gelebt. Das war schon immer so und wird immer so bleiben! Auch die grünen Kugeln wollen lieber unter sich bleiben. Sie kennen eben ihresgleichen.. dort fühlen sie sich wohl. Stadtviertel, in denen ehemals grüne neben roten gewohnt haben, fangen an sich zu separieren. Die grünen ziehen auf einen Haufen, die roten ziehen weg. Und warum? Nur weil sie eine andere Farbe haben? Aber es sind doch alles Kugeln!

Ist dieses Bild ein guter Vergleich zur tatsächlichen Integration? Ich denke, die menschliche Integration ist noch viel komplexer. Zu einem gewissen Maß kann sich der menschliche Geist an neue Kulturen, neue Umstände und neue Begebenheiten anpassen. Die Kugeln können wirklich die Farbe ihres gegenüber annehmen. Oder zumindest akzeptieren, dass es verschiedene Farben gibt. Und dass diese monotone Mischung einer Farbe auch nicht die beste Lösung ist… Die Frage ist, wieviel „Integration“ wollen wir von den neuen? Was genau muss sich anpassen, wo soll eine „Integrationsleistung“ passieren?

Wenn sich Ausländer an unsere Gesellschaft anpassen sollen, was erwarten wir dann? Ich zähle mal auf, so wie es mir einfällt:

  • sie sollen unsere Sprache, also Deutsch lernen und sprechen
  • auch zu Hause soll Deutsch gesprochen werden
  • sie sollen unsere „freiheitliche-demokratische“ Grundordnung akzeptieren
  • sie sollen das Grundgesetz kennen und akzeptieren
  • es gibt eine Trennung von Religion und Staat, dies ist zu akzeptieren
  • wir haben eine Demokratie
  • Frauen und Männer sind gleichberechtigt, keiner ist mehr oder weniger wert
  • religiöse Symbole, wie z.B. Kopftuch sollen möglichst vermieden werden
  • Männer sollen auch einer deutschen Frau die Hand geben
  • die Neuen sollen arbeiten und einen Beitrag zur Gesellschaft beitragen
  • ihre Kinder sollen mal unsere Rente zahlen (= Beitrag zur Gesellschaft)
  • sich nur im Sozialsystem einzurichten, wird abgelehnt
  • sie sollen die deutschen Gesetze kennen und akzeptieren
  • Gewalt und Kriminalität wird nicht akzeptiert
  • wer sich nicht an die Regeln hält, muss damit rechnen, wieder abgeschoben zu werden

Aber Integration ist noch viel mehr. Beim Attentäter von Würzburg waren ja viele dieser äußeren Faktoren gegeben… dennoch wurde er zum Attentäter.
Wenn man davon ausgeht, dass er sich „blitz-radikalisiert“ hat und kein Schläfer war, muss man die Frage stellen: Warum?

Integration in eine Gesellschaft heißt ja auch „ankommen in einer Gesellschaft“. Man muss dort akzeptiert werden. Sich glücklich fühlen. Sich frei entfalten können und orientieren können. Nach diesen Maßstäben sind auch viele Deutsche nicht gut integriert. Arme Menschen oder kranke Menschen stehen oft am Rande der Gesellschaft.

Um integriert zu sein, muss man die Gesellschaft mit jeder Zelle des eigenen Körpers akzeptieren, aber auch lieben. Und man muss von der Gesellschaft geliebt und akzeptiert werden. Sich irgendwie „deutsch“ fühlen und sich auch zu den deutschen Werten bekennen. Gerne deutsch sein. Und die ganze eigene Vergangenheit abkapseln oder vergessen. Wo sind dann die Grenzen zwischen Assimilation und Integration?

Das ist sehr viel verlangt und bestimmt nicht von jedem zu leisten. Vor allem kostet so ein Vorgang unheimlich viel Zeit. Und es müssen sich wirklich Menschen mit ihrem ganzen Herzen und ihrer ganzen Liebe darum kümmern, dass diese Integration gelingt. Integration ist kein Selbstläufer und kein Automatismus, der sich von selbst einstellt. Es ist etwas, dass von Menschen aktiv und mit Nachdruck und viel Arbeit geleistet werden muss.

Wenn ein Kind ohne Eltern nach Deutschland kommt, dazu noch aus einer völlig anderen Kultur, ohne Halt, außer den staatlichen Stellen, was wird von diesem Kind denn alles verlangt?

Wie kann man als Kind in einem Heim „Halt“ finden? In dem es keine Privatsphäre gibt? Wo die Regeln von anderen gemacht werden? Wo erstmal alle eine fremde Sprache sprechen und aus einem fremden Kulturkreis kommen? Der Junge war vor dem Anschlag gerade einmal drei Wochen in seiner Pflegefamilie. Vielleicht gab es schon die ersten Konflikte… von denen die Medien nichts wissen. Aber wie kann man sich in drei Wochen „integrieren“? Wird man diese Familie je als die eigene sehen können? Vielleicht hat er die eigene Familie vermisst? Die eigenen Freunde, die er zurück gelassen hat.

Und dann der Beruf.. er war weit weg davon, wirklich zu arbeiten, wirklich ein Teil der Gesellschaft zu sein. Er hatte kein eigenes Geld, keine eigene Wohnung, keine Freundin, kein Auto, keine Autonomie, keine Selbstständigkeit. Er war auf das Gedeih und Verderb seiner Ziel-Gesellschaft und die Liebe seiner Umgebung angewiesen.

Er hatte die „Aussicht auf eine Bäckerlehre“. Das klingt mir wiederum so staatlich gewollt. In Deutschland will ja keiner mehr Bäcker werden, also nehmen wir doch die Flüchtlinge dazu, sie sind willkommene „Lückenbüßer“.

Vielleicht hat er überhaupt keine Ahnung von deutschem Brot? Wie soll er es da mit Liebe und Leidenschaft backen?
Vielleicht wäre er lieber Schlosser oder Elektriker oder KFZ-Mechaniker geworden? Oder Bank-Kaufmann?

Was verlangt die Gesellschaft von 17-Jährigen Jugendlichen… und was wiederum verlangen wir von der Gesellschaft und den staatlichen Institutionen?

Die Fragen der Integration gehen uns alle etwas an. Und schon beim ersten Blick auf die komplexe Thematik wird klar, dass es nicht einfach wird.

Categories: Soziales
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Posted by J.A. on Juli 19, 2016

Der kleine Riss, der langsam größer wird

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Die Nachrichtenlage

Ich bin immer noch etwas erschüttert über die Nachrichtenlage der letzten Woche. Da ist einfach zuviel passiert. Und je mehr passiert, desto weniger hab ich das Gefühl, die richtigen Worte finden zu können.

Die Welt ist im Wandel, so scheint es mir. Phänomene wie die Überbevölkerung, Kampf um Ressourcen und der Klimawandel verdichten sich auch auf gesellschaftlicher, menschlicher Ebene zu immer neuen Tragödien. Die Welt ist kleiner geworden und mit den modernen Reisemitteln schrumpft alles enger zusammen. Die Konflikte werden dadurch deutlicher, sichtbarer und größer.

Sicherlich werden durch die Medien die Ereignisse verkürzt und komprimiert. Wenn man all das Gute weglässt und sich nur auf das Negative konzentriert, muss die Sicht zwangsläufig negativ werden. So ist mir heute das Bild der Nachrichtensprecherin in Erinnerung, die den Zuschauern einen schönen Abend wünscht und sich fast entschuldigt „über diese turbulente Nachrichtenwoche“. Aber doch, in ihren Augen ist kein echtes Bedauern, kein echtes Mitgefühl für den geplagten Zuschauer. Denn viele schlechte Nachrichten sind ja auch der Nährboden ihrer eigenen Arbeit.

Manchmal ist es dann hilfreich, sich zurückzulehnen, die Augen zu schließen und positive Ereignisse in die Erinnerung zu rufen. Sonst wird man von all den negativen Bildern vergiftet und runtergezogen.

Trotz alledem schwebt über der allgemeinen Nachrichtenlage dieses Gefühl, dass wir in einer besonderes Zeit leben, in einer Zeit der Umbrüche. Kleine Risse gehen auf und werden immer größer. Wir stehen mitten auf diesen Rissen und können die Lage nicht objektiv beurteilen.

Adé du schöne Zeit

Vielleicht werden wir in ein paar Jahrhunderten auf diese Phase zwischen 1945 und 2005 zurückblicken und sagen, „was für eine schöne Zeit das gewesen ist“. Neben den ständigen Konflikten, Kriegen und Umbrüchen die Europa stets erlebte, hatten wir ja einmal 60 Jahre eine außerordentliche Blütezeit. Kriege schienen überwunden, Hindernisse und Schranken zwischen den Völkern wurden überwunden, Deutschland wurde wiedervereint und am Ende war sogar die schlimmste Bedrohungslage überhaupt überwunden: Der kalte Krieg war vorbei und alle wurden vernünftig.

Jetzt aber, im Jahre 2016 scheint dieses fragile Gleichgewicht wieder zu kippen. Ein Mitauslöser war sicherlich die globale Finanzkrise, die speziell Europa sehr getroffen hat. Wirtschaftliches Ungleichgewicht und Bankenkrisen treffen die Menschen ganz besonders hart. In Griechenland wurde das sehr deutlich. Und die Opfer sind mal wieder die Falschen. Auch in Deutschland werden die Bürger getroffen, aber unsichtbarer und mehr über die Steuerbelastung und die niedrigen Zinsen.

Weil aber dennoch ein diffuses Gefühl der Angst und Skepsis gegenüber den Mächtigen vorherrscht, entstehen dann solche groteske Szenarien wie der Brexit. Menschen lassen sich aufhetzen und von den Medien manipulieren. Am Ende kracht der ganze Elfenbeinturm zusammen.

Und wenn Großbritannien erst der Anfang war? Was machen wir, wenn jetzt auch noch die Niederlande, Österreich, Polen oder andere Länder aus Europa austreten? Was machen wir mit einer Le Pen in Frankreich oder der AFD in Deutschland? Wenn solche Parteien stärker werden, bleibt uns nichts anderes übrig als der Zerfall.

Auch sicherheitspolitisch ist eine unsichere Türkei „an unseren Außengrenzen“ kein beruhigendes Gefühl. Oder ein Putin, der nach eigenem Ermessen getarnte Truppen über die Grenze schickt und einfach mal so ein Land besetzt.

Der Terror in den Köpfen

Zu allem Übel kommen jetzt noch die „Religionskriege“ und die Konflikte mit extremistischen IS-Kämpfern und die Terroranschläge.

Diese verwundern mich am allermeisten. Ich bin die ganze Zeit am Überlegen, welche Motivation Menschen haben, die so etwas tun? Ich versuche mich die ganze Zeit in sie hineinzuversetzen und eine rationale Begründung zu finden, aber ich finde keine. Wie kommt man auf die Idee, sich in einen LKW zu setzen und in eine Menschenmasse zu rasen, die gerade friedlich ein Feuerwerk angeschaut hat? Was muss im Gehirn alles schiefgegangen sein, dass so etwas passiert? Schlummern überall um uns herum Psychopathen? Oder reicht ein Psychopath auf eine Million, um eine Gesellschaft innerlich zerbrechen zu lassen?

Rational werden die Anschläge der letzten Zeit (Paris, Nizza, Brüssel, etc.) mit dem islamistischen Terrorismus begründet.
Man sagt, sie machen es aus Glaubensgründen, weil sie die Ungläubigen bestrafen oder vernichten wollen.
Allein hier krankt schon die Logik. Denn wenn sie gegen alle Ungläubigen wären, müssten sie auch konsequent alle vernichten. Da war Hitler mit seiner kranken „Säuberungsideologie“ ja schon weiter. Aber was bringt hier und da ein Terroranschlag, wenn man „gegen alle Ungläubigen“ ist?

Man sagt, sie wollen Angst und Hass verbreiten und die friedlichen westlichen Gesellschaften in einen Krieg ziehen und zu heftigen Gegenreaktionen zwingen. Das erscheint mir schon logischer, denn hier herrschen weltliche Motive vor. Wenn man eine Organisation ist, die gerade militärisch in die Enge getrieben wird, wird man mit aller Macht um Anerkennung und Einfluss kämpfen. Und wie so oft, sind die schrecklichsten und grausamsten Mittel die „effektivsten“, um den eigenen Untergang noch irgendwie abfangen zu können.

Lass uns Terrorist werden

Das wirklich Gefährliche ist aber der geistige Virus, der gesät wird. Man hat durch die vielen Terroranschläge schon fast das Gefühl, dass sie ein „Trend“ werden. Dass sie richtig chic werden. Und die Terroristen stehen sich ständig in den Medien! Werden mit Bildern und Namen gezeigt, man interessiert sich plötzlich für sie. Sie werden kleine Stars. Nicht, weil sie großes geleistet oder der Menschheit mit Frieden und Intelligenz gedient haben. Nein, sie werden Stars, weil sie andere Menschen auf bestialische Weise umbringen. Und das ist das Gefährliche. Hier kann so etwas wie eine „Ansteckung“ entstehen. Menschen werden dazu verleitet, ähnliches zu tun.

Der Attentäter von Nizza z.B. soll sich „blitz-radikalisiert“ haben. Der Vater berichtet sichtlich aufgelöst (und fassungslos) vor den Kameras, dass sein Junge überhaupt nicht religiös gewesen ist. Und dann, innerhalb von nur einer Woche ließ er sich einen Bart wachsen und alles in ihm explodierte?

Daran sieht man, dass die grauenvolle Idelogie einer Terror-Organisation wie dem IS ein Kanal sein kann. Ein Ventil für eigenes Versagen, für eigene unterdrückte Bedürfnisse, für eigenes Scheitern, für eigenen Sadismus und den latenten Bedürfnis, anderen Menschen zu schaden. Nicht die Religion ist der gemeinsame Feind der gesunden, freien Gesellschaft, sondern die menschliche Psyche mit all ihren Stolperstellen und inneren Trugbildern.

Lösungen?

Die Gewalt als einziger attraktiver Ausweg für junge Menschen, die dem Islam angehören, ist das Fatale. Hier muss die Gesellschaft ansetzen und Antworten finden. Der Islam und alle Ländern, die ihm angehören, muss insgesamt aus der Krise.
Er muss sich selbst reformieren. Er muss endlich mal kritische Fragen und Selbst-Reflexion zulassen. Die Rolle der Männer und die Gewaltherrschaft des Patriarchs muss hinterfragt werden. Auch von deutschen Feministinnen. Denn schließlich sind wir es ja „im Westen“ die sich frei, aufgeklärt und losgelöst von allen dunklen Seiten des Mittelalters wähnen.

Aber vielleicht müssen auch wir wieder etwas lernen. Über streng ausgeübte Religion, über klare, unveränderliche Familienstrukturen, über männliche Dominanz und die Verbindung von Religion und Staat.

Wenn Menschen, die aus repressiven und unfreien Ländern wie in Nordafrika kommen und auf eine freie, westliche, „weibliche“ Gesellschaft stoßen, müssen sie in ein Vakuum vordringen. Diese westliche Welt wird nach völlig anderen Maßstäben geregelt. Hier setzt sich nicht der stärkste und der lauteste durch. Auch die Männer zählen hier nicht soviel wie in vielen anderen islamischen Ländern. Sie können keine Frauen „besitzen“. Hier herrscht Gleichberechtigung und Diplomatie. Es ist nur klar, dass das viele überfordert.

Wenn man mit diesen Herausforderungen seelisch und pragmatisch nicht klarkommt, ist es viel leichter auf die alten, bewährten Lösungen des Hasses und der Gewalt zu setzen. Sie sind vielleicht nicht „anerkannt“, aber sie funktionieren.

Daher denke ich auch nicht, dass man den Terrorismus mit mehr Sicherheit, mehr Polizei oder anderen Mitteln begrenzen oder eindämmen kann. Der Terrorismus ist ein Spannungsfeld unterschiedlicher Gesellschaftsformen und unterschiedlicher (männlicher) Selbst-Definitionen und Selbst-Bilder. Dieses Spannungsfeld wird noch lange bestehen. Es kann nur abgebaut werden, wenn die Gesellschaften und Länder voneinander lernen, wenn sie sich gewissermaßen an die Eigenheiten der anderen anpassen und eine Dialogmöglichkeit finden. Wenn es Spannungen gibt, muss es auch einen „Druckausgleich“ geben.

Dass das „religiöse Spannungsfeld“ von einer wirtschaftlichen Ungleichheit (Armut) und einer Ungleichheit von inneren Entwicklungszuständen (Mangelnde Aufklärung, Demokratie-Defizite) mitgenährt wird, ist ebenso offensichtlich. Also muss die Politik hier mit geeigneten Mitteln der Entwicklungshilfe Lösungen finden.

Gelungene Integration im Rampenlicht

Man redet immer über den einen nicht-integrierten, über den einen Terroristen. Aber was ist mit den tausend eingewanderten Asylanten, bei denen die Integration super geklappt hat? Die erfolgreich zwei Kulturen leben? Die Freunde mit den Deutschen haben, unsere Sprache lernen und uns wiederum mit ihrer Kultur bereichern? Das sind Beispiele für gelungenes Nebeneinander und Miteinander. Man muss die guten Beispiele nähren, dann haben die negativen keinen Platz mehr.

Es ist auch eine Illusion zu glauben, wir könnten in die Weltordnung von 1950 zurück. Als jeder in seinem eigenen Land gelebt hat, die Grenzen zu waren und die „Moslems“ weit weg waren. Diese Zeit wird nicht mehr kommen. Wir profitieren von den Chancen der Globalisierung und der zusammengewachsenen Welt, jetzt müssen wir uns auch endlich den Risiken und Gefahren stellen. Die Welt des 21. Jahrhunderts kann sich keine Abschottung und keine geistigen Mauern mehr erlauben. Dazu ist es zu spät.

Einfach nur den Kopf in den Sand stecken und hoffen, dass der Kelch des Terrorismus an uns vorübergeht, wenn wir nur schön still halten, wird nicht reichen.

Posted by J.A. on Juni 26, 2016

Und zum Ende kommt die Demut

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Es gab ein britisches Referendum und die Einwohner haben für einen „Brexit“ gestimmt! Die gute Nachricht daran? Es gab ein Referendum. Das Volk wurde endlich mal gefragt. Und es hat das Bürokratie-Monster EU abgewählt. Die einfachen Leute vom Land und die Älteren haben den mächtigen Strippenziehern von Brüssel gezeigt, dass sie keinen Bock mehr auf sie haben. Sie haben das Finanzkapital und die „alternativlose“ Globalisierung und die Vergesellschaftung von Risiken abgewählt. Und jetzt? Sind alle ganz furchtbar überrascht, was da passiert ist. Die EU-Politiker wollen Großbritannien möglichst schnell aus der EU drängen, damit dieses schlimme Beispiel „keine Schule macht“. In ihren arroganten Worten hört man, dass sie noch nichts gelernt haben. Merkel verkündet ihre Rede zum historischen Brexit-Tag leidenschaftsloser, wie sie nicht sein könnte. Doch hinter ihrer gespielten Gleichgültigkeit verbirgt sich der Horror in kleinen Stückchen.

Die EU ist schon seit längerem in einem Verfallsprozess. Es gibt äußerlich nur noch wenige Gründe, die sie zusammenhalten. Emotional gibt es nicht mehr die prägende Erfahrung von Not, Krieg und Elend, die einst zur Gründung der mächtigen Staatengemeinschaft geführt hat. Nie wieder Krieg lautete damals die Devise! Deutschland musste in seiner Selbst-Auflösung zur Gemeinschaft von seiner kollektiven Schuld gereinigt werden. Und ist bis heute mit hohen Beitragszahlungen und Leistungen in der Flüchtlingskrise der ewige Büßer für den europäischen Kontinent.
Wir haben uns an den allumfassenden Wohlstand nur allzu schnell gewöhnt. Wir „sehen“ nicht mehr, wo die EU gut für uns ist. Wie verwöhnte Kinder sehen wir nur noch das Negative. Das Jammern und Meckern und auf die Eltern schimpfen ist leicht- aber was ändern und sich im „Familienverbund“ weiterentwickeln ist schwieriger. Es erfordert Disziplin, Verzicht auf Egoismus, Mitgefühl, Altruismus und gegenseitige Liebe. Alles Werte, die derzeit keine Hoch-Konjunktur haben. Und es sind mal wieder die Menschen, jeder einzelne, der mit seinen Entscheidungen zum Guten oder Schlechten das Zünglein an der Waage bildet.

Die EU war am Ende nur noch ein Abziehbild von sich selbst. Sie überzeugt nicht mehr mit gemeinsamen Werten, hat kein echtes Fundament mehr. In der Flüchtlingskrise wurde das besonders deutlich. Wenn von innen keine Substanz mehr dagegen hält, können Kräfte von außen nur zu gut daran reiben. Die Menschen haben Angst. Angst vor unkontrollierter Einwanderung, Angst vor Terroristen, Angst vor Globalisierung und „TTIP“. Die Finanzkrise wurde nicht richtig gelöst, sondern nur verschoben. Die Konsequenz aus den besinnungslos gewordenen Banken und „Finanzzocker“ besteht darin, dass die Sicherheit und die Garantie für Wohlstand und gesunden Wachstum- die Zinsen- zerstört werden. Wer normal arbeitet und sich einen Teil anspart, wer langfristig und mäßig denkt, wird bestraft. Wer bei diesem ganzen Wahnsinn des „immer mehr“ mitmacht und auf Risiko-Renditen und immer verrückteren Bond-Hebel-Futures und sonstigen Finanzprodukte setzt, wird belohnt.

In der Flüchtlingskrise gibt es keine Einigkeit. Jeder denkt nur an sich. Die Lösung für die Krise müsste „mehr Europa“ lauten, aber sie scheitert am Egoismus der Einzelnen. Denn „Nationalismus“ und „Rechtspopulismus“ sind nur andere Worte für Engstirnigkeit und nationalem Egoismus.

Die Spalter und Wort-Zerteiler, die Angst-Macher siegen nun. Die Rechtspopulisten heizen zusammen mit den Medien die Ängste der einfachen Menschen auf. Die kritischen Stimmen werden lauter, man redet den Menschen ein, dass sie es „alleine viel besser schaffen“. Trotz regiert, wo Weitsicht und Einsicht herrschen müsste.

Die britischen Fischer meckern in einer Fernsehreportage über die „unfairen“ EU-Fangquoten und denken, dass sie ohne diese Quoten besser dastehen würden. Nur schade, dass im Meer bald keine Fische mehr sind. EU hin oder her.

Die Klimakatastrophe ist die unübersehbare Antwort auf Gier und grenzenlose Konsumlust. Die Erde verkraftet die vielen Menschen mit ihren vielen dummen Ideen immer schlechter. Und so fliegt das Elend der Welt wie ein Bumerang auf uns zurück und zerteilt unsere Einigkeit. Die glänzenden Paläste von einst verlieren bald ihren Glanz. Moos und Unkraut setzt an, wo einmal politikgetriebene Überheblichkeit und grenzenlose Macht herrschte.

Die Natur holt sich die Paläste zurück. Alles zurück auf Start. Demut und Einsicht sind die notwendigen Konsequenzen dieser Tage.

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