Home sweet home
Posted by J.A. on Juni 10, 2011

Vom Privaten zum Gesellschaftlichen

Einleitung

Ich bin derzeit in vielen Dingen gefangen, geborgen, versteckt und komme nicht zum Schreiben. Da ist zum einen mein Kindle, der eine schier endlose Kette an Informationen in sich birgt, die durch die kostenlosen Leseproben auch nicht mehr abreißen will. Die Inspirationen auf der einen Seite stoßen endlose Gedankenketten an und führen zu immer weiteren Büchern, in die ich dank der Testfunktion reinlesen kann und so stapeln sich inzwischen über 100 Leseproben, über die ich schon bald die komplette Übersicht verloren habe. Gelesen wird immer das „Obenauf“ und das Ganze wechselt sich munter miteinander ab.

Ca. 20 kostenlose Bücher schlummern im elektronischen Lesegerät, davon habe ich aber erst zwei zu mehr als 50 Prozent gelesen. Dazu kommen ca. fünf kostenpflichtige Exemplare, die ich mir „testweise“ gekauft habe und von denen ich sehr begeistert bin. Diese Bücher werde ich -durch Zitate oder kleinere Rezensionen- sukzessive im Blog vorstellen und erläutern.

Wie die LeserInnen ja wissen, hat mir mein Blog in der letzten Zeit sowieso keinen Spaß mehr gemacht und ich war/bin froh, auch mal etwas anderes machen zu können. Manchmal kann ein Abstand, vor allem ein längerer, sehr heilsam sein, um darüber nachzudenken, was man eigentlich macht und warum. Beim Bloggen fällt es mir aber trotz aller Zweifel und logischen Überlegungen, die mir die Unsinnigkeit so eines Projektes vor Augen führen sollen, stets leichter, einen neuen Text eins ums andere mal aufzusetzen als mich in Enthaltsamkeit zu üben. Für mich ist das ein untrügliches Zeichen, dass das Bloggen und das Schreiben selbst viel mehr ist, als man mit Logik begreifen kann. Es gibt anscheinend unbewusste, versteckte Motive, die mich dazu bringen, immer wieder zu schreiben. Und ich bin mir sicher, wenn ich das jetzt besser „erklären“ könnte, hätte man die Hauptmotivation dafür gefunden, warum es Menschen gibt, die leidenschaftlich gerne bloggen und dann wieder welche, die es überhaupt nicht machen und auch nicht gerne in anderen Blogs lesen.

Das Meta-Thema Blog

Da ist zum einen der Ausdruck über die Sprache. Der Mensch kann sich in vielen Dingen, in vielen Medien und ganz unterschiedlich äußern. Gerade die Kunst bietet einen unüberschaubare Vielfalt an Betätigungsmöglichkeiten (Tanzen, Singen, Modellieren, Malen, Musizieren, usw.); bei mir ist es eben die Sprache, die das Haupttor zur Welt geworden ist.

Daher stellt sich eigentlich auch nicht die Frage, warum man bloggt, selbst wenn man damit kein Geld verdient oder keine Rückmeldungen bekommt; freilich sind die Rückmeldungen auf diese ohnehin schon leidenschaftliche Tätgikeit wie ein Verstärker, der das ganze nochmal ums hundertfache steigert- aber ich bräuchte sie nicht allein, um mich dem Schreiben hin zu wenden.

Manch Mensch kann es nun seltsam erscheinen, warum ich mich auf dieses Experiment (des Nicht-Schreibens) immer wieder einlasse oder gar das Bloggen selbst ständig neu definieren muss. Wäre es nicht leichter, einfach zu schreiben und sich mehr auf die Sachthemen zu konzentrieren und quasi eine Betriebsblindheit zu entwickeln und eine Unzugänglichkeit zu Meta-Themen wie sie viele Bereiche und Berufe des heutigen Menschen mit sich bringen? Dass das nicht geht, liegt in der Natur des Sache, des Schreibens, Denkens und auch „Grübelns“ begründet. Wer richtig „denken“ will, muss auch lernen, den Selbstzweifel zu ertragen. Wer nicht mehr über sich selbst oder sein Tun nachdenken kann, wird sich langfristig von sich selbst entfremden.

Kann man ein Blog überhaupt als „Beruf“ definieren? Gewiss, ich schrecke oft vor den Leuten zurück und bin beeindruckt von ihren logischen Argumenten, wie sie sinnvolles und nicht-sinnvolles fein säuberlich auftrennen und das einzig und allein an der Menge der Geldscheine bemessen, die dann jeweils damit „verdient“ werden. Es ist eigentlich traurig, dass wir heutzutage einzig und allein diese Perspektive kennen und für alle anderen Perspektiven so blind geworden sind. Das ist der Grund, warum soviele Künstler und Dichter (Dichterinnen) ein Nischendasein führen und selbst bei allerhöchster künstlerischer Schreibproduktivität (die eine Produktivität im eigentlichen wirtschaftlichen Sinne ist) kaum bis gar nicht beachtet werden. Hier klafft eine Lücke, zwischen dem was „wertvoll“ ist und eine Demokratie ausmacht und zwischen dem, was die Gesellschaft als wertvoll erachtet und zwar durch Aufmerksamkeit, Zuhören, Zurückgeben oder gar einer materiellen Wertschätzung (die wiederum nur eine von vielen ist).

Private Werte vs. öffentliche Werte

Unsere Gesellschaft driftet an diesem Punkt auseinander und ich will erläutern, wie ich mir das erkläre:

Wenn sich nun Kinder um ältere Angehörige kümmern und sie zu Hause pflegen, wenn die Mutter ihren Job aufgibt, um sich um ihre Kinder zu kümmern und dafür das Alleinsein und den mangelnden Respekt oder gar eine Scheidung in Kauf nimmt, wenn die Geschwister für ihre eigenen da sind, wenn der Lehrer Überstunden an der Problemschule macht, von der seine Kollegen schon längst Abstand genommen haben; wenn der Landarzt seine alten und wenig „lukrativen“ und auch medizinisch und im Sinne der eigenen Karriere nicht reizvollen Patienten mit Liebe und Geduld versorgt, so leisten all diese Menschen einen unschätzbaren Wert für die Gesellschaft.

Sie alle leisten deutlich mehr, als die Gesellschaft bereit zu bezahlen ist. Sie leisten mehr, als dass sie Anerkennung bekommen und sie sind alle durch sich selbst motiviert und bekommen zum Großteil ihrer Zeit kein Lob, keine Aufmerksamkeit und keine staatlichen helfenden Hände, die sie unterstützen. Was sie vielleicht nährt ist ihre menschliche Überzeung, ihr Mitgefühl oder gar ihr Glauben an das Gute im Menschen. Der Zusammenhalt dieser Gesellschaft ist in diesem Moment von der Wertschätzung und dem Mitgefühl dieser Menschen in höchstem Maße abhängig- und obwohl es so evident ist, begreifen die wenigsten diesen “nicht messbaren” Zusammenhang.

Diese Gesellschaft, so scheint es mir, hat an vielen Punkten den Wert für diese Menschen und diese Handlungen des Mitgefühls verloren; mehr als das, sie kann es nicht mehr wahrnehmen, nicht artikulieren und folglich auch nicht ändern. Viele Probleme werden privatisiert und sind sie erst einmal per Gesetz aus dem Blickwinkel des Staates verschwunden, braucht er sich keine Sorgen mehr zu machen. Was übrigt bleibt, sind nicht weniger soziale Probleme, aber deutlich weniger verantwortliche Stellen, die man zur Rechenschaft zwingen oder eine Erklärung abringen könnte.

So schreibt z.B. Ulrich Schneider in seinem Buch „Armes Deutschland“:

Hat der Staat beispielsweise die Kostenübernahme für nicht verschreibungspflichtige Medikamente erst einmal gestrichen, wie in Deutschland geschehen, können ihm Heuschnupfen oder Hautausschläge herzlich egal sein. Er nimmt sie gar nicht mehr wahr. (Highlight Loc. 2250-52)

Er führt darin eine Überlegung auf, mit welchem Eigeninteresse „der Staat“ handelt (und nicht etwa die Politiker, auf die üblicherweise immer eingedroschen wird) und erklärt das Selbstbild dieses Staates. Der Staat ist im Wesentlichen abhängig von einer florierenden Wirtschaft (zwecks Steuereinnahmen, Arbeitsplätzen und Vollbeschäftigung) und von seinen Bürgern (zwecks Steueraufkommen und Erhaltung der Macht durch Wählerstimmen). Und so kommt er im Kontext dieser Selbstdefinition zum Schluss:

Manche Argumente sind mehr, manche weniger zwingend. Manche treffen die Eigeninteressen des Staates mehr, manche weniger. Dass es einfach nur armselig ist, wie diese Alleinerziehenden mit ihren Kindern in Hartz IV leben müssen, ist vor diesem Hintergrund nicht nur kein zwingendes, sondern überhaupt kein Argument.

Hier sieht man den unsichtbaren Trennstrich, der zwischen den Eigeninteressen des Staates und den Interessen und „menschlichen“ Problemen seiner Bürger gezogen wird. Solange etwas dem Steueraufkommen dient und mit Macht verbunden ist (reiche Unternehmer, Drohung mit Abwanderung, große Lobbygruppen, etc.) kann und muss der Staat reagieren. Betrifft es allerdings Menschen, die sowieso schon vom geschäftlichen Erwerbsleben und damit einem Großsteil des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen sind (z.B. Hartz IV Empfänger) versiegt das Interesse und die Absicht in ihrem Sinne überhaupt etwas zu tun.

Anders ist es bei den Rentnern, die inzwischen eine Anzahl von 20 Millionen (!) haben, damit ein Viertel der Bevölkerung und ein Drittel der Wahlberechtigten stellen (Highlight Loc. 2284-85) und durch ihre entsprechenden Lobby-Gruppen und Vereine einer der mächstigsten Gruppen in Deutschland darstellen. Es erklärt sich von selbst, dass das Interesse von jungen Menschen dadurch in Schieflage gerät, weil diese jungen Menschen meistens deutlich weniger Zeit haben, sich zu organisieren (weil sie außer Haus arbeiten müssen oder 18 Stunden am Tag Kinder großziehen) und auch in weniger „Lobbygruppen“ organisiert sind. Der demografische Wandel trägt sein übriges dazu bei (immer weniger Schultern müssen immer mehr Münder ernähren und die Sozialkassen füllen; messbar z.B. durch die in den letzten Jahren ständig gesunkene „Aktivenquote“; die derzeit bei ca. 43 Prozent liegt).1

Die emotionale Berührung

Warum beschäftigt sich ein Mensch wie Schneider denn überhaupt mit der Armutsproblematik? Auch er wird nur indirekt davon profitieren und kein wesentliches Geld damit verdienen. In einem der anfänglichen Sätze macht er eine interessante Feststellung, die sich sodann wie ein rotes Band durch die weiteren Verläufe seiner Argumentation zieht:

Ohne Emotion ist die Verständigung auf einen tragfähigen Konsens zum diffusen Problem der Armut als Grundlage eines gemeinsamen Handelns schwer möglich. (637-38)

und

Um zu dem Schluss zu gelangen, dass es sich in einer ganz konkreten, alltäglichen Situation um Armut handeln könnte, reicht es nicht aus, sie lediglich intellektuell zur Kenntnis zu nehmen und zu reflektieren. Es braucht eine subjektive, emotionale Berührung. (634-36)

Kommen wir nochmal zum Schreiben und den gesellschaftlichen Problemen und Perspektiven, die damit verbunden sind, denn auch hier haben wir unzählige „emotionale Berührungen“ die uns tausendfach bewegen und immer wieder neu antreiben. Sie sind, da bin ich mir inzwischen sicher, der geheime Motor, der die eigene Schreibmotivation immer wieder am Leben hält.

In welche gesellschaftliche Grauzone trifft das Schreiben also? Im Schreiben (vor allem im Blog) nimmt sich der private Bürger der gesellschaftlichen Probleme an, die in seinem Land nicht gut laufen und diskutiert sie mit anderen. Vor allem die Dinge, die von den staatlichen Stellen auf Grund ihrer Struktur oder gar Ignoranz gar nicht mehr wahrgenommen werden und um der Gesellschaft und seinen Mitmenschen zu erklären: Wir haben euch nicht vergessen.

Wenn er auch nichts in unmittelbarer Weise ändern kann, so hat er mit dem Blog doch wenigstens eine Möglichkeit zur Artikulation und kann darauf aufmerksam machen und sich mit anderen zusammenschließen oder Erfahrungen austauschen. Das eigene Leid kann genauso formuliert werden wie das allgemein gültige und „gesellschaftliche Leiden“. Lässt man die ganzen spitzfindigen Unterscheidungen weg, wird man wahrscheinlich feststellen, dass es zwischen ihnen keine sorgsam zu ziehende Trennlinie gibt.

Wenn man sich die Struktur des Staates, seine Eigeninteressen und seine innere Organisation anschaut, gibt es keinen anderen Weg. Darauf abzuwarten, dass die Politik eines Tages gutmütig und weise und alles im eigenen Sinne umstellen wird, ist nicht nur gutgläubig, es ist absolut realitätsfern. Selbst in einer Demokratie (oder gerade darin) gibt es die Verpflichtung zur Eigeninitative. Wir bekommen zwar keinen Weg diktiert, aber es ändert auch niemand was für uns, wenn wir nicht aktiv werden. Wir müssen lernen, selbstständig zu denken, wir müssen lernen uns auszudrücken und mir müssen in diesem Zusammenhang lernen, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten und sie nicht ausschließlich als Konkurrenten oder Gegner zu sehen (wie unser Wirtschaftssystem uns leider teilweise dazu zwingt).

Fazit

Wenn du nicht mehr da bist, wird auch keiner mehr fragen, wer du warst. Gehört wird einzig und allein der, der den Mund aufmacht und seine Bedürfnisse und Ansichten formulieren kann. Jeder Blogartikel, so privat oder technisch er nun ist (denn auch als Verbraucher, auch als Liebender oder Liebende ist man Teil des Systems) trägt seinen Beitrag zur Gesellschaft bei. Der Staat, das ist in der Summe nicht die Hochrechnung aller Institute und Krawattenträger im fernen Berlin, der Staat sind wir.


Anmerkungen:
  1. Allerdings führt er dieses Beispiel auf, um die Macht der Lobbygruppen und Eigeninteressen bestimmter Wählerschichten besser zu erläutern, und ihren Einfluss auf politische Entscheidungen darzustellen. Das kann man natürlich mit der Hoteliers-Entlastung der FDP, den Spritkonzernen, den Banken oder den Energiefirmen noch viel besser und medial wirksamer machen; Er redet dabei nicht “gegen die Rentner” oder gar die Höhe der Sozialkassen, was bei einem Buch über Armut absurd wäre; das kann man auch hier in diesem Artikel leicht verwechseln oder missverstehen; dennoch ist es so, dass der Demografie- Faktor und vor allem die Lobbygruppen in der Politik eine wichtige Rolle spielen []


Posted by J.A. on Mai 31, 2011

Bewegung und Mobilität

Eine Zusammenfassung

Bewegung und Mobilität ist so etwas wie ein „Menschenrecht“ und das Kriterium für eine moderne und vor allem freie Gesellschaft. Überall und zu jeder Zeit an jeden Ort der Welt zu fahren erzeugt ein unglaubliches Freiheitsgefühl. Unsere Möglichkeiten werden hier eigentlich nur vom Geld, nie aber von den zur Verfügung stehenden Mobilitätsmitteln begrenzt (zumindest nicht in den reichen, „westlichen“ Industrieländern). Wer möchte, reist in einem Monat an fünf verschiedene Orte auf der Welt, wer möchte, kann eine Woche lang mit dem Auto in jedes Urlaubsland seiner Wahl unterwegs sein, andere wiederum werden eine Wanderung zu Fuß auf einem berühmten Pilgerweg oder eine trans-europäische Reise mit dem Zug oder Trekking-Rad vorziehen.

Die Freiheit des modernen Menschen wird durch nichts mehr definiert, als durch die zu Verfügung stehende Mobilität. Das bringt uns aber auch gleich zu mehreren Einschränkungen: Diese Freiheit ist nicht gleich verteilt. Allein schon körperliche Einschränkungen wie Kurzsichtigkeit, Übergewicht, Querschnittslähmung, geistige Einschränkungen, hohes Alter, etc. schränken die Wahl des Fortbewegungsmittels ein. Auch wenn wir gerne wollten, auch im Verkehr sind wir nicht „gleichberechtigt“ sondern höchst unterschiedliche Wesen mit ganz unterschiedlichen Vorraussetzungen. So können starke Menschen schwache im wahrsten Sinne des Wortes auf der Überholspur abhängen.

Der zweite trennende Faktor ist eindeutig das Geld. Denn Reisen ist teuer. In der Themenwoche der ARD hatte man in einer Sendung z.B. vorgerechnet, dass die durchschnittlichen Kosten für einen Mittelklasse-Wagen bei ca. 5.000 Euro pro Jahr liegen und diese Kosten dann mit der Nutzung eines Taxis gegengerechnet. Man kann einige Kilometer (ich glaube es waren 1.500) mit dem Taxi fahren, bevor diese Kosten wieder eingespielt werden. Problematisch beim Auto ist vor allem der Wertverlust, der vor allem beim Neuwagen sehr hohe Wert-Minderungen in den ersten Jahren erzeugt. So schön ein neues Auto auch ist, in den ersten Jahren könnte man das sauer verdiente Geld auch in einem großen Ofen verbrennen, ähnlich rasant geht es vonstatten.

Autofahren war überhaupt schon immer ein Luxus und früher nur für wenige Menschen nutzbar. Vor ein paar Jahrzehnten sind die Leute noch hauptsächlich zu Fuß gegangen oder mit dem Fahrrad gefahren. Die Massen-Nutzung des Automobils ist eine typische Eigenschaft von industrialisierten und reicher gewordenen Ländern.  Ähnliches kann man derzeit in China beobachten, wo die Menschen auch massenweise vom Fahrrad aufs prestige-trächtigere Auto umgestiegen sind.

Menschen, die weniger privilegiert sind und kein festes Einkommen haben, können sich oft kein Auto leisten (z.B. Arbeitslose, Studenten, Hausfrauen). Sie sind dann mehr als andere abhängig von den weniger „starken“ Fortbewegungsmitteln Bus, Bahn oder Fahrrad. Erfreulich aber ist, dass die Hartz IV Gesetzgebung den Besitz eines Autos erlaubt, solange es einen bestimmten Wert nicht überschreitet.

Wer Pech hat, kann sich noch nichtmal mehr ein Fahrrad leisten und muss alle Wege zu Fuß gehen. Kein Wunder, dass die Menschen alles tun, um in den Besitz eines Autos zu kommen, bedeutet dieses Auto doch eine massive Aufwertung ihres Selbstbewertgefühls und eine faktische Aufwertung der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, vor allem in abgelegenen und ländlichen Regionen. Für den Individualtransport über große Strecken und das Transportieren schwerer Lasten ist das Auto weiterhin unumgänglich. Anders sieht es aus, wenn man nur Kurzstrecken überwinden und dabei nur eine Person bewegen muss. Hier wäre der gezielte Ausbau anderer Verkehrsmittel sinnvoll.

Mobilität ist also nicht nur unsere Lebens- und Glückseeligkeitsader Nummer eins, sie ist außerdem mit Kosten, aber auch mit emotionalen Belastungen verbunden. Denn über kein Thema regt sich (der Deutsche) lieber auf, als das Auto, die Spritpreise oder die Verkehrspolitik. Manchmal hat man sogar den Eindruck, das Auto ist den Menschen wichtiger als die Kinder, die Menschen oder die Umwelt. Oft überwiegt der Egoismus und die persönliche Kosten-Nutzen Rechnung (die im Kapitalismus ja gewollt und indirekt auch gefördert wird, weil der Mensch ja „schlecht“ ist) über vernünftige Einsichten und logische Überlegungen.

Den Deutschen kann man generell wenig mit vernünftigen Argumenten kommen, wenn es um das Auto geht. Die Autofahrer-Lobby ist sehr stark. Die Autoindustrie ist zudem eine sehr umsatzstarke und exportträchtige Industrie (69 Prozent aller hergestellen PKW) und einer der wenigen klassischen Industrien, die in Deutschland noch boomt und nicht von anderen Ländern übernommen wurde.  Man verbindet das Autofahren also unbewusst auch mit dem Auto-Herstellen und indirekt auch mit dem Prestige als Autofahrer- und Autobauer-Nation.

Dass das Auto aber langfristig überdacht werden sollte, daran eigentlich besteht kein Zweifel. Bei jungen Leuten ist es schon lange nicht mehr das Prestigeobjekt Nummer eins und vor ein paar Jahren las ich die Zahl, dass der durchschnittliche Neuwagenkäufer meistens um die fünfzig Jahre alt ist (was hauptsächlich finanzielle Gründe haben wird).  Mit sinkendem Durchschnitts- Einkommen und gestiegenen Ausgaben für Nahrungsmittel und Energie werden zunehmend auch wirtschaftliche und ökologische Gründe bei der Wahl des Fortbewegungsmittels eine größere Rolle spielen.

Das Auto, als Nabel der Technik steht also auch im Fokus des Innovationsdrucks. Hier hat die deutsche Autoindustrie aber auch der deutsche Autokäufer eindeutig Nachholbedarf.

Für mich bedeutet eine vernünftige Verkehrspolitik also, das Auto nicht ganz zu verdrängen oder gar „abzuschaffen“ aber zukunftsfähiger, ökologischer und für die Masse erschwinglicher zu machen. Es muss zudem von anderen Verkehrsmitteln ersetzt werden und sollte nicht nur als reines Spaßmobil genutzt werden. Man sollte verkehrspolitisch auch an die Menschen denken, die sich kein Auto leisten können oder wollen.

Wenn das Verantwortungsgefühl für Gesundheit und Umwelt von den Menschen nicht selbst entwickelt und umgesetzt werden kann, müssen der Staat oder die Kommunen lenkend eingreifen.

Leute, die das Auto z.B. nutzen um zur Arbeit fahren sollten entlastet werden (Pendlerpauschale), aber alle die das Auto nur zum Herumfahren und Spaß vertreiben benutzen, sollten stärker in die Pflicht genommen werden. Wer das Fahrrad benutzt und damit seine Gesundheit schützt und die Umwelt schont, sollte entsprechend belohnt werden, z.B. durch günstigere Krankenkassen-Tarife oder steuerliche Anreize für den Fahrradkauf.

Auch der Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel und Radwege sollte weiter forciert werden. Es muss ein stärkeres Miteinander der Verkehrsmittel geben, z.B. bessere Mitnahmemöglichkeiten von Fahrrädern im Zug oder mehr „Park and Ride“ Parkplätze für zugreisende Autofahrer.

Struktur- und verkehrspolitisch schwache Regionen müssen stärker unterstützt werden und dafür auch Gelder vom Bund erhalten. Wenn die Menschen günstig und umweltschonend zur Arbeit kommen sollen und damit auch gesellschaftliche Aufgaben erfüllen und Steuern zahlen, dann ist das nicht nur eine Sache der Kommunen, sondern eine Sache der ganzen Gemeinschaft.

Generell sollte die Verwendung von finanziellen Mitteln aus dem „Steuertopf“ wieder zielgerichteter erfolgen. Es kann nicht sein, dass man mit jeder Tankfüllung die Rentenkasse gefüllt wird, aber die Schlaglöcher weiterhin ungeflickt die Straße aufreißen. Da fragen sich die Menschen zurecht, was eigentlich mit dem ganzen Geld passiert, was vom Endverbraucher in den Verkehr gepumpt wird.

Verkehrspolitik ist eigentlich eine sehr spannende Politik, weil es jeden Menschen angeht und fast jeder Mensch damit täglich zu tun hat. Also sollten die Menschen in diesem Bereich auch mehr Mitsprachemöglichkeit bekommen und sich selbst noch aktiver einbringen. Wenn man es nicht macht, riskiert man Massenproteste und bürgerliches Aufbegehren wie z.B. mit Stuttgart 21.

Und wenn man es richtig macht, erntet man eine moderne, gesundheits- und umweltbewusste Gesellschaft, die dennoch auf den Luxus der allseits verfügbaren Mobilität nicht verzichten muss.

Posted by J.A. on Mai 30, 2011

Die grüne Alternative

Ein Tag in der Wüste.

Sand und trockene Luft. Geschätzte einhundertvierzig Jahre Leben „über das Maß hinaus“ hat den menschlichen Zufluchtsort Erde zu einem heißen Planeten gemacht. Aber noch gibt es Menschen, die das ganze leugnen und nicht wahrhaben wollen. Einsicht ist mit Anstrengung verbunden und vor allem die notwendigen, darauf folgenden Taten. Der menschliche Körper ist auf Energie-Einsparen programmiert. Wenig essen und viel Kalorien verbrennen ist dabei problemlos möglich. Problematischer wird es hingegen, wenn man viel isst und wenig verbrennt und die ganze schwere Arbeit von Benzin- oder Dieselmotoren machen lässt.

Am Rand ausgetrockenete Erde und Blumen, die das Köpfchen hängen lassen.
Vereinsamt und leise sterbend das ungegossene Gras. Die Menschen pflastern lieber ihren kompletten Garten mit Steinen zu. Sieht erstens geradliniger aus und muss zweitens weniger oft gegossen werden.
Dazwischen ein Käfer unsichtbar hüpfend und eine Ameise fleißig Stöckchen hebend. Wer denkt schon an die Kleinsten?

Staubige Luft, staubige Straßen und CO2-Schleudern, die unermüdlich die Straße entlangbrausen.
Am Berg sauge ich die Luft tief ein, weil mein Organismus nach beschleunigtem Puls und größerer Sauerstoffsättigung verlangt.

Gedankenlose Menschen, die sich nicht für mich verantwortlich fühlen am Steuer.
Aus kleinen Augen starren sie mich an. Treten nochmal aufs Gas, so dass eine schwere Wolke voller Gifte zwischen meine Nasenlöcher dringt. Wer hat schon Angst vor Gurken? Die größte Gefahr für das Leben lauert hier, direkt neben mir.
„Warum muss die auch ausgerechnet heute und hier fahren?“ bilde ich mir ein, dass die Fahrer es denken.

Mich starren sie an, die Alternative. Die- die am heutigen Tag das Fahrrad und den Weg per Muskelkraft genommen hat. Ich zähle die Autos auf der Landstraße und komme zum Schluss, dass auf hundert Autos ca. ein Fahrradfahrer kommt. Und das an einem Sonntag! Wo wollen die Menschen denn alle hin?

„Wählt mich“, grinse ich sie freundlich an. Ich bin die Alternative. Die radfahrende Prinzessin auf ihrem neuen Rad.
Wählt mich und ihr könnt auch so schlank und hübsch werden und die Fettpolster eures Lebens los werden.

Wählt mich und ihr werdet gesund sein. Die Autofahrer blicken noch etwas grimmiger und fühlen sich von mir und meinen guten Ideen belästigt. Vor allem die Frauen meinen, dass ich arrogant und überhaupt eine blöde Schlampe wäre. Ihr Mann am Fahrersitz schaut grimmig, und gibt schnell Gas, bevor die guten, aber fremden Ideen zum Fenster reinfliegen. Wer kann dem Kostenlosen heutzutage schon trauen?

Ich gebe Handzeichen zum Abbiegen und einer der Autofahrer fährt mir fast die Hand ab. Es ist hier nicht vorgesehen, dass fremde Radfahrer unangemeldete Handzeichen mit ausgestrecktem Arm geben. An einer anderen Stelle gibt es keine Radwege. Es ist hier nicht vorgesehen, dass jemand Rad fährt. Hier sind nur Autos vorgesehen. Beim Rückwärtsfahren wird ein anderer Radfahrer beinahe vom Bus überrollt, weil der hinten keine Augen hat und Radfahrer bekanntlich schnell und unberechenbar überall auftauchen können. Puh, das war knapp. Ich schaue mich intensiv um, entdecke aber trotz Nachforschung eindeutig kein Schild mit der Aufschrift “Bitte nicht unangemeldet hinter Bussen herumcruisen”. Das hier ist eindeutig Restriskiko, Restrisiko der schwächeren Verkehrsteilnehmer, die im Verkehrsplan der Kleinstadt nicht mit einberechnet worden sind.

Weiter geht’s trotz wachsender Demotivation. Wer hat gesagt oder gedacht, dass es einfach wird? An der nächsten Kreuzung dauert es fast zehn Minuten, bis ich endlich eine freie Stelle zum Überqueren gefunden habe.
Die Autofahrer schauen weiterhin grimmig und unausgelastet. Ich bin für eine Steuer, die unnötiges Fahren an Feier- und Sonntagen teuer macht. Und für einen steuerlichen Zuschuss für Elektrofahrräder.

Ihr Körper (der Autofahrer) hätte sich heute gerne bewegt. Leider sind sie nicht gut zu ihrem Körper. Sie wollen lieber mit Fünfzig einen Herzstillstand bekommen oder mit vierzig an Überfettung sterben.

Ihre Sache. Nicht meine, nehme ich an, wenn ich vom sozialisierten Gemeinwohl der Renten, Gesundheits- und Sterbekasse mal absehe. (Radfahren spart allerdings effektiv Gesundheitskosten ein, siehe z.B. hier)

Nicht mein Ding.

Oder etwa doch?

“Wählt mich”, lächle ich sie freundlich an. Ich bin die Alternative!

Categories: Alltag
Tags: , , ,
Posted by J.A. on Mai 30, 2011

Moderne Welt und rückwärts gewandte Politik

„(Männliche) Alleinverdiener als Auslaufmodell“ damit beschäftigt sich dieser interessante Beitrag (auch das dazugehörige Video ist sehenswert). Während im Westen hauptsächlich die „ökonomischen Zwänge“ dafür verantwortlich sind, dass die Frau mit arbeiten geht, gibt es in den neuen Bundesländern auch eine stärkere Orientierung hin zur Gleichberechtigung. So „denken 17% der Menschen aus den neuen Bundesländern, dass Frauen auch Karriere machen soll, aber im Westen nur 5 Prozent.“

Kein Wunder, dass es mit der Gesellschaft, einer sozial orientierten Wirtschaft und dem Feminismus im Westen nicht vorangeht. Wenn die Vorstellungen derart restriktiv und konsverativ sind, wird sich in Jahrzehnten noch nichts ändern. Die Frauen, die mitarbeiten müssen, machen das meistens weil der Lohn des Mannes zum Leben nicht mehr reicht, ein hinreichend bekanntes und leider auch zunehmendes Problem der Ausbeuter- und Niedriglohnjobs. Karrieren, bei denen man 50 Jahre an einer Stelle (möglichst noch vor Ort) und gut bezahlt und sozial abgesichert gearbeitet hatte, werden politisch wegdefiniert und die Wirtschaft nimmt dieses Geschenk gerne an und darf die Menschen nun offiziell weiter ausbeuten (das war unter anderem auch ein Thema in der gestrigen Anne-Will Sendung).

Dass aber nur 5 Prozent der Menschen im Westen denken, dass Karriere für Frauen auch wichtig sein könnte, ist ein Armutszeugnis. Ich bin mir außerdem sicher, dass das nicht nur die bösen Männer sind, die Frauen nun unterdrücken und sie nicht in die Chefetage rutschen lassen (wodurch man mit einer Quote Abhilfe schaffen könnte), sondern dass das auch ein Problem der Rollenmodelle und der Ansichten von Frauen untereinander und vor allem sich selbst gegenüber ist. Hier muss der moderne und tolerante Feminismus noch viel Aufklärungsarbeit leisten und mit ein paar einzelnen Girls Days alleine bekommt man die substanziellen und strukturell tief sitzenden Ungleichheiten nicht in den Griff. Was die Gesellschaft bräuchte, wäre ein modernes Umdenken auf breiter Front, getragen von den Wünschen und Vorstellungen junger Leute. (ähnlich wie bei der Atomkraft und der Diskussion um den Ausstieg)

Ja, der Feminismus hat noch viel Arbeit und es ist im Grunde egal, von welcher Seite man das Pferd nun aufzäumt: Ob es nun die armen Väter sind, die als Alleinverdiener-Pferd vor den Steuer-Karren gespannt werden und deswegen keine Zeit für Familie und Kinder haben, oder die gelangweilten Frauen am heimischen Herd, die vor Sinnlosigkeit ihrer Existenz schon überlegen, wo genau sie den Kochkurs belegen oder wie sie das Geld ihres Mannes am besten ausgeben.

Oder ist es am Ende so, dass es beiden Gruppen ganz gut gefällt und sie eigentlich gar nichts ändern wollen? Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Wer unter Zugzwang steht, ist eindeutig die Politik. Zur Schaffung besserer Rahmenbedingungen für Familien und „Doppelverdiener“ und moderne, flexible Arbeits- und Steuermodelle, die den modernen Realitäten angepasst werden. (anstatt z.B. die Hausfrauenehe einseitig steuerlich zu entlasten und alle anderen Lebensmodelle komplett zu ignorieren)

Posted by J.A. on Mai 23, 2011

Die politische Cocktailparty- Teil 2

< zurück zu Teil 1

Ich raffe also mein Kleid zusammen und gehe diese verdammte Treppe nach unten. Der Alkohol ist mir schon etwas zu Kopf gestiegen und ich bin froh, als ich wieder festen Boden unter den hohen Schuhen habe. Zum Glück kann niemand die Flüche in meinem Kopf hören. „Wer hatte nur diese blöde Idee gehabt, hier hin zu gehen? Warum musste es unbedingt Journalistik sein?? Und warum gerade hier hin?“ Irgendwie muss ich die Veranstaltung hier besser aushalten.. Ich schaue mich um, ob ich noch was übersehen habe, ob es noch jemanden gibt, den ich mit meinem Charme belästigen könnte.

In einer anderen Ecke der riesigen und mehrgeschossigen Wohnung, die durch viele Raumteiler und meterhohe Bücherwände und allerlei Deko-Schnickschnack durchtrennt ist, sehe ich eine Gruppe eifrig diskutierender Menschen und beschließe, mir sie näher anzusehen. Ich angle mir vom vorbeiflitzenden Kellner noch schnell ein Glas grünlich-schimmerndes Etwas mit Zitrone, nicke ihm dankend zu und gehe mit kleinen Schritten- so gut es in dem Aufzug geht- schnell zu der Gruppe der zusammengestellten Sofas und Fernsehsessel. Es hat sich eine kleine Menschenmenge um die Diskutanten herum angesammelt und alle lauschen den Worten, die von da aus klingen.

Es sind sechs Personen. Eine Frau, die etwas jünger ist, sieht so aus, als ob sie die Runde leitet. Es gibt zwei ältere Herren, beide schon mit grauen Haaren und freundlich verschmitzt lächelnd. Aus ihren Augen spricht Lebenserfahrung und Weisheit. Ältere Männer sind mir immer auf Anhieb sympathisch, es gibt da nur wenige Ausnahmen. Klar, da gibt es auch die eklig-schleimigen, die blöde Witze über Frauen machen oder ständig aufschneiden wollen. Das wirkt auf Grund ihres Alters dann einfach unpassend, mir sind die intelligenten irgendwie lieber. Aus Intelligenz spricht auch Mitgefühl und die Frau in den Armen eines einfühlsamen Mannes… du merkst, wie deine Gedanken schon wieder abschweifen und vom stärker in den Adern pulsierenden Cocktail-Essenzen verfälscht wird. Aber gerade so, dass es noch angenehm ist. Du beschließt, diesen Level zu halten und schaust dir die anderen Figuren in der Runde an. Da sitzt noch ein pausbäckiger Mann, der etwas jünger als die anderen ist. Sein Gesichtsausdruck lässt sich nur schwer deuten. Er schwankt zwischen selbstbewusster Gelassenheit und strengem logischen Nachdenken. Von den Anwesenden ist er am wenigsten oft zu hören, stattdessen dringt nun die schrille Stimme einer mittelblonden Dame unangenehm an Dein Ohr. Sie ist eindeutig die Wortführerin in dieser Zusammenstellung. Es geht anscheinend um Feminismus, um Männer und Frauen, um Männer wie Strauss-Kahn und was sie sich alles rausnehmen dürfen und wie die Gesellschaft das zu interpretieren habe. Die Frau mit den blonden Haaren hat ihr Urteil schon längst getroffen und schmettert ihre Argumente wie ein Kasernenfeldwebel in die Runde. Da gibt es noch eine andere Frau, auch blond, aber irgendwie hübscher und zurückhaltender (das sind Eigenschaften, die sich oft ergänzen oder gegenseitig verstärken). Sie versucht, die aufgebrachte Wortführer-Dame mit ein paar Sätzen zu bremsen, aber die Feldwebel-Dame ist zu aufgeregt und in ihren Argumenten zu fest und unberirrbar. Dich verwirrt, dass sie so fest in ihren Aussagen ist und doch ständig selbstverliebt lächelt und grinst. Also ist sie sich doch bewusst, was sie sagt und macht sich einen Spaß daraus, in der Runde die Oberhand zu behalten? So sieht es aus, und die anderen in der Runde haben es schon längst aufgegeben, ihr Kontra zu bieten.

Du schaust, ob du was von dem Sinn der Wort begreifst, die dort diskutiert werden und ob es neben den nonverbalen Signalen auch Inhalte zu verwerten gibt.

Man redet z.B. über die amerikanische Gerichtsmentalität. Dass der IWF-Chef regelrecht vorgeführt wurde und dass es seinen Ruf jetzt schon ruiniert hätte. „Eine Verschwörung“ meinen die einen, das ist einfach zu eindeutig, galt er doch als aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat für Frankreich und als mögliche Ablösung für den derzeit sehr unbeliebten Sarkozy. Ach, dagegen spricht doch, dass er schon soviele Vorgeschichten gehabt hat, die Menschen haben es doch gewusst! Das ist der eigentliche Skandal. Die mitteblonde Frau redet sich wieder in Rage. Das Machtgefälle hat ihn angemacht, die Ausübung sexueller Gewalt! Alle die sich das anhören, schweigen betroffen. So sehr sie auch ihren Mund bemüht, so sehr hat sie in diesem Punkt recht. Und warum haben berühmte Ehefrauen in solchen Fällen immer zu ihren Männern gehalten? Hm, auch darauf hat niemand eine einfache Antwort.

Aber darf und soll man nicht noch eine Unschuldsvermutung gelten lassen, wäre es zumindest nicht vom Gesichtspunkt der Menschenrechte aus angebracht? Natürlich, natürlich- eigentlich ist man sich da einig. Die amerikanischen Gerichte können gerne 75 Jahre Haft verordnen, das geht uns ja gar nichts an (dieses Argument des Juristen teile ich nur schwer, denn Gerechtigkeit sollte an nationalen Grenzen keinen Halt machen, sondern auch immer universal interpretiert werden dürfen)… aber die Frage ist, ob wir den noch nicht zur Schuld verurteilten Menschen schon jetzt mit unseren Augen zu Schuld verurteilen?

Das ist eine hoch moralische Frage und hier springt die Wortführerin wieder mit beiden Beinen in die Bresche. Aber, wenn wir nun behaupten, dass es die Frau ist, die ihn verführt hat und vielleicht Teil einer Verschwörungskampagne ist.. dann wäre das doch wieder einseitig. Mir scheint, für sie existiert nur eine einzige Perspektive: Dass der Mann in jedem Fall schuldig ist. Mir scheint, sie interessiert eine mögliche Unschuld oder eine andere Heran-und Erklärungsweise der Situation gar nicht. Nun ja, sie muss es wissen, berichtet sie doch auch in ihrem Land… und dann noch für eine bekannte, nicht gerade als vorurteilsfrei geltende Zeitung…

Die Runde beginnt mir unangenehm zu werden. Was ich bei anderen Grüppchen schon im Ansatz beobachtet habe, ist hier noch stärker, dass muss an den Fernsehkameras und dem grellen Licht liegen, das auf diese Sofas scheint. Jetzt merke ich auch langsam, wie mir immer wärmer und ein wenig schwindlig wird. Ich habe doch zu wenig gegessen.

Nach ein paar Minuten ist die Konzentration weg und ich wende mich ab und gehe zur großen Außenterrasse, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Die Stimmung hier ist herrlich, die Geräusche von der großen Stadt dringen nur ganz leise und als angenehme Geräuschkulisse an mein Ohr. Es weht ein leichter Wind und die Luft riecht nach Sommer und Leben. Sie wird vom Parfüm und Körperdüften der anderen wenigen Gäste durchmischt, die hier einzeln in Vierer- oder Fünfer Grüppchen zusammenstehen und ab und zu dir rüberschauen.

Du beobachtest die Skyline und guckst dir die verschiedenen Marken und Schriftzüge an, die auf der Spitze der Hochhäuser angebracht sind. Die meisten kennst du, es sind wohl nur große Firmen, die sich so ein Logo leisten können. In vielen Büros sitzen noch Menschen, manchmal kannst du erkennen, wie sie vom Schreibtisch aufstehen und zum Kopierer gehen. Unter Dir fliegt gerade ein Helikopter vorbei.

Als er vorbeigeflogen ist, merkst du ein leises Brummes aus Deiner Handtasche, eine neue SMS ist eingetroffen. „Komme nun doch. Bist du um 21 Uhr noch da? Würde mich freuen. Gruß. H.“

In dem Moment fängt dein Herz an wild an zu pochen. Du würdest das gerne unterdrücken, aber es geht nicht. Es ist, als ob die ganze Anspannung auf einmal in dir gelöst wird. Plötzlich bekommst du gute Laune und die ganze Szenerie und die Menschen scheinen wie in einem anderen Filter, freundlich gefärbt. Deine Kiefernmuskeln entspannen sich plötzlich und du merkst, wie der Druck aus den Schultern weicht. „Endlich.“, seufzt du innerlich. Manchmal muss man doch ein wenig hoffen.

Munter und fröhlich gehst du wieder in die Höhle der anwesenden Party-Gäste.
Da kommt Dir dieser FDP-Mann entgegen, den du schon fast vergessen hattest. „Ah hier sind sie! Ich habe sie schon gesucht, weil ich noch ein paar Fragen habe.“ kommt er einnehmend auf dich zu. Zu spät. Jetzt kannst du nicht mehr ausweichen. „Wollen sie ein wenig plaudern? Ich wollte mal ihre Meinung zur letzten Wahl in Bremen hören.“

„Na gut, das können wir gerne machen“. Du schnappst dir den Anzugmenschen und verwickelst ihn in eine angeregte Diskussion. „Bis 21 Uhr“, denkst du dir, „ist es ja auch nicht mehr so lang.“

Categories: Geschichte
Tags: ,