Nichts gebracht

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Passende Musik: In the End (Cello-Cover)

Das war´s jetzt also mit dem Jahr 2018.
Es sind noch ein paar Wochen bis zum Jahresende, aber gefühlt bin ich mit dem Jahr durch.
Abhaken, weitermachen.
Mein 40. Lebensjahr war ein Jahr der intensivsten Gefühle und der größten Gegensätze, die man sich überhaupt vorstellen kann.

Es ist sehr gut gestartet und mit voller Optimismus und Zuversicht bin ich in das Jahr rein gestartet.
Ziemlich genau in der Mitte des Jahres gab es dann den großen Knall, den schlimmen Todesfall, die größte Traurigkeit und den stärksten Kummer, den man sich vorstellen kann.

Es gab weitere Krankheitsfälle und Krankenhaus-Aufenthalte in der engsten Familie. Meine Fröhlichkeit über die gefundene Freiheit und Selbstständigkeit ist schnell wieder im Keim erstickt worden. Die Stimmung hat nicht gepasst für den großen Aufbruch.
Es ist alles schief gegangen, was hätte schief gehen können und nur mit Mühe hab ich diese Schwierigkeiten überwinden können.

Auf der anderen Seite mein neues, fröhliches, kommunikatives Ich, was ich dringend gebraucht habe.

Mittlerweile hab ich mich mit viel Mühe „irgendwo in der Mitte“ eingependelt, aber die Traurigkeit kommt noch ständig durch.

Menschlich habe ich vor allem mitgenommen, dass die Trauer in der Gesellschaft keinen Platz hat.
Sie wird nicht wahrgenommen, sie wird verdrängt.

Es ist schwer, über die Trauer zu sprechen. Menschen wollen sich auch nicht gerne erinnern.
Wir sind mehrfach stark offensiv angegangen worden, als wir es nur angedeutet haben, dass wir an den toten Menschen denken wollen, dass wir eine Erinnerungskultur pflegen wollen. Ich hätte jedes Mal schreien können! WARUM sollen wir uns nicht erinnern? Wovor habt ihr Angst? Der Mensch ist weg… Alles was uns bleibt ist jetzt die Erinnerung. NICHTS ANDERES.

Klar, es gibt die typischen Rituale. Grabstein, Beerdigung, Trauerkarten … aber was kommt danach?
Der Bruch ist zu groß, die Wunde zu tief, die Gräben in der Erinnerung und in den Gefühlen nicht einfach mit warmen Worten zu füllen.

Ich bin traurig über diese Gesellschaft, die nicht richtig trauern kann.

Es entstehen groteske Situationen, Situationen voller Widersprüchlichkeiten und Risse, die den Menschen einfach nur krank machen können. Es ist nicht gut, wenn zu wenig gesprochen wird. Man kann nicht „zuviel“ kommunizieren- meistens wird viel zu wenig miteinander gesprochen!

So viel Leid entsteht, weil Menschen sich einfach anschweigen. Weil sie verdrängen und runterschlucken. Der Knoten will nicht platzen, er frisst sich stattdessen im Körper eine Bahn.

Die Welt ist voller Enttäuschungen, voller Einsamkeit, voller unerfüllter Sehnsucht und Abschiede.

„Der ganze Hass hat nichts gebracht“. Dieses Zitat ist für mich das Zitat des Jahres.

4 Gedanken zu „Nichts gebracht“

  1. Kam gerade erst im Radio (weiss nicht mehr, welcher Sender), dass unsere Gesellschaft, was trauernd betrifft, sehr auf Verdrängen setzt. Die Trauernden nicht mal so sehr, aber das Umfeld. Die Trauernden meiden dann oft die Menschen, die ihnen das Verdrängen aufdrängen wollen.

    Ja, Trauer zulassen. Ach, Julia, sofort denke ich wieder an mein altes Orchester. Da geht es zwar nicht um Tod (obwohl der bei den Leuten in dem Alter ja nahe ist), sondern um den Verlust der einstigen Spielfähigkeit. Das packen die nicht, trauern nicht, sondern bauen eine Parallelwelt auf. Sie behaupten, sie starten nun durch (sie haben Unterstützer gefunden), aber wenn sie nun mal nicht mehr (ordentlich) spielen können, dann ist das eine Parallelwelt.
    Gespenstisch.

    Immer diese Leistungsgesellschaft, das Leistungsdenken. Es frisst einen auf. Es ist so lebensfeindlich.

    1. danke Violine, für deinen netten Kommentar. Er hat mich sehr getröstet.

      „Die Trauernden meiden dann oft die Menschen, die ihnen das Verdrängen aufdrängen wollen.“
      Ja, es ist genau so.

      Ich verstehe das sogar, denn Trauern ist auch anstrengend. Man ist nicht einfach im Umgang. Sehr unausgeglichen, gereizt, depressiv- es kostet Mühe, sich mit traurigen Menschen zu unterhalten. Leichter sind die, die immer nur gut drauf sind und ständig lächeln.

      Aber Trauer ist auch wie eine Krankheit. Es bringt nichts, sie zu ignorieren. Man muss sich mit ihr auseinandersetzen und die Botschaft annehmen.

      Mit deinem Orchester tut mir leid. Aber sie geben sich Mühe und haben noch Spaß dabei? Das ist das Wichtigste. Dass es einem was bringt. Und wenn es „nur“ die Geselligkeit ist.

      1. Ja, das ist es ja eben, dieses „Einfach-Sein“ zu müssen. Immer dieser Druck.

        Was das Fröhliche betrifft: Ich bin ja so eine Frohnatur, aber es gibt immer wieder Leute, die sich da dran hängen wollen, ohne die eigenen Fähigkeiten dazu entdecken oder gar pflegen zu wollen.
        Das nächste ist, dass mir auch schon der Vorwurf gemacht wurde, ich sei „zu lieb“. Manche brauchen eher ruppige Menschen, die ihnen den Takt / die Grenzen vorgeben. (Auch eine Form von Unselbständigkeit.)

        Das Orchester: Das Ensemble, in dem ich spiele, macht Spass. Die anderen? Sie haben noch nicht oft miteinander gespielt, erst ein Mal, ansonsten sind sie in der Phase, sich zu finden. Das wird die Zukunft zeigen, was da wird, ob es ihnen wirklich Spass macht (wenn die Spielfähigkeit nicht mehr gegeben ist).

  2. Hallo, Julia, da hast du mal wieder etwas Gutes geschrieben. Ja, das Verdrängen ist manchmal gut. Aber wie gut tut es, wenn wir uns öffnen können bei vertrauten Menschen, das hilft.
    Reden ist immer besser als Verschweigen. Und nur dann, wenn du zuhörst, merkst du, daß wir uns doch alle ähnlich sind. Das tut gut, das Zulassen von Trauer, nicht das Verdrängen. Es hat alles seine Zeit, und Trauer ist ein Prozess. Irgendwann wird es wieder besser.
    Und in dieser Zeit mit Volkstrauertag und Totensonntag und viel Dunkelheit müssen wir uns Inseln schaffen mit Licht, Musik,Kunst, einem guten Buch und allem, was dir persönlich gut tut.

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