Mitmenschen, Vorlieben, Schwächen

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Alterung, Neuland und Sinnsuche

Ich habe ja versprochen, wieder persönlicher zu schreiben. Nun, es ist kurz vor elf Uhr abends, eigentlich sollte ich schon im Bett sein, weil ich morgen früh raus will. Aber dennoch bin ich ruhelos und habe die Idee für einen neuen Beitrag.

Ich möchte mir ganz einfach mal die interessante Frage stellen, was für Leute ich mag und welche nicht? In der letzten Zeit fällt mir immer wieder auf, dass ich mich innerlich von anderen Menschen distanziere, dass ich zwar „da“ bin, aber nicht anwesend, dass ich zwar „zuhöre“, aber nicht mitfühle und dass mein Handy selten klingelt.

Ist es okay, dass ich viel Zeit mit mir selbst und meiner Kunst verbringe oder bin ich zu egoistisch? Warum habe ich keinen Drive und selten wirklichen inneren Antrieb, auf andere zuzugehen? Warum verpuffen meine Ziele so schnell und teile ich meine Energie und Zeit richtig ein?

Liegt es an den Umständen oder aber an meinem Charakter oder gar an beiden? Die Umstände sind ja meist eine Folge des eigenen Charakters. (bis auf ein paar wenige, wirklich seltene Schicksalschläge mal abgesehen)

Eigentlich müsste ich jetzt sagen: Ich mag jeden Mensch, ich bin jedem Mensch gegenüber tolerant eingestellt, zumindest versuche ich das. Was mich aber wundert, dass sich bei den wenigsten Menschen eine enge Bindung einstellt und dass ich an den meisten Menschen irgendwie „vorbeilebe“. Ich will nicht sagen, dass ich nicht will, aber es ergibt sich nicht.

Früher bin ich sehr schnell und offen auf andere zugegegangen. Ich habe mir das mit der Zeit abgewöhnt. Erkenne ich jetzt, dass jemand Probleme hat oder ein schwieriger Mensch ist, gehe ich viel eher auf Distanz. Ich teile weniger Energie von mir selbst ab, ich verteile weniger. Liegt das am Alter? Oder doch am Geschlecht?

Ich ruhe mehr in mir selbst und bin vielleicht ein Stückchen selbstbewusster als früher. Aber ich habe immer(!) die Angst, dass ich vielleicht zu egoistisch und kalt geworden bin. Ich habe sehr hohe Ansprüche an mich selbst und meine Ethik, aber es gelingt mir selten, soweit zwischenmenschliche Erfolge aufzubauen, dass ich damit zufrieden bin. Und das quält mich sehr!

Was mag ich also an Menschen und was mag ich nicht? Vielleicht sind die wenigsten Menschen, so wie ich möchte? Und da ich dieses Ideal kaum finde, habe ich das Interesse verloren?

Mein treuer Blog-Kommentator erster Stunde, Stephan, ist ein begnadeter Fotograf und fotografiert seine Stadt Wuppertal. In diesen Bildern sehe ich Gesellschaftskritik in visueller Weise. So wie er die Welt unter die Lupe nimmt und genau hinschaut, mit Hilfe der künstlerischen Mittel das Schöne, aber vor allem das Hässliche und Monotone hervorhebt, so erscheint mir mein Geist in Bezug auf andere Menschen.

Ich sehe gerne das Schlechte. Das Langweilige, Monotone, das was mich abschreckt und nervt und dann doch irgendwie fasziniert. Ich bin auf der Suche nach dem Prickeln, nach dem Besonderen und klebe daran, wenn ich es finde.

Gehe ich in einen Supermarkt interessieren mich 99% der Menschen erstmal nicht oder ich empfinde Abneigung. Bei niemanden habe ich das Interesse, ihn anzusprechen, bei allen sehe ich die ständig gleichen Sprechblasen und Floskeln, überall erahne ich, was kommen wird, ich will mich nicht einlassen.

Bin ich jetzt überheblich? Oder bin ich treffend? Bin ich eine gute Psychologin? Oder einfach nur ein Ignorant?

Bei vielen Menschen sehe ich das Leid, ihre Probleme. Bei vielen ahne ich schon was mich erwarten wird, dass es nicht einfach wird. Also setze ich meinen Filter auf- und kümmere mich um die Einkäufe. Dann komme ich zu Hause an und denke „Scheiße, genauso wieder ein langweiliger Tag wie alle anderen“.

Irgendwie will ich das ändern, es ist ein Teil meiner derzeitigen Probleme. Und es ist auch durchaus etwas, dass ich ändern will, wo mir nur die Landkarte, der Anstoß und die Idee fehlen.

Klar, man kann nicht ewig die Frische der Jugend bewahren, man kann nicht ewig saufend und johlend bis Mitternacht auf Partys abhängen- aber ich habe auch keine Lust auf ein spießiges Leben und immer gleiche Abläufe. Mir scheint, diese gesellschaftliche Erstarrung, die gefrorenen Gefühle sind wie ein riesiger Strudel, unter denen alle leiden. Sie sind Ausdruck von Problemen, von Konflikten, von Schulden, von Trennungen und allgemeinen Schwierigkeiten. Das Bedürfnis nach Sicherheit erstickt den Fortschritt. Die Angst und Eifersucht ersticken die Liebe.

Die guten Dinge im Leben sind vielleicht zu schwach. Der erhellende Geist der Ethik und des Mitgefühls kann nicht von vielen aufrecht erhalten werden, Witze verpuffen und Fasching ist auch nur einmal im Jahr.

Im Grunde fehlt vielen Menschen das Glück, die Freude. Das Gefühl, etwas wichtiges und sinnvolles zu machen, ganz gleich ob man nun arbeitslos ist oder nicht. Auch arbeitende Menschen kennen dieses Gefühl der Langeweile, wie ich heute bei Claudia las.

Diese Mühle, das sich ständig wiederholende und das Leere, das kann eine größere Belastung sein als alles andere. Wenn Menschen in so einem Strudel stecken, dann ist es wie ein Käfig, eine Begrenzung und Enge aus der es kein Entrinnen gibt. Manchmal ist es der Auftakt oder das Zeichen für eine Depression.

Und ich sehe, dass diese Gefahr ständig im Raum steht.

Was also tun? Menschen einteilen, in „welche, die ich mag“ und „welche, die ich nicht mag“, wollte ich eigentlich.

Eine treffende Charakterisierung über den aktuellen Lieblings-Feind zu schreiben, kann einem selbst helfen. Über die Ideale und Menschen zu schreiben, die man liebt und mag, kann erfrischend sein. Ein bisschen hat mich auch Hartmuts Artikel inspiriert, weil er so interessant seine Mitmenschen, vor allem den schönen Tom beschrieben hat.

Also versuche ich es mal!

Ich mag

  • Ehrlichkeit
  • Offenheit
  • Toleranz
  • Leute, die sich mit Religion und Glauben beschäftigen
  • Leute, die Nächstenliebe wichtig finden
  • Leute, die intelligent sind und gutes Allgemeinwissen haben
  • Freundschaften, die jahrelang halten und von Respekt und Vertrauen geprägt sind
  • guten, feinen Humor
  • Respekt vor dem anderen
  • gutes Zuhören
  • Emphatie
  • wenn jemand ohne Geld leben kann
  • alternative, erfrischende Denkweisen
  • Lächeln/ Lachen

Ich mag nicht

  • Wenn sich selbst jemand zu wichtig nimmt
    Angeberei
  • wenn jemand nicht treu sein kann
  • wenn jemand klammert und mich einengen will
  • Männer, die Frauen schlecht oder abschätzig behandeln
  • Diskriminierung in jeglicher Weise
  • Männer, die sich selbst zu wichtig nehmen
  • Frauen, die nicht zuhören können
  • Falschheit, Lügen
  • Leute, die nicht über Konflikte reden wollen
  • einseitiges Betonen der Arbeit
  • Leute, die immer das letzte Wort haben wollen
  • Besserwisserei
  • Wenn jemand Menschen, die in einer vermeintlich schwächeren Schicht sind, herablässig behandelt
  • Einseitige Betonung von Konkurrenzkampf und Geld

Jetzt wird auch klar, wo mein Problem liegt: In der zweiten Sparte, den „nicht mögen“ liegen mehr Punkte und es ist leicht für andere, da rein zu rutschen. Die Ziele aus der ersten Sparte sind schwierig und selten vorhanden.

Ich versteife mich vielleicht zu sehr auf die Religion? Ich habe soviel über die Ideale nachgedacht, dass ich nun niemanden mehr finde, der sie erfüllt? Ich kann noch nichtmal mehr in den Spiegel blicken, weil ich mir selbst nicht genüge?

Wäre es das Beste, so eine Liste, aber vor allem die inneren Wünsche und Anordnungen zu zerknüllen, in einen Papierkorb zu werfen und von vorne anzufangen? Sich dem Druck der Gesellschaft anzupassen und sich Ziele auszusuchen, die leichter zu erreichen sind? Geld verdienen? Um die Welt reisen? Sich Hobbys zulegen? Arbeiten?

Frei sein wie ein Kind wäre mir lieber! Ein Kind, das noch keine Enttäuschungen erlitten hat, das frei und glücklich, spontan und locker in der Welt umherreist. Stets offen für neues und nicht urteilend im Denken.

Sind die Prägungen im Gehirn, die ein Mensch im Laufe des Jahre „erleidet“ der Grund, warum er starr und bequem wird? Warum die meisten anderen Menschen aus seinem Einfluss bleiben, weil niemand mehr die Ansprüche erfüllen kann? Weil der einfache Ablauf einfach ist und das Nachdenken, langwierig, kompliziert und für viele schlicht und ergreifend: Unmöglich?

Ich wollte schon immer mal einen Artikel über Alterung und Veränderungen im Gehirn schreiben. Vielleicht war das ja der erste Auftakt dazu! Die Frage über die Alterung der Persönlichkeit und wie man den negativen Folgen vorbeugen kann.

Ich denke, um dieses „Papier zerknüllen“ kommt man nicht rum. Man muss jeden Tag neu leben. Immer wieder von vorne. Keine Beziehungen eingehen zu wollen, muss nicht unbedingt Krankheit sein. Es kann auch einfach bedeuten: Man möchte keine Krankheit in sein Leben lassen, hat einen Schutz aufgebaut, der auch seinen Sinn hat.

Die derzeitige Erlebnis-Masse und Flut an Informationen ist ausreichend. Das derzeitige Leben ist schnell genug. Es wird genug Energie verbraucht (…), es ist alles okay!

Lass Dein Leben wie es ist!

Akzeptiere dich selbst, so wie du bist!

Höre auf zu suchen, leb einfach im Jetzt!

10 Gedanken zu „Mitmenschen, Vorlieben, Schwächen“

  1. Sehr spannend, wie übrigens alle Deine letzten Artikel!

    Ich habe diesen hier zunächst nur einmal durchgelesen und frage das, was mir zuerst in den Sinn kam:
    Du schreibst u.a. von Deinen Ansprüchen und Deinen Erwartungen, diese sehe ich aber nicht auf Deinen Listen.
    Magst Du Menschen, die zu hohe Erwartungen stellen? Wie siehst Du Dich da selbst?
    Wo liegt Deine Toleranzgrenze? Warum kostet Dich allein das Nachdenken so viel Deiner Energie?

    Ich sah am Sonntag die Wiederholung von „Rach, der Restauranttester“. Da war eine Geschäftsführerin, die wurde immer wieder gefragt, ob sie sich dies und das vorstellen konnte. Rach sagte, was ich selbst vor einigen Wochen mal bloggte. Nicht grübeln, einfach machen.
    „Ja!“, sagte sie, aber als Rach nach einigen Wochen wieder vorbei kam, war sie entlassen! Sie war gescheitert!

    Ich werde hier keine universellen Tipps geben, dazu habe ich ja meinen Blog (Frech, wa?), aber ich will gerne Anregungen und Tipps geben.

    Es zieht sich ja derweil wie ein roter Faden durch die Bloglandschaft. Alle scheinen ein wenig depressiv und ideenlos zu sein. Aber von allen bist Du mir noch am Liebsten, weil Du nicht phlegmatisch sondern pragmatisch denkst.
    Jetzt würze das ganze mal mit einem gehörigen Schuss Optimismus und es geht hoffentlich bald wieder dieser fehlende Ruck durch den Kosmos. Und sei es nur Dein eigener!

  2. Menschen, die man mag und zu denen man sich hingezogen fühlt, sind für mich eines der wichtigsten und schönsten Dinge, die wir hier auf unserer kurzen Reise erleben dürfen.
    Aber die meisten Fragen, die du stellst, könnten auch auf meiner Seite steh`n. Ich tue es mittlerweile als Phasen ab, deren Grund ich spüre, mich einer Antwort aber konsequent verweigere. Das leiste ich mir und durchlebe es.
    Doch noch ein Satz von Coelho, aus seinem „Krieger des Lichts“ und zu deiner „mag ich nicht“ Leiste:
    Lernen – wirst du von deinem Feind, nicht von deinem Freund.

  3. Die ersten Abschnitte beschreiben den ganz normalen Alterungsprozess. Man lernt dazu und eben auch, dass nicht alles gut ist, manches sogar gefährlich.

    Zum Rest wollte ich noch was sagen, aber ich habe es vergessen. 😉

    Wie Menachem gesagt hat: An meinen Feinden habe ich viel gelernt.
    Aber MIT meinen Freunden lerne ich auch viel!

  4. Ich kann deinem Text leider nicht entnehmen, was dich den meisten Menschen so entfremdet. Nur deine Gegenüberstellung der beiden Listen, die finde ich seltsam.

    Ich muss mal nachdenken, wie meine Liste aussehen würde. Wahrscheinlich würde sie (für mich) einfach aus Namen bestehen.

  5. Hm. Altern heisst besser filtern lernen. So kann man das sehen. Meine Filter funktionieren heute in jeder Hinsicht besser als mit zwanzig. Das hat durchaus Vorteile im Alltag, das will ich nicht bestreiten. Ich habe einfach mehr Zeit, wenn ich nicht mit jedem Menschen im Supermarkt rede. Andererseits hat sich durch das filtern ein Trott, eine Routine eingestellt, die mir nicht gefaellt. Und manchmal habe ich genau solche Gedanken, wie Du sie oben aeusserst, Julia. Manchmal baue ich den Frust ab, indem ich mir die Kamera schnappe und losziehe. Von daher weiss ich nicht, ob „Gesellschaftskritik“ im Zusammenhang mit meinen Fotos nicht zu hoch gegriffen ist. Es ist meine persoenliche Sicht, die ich auszudruecken versuche.

  6. @ Claudia: Die Entfremdung war vielleicht genau die Tatsache, dass ich über Vor- und Nachteile von Menschen nachgedacht habe. Wie ich später herausfand, ist es nicht gut, sowas zu machen. Man muss jeden so nehmen, wie er ist und sollte möglichst nicht urteilend im Denken sein, wenn man das vermeiden will. Es ist unweigerlich, dass die meisten Leute irgendwann ein K.O. Kriterium erwischen, aber was dann? Soll ich mich nach meiner Liste orientieren oder nach meinem Gefühl?

    Gefühle kann man leider nur schlecht mit Worten ergreifen oder festhalten. Der unterscheidene und urteilende Geist trennt das „Ich“ manchmal vom Herzen ab.

    @ Stephan: Ich mag deine Fotos sehr, sie sind sehr treffend und vermitteln für mich eine eindeutige Message. Sie regen den Zuschauer an und lassen über die Hässlichkeit mancher Städte und Gebäude länger nachdenken, als man es sonst tun würde.

  7. @ Violine und Menachem: „Feinde lieben zu lernen“ ist eine schwierige, aber wichtige Sache. Man findet das im Christentum und auch im Buddhismus. Und in anderen Religionen bestimmt auch. Ich finde, da steckt viel Weisheit drin!

  8. @Julia: Es freut mich, wenn die Bilder etwas erreichen.

    Irgendwie habe ich meine Probleme mit Argumenten-Listen, wie Deiner oben. Sie sind sehr beliebt im Internet und gehoeren in nahezu jede Kurzbiographie. Aber wie sollte ich so eine Liste zusammenstellen? Die Argumente sind doch nicht gleichwertig. Ich kann einen Menschen sympathisch finden, wegen einer Eigenschaft, die eine andere negative Eigenschaft aufwiegt. Zudem praesentiert selten einer direkt alle Eigenschaften, vor allem nicht die Schlechten. Daher habe ich bislang noch keine solche Ich-mag/Ich-mag-nicht-Liste zusammenstellen koennen. Natuerlich gibt es auch einzelne Eigenschaften, die ich mag, oder die ich nicht mag an meinen Mitmenschen. Und natuerlich funktionieren sie als Filter. Aber bei Freunden sehe ich entweder ueber sie hinweg, oder ich spreche sie unter vier Augen an. Eigentlich ein unfaires Verfahren – aber Freundschaften sind nun mal unfair gegenueber denen, die nicht in der Freundschaft eingebunden sind. Gleichzeitig bewerte ich die Argumente, die Eigenschaften staendig neu, so dass mir eine fixe Liste ungeeignet erscheint. Symphathie bedeutet ja nicht nur die Uebereinstimmung der Eigenschaftslisten. Person eins mag Tulpen, Katzen und Musik von Prince; Person zwei mag Rosen, Hunde und Musik von Frank Sinatra. Ob die beiden sich symphythisch sind, kann ich aus den Listen niocht ablesen. Vielleicht kommen sie bei einem Gespraech ueber Blumen zueinander.
    (Ein Vorteil dieser Listen jedoch ist es, sehr schnell zu sehen, wie hell der Kopf ist, der die Liste erstellt hat: Je mehr Phrasen verwendet wurden und je ernster eine solche Liste zusammengestellt wurde, desto unintelligenter ist der Listenschreiber – Anmerkung: funktioniert ausschliesslich bei Muttersprachlern.)

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