Meinungsfreiheit

image_pdfimage_print

Einleitung
Wozu habe ich einen Blog? Die Frage muss ich mir immer wieder stellen. Manchen mag sie abgedroschen oder langweilig erscheinen, und wenn das eigene Projekt nicht oder nie hinterfragt wird, braucht man auch nicht darüber nachzudenken, dann macht man es einfach, weil es Spaß macht. Bloggen ist aber im Grunde geschriebene Sprache, etwas mündlicher als ein fertiges Buch oder eine Zeitung. Es ist ein typisches Zwischending, ein Produkt unserer schönen, neuen Internet-Welt. Und da es Sprache ist, und von einem menschlichen Wesen kommt, liegt es in der Natur der Sache, dass Aussagen und Wertungen abgegeben werden, diese Aussagen bestimmte Ziele und Absichten haben und – nicht immer ganz auszuschließen- dass es jemand verletzt oder sich jemand davon kritisiert fühlt. Wenn ich überlege, ist das sogar ein wichtiges Ziel, ich sage dazu „Teilhabe am Gesellschafts-Prozess“. Bloggen bedeutet Sprache, bedeutet Meinungsfreiheit, bedeutet letztendlich Meinungsbildung und Mensch-Sein. Bloggen kann für den modernen Menschen so was wie Luft, wie Atem und eine Sache des seelischen Überlebens werden. Wie oft gibt es im Alltag Situationen, die man einfach nur schluckt, über die man sich ärgert, aufregt, die man nicht begreift? Oder Dinge, über die man sich freut, die man mitteilen und „verteilen“ möchte? Es ist ein Menschheitsbedürfnis, ein Grundgefühl und ein Grundrecht, dass sich jeder für sich beanspruchen sollte. Wie alle Grundrechte im Leben gibt es aber Grenzen, so wie dem Verbrecher die Grenzen der Freiheit gezeigt werden, wenn er gegen die Regeln seiner Gesellschaft verstößt. Wo aber sind die Regeln, die moralischen und praktischen Grenzen beim Bloggen? Was ist guter Geschmack, was soll man schreiben, was nicht? Was ist legitimer: Der eigenen Unzufriedenheit Luft zu verschaffen und jemanden anzuklagen? Oder die Sache des Respekts wegen wieder herunterzuschlucken und darauf zu warten, dass es von selbst weggeht? Im Schreiben, im Denken und im Äußern aber entwickelt man doch erst seine Ethik, sein Gefühl, es ist der Spielgrund für die menschliche Psyche, für den ureigenen und menschlichen Wunsch, teilzuhaben, sich mitzuteilen, ganz unabhängig von den Rückmeldungen, einfach aus dem Bedürfnis des Atmens heraus.

Meinungsfreiheit ist Arbeit
Wie viele Leute kenne ich, die dieses Recht auf freie Meinungsäußerung für sich beansprucht haben und dann an der Mauer der Abwehrhaltung, den Ressentiments ihr Leser gescheitert sind, und eines Tages ihr Blog, ihre Homepage geschlossen haben! Es ist nicht so, dass man die Freiheit geschenkt bekommt. Die individuelle Freiheit für den Menschen in der heutigen Zeit ist- aller Technik und Erleichterungen zum Trotz- immer kleiner geworden. Freiheit ist – wenn sie gut und echt sein soll- eine Sache, für die man kämpfen muss.

Gedankliche Freiheit mag im Internet eine leichte Sache sein, aber ist letztendlich auch nur eine technische Freiheit, eine pure Ansammlung von Wissen, frei von jeder Bewertung. Die individuelle menschliche Freiheit, das zu sagen, was einen bedrückt, es im Raum stehen zu lassen und zu behaupten „Ich mache das nicht mehr mit“ ist das Wichtigste überhaupt. Niemand sollte es einem streitig machen, dieses Recht in Anspruch nehmen zu dürfen. Weder im Arbeitsleben, noch im Internet.
 
Und es liegt an den Autoren- den Menschen- selbst, das in einer Schärfe und Deutlichkeit zu machen, dass es dem eigenen Wohl, und somit der Gesamtkritik einer Gesellschaft, dieser Ansammlung von Einzelpersonen zuträglich ist.
 
Sicher gibt es auch Dinge, die man nicht äußern sollte, Dinge die aus gutem Grund verborgen bleiben und nur für Vertraute zugänglich sind. Das im Einzelnen immer neu abzuwägen und die Wahl der Worte zu prüfen, bleibt die Aufgabe eines guten Bloggers- und ob er jetzt über sein Privatleben, die Weltpolitik, den Kaninchenzüchterverein von nebenan oder sein neues Auto schreibt.
 
Angst oder Mut?
In letzter Zeit gibt es so viele Stimmen in den Medien, die dem freien Menschen Angst einflößen sollen, die unsere Angst vor der freien Meinung schürt und uns wieder zu bequemen, angepassten Menschen zwingen will. Da ist z.B. der viel zitierte Arbeitgeber, diese unsichtbare, übermächtige Autoritätsperson aus dem Untergrund, die uns scheinbar auf Schritt und Tritt überwacht und beinahe wie manisch nach dem neuen Bewerber googelt. Dem unschuldigen Blogger, dem Schüler und allen- noch leicht zu manipulierenden Schäfchen- wird eingetrichtert, dass er nur hübsch artig zu sein braucht, seine Zivilisationsmaske aufziehen soll und dass es ein Unding wäre, mit einer Bierflasche am Bahnhof fotografiert zu werden und wenn es nur auf der Abschlussfete gewesen ist!
 
Und, viel schlimmer noch, die Bedrohungen unseres Staates, der ständigen Angst vor dem „gläsernen Bürger“, dass auf der einen Seite politisch hoch gebauscht wird, und auf der anderen Seite eine tatsächliche, gefährliche Entwicklung darstellt, mit der wir uns alle auseinandersetzen müssen. Menschen erschaffen Gedanken und Gedanken erschaffen letztendlich Gesetze.
 
Wollen wir den totalen Überwachungsstaat und die Reduzierung des menschlichen Individuums auf seine Daten? Wollen wir den Schülern beim Bloggen Angst einflößen und sie daran hindern, darüber zu schreiben, was sie wirklich denken? Wollen wir eine unfreie Jugend, eine Gesellschaft voller Angst und Zweifel?

Voraussetzungen für Meinungsfreiheit
Wie kann man der Gesellschaft helfen, noch mehr echte Meinungsfreiheit zu entwickeln? Sie zu ermutigen, die eigene Meinung zu äußern, und auch unbequeme Dinge auf den Tisch zu bringen?
Mir scheint, die technischen Möglichkeiten dazu haben wir schon längst, doch was hängt, das ist der Mut!

Meinungsfreiheit bedarf zwei wichtiger Voraussetzungen:

1.)Man braucht eine Erziehung, die sich moralisch für Meinungsfreiheit einsetzt. Dazu gehört, dass man die Ungleichheit in den gesellschaftlichen Schichten – maßgeblich durch ihre Beurteilung von außen – abschaffen muss. Es kann nicht sein, dass der Doktor der Physik, der Anwalt oder der Arzt mehr Gehör bekommt, als der einfache Arbeiter. Beide zählen gleich viel! Beide haben das Recht, sich zu äußern, in Talkshows zu sitzen und ihren Wahlzettel abzugeben. Der Doktor, der Mittelständler, der Müllmann und die Putzfrau sind gleich! Durch die moralische Gleichmachung und der Abschaffung der Klassen-Unterschiede wird die Grundlage für Freiheit geschaffen. Ansonsten bleibt immer (!) das ungute Gefühl und letztendlich die bittere Realität, dass man einem einfachen Arbeiter nicht zuhört, nicht glaubt, noch ihn ernst nimmt. Schülern darf in der Hauptschule nicht mehr vermittelt werden, dass sie überflüssig sind und sowieso keine Perspektive mehr haben, nur weil sie vielleicht eine praktischere Lebensbegabung haben und nicht so gut im Lesen und Schreiben sind!
2.)Eng damit verbunden ist das Vermitteln von Bildung. Nur in der Bildung, in der Sprache selbst liegt die Kraft, sich überhaupt artikulieren und teilhaben zu können. Wer es nie gelernt hat, noch dazu ermutigt wurde, sich zu äußern, wird es sehr schwer haben, für seine Grundrechte einzustehen und sich innerlich über die Zustände zu stellen, die er vielleicht ändern will. Bildung bedeutet letztendlich, Komplexität zu ergreifen, die Zusammenhänge zu verstehen, die Regeln zu kennen. Bildung ist harte Arbeit, kostet Zeit und Eigeninitiative. Es ist das wichtigste und menschlichste Werkzeug, das wir überhaupt haben können. Man sollte jeden Tag in die eigene Bildung und letztendlich auch in die Bildung von anderen investieren.

Meinungsfreiheit in der Pädagogik
Eltern müssen sich die Frage stellen, ob sie die freie Meinung ihrer Kinder dulden wollen und können. Gerade in einem bestimmten Alter, z.B. der Pubertät, können Kinder sehr unbequem werden. So wie sie in jungen Jahren erst ihre Zunge entdecken, mit ihr Spielen und irgendwann Laute produzieren, entdecken sie in der Pubertät ihr Gewissen, ihre Fähigkeit alles und jeden zu hinterfragen. Damit bekommen sie die wunderbare Fähigkeit, ein glücklicher, kritischer und gesunder Mensch zu werden. Unterdrückt man in dieser Phase alles Kindliche, alles Revolutionäre an ihnen, darf man sich später nicht wundern, wenn ein Erwachsener dabei herauskommt, der keinen Mut oder Willen hat, sich zu äußern. Auf der anderen Seite muss man sich fragen, ob Eltern es überhaupt wollen. Wenn sie selbst eine schwierige und unterdrückte Kindheit hatten, werden sie es sich schwer tun, ihre Kinder zu ermutigen, anders und freier zu leben. Hier ist der richtige Ansatz für Psychologie, für Schwierigkeiten, für Wachstum, Abgrenzung und Wandel. In der Auseinandersetzung mit den Fragen der Pubertät, werden die Eltern und Kinder gleichermaßen reifen und eine neue Lebensmitte finden können, die im Idealfall von Selbstbewusstsein, Selbstständigkeit und Verantwortungsgefühl gezeichnet ist.

Fazit
Durch die richtige Kombination der Eigenschaften „Moral“ und „Bildung“ sollte es einer Gesellschaft möglich sein, Meinungsfreiheit für alle zu erwirtschaften und durchzusetzen.

Es ist ein hypothetisches Ziel, ein Ideal, dass im besten Falle über jeder politischen Anstrengung und jeder individuellen, menschlichen Handlung stehen sollte.

Am Anfang war das Wort. Wenig später kam WordPress zwei Punkt sieben !

6 Gedanken zu „Meinungsfreiheit“

  1. Von den Fürsten- und Kaiserhöfen bis zu den heutigen Industriellen, Unternehmer, Manager, Politikerkasten – die Gebildeten, gleichzeitig meist vermögenden, bestimmen unsere Gesellschaftsstruktur. Wir hier oben bestimmen, ihr dort unten gehorcht.
    Bildung, damit auch Wissen = Macht, die wie der Gral gehütet wird = persönlicher Wohlstand. Zuerst ich – dann ihr. Und wo bleibt die Moral dabei? Wessen Moral?

    Meist konnten die Minderpriviligierten diese Strukturen nur im blutigen Aufbäumen verändern. In unserem Land zuletzt 1933. Auf einer Doku-DVD. „Warum sie Hitler wählten“ ist die große Spaltung zwischen überheblichen Intelektuellen und von der Stütze lebenden Arbeitern ein Grund gewesen, die NSDAP zu wählen, weil diese Gleichheit versprach..
    Aber auch da, war es mit der Meinungsfreiheit auf einmal sehr schnell vorbei.
    Ich kann das manchmal einfach nicht verstehen, das borniertes Intellektuelletum sich genau damit das eigene Grab schaufelt

    Das kuriose daran ist, das die, die durch Bildung einen besonderen Zugang zu Moral haben, diesen zu ihrer eigenen Klassenmoral einseitig gestalten können und es auch tun. Ich habe fast den Eindruck, als könnte Bildung und Moral gar nicht zueinander finden – weil Bildung in ihrer Intelligenz Moral stetig neu formt.

  2. Kleiner Nachtrag.
    Dr. Goebbles, der „gebildete“ „Experte“ für Rassenfragen hatte nicht lange für eine eigene Moral gebraucht, z.B. der des lebenswerten Lebens.
    Was ist zu tun?

  3. Hallo Menachem, ich denke, in diesem speziellen Fall der Nazis, wurde Moral tatsächlich „missbraucht“ und umgedeutet, ein ganz schlimmer Fall. Es war damals „gut“, gegen Juden zu sein. Man erfand einfach eine eigene Ideologie und die Masse lief schreiend und jubelnd hinterher. Moral ist vielleicht das falsche Wort, um das auszudrücken, was ich meine. Moral ist immer etwas Interpretiertes, anfälliges und von Menschen geschaffenes. Ich hoffe, dass gesunde und glückliche Menschen eher eine „vernünftige Moral“ erschaffen und nicht so etwas scheinheiliges wie damals die NSDAP. Man muss schon recht verdreht und unglücklich sein, um so ein Denken wie die Nazis anzunehmen.

    Im Gegenzug kann eine „richtige“ Moral, oder ein Glauben an eine gute Sache hilfreich sein, um mit Motivation und langfristiger Geduld zu handeln. (das ist wieder Buddhismus…) Man braucht die Bildung als Kontrollfunktion, die fragt und erkennt: Ist das gute Moral? Nehme ich sie an? Nützt sie mir? In meinem Ideal der gleichberechtigten Gesellschaft darf jeder moralische Fragen stellen, jeder jeden „anklagen“ oder kritisieren, jeder (alles nicht verletzende) ausdrücken und jeder muss sich an die gleichen Regeln halten. Die Blogs sind wirklich eine gute Grundlage für so ein Denken, finde ich. Nur gibt es ja hier schon die Ungerechtigkeit, dass manche Blogs mehr Leser haben und andere weniger. Meinungen haben also auch einen ganz deutlichen „Quantisierungs-effekt“, der wiederum eine Machtgrundlage hat (Geld, Wissen, Sozialer Status). Nicht die guten Meinungen setzen sich immer durch, sondern gerne die einfachen und massentauglichen, z.B. im Fernsehen.

    Die Bildung auf der anderen Seite ist nichts ohne die menschliche Ethik, sie bedingen einander. Wenn z.B. in Schulen nur kaltes, analytisches Denken zur Funktionserfüllung, aber keine Werte vermittelt werden, würde etwas fehlen!

    Vielleicht wäre es an dieser Stelle gut zu überlegen, wo es noch praktische Fälle von Meinungsfreiheit und ihrer Grenzen gibt. Aber das mache ich dann morgen! 😉

    Viele Grüße,
    Julia

  4. Hallo Julia,
    ich war wieder kurz davor, einen eigenen Artikel aufgrund des Deinen zu schreiben, aber ich fühle mich derzeit nicht in der persönlichen Lage, mich intensiv mit der irrsinnig spannenden aber auch hoch komplexen Thematik der „Meinung“, „Meinungsfreiheit“ und „Meinungsbildung“ zu beschäftigen. Andererseits habe ich das Recht auf meine freie Meinung ja bei mir im Blog schon mit wilden Gedanken und Theorien ausgelebt.

    Im Prinzip setzt ja die Meinungsfreiheit voraus, dass die Menschen das Recht, das Wissen und das persönliche Interesse haben, sich eine Meinung überhaupt zu bilden.
    Zur wirklichen Freiheit gehört damit auch der freie Zugang zu Informationen. Sich eine Meinung zu bilden aufgrund nur weniger Informationen, vielleicht noch aufgrund politisch, religiös oder wirtschaftlich gesteuerter Informationen kann schnell sehr einseitig sein.

    Zur Meinungsbildung gehört dann erst die eigene Fähigkeit aus den gesammelten Informationen die Fähigkeit zu entwickeln, dieses Wissen zu reflektieren und zu ordnen und es selbst möglichst unmissverständlich in eigenen Gedanken, Worten oder in Schriften zu formulieren.

    Interessant finde ich es, dass bei dem Wort „Meinungsbildung“ (siehe Wikipedia oder der obige Kommentar von Menachem) immer ein kleiner Verweis auf die Geschichte des Nationalsozialismus folgt. Wahrscheinlich, weil es ein Lehrstück der Gedanken- und Meinungsmanipulation war.
    Ich habe bei mir im Blog die Doku von Arte „Mein Kampf – die Geschichte einer Hetzschrift“ veröffentlicht
    ( hier ), die ich Menachem – falls er sie nicht kenne, klar empfehle.

    Und zum ersten Absatz von Julias Kommentar:
    Leider lassen sich ja noch heute ganze Völker fanatisieren und ich habe die Befürchtung, dass wir selbst auch wieder in der Phase der Rezession nach einem „Buhmann“ schreien, ein Feindbild suchen, um uns abzureagieren.
    Wie es auch z.B. in den Filmen „Das Experiment“ oder „Die Welle“ gut aufgezeigt wird, stößt individuelle Meinungsfreiheit auch an seine Grenzen, wenn eine Gruppendynamik einsetzt, in die man sich fügen muss, um nicht selbst sanktioniert zu werden.

    Puh, ich schreib mir hier wieder einen Wolf, aber ich hoffe, ein wenig mit meiner Meinung zur weiteren Meinungsbildung beigetragen zu haben.
    Hauptsache der Meinungsaustausch bleibt fair und konstruktiv 🙂

  5. P.S. – Liebe Julia!
    Ich habe in meinem vorherigen Kommentar nach dem Link zum Wikipedia-Artikel den a-Tag nicht geschlossen. Vielleicht kannst Du das im nachhinein noch Nachbearbeiten.

  6. @ Hartmut: klar gerne, eben geschehen.

    Im Grunde haben wir in Deutschland schon ein hohes Maß an Meinungsfreiheit. Wenn man mal in andere Länder guckt, da sieht es viel schlimmer aus. In China z.B. der Umgang mit den Medien. Oder in Russland, der Umgang mit den Journalisten.

    Was für ein Paradies an Meinungsfreiheit wir dagegen hier haben! Kein Grund sich zu beklagen. Allen steht alles offen, ein wenig Arbeit vorausgesetzt.
    Aber auch ein Paradies, das immer wieder neu geschaffen und aufrecht erhalten werden muss.

Schreibe einen Kommentar zu Menachem Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.