Gekaufte Plätzchen

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Lebkuchen im Kerzenlicht
Lebkuchen im Kerzenlicht

Doreen nahm die Kopfhörer auf den Kopf, legte die Beine auf ihrem 2000 € Massage-Wohlfühlsessel zurecht, drehte die Lehne ein wenig zurück und hörte die neue X-mas CD, die sie sich heute nach der Arbeit noch schnell gekauft hatte. In der ganzen Stadt hing weihnachtlicher Schmuck, es roch nach Glühwein und auch der erste Schnee war heute endlich gefallen und hüllte die Innenstadt in eine behagliche, gemütliche vorweihnachtliche Atmosphäre.

Sie war etwas traurig, nachdenklich und verstand die Welt nicht mehr. Heute, kurz nach ihrem anstrengenden Büroalltag hatte sie noch schnell die Böden geputzt und danach ein hitziges Gespräch mit ihrer Freundin geführt.

Nach anfänglichem Geplänkel und den typischen „wie geht’s dir so“ Fragen war die Stimmung immer schlechter geworden, bis das Ganze schließlich in einem erbitterten Streitgespräch über weibliche Rollenmodelle und Aufgaben endete.

Ihre Freundin war vor kurzem Mutter geworden und immer wieder nervte sie mit Fragen, wann es denn bei ihr endlich soweit sei und ob mit Christoph denn noch „so gar nichts“ geplant sei.

Doreen nervten diese intimen Fragen und sie ärgerte sich über die Verbissenheit und Engstirnigkeit ihrer Freundin, mit der sie sich immer so gut verstanden hatte. Was ging sie denn ihr Leben an? Jeder konnte doch so leben, wie er wollte und nur weil sie jetzt auf diesen Mutti-Zug aufgesprungen war, den um sie herum so viele Frauen erfassten, brauchte sie da doch nicht mitzumachen. „Immerhin leben wir in einem freien Land“- da wird man als Frau wohl auch die Entscheidung gegen Kinder treffen dürfen, ohne von allen ausgeschlossen zu werden. Aber anscheinend befriedigte Sandra ihr eigenes Mütter-Unglücklichsein damit, dass sie die Lebensmodelle von anderen abwertete und ständig hinterfragte.

Doreen war glücklich, ohne Kinder. Christoph war gutverdienend und nett – genau so, wie sie einen Mann immer haben wollte. Sie verstand sich gut mit ihm, sie machten lange Reisen zusammen, sie neckten sich meistens und konnten stundenlang zusammen sein, ohne sich gegenseitig zu nerven. Auch im Bett lief alles hervorragend und sie war völlig frei von Babygeschrei, Verpflichtungen und Ärgernissen. Rundum: Sie genoss ihr Leben und es fehlte nichts. Ein Kind hätte sie selbst eher als Bedrohung oder Belastung empfunden. Sie war auch der Meinung, dass sie nicht genügend Zeit für die Erziehung aufbringen könnte und sie wollte nur ungern ihren Job an den Nagel hängen.

Ja, sie war glücklich in ihrem Leben und die Frage nach Kindern hatte sich ihr daher nie richtig gestellt. Nach dem Abitur hatte sie Jura studiert und der Job in der Kanzlei machte ihr Spaß. Sie war zwar nie selbstständig geworden, hatte aber ebenfalls einen netten Chef und verdiente nicht schlecht, manchmal sogar etwas mehr als ihr Mann- was den natürlich wurmte, aber er war tolerant und liebte starke Frauen.

Natürlich war ihre Mutter am Anfang entsetzt, da sie aber noch zwei Schwestern und einen Bruder hatte, die alle eine glückliche Familie vorweisen konnten, war ihr „Ausfall“ nicht so schlimm. Umso mehr nervten sie aber die Fragen und Sticheleien ihrer Freundin.

Warum meinten andere immer so gut zu wissen, was für eine Frau gut ist? Warum gab es soviele Leute, die ihr dabei helfen wollten, die richtige Entscheidung fürs Leben zu finden? Und wie konnte sie die Freundschaft zu Sandra aufrecht erhalten, ohne ständig dieses Thema anschneiden zu müssen?

Sie war verzweifelt und in ihrem Kummer stopfte sie immer mehr Weihnachtsgebäck in sich hinein. „Mit der Zeit werde ich davon auch einen runden Bauch kriegen“ dachte sie nur kurz verbittert, musste dann aber doch über ihren eigenen Witz lachen. Sie streifte sich einen Krümel aus dem Mundwinkel und dachte weiter nach.

Natürlich war alles gekauft, denn nach dem anstrengenden Büroalltag wollte sie nicht auch noch Zeit in der Küche verbringen. Das hätte sie höchstens am Wochenende machen können, aber da bereitete sie meistens die Arbeit nach oder wollte sich einfach bei einem guten Buch und einer gefüllten Badewanne entspannen.

Die gekauften Plätzchen schmeckten ihr genauso gut! Das war das Herz des Feminismus, der Gleichberechtigung. Niemand konnte sie zwingen, in der Küche zu stehen- wenn, dann würde sie es freiwillig machen.

Ihre Nachbarn waren allerdings ganz anders eingestellt und seitdem sie in diese Siedlung gezogen war, fiel ihr auf, wie wenig berufstätige Frauen es hier gab. Wenn sie mit ihrem BMW rückwärts in die Garageneinfahrt stieß, konnte sie manchmal eine Frau aus der Wohnung von gegenüber hinter den Gardinen sehen und sie bildete sich ein, dass sie etwas neidisch zu ihr geblickt hatte. Viel Kontakt hatte sie leider nicht mit den Nachbarn. Sie hatte es immer mit Freundlichkeit probiert, aber allen Versuchen zum Trotz waren diese eisig und unnahbar geblieben. Diese igelten sich in ihr eigenes Familienglück ein und so ging jeder seinen Weg.

Die eine Familie erarbeite die Steuergelder und die andere Familie von gegenüber, die nicht mit soviel Glück und Geld gesegnet war, bekam das Geld vom Staat und hatte Kinder.

„Manche Dinge ändern sich eben nie“ – seufzte sie immer noch leicht verbittert und schaltete den Fernseher ein.

Das Programm beruhigte sie und lenkte ab.

So schnell würde sie nicht mehr darüber nachdenken, darüber war sie sich sicher.

3 Gedanken zu „Gekaufte Plätzchen“

  1. Ich finde ein sehr schöner Text, erinnert mich an die zeit in der ich in einem Neubaugebiet (mit ‚klassischer‘ Familie) gelebt habe. Warum ist es bloß so scher, zu akzeptieren, das Andere anders sind?

  2. „Der Vergleich ist der Tod des Glücks.“
    Wenn man sich die Bedeutung dieser Worte klarmacht, kommt man etwas besser durch das Leben. Eine gesunde Portion Neid / Unzufriedenheit ist für die Weiterentwicklung der Menschheit schon wichtig, sie darf aber nicht das Handeln an sich bestimmen.
    Warum können sich manche Leute plötzlich gar nicht mehr über ihr schönes, mit Schweiß und Tränen und Lächeln bezahltes Haus freuen, wenn der Nachbar dann ein vermeintlich noch viel besseres und schöneres Haus baut? Ist plötzlich das Eigene, die eigene Leistung nichts mehr wert?
    Dummerweise ist die Welt des Neides gerade in den typisch deutschen Siedlungen zu Hause. Damit müssen wir wohl leben (müssen / können).

  3. Danke für eure Rückmeldungen! Interessant, dass ihr beide das Thema Neid als bestimmendes Motiv in der Geschichte ausmacht.

    Ich bin darauf gekommen, als darüber in einer Reportage berichtet wurde, es ging um eine Frau aus dem Ausland und wie schwer sie sich mit der deutschen Mentalität tat.

    Vor allem, dass Nachbarn in Deutschland jahrelang nebeneinander wohnen können, ohne nur ein einziges Wort miteinander zu wechseln. Und auch meine reale Erfahrung bestätigt diesen Verdacht eher, als dass es ihn widerlegt.

    Es ist halt einfach so, jeder Mensch ist anders, jeder hat eine andere Vorgeschichte, Meinung und Einstellung zum Leben. Das wollte ich damit ausdrücken und dass es bei so wichtigen Lebensfragen wie Kinder nicht unbedingt „richtig“ oder „falsch“ gibt.

    Wenn in der Politik über Kinder geredet wird, dann ist es immer recht eindeutig und die Familie wird immer um jeden Preis betont- wie es dann aber in der Realität aussieht, was für Sorgen Kinder auch verursachen können und wie die Last zwischen ihnen und Kinderlosen verteilt wird, ist dann wieder eine andere Sache.

    Viele Grüße,
    Julia

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