Es ist..

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Musik: Goodbye ft. Apparat

… zäh. Und funktioniert nicht. Da ist der Versuch, sich über etwas zu freuen, doch es gelingt nicht. Seltsam unberührt bist du von den Wogen des Lebens. Du stehst mittendrin, aber sie prallen nur an dir ab. Du bist da, aber doch nicht da. Alle erwarten was von Dir. Ein Fels in der Brandung! Leistung! Bereitschaft! Verfügbarkeit! Arbeitskraft! Moral! Überlegenheit! Souveränität! Männlichkeit! Ausfallsicherheit! Kraft und Linearität, volle Kontrolle!

Aber wie sollst du was kontrollieren, wenn du dich selbst nicht unter Kontrolle hast?

Die Maschinen kannst du noch verstehen, diese sind logisch aufgebaut. Nachvollziehbar, physikalisch, mathematisch. Zu bewältigen mit Intelligenz und Anstrengung. Aber Deine Gefühle nicht. Diese sind weit weg und gehorchen anderen Regeln. Irrationalen Regeln, die tief verborgen liegen. Die manche nie verstehen. Eine verschlossene „Black Box“. Etwas unbekanntes, was du lieber verdrängen würdest.

Der Arzt hat zu dir gesprochen. Ferne Worte, die da wie in einem Nebel zu Dir klingen. Er versteht es doch nicht, was du fühlst.

Du sitzt am leeren Tisch und starrst die leeren Wände an. Die Fotos. Zeitungsberichte. Deine Erfolge und Pokale. Deine Freunde auf Facebook. Deine Abschlüsse und Zeugnisse. Du hasst alles, es ist Dir nichts wert. Vespürst aber doch keine Regung. Du würdest gerne mal wieder hassen! Mal schreien! Mal alles rauslassen! Aber ein Kloß versperrt den Weg in die Freiheit. Noch nicht mal weinen kannst du. Es ist einfach nur eine große, alles verzehrende Leere.

Wie ein Korken auf einer Flasche und du bist die Flüssigkeit darin, die schon lange nicht mehr gelebt und geatmet hat.

Dein angestauter Frust und deine Selbstkontrolle machen dich über die Jahre stärker. Du lernst, die Dinge mit dem Kopf zu kontrollieren. Eine Eigenschaft, die geschätzt und mit viel Anerkennung und Geld belohnt wird. Du bist jetzt wer und geachtet. Es reicht aber nicht, das Gefühl der Anerkennung dringt nicht zu dir durch. Du siehst es im Raum, aber du fühlst es nicht. Es fühlt sich kalt an. Und Kälte hat noch niemals Kälte vertrieben.

Der Depp neben dir, weiß allerdings mehr. Er erinnert dich an deinen Vater. Wie er sich aufführt. Wieviel Erfahrung er hätte. Wie er dich von oben herab behandelt. So ein Idiot. Da ist wieder dieses Gefühl. Dieser Hass, diese Wut, aber sie kommen nicht raus. „Ich geh mal pinkeln“ sagt er. Ein Glück, endlich allein. Diesem Deppen wirst du es zeigen.

Du legst den kleinen Hebel um. Ein leises, kaum wahrzunehmendes Klacken bestätigt deine Entscheidung. Jetzt bist du allein. Geschützt von einer starken Tür, die niemand durchbrechen kann. So allein, wie du immer warst. Die Tür steht für die Schranke und die Mauer, die du um dich herum aufgebaut hast. Kein Mensch erreicht dich mehr. Da ist endlich Ruhe. Du atmest tief ein und aus.

Es fühlt sich befreiend an. Du bekommst die Kontrolle zurück.

Der Depp kommt zurück und klopft an deiner Tür.

Jetzt hast du die Macht! Ein Gefühl von Triumph und Stärke klettert in dir empor. Die Stärke, die du dir immer gewünscht hast! Hinter Dir. Macht über Hunderte von Menschen. Über Kinder, Schulklassen, Babys. Verliebte. Erfolgreiche und nicht so erfolgreiche. Es ist egal. Jetzt kannst du Gott spielen.

Du schiebst den Hebel nach vorne. Die Maschine sackt nach unten. Es ist eine Befreiung. Der Stahl- und Elektronikkoloss liegt in deinen Fingerspitzen. Es kostet nicht viel Kraft. Du hälst die Hand auf dem Hebel, ignorierst die Warnungen und das Gepiepe. Es ist alles egal. Du ignorierst alles und fühlst dich stark. Jetzt, einmal im Leben fühlst du dich wach und klar und mächtig genug. Du kannst der Krankheit entkommen. Deinen Konflikten. Es gibt eine Lösung! Die Erde kommt näher. Du denkst nicht an das danach, weil es für dich nie ein Danach gegeben hat. Im Gegenteil, jetzt freust du dich auf den Tod. Die Schreie hinter dir und die flackernden Anzeigen vor Dir nimmst du nicht mehr war. Es ist…

5 Gedanken zu „Es ist..“

  1. Nachdem es mir die letzten Tage leider nur möglich war von außen her in das innere des Cockpits zu schauen (Tunnelblick), ist der Perspektivwechsel hier auf deiner Seite eine wichtige Erweiterung meiner bisher eingeschränkten Sicht.

    Ich lese dich so, dass du eigentlich wütend sein willst, weil 149 Menschen sterben mussten. Du aber nicht wütend sein kannst, weil auch ein einzelner Mensch das Recht auf den Wunsch hat, in und für sein Leben Verständnis zu finden. Tragisch allerdings – wenn er dabei auf dem falschen Platz sitzt.

  2. was ich denken soll (oder darf ) ist mir noch gar nicht so klar. aber ich bin traurig und geschockt. da war eine Welle der Berichterstattung in den Medien die erstmal verarbeitet werden muss. ich möchte mir kein vorschnelles Urteil bilden, obwohl die Versuchung groß ist. Ein Wechsel der Perspektive kann vielleicht helfen, aber sicher bin ich nicht.
    mein Text ist eine Nacherzählung oder Interpretation, die die unfassbaren Lücken im verstehen überbrücken soll.

  3. Hallo Julia, der zweite Absatz in meinem Kommentar muss wohl richtiger weise heißen:

    „Ich empfinde es nach dem Lesen deines Beitrages so, dass ich eigentlich wütend sein will, weil 149 Menschen sterben mussten. Ich aber nicht wütend sein kann, weil auch ein einzelner Mensch das Recht auf den Wunsch hat, in und für sein Leben Verständnis zu finden. Tragisch allerdings – wenn er dabei auf dem falschen Platz sitzt.“

    Sorry, meine obige falsche Formulierung. „Macht“ – der Gewohnheit.

  4. Liebe Julia, das hat mich eben sehr ergriffen. So ein Perspektivwechsel war vielleicht mal nötig. Man möchte Unfaßbares verstehen, aber das geht eben nicht immer. Der Mensch ist unergründlich. Hanni.

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