Erinnerung an… die nicht Angepassten

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Wenn ich mich mit den Fragen zu Trauer und Tod auseinander setze, komme ich zwangsläufig auf mein eigenes Leben.

Das Leben ist so kurz, schnell ist alles vorbei.
Was bleibt vom Leben?

Ich bin froh, dass ich jeden Tag blogge, dass ich immer versucht habe, meine Gedanken irgendwie in Wort- oder Schriftform zu bringen.
Es ist letztendlich die einzige Erinnerung, die Menschen mal haben werden, wenn ICH verstorben bin.

Jeder Mensch muss sterben. Das Leben ist so kurz. Und es ist wirklich kurz.
Es fliegt vorbei. Man sollte keine Stunde, keine Minute, noch nicht einmal eine Sekunde verschwenden.

Es gibt tausend Ansätze das Leben zu leben. Aber ich hab das Gefühl, die meisten sind falsch.
Arbeiten, Geld verdienen?
Einmal im Jahr einen Urlaub machen, dann wieder malochen?
Mit 65 in Rente gehen?
In ein anderes Land flüchten?
Auswandern?

In eine Kommune gehen, im Wald leben, auf Geld und Fleisch verzichten?
Wer sagt mir, was der richtige Ansatz ist?
Was muss ich erreichen, wo muss ich hin?

Ist es gut, wenn ich Kinder in die Welt setze? Oder doch eher egoistisch?
Soll ich mich für andere einsetzen und dabei ausbrennen?
Oder soll ich lieber hedonistisch und lustorientiert leben?

Das sind so zentrale Fragen, aber sie werden „normalerweise“ überhaupt nicht diskutiert, noch nicht einmal in Frage gestellt.

Wer könnte erwarten, dass so etwas zentrales in der Öffentlichkeit diskutiert wird, wenn noch nicht einmal mehr politische Fragen ernsthaft diskutiert werden?

Wer etwas hinterfragt, gilt schnell als verrückt.
Labile, empfindliche Menschen sowieso…

Vor mir hängt ein Zettel, er sticht mir jetzt ins Auge und war das wertvollste Zeitdokument, das ich in diesem Jahr erhalten habe.

Es ist der Zettel einer Patientin der geschlossenen Psychiatrie, mit der ich mich dieses Jahr unterhalten habe.

Ich hatte im Sommer 2018, kurz nach dem schrecklichen Todesfall, ein Treffen mit ihr, weil ich mehr über den Verstorbenen herausfinden wollte.

Sie musste ihre Ärzte um Erlaubnis fragen, um raus zu kommen. Sie hatte zwei Stunden „Freigang“ aus dem Gefängnis. Und hat sich die Zeit für uns genommen, was ich sehr nett fand.

Sie hatte ein blaues Auge und verdeckte dieses mit einer modischen Sonnenbrille.
„So geht man hier mit Menschen um, die nicht kooperieren“ sagte sie mit einem leicht abfälligen Tonfall zu mir.
Ihr Blick war eisig und es lief mir kalt den Rücken runter.

Ich unterhielt mich mit ihr und versuchte mehr über sie zu erfahren. Es war nicht einfach. Ich merkte, dass sie sehr gereizt und unausgeglichen war.
An ein normales Gespräch war nicht zu denken.
Auch ich selbst war nicht gut drauf.

Ich versuchte mich auf die Fakten zu konzentrieren und fragte sie:
„Was für Medikamente bekommst du eigentlich?“

Dann schrieb sie mir diesen Zettel auf und erklärte fein säuberlich, wozu das alles ist und in welcher Dosierung sie es nehmen muss.
Ich hüte diesen Zettel wie einen Schatz. Er bedeutet mir sehr viel. Er ist nur hingekritzelt, mit dem was eben da war, in dem Café, wo wir gerade saßen.
Aber ich freue mich, dass sie mir in diesem Moment vertraut hat und so offen darüber geredet hat.

Sie kam mir überhaupt nicht krank vor, als sie mir alles erklärte. Sie hatte viel Wissen und erzählte über die Fakten und Zusammenhänge der Medikamente, als ob sie es gerade an der Uni lernen würde. Sie dachte über die genauen Namen der Arzneien nach und korrigierte sie sogar mehrfach, als sie nicht gleich drauf kam.

Sie war aufgeweckt, intelligent und kritisch- so wie man es von einem jungen Menschen Anfang 20 erwarten müsste.

Krank – kam mir nur das System vor, in das sie gesteckt wurde und mit dem sie nicht zurecht kam.

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