Einkaufen im Wind

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Zurück in der Mühle des Alltags. Die Räder drehen von morgens bis abends. Der Verkehr in der Kleinstadt ist etwas gemütlicher als im Zentrum der „Metropolregion“ mit den zusammengefasst rund zwei Million Erdenbewohnern.

Die Parkplätze sind diesmal frei, allerdings nicht ganz ohne umherfliegende Blätter, Brocken und Teile. Eine lange Folie hat es den vorbeihetzenden Supermarktbesuchern besonders angetan und wickelt sich mit Vorliebe um eilige Knöchel. Beim ersten Mal muss man schon schmunzeln, beim zweiten Mal laut lachen. Ein kleiner Lichtblick im ansonsten recht milden und grau-hässlichen trüben Winter. Kein guter Tag für Fotos für einen Besucherprospekt. Die Schönheit der Region gibt es zu anderen Jahreszeiten viel besser. Einzig der Sonnenuntergang am Abend mit dem blass-roten Strahlen hinter bewegten Wolken kann ein wenig milde stimmen.

Mit den Texten kann man versuchen, die schönen und besonderen Seiten ein wenig zu betonen, so wie die Augenränder mit Kajal. Frei wie eine Skizze und dabei verfremdet durch den Blick des Malers. Jedes Kunstwerk trägt auch ein Stück Selbstoffenbarung in sich.

Die Verkäuferin der Getränkeabteilung hat es eilig und wirft meine mühsam vorsortierten Flaschen durcheinander und in der Hektik gleich ganz auf den Boden. „In die Kästen einsortieren“ schnarrt sie mich fast im Befehlston an. Dabei hat sie die Flaschen doch fallengelassen! Ich schätze ihr Alter auf Anfang 20, also fast zwei Jahrzente jünger als mich ein…. in aller Seelenruhe stelle ich das Leergut irgendwo hin und sortiere ein bisschen. Reicht ja schon, wenn man soviel Geld im Konsumtempel lässt, jetzt muss man sich auch noch anschnarren lassen. Aber das ist bestimmt nicht persönlich gemeint. Ich hab heute in der Früh zum Glück gelernt, dass jede Nachricht verschiedene Anteile enthält: Eine Sachinformation, einen Appell, eine Beziehungsebene und die Selbstoffenbarung. Ich sollte mir mehr Mühe geben, nur die Sachinformation zu hören. Die Flaschen sollen schön sauber in die Kästen einsortiert werden. Den Appell.. kann man überhören, über die Beziehungsebene mag ich gar nicht erst nachdenken… und die Selbstoffenbarung? „Sch.. Job“ bleibt da vielleicht noch hängen und „schon wieder so eine blonde Kundin, die von nichts eine Ahnung hat und mir alles durcheinander macht, da beuge ich besser vor!“.

Aufsehen erregt auch der LKW, der rückwärts und recht umständlich auf den viel zu kleinen Weg des Burger-Restaurants hineinbugsiert. Mit dem PKW hat man schon Probleme, vor allem weil die Bordsteine so hoch und steil gebaut sind. Alle Achtung, dass der das mit dem LKW auch noch rückwärts schafft! Hinaus kommt ein junger Mann mit Knopf im Ohr, wahrscheinlich der Chef, der ihn andauernd zusammenstaucht und/ oder neue Befehle gibt. In aller Eile werden Paletten auf die Laderampe gekarrt, die angesichts der heftigen Windböen so dicht an der Kante eifrig schaukeln- aber sicher halten, der Fahrer hat Erfahrung, das sieht man gleich. Leider ist er ganz allein. Stress im Job, Personalmangel, Kosten sparen- die Rentenkassen müssen ja irgendwie gefüllt werden. Bald ist die Zufahrt wieder frei und wenn ich nicht diesen Text geschrieben hätte, hätte ich ihn schon längst wieder vergessen.

Etwas müde geht es zur letzten Station, dem Supermarkt. Die Gänge sind voll, der Laden ungeplant und die neuraligschen Punkte setzen sich zu wie die Arterien eines Fettleibigen bei zuviel Cholersterin. Zu allem Übel wurde der Markt vor kurzem großflächig umgebaut und ich finde überhaupts nicht mehr. Keine Lust ständig die Kilometer umsonst zu rennen und dabei Kram zu kaufen, den ich nicht wirklich brauche. Schnell raus hier. Mein Kampf-Fluchtsystem scheint noch einwandfrei zu funktionieren. Nur das nötigste wird gekauft. Vorräte aufstocken, nichts weltbewegendes, noch kein Festessen ist dabei, obwohl ich angesichts der vielen Ware schon wieder eifrig Ideen im Kopf produziere…

Das Highlight an diesem Tag war… das Gespräch am Abend. Mit Videofunktion. Wie schön praktisch die neue Welt ist. Fehlerfrei und ruckelfrei und nur ein kleines Echo… leider sieht man auch die Müdigkeit mehr, die sich immer mehr anschleicht, die Worte vertauscht, die Lider beschwert und schließlich voll und ganz Besitz ergreift…

2 Gedanken zu „Einkaufen im Wind“

  1. Hallo Julia, mir ist es heute beim Einkauf ganz ähnlich ergangen, mir ist vor allem aufgefallen, dass die Leute doch ziemlich gereizt waren: Das ist genau das, was ich an Weihnachten so schade finde; sollte es doch ruhig, beschaulich und auch irgendwie religiös ablaufen.
    Interessant finde ich auch, was du da über Nachrichten und ihre Anteile „gelernt“ hast. Das ist sicher richtig, aber klingt so technisch?
    Wie auch immer,
    ich wünsche Dir ein entspanntes Wochenende,
    viele Grüße
    Cathi

  2. Hallo Cathi, ein bisschen Stress gehört bestimmt zu Weihnachten dazu. Ich hab halt dieses Jahr Pech, weil noch mehr zusammenkommt, wie du ja weißt. 😉

    Aber kein Ding. Nach Weihnachten ist es meistens ruhiger, die Spannung entlädt sich dann plötzlich. Am schönsten ist eigentlich die Zeit „Zwischen den Jahren“… da kommt die eigentliche Besinnung dann durch.

    Die Definition der Kommunikation ist wirklich etwas technisch, ich hab sie aus einem Buch. Allerdings ist es ratsam und hilfreich, wenn man „schwierige“ Kommunikation entschlüsseln und klären will. Vor allem, weil sich gerne der Appell oder die Beziehungsebene in Sachnachrichten reinschleicht… oder man auf dem „Beziehungs-Ohr“ sehr empfindlich ist. Nicht immer einfach, alles zu treffen und zu erkennen, vor allem nicht in Echtzeit. Aber ein wenig trainieren kann wohl nicht schaden, denke ich. 😉

    Danke für Deinen Kommentar und
    Vg, Julia

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