Eine Insel- Teil 1

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„Klack“ die Tür ihres brandneuen, silbernen Cabrios schloss sich mit einem satten, schmatzenden Geräusch. Mit ihren zarten Fingern umschloss sie das lederne Lenkrad und atmete kurz durch. Dann drehte sie den Schlüssel. Der bullige V8 Motor sprang sofort an und versetzte ihrem Gehirn ein Glückshormonstoß. Sie schnallte sich an, schaute noch kurz in den Rückspiegel und drückte aufs Gas. Ihr Kollege kam gerade die Treppe herunter. Sie winkte ihm noch kurz zu, lächelte ein wenig und freute sich über seinen erstaunten Blick.

Die junge Frau trug ein enges, mit roten Blumen übersätes Sommerkleid. An den Füßen funkelten hübsche mit Strass verzierte Sandalen, die bestimmt einen fünf Zentimeter hohen Absatz hatten. Noch mehr wäre beim Fahren unbequem geworden. Sie genoss jetzt den warmen Wind, wie er ihr um die offenen, rötlich gefärbten Haare wehte. Sie fuhr nicht schnell, genoss die Promenade und die klar geputzten Auslagen der Schaufenster, an denen sie vorbei fuhr. Bei jedem parkenden Auto, bei jedem Baum machte es „raschh, rassch“ und der eintönige Sound dieses Rauschens beruhigte ihren Puls. So konnte sie den Streß vergessen, mit dem sie sich heute geplagt hatte und der letzte Anpfiff ihres Chefs zog schnell in die Vergessenheit. „Im Grunde ist er ein warmes Würstchen“ dachte sie sich verärgert. „Was ihn wohl bewegt, so zu sein, wie er ist? Hoffentlich werde ich nicht mal so wie er.“ Und je mehr sie darüber nachdachte und beinahe nebenbei fuhr und kaum auf die Schilder und Ampeln achte, löste sich der ganze Stress aus dem Büro in Luft und bewegte Energie um.

Das Wetter war gut und die Palmen wogen sich im Takt der aufziehenden Musik von den Strandbars. Sie überlegte, wo sie hin fahren sollte, hatte keinen bestimmten Plan. Ihre Arbeitswoche war zu Ende, das Wochenende lag vor ihr. Auf dem Beifahrersitz neben ihr lag das Handy. Sie wartete nur auf einen Anruf und hätte es sofort aufgeklappt, wenn er dran gewesen wäre.

Aber er meldete sich nicht. Sie seufzte und drückte ein bisschen aufs Gaspedal.
Auf der großen Ausfallstraße zum Flughafen überholte sie einen langsamer fahrenden Fahrer. Mit Genuss zog sie an ihm vorbei und beobachte mit kleinen, angestrengten Augen im Rückspiegel, ob man eine Reaktion sehen konnte. Sie konnte sich einbilden, dass der Mann frustriert geschaut hatte. Das befriedigte sie irgendwie. Noch mehr Serotonin floss durch ihren hübschen Körper. Irgendwie war sie jetzt erregt.

Sie hätte noch Stunden so fahren können. Wie im Rausch überwand sie Hindernisse, kurvte um jede Kurve, meisterte jede Engstelle mit Bravur. Besonders Spaß machten ihr die Autobahnen, wo sie das brandneue Auto mal richtig ausfahren konnte. Auch bei hohen Geschwindigkeiten schnurrte der Wagen wie eine Katze und ließ sich perfekt lenken.

Mit ihren langen Fingernägeln tippte sie bei Tempo 210 km/h beiläufig etwas in ihr Navigationsgerät. Sie suchte sich ein Lokal und beschloss ihren neuen Freund einzuladen.

Es würde bestimmt gut werden. Sie gab Gas und sollte bei dem geringen Verkehr in einer halben Stunde dort sein. Die Sonne senkte sich über den Horizont und malte mit ihren letzten Strahlen die Insel in ein warmes orangefarbenes Sommermärchen… Für die lange Fahrt schaltete sie das Radio ein und stellte den Sender auf eine entspannte Mischung aus Latin-sounds und Chillout- Rhythmen. Die unregelmäßigen Gitarrenklänge und die feine Stimme der Sängerin standen im Kontrast zu der ansonsten harten Geschwindigkeit, mit der sie sich gerade durch ihr Leben bewegte.

Sie blinzelte in den Horizont und merkte, wie sie jetzt doch ein wenig müde wurde.

Zum zweiten Teil

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