Distanziert

Er schaut dich aus der Ferne an. Aber er sagt nichts.
Er trinkt einfach nur seinen Cocktail mit rosa Strohhalm und schaut dich mit seinen stahl-blauen Augen an. Er lacht. Du siehst es in seinen Mundwinkeln. Ganz unscheinbar, aber doch zu erkennen. Er schaut dich an. Dann dreht er sich weg. Sofort wirst du unruhig. Du tanzt noch extremer, noch wilder, damit er sich wieder umdreht. Jetzt geht er auf eine andere zu! Er redet sie sogar an! Dich hat er noch nie angesprochen! Noch nicht einmal versucht. Nicht eine Frage hat er dir gestellt. Er hat dich nur angesehen. Und in seinen Augen hat es geleuchtet.

Du tanzt weiter und bist völlig außer Atem. Du bist dabei die Kontrolle zu verlieren, mal wieder. Nichts bremst dich, keiner hält dich auf. Die Musik stachelt dich weiter an.

Gerade als du deine Haare durch die Luft wirbelst, siehst du jemand neues in die Disco kommen.
Du verlangsamst deine Schritte. Sie ist sofort da, sofort präsent. Du schaust sie an. Du tanzt dabei noch ein bisschen weiter. Sie guckt kurz zu dir rüber. Nur ganz kurz. Sie lächelt. Dann geht sie weiter an der Tanzfläche vorbei. Sie stellt sich neben den jungen Mann. Sie stehen nicht direkt nebeneinander, sondern ca. 2-3 Meter voneinander entfernt. Du wirst wieder unruhig, weil du erst denkst, sie will ihn anmachen. Aber sie bleibt in sicherer Entfernung stehen. Sie haben sich an der Theke angelehnt. Jeder hat ein Glas in der Hand. Sie trinkt ein Bier aus der Flasche und er trinkt ein Cocktail. Sie sind sogar fast gleich groß. Dennoch haben sie eine ganz unterschiedliche Wirkung auf dich.

Sie hat lange, braune Haare und braune Augen. Sie lächelt geheimnisvoll und selbstbewusst. Ihr Garderobe ist schick und stilvoll. Sie trägt ein kurzes, braunes Kleid und eine kleine schwarze Handtasche. Sie lacht.

Er hat helle Haare und blaue Augen. Er trägt ein T-Shirt mit Streifen und eine graue Jeans. Das, was er anhat, ist einfach und es passt zu seiner einfachen, schnörkellosen Art, an der man nichts finden und auf den ersten Blick nicht aussetzen kann. Er ist schmal an den Schultern gebaut, fast so schmächtig wie sie. Sie ist sanftmütig, wie eine Katze, er wirkt mehr wie ein Adler oder ein Krokodil. Und er ist schweigsam wie ein Fels. Er lässt immer DICH zuerst kommen, damit er in Ruhe reagieren kann. Er macht es sich einfach und das ärgert dich. Aber so ist er halt. Genau deswegen magst du ihn. Weil er so viele Prinzipien hat und unerschütterlich ist.

Beide stehen da und schauen dich an. Keiner sagt was. Sie hat es versucht, vor langer Zeit, aber die Kommunikation war schwierig. Sie ist anders als du. Völlig anders. Mit deiner schroffen Art hast du sie gleich vor den Kopf gestoßen. Da hat sie sich empfindlich wie eine Katze gleich in die Ecke verkrochen. Es ist schwer mit dir zu reden.

Du willst mehr über beide wissen. Und du fragst dich, warum gerade beide gleichzeitig in dein Leben getreten sind, was es zu bedeuten hat? Du tanzt weiter und schüttelst alles aus dir raus. Es hilft ein bisschen, dennoch bist du so furchtbar angespannt.

Dann endlich, fällt dir ein, was es sein könnte.

Du würdest gerne zu beiden rüber gehen und mit ihnen reden. Du spürst in deinem Inneren, dass du das möchtest. Du weißt aber noch nicht so genau, was du sagen sollst. Was die richtigen Worte und was die richtigen Fragen sind? In der Vergangenheit hast du gelernt, dass es sehr leicht ist, das Falsche zu sagen. Du hast schon oft zuviel und dann natürlich das Falsche gesagt. Das möchtest du vermeiden. Du bist es gewohnt zu plaudern und dann kommt meistens auch was zurück. Wenn jemand aber nichts sagt oder deutlich weniger als du, wird es schwierig. Wie kommt man in Kontakt? Wie tauscht man Informationen aus? Je schneller du deine Gedanken drehst, desto unklarer werden sie. Mit Lichtgeschwindigkeit blitzen deine Synapsen, aber es macht alles keinen Sinn.

Du weißt, was das Problem ist. Du bist am Tanzen und sie stehen nur da rum. Du bist hektisch und laut und sie sind leise. Du musst dafür sorgen, dass sie mittanzen. Sie anstecken, so wie du es die ganzen letzten Tage vergeblich versucht hast.. Oder du musst dich selbst bremsen und zu ihnen rüber an den Tresen gehen. Du musst dich auf sie einlassen.

Also gehst du rüber. Du gehst zuerst zu ihm. Es ärgert dich immer noch, dass er dich so isoliert und so eitel und abgehoben ist. Die Wut und der Ärger auf ihn ist wie eine große Mauer, die von dir selbst aufgezogen wird.

Du überwindest deine eigene Mauer und gehst jetzt direkt auf ihn zu. Dann stehst du fast ein Meter vor ihm. Er bewegt sich immer noch nicht.

Du gehst ein bisschen weiter auf ihn zu. Da bewegt er sich ein bisschen auf einem Bein und zuckt in der Wange. Er lacht jetzt deutlich. Du siehst, wie seine Seele über ihm schwebt und von Schwarzlicht angestrahlt wird. Du gehst weiter. Er sagt immer noch nichts. Du streckst seine Hand nach seiner Hand aus. Du willst sie endlich greifen, du willst IHN greifen … gerade als du kurz davor bist, ihn anzufassen, verwandelt sich die Disco und alles um dich herum. Wände verschwinden und Palmen wachsen aus dem Boden. Die engen Begrenzungen werden mit dem unendlichen Ozean ausgetauscht. Aus dem dunklen, blauen Licht wird ein helles grünliches und gelbes. Die kalten Technomusik verschwindet und wird mit warmer Gitarren-Musik ausgetauscht. Du landest irgendwo in Spanien oder in der Karibik. Die Sonne scheint. Es spielt flotte Tanzmusik und eine entspannte spanische Männer-Stimme singt dazu. Er liegt da am Strand. Ganz entspannt, hat er die Hände hinter dem Kopf. Und neben ihm steht ein Cocktail. Er hat ein Bikini an und siehst jetzt aus wie eine Frau.

„Na, auch hier?“ Jetzt spricht sie endlich zu dir. Sie hat lange braune Haare und braune Augen. Aus den zwei Personen ist eine geworden. Und du bringst kein Wort mehr raus. Sie sieht atemberaubend und locker aus. Völlig entspannt und glücklich. Sie braucht gar keinen Partner, sie ist alles, was sie sein muss.
„Entspann dich doch… hier nimm auch was zu trinken.“ Und sie pustet dir eine Wolke aus ihrem Joint entgegen.

Du greifst nach der selbstgedrehten Zigarette. Und nimmst auch einen Zug. Jetzt verstehst du, wo er bzw. sie die ganze Zeit gewesen war. Irgendwo anders, in einer anderen, schöneren Welt.
Du hast immer von außen dagegen geklopft, aber es hat keiner aufgemacht. Du hast versucht, die Tür einzureißen, aber sie blieb verschlossen. Du warst verkrampft und die anderen war locker.
Er war still und du warst laut. Er ist jünger als du, aber völlig überlegen. Er hat die lockere Lebenseinstellung. Und du verwendest deine kostbare Lebensenergie.