Toleranz im allgemeinen

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Über diese Debatte in den letzten Tagen über Homophobie, Hitzlsperger- Outing, über Petitionen, Gegen-Petitionen, etc. müsste ich mich eigentlich aufregen. Irgendeinen Beitrag dazu beitragen. Mir müsste das Blut ins Gesicht schießen, ich müsste mich aufregen, neue Gegner suchen, mich positionieren, andere motivieren, Feindbilder pflegen, Intoleranz bei anderen suchen, mich selbst perfekt finden, Scheingefechte kämpfen und es dann alles – politisch korrekt – in ca. vier Tagen wieder vergessen.

Das alles möchte nicht machen, einfach, weil es viel zu anstrengend ist und sich zweitens dadurch auch „nichts ändert“. Was soll sich denn überhaupt ändern? Die Frage ist doch zentral und sollte als erstes gestellt werden: Möchte man mehr Toleranz im Allgemeinen, möchte man von anderen Menschen eine bestimmte Meinung hören oder möchte man gar einen neuen Grabenkrieg aufmachen („sie haben einen Feind mehr“) ?

Ich will daher nur darüber schreiben, was ich an der Debatte augenscheinlich am komischsten finde, wo ich die meisten Widersprüche entdecke:

Es wurde darüber geredet, dass man über Homosexualität im Unterricht reden möchte. Ich weiß nicht, genau wie es im Plan steht, was genau der Wortlaut ist. Möchte man die Kinder aufklären? Möchte man es neben der normalen Sexualkunde auch im Stundenplan haben, so nach dem Motto „also Kinder, es gibt Mann und Frau und die machen Sex und dann kommen wieder Kinder raus, es gibt aber auch Mann und Mann und Frau mit Frau und es gibt Frauen, die werden zu Männern und Männer, die werden zu Frauen und äh.. ja das war´s glaube ich, jetzt machen wir weiter mit Mathe.“

Einmal vorneweg: Sexualität ist sowieso ein Tabu-Thema und wird in den Schulen (zumindest in meiner Zeit) äußerst spärlich behandelt. Überhaupt werden in der Schule alle Dinge, die die Kinder neben ihrem Fachwissen auch lernen müssen und für ihre Orientierung im Dschungel des Lebens benötigen, etwas spärlich behandelt. Man lernt zwar was über die Reim-Systeme in der Dichtung, über korrekte Rechtschreibung, über Englisch-Vokabeln, über Musiklehre, das Führen eines Pinsels und die richtige Behandlung eines Recks, über ungerade Zahlen, Brüche und unendliche Wurzeln, über Chemie und die Anordnung der Elemente, man lernt was über Physik, Optik, Spannungen und Wärmeaustausch.

Aber man lernt sehr wenig über das Leben: Über Armut und Ausgrenzung, über Toleranz und Intoleranz, über Philosophie, Sinnkrisen, Liebeskummer, Depressionen, über Randgruppen, über Einsamkeit, Krankheit- über die ganzen Schattenseiten des großen Jagens nach Erfolg.

Man lernt eben das, was man braucht, um beruflich und finanziell erfolgreich zu sein. Aber das „Meta-Wissen“ und vor allem die Philosophie fehlt schon seit langem im klassischen Bildungssystem – was sich meistens auch über die Universitäten erstreckt, die immer mehr „verschult“ werden und einen tüchtigen Arbeiter und fleißigen Lohn-Angestellten suchen, aber nicht an freiem Denken oder freien Worten interessiert sind.

In der Freiheit liegt nämlich all das, was Angst macht. Und das, was man nicht kontrollieren kann.

Hier ist der Nährboden für der Widerspruch oder das Unverständnis: Wenn ich jemanden darüber aufkläre, dass es Homosexualität gibt, muss er nicht automatisch schwul werden. Homosexualität ist ja keine Lehre, die man jemand „aufzwingen“ kann, oder die abfärbt, weil jetzt gerade andere schwul sind oder sich dazu bekennen. Im Gegenteil: Wenn man darüber berichtet, dass es so etwas gibt, wird es für Kinder einfacher, ihre eigene angeborene sexuelle Identität zu finden. Man vertreibt das Klima der Angst und setzt Aufklärung und Bildung dagegen: Die Wege auf der Identitätssuche werden sich verkürzen, jeder wird sein Lebensziel früher finden, es wird weniger Probleme geben, weniger Leid. Umgekehrt bedeutet weniger psychisches Leid auch weniger Probleme, kleinere Ausgaben für das Gesundheitssystem, glücklichere Menschen, mehr Produktivität. Etwas, von dem die ganze Gesellschaft nur profitieren kann.

Das Homosexualität ansteckend wäre oder gar die Gesellschaft irgendwie „untergräbt“, ist ein grundlegendes Missverständnis: Homosexualität ist eine Sache der Gehirnstruktur, der sexuellen Identität und somit angeboren. Entweder man hat es oder nicht. Punkt. Man kann es nicht aberziehen, nicht erlernen, nicht vergessen, nicht heilen, nicht wegbekommen, nicht wegtrinken, oder wegdisktuieren, nicht mal eine Nacht darüber schlafen … es ist einfach immer da. Es bestimmt den Menschen, es ist eine biologische Diversität, die die Natur eben eingeplant hat, vielleicht sogar der liebe Gott. Von der statistischen Wahrscheinlichkeit ist es nicht unwahrscheinlicher als ein Kleeblatt mit vier Blättern oder der Tatsache, dass es neben gelben, weißen, roten auch blaue und lilafarbene Blumen gibt. Ein Problem wird diese natürliche Vielfalt erst, wenn man ein künstliches, also menschengemachtes Weltbild mit Männlein und Weiblein über die Erde stülpt und sich dann am Ende wundert, dass es nicht überall passt. Und hier und da ein paar Fransen aus der sauber angefertigten Schablone rausgucken… darüber kann man sich natürlich furchtbar aufregen!

Und wenn schwule Männer eine Familie gründen und glücklich sind, wenn sie Steuern zahlen und ihrer Arbeit nachgehen, wenn sie die Wohnung hübsch dekorieren und die Nachfrage nach Dekoartikeln und schönen Kleidern, nach Kunstausstellungen, Bildung, und Friseur-Besuchen in die Höhe treiben, was soll daran schlimm sein? Sie sind dann, abgesehen von der Homosexualität, genauso normal oder unnormal wie alle anderen. Und warum sollte gerade das privateste aller Dinge, nämlich die menschlichen Gefühle zwischen Menschen, die Politik oder die Öffentlichkeit irgendwas angehen?

Warum soll ein schwuler Mann sich zur Ehe bekennen, wenn er selbst keine „richtige Ehe“ mit einer Frau führt? Werden denn die klassischen Ehen durch Homosexualität zerstört? Gibt es weniger Kinder, weil es jetzt „mehr Schwule gibt“? Das ist absurd.

Okay, wenn jemand sich als schwuler Mann geoutet hat, wird er keine Familie gründen, bzw. nicht mit einer Frau. Aber er bedroht ja die Ehe dadurch nicht. Er wird vielmehr eine Lebensweise finden und suchen, die für ihn passend ist, einfach weil ihm das die Natur so vorgibt (oder Gott). Er wird sich einen Mann suchen und mit ihm glücklich werden. Fertig.

Wo ist das Problem ?

Ich verstehe nicht ganz, warum die „normalen“ Menschen, die von einer Hetero-Normativität ausgehen, nun ein Problem haben, dass es auch andere Richtungen gibt?

Wenn man sich selbst völlig sicher ist, hätte man doch auch kein Problem, andere Richtungen und andere Spielweisen der Natur zu tolerieren. Dann würde man sagen „ja, das ist halt so“ und wieder seinem Lebensablauf nachgehen.

Das wäre mir auch am liebsten. Dass das ganze als „normal“ angesehen wird und es nicht immer einen Riesenwirbel um alles gibt.

Erst dann hat man wirkliche Toleranz erreicht (das geht beide Seiten an). Grabenkriege und künstlich aufgebaute Fronten machen nur alles schlimmer.

Weiterführende Links / Was die Blogosphäre noch zu schreiben hat

 

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