Die indische Bahn

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Ich komme ziemlich pünktlich auf dem Bahnsteig in Altona an. Ich gehe aufs Gleis 12, so wie es im Ticket stand und finde meinen Zug nicht. Die fahren plötzlich alle von Gleis 11 oder sonstwo ab. Ich finde den Zug immer noch nicht. Dann fällt mir ein, dass im vorderen Bereich des Bahnhofes wohl noch eine Anzeigetafel ist. Schnell eile ich da hin. Auf dem Bahnsteig sind schon die Absperrungen für den Autozug nach Sylt aufgebaut. Noch fährt er von Altona, aber nicht mehr lang! Der Bahnhof soll ja ganz aufgelöst werden, noch ist er im Betrieb.

„Zug fällt aus“, steht an der Anzeigetafel. Er wird ersetzt durch einen anderen ICE… aha okay. Nein Moment, was steht da?
IC ? Nicht ICE ! Da fehlt ein E.

Ich gehe zum Gleis 11. Der Wagenstandsanzeiger (deutsches Wort) macht natürlich keinen Sinn, denn ich finde meine Zugnummer ja nicht.
Aber wo soll ich jetzt Platz nehmen? Ich hab doch reserviert! Und das hat sogar Geld gekostet. Deutsches, hart erarbeitetes und bereits von Steuern und Sozialabgaben befreites Geld.

Der Zug rollt ein. Die Türen öffnen sich nicht automatisch. Man muss kräftig dran ziehen, so wie bei einem alten VW-Bus und mit Schwung die Tür aufstoßen. Außerdem gibt es einen riesigen Graben zwischen Bahnsteig und Waggon. Mir wird Angst und Bange, wenn ich da rüber steige. Das Gefühl hatte ich lange nicht. Abenteuergefühl!

Ich steige also in den stinkenden, alten IC. Gleich an der Tür sieht man Technik aus den 60er Jahren. Alte Absperrventile, aufwändige Anzeigen, die mit Glühlampen und analogen Instrumenten arbeiten. Keine LED-Anzeigen oder sowas. Noch nichtmal Wagennummern! Es gibt ein Klo. Immerhin. Steckdosen. Und sogar eine Automatiktür. Man muss kräftig dran ziehen, dann geht sie auf.

Ich suche mir einen Platz. Ganz ordentlich deutsch, die Nummer, die ich reserviert hatte. 86. Ist auch egal, noch hab ich alle Plätze für mich und könnte mir etwas frei aussuchen. Neben mir steigt ein deutsches Wohlstands-Mittelschicht Ehepaar ein. Die Frau kritisiert an ihrem Mann herum und hat nichts zu tun. Eine teure weiße, gebügelte Hose und eine teure Handtasche. Die Haare perfekt frisiert und der Mann perfekt erzogen. Sie erzählen und kauen auf einem Brötchen herum. Vor ihnen ein Kaffeebecher.

Dann steigen die drei Inder ein. Vor mir ein schwarzer gegelter Wuschelkopf. Sie erzählen. Und erzählen. Und erzählen. Schnell, laut und hektisch. Ihre Stimmlage ist etwas höher als bei mitteleuropäischen Männern fällt mir auf. Sie sehen nicht aus wie Asylanten, sind schick angezogen mit guten Klamotten und teuren Handys. Ich tippe auf Geschäftsleute. Sie wollen nach „Amsterdam“, haben aber natürlich noch kein Ticket gekauft. Die deutsche Schaffnerin ist ein bisschen dick und sehr gutmütig. Natürlich können sie die Tickets im Zug kaufen, lächelt sie die Männer freundlich an. Diese machen ein paar Scherze mit ihr und strecken ihr die Visa-Karte entgegen. Ich überlege mir für einen Moment, was passiert wäre, wenn wir alle die Tickets im Zug nachlösen würden? Ob das theoretisch möglich ist? Und wie lange dann das Abkassieren dauern würde? Länger als die Fahrt von Hamburg nach Mannheim?

Der Zug rumpelt durch die Landschaft. Er ist schlechter gedämmt als die neueren ICE´s.. es gibt natürlich kein WLAN.

„Weißt du was mir letztens passiert ist, als ich von Hamburg zurück gefahren bin?“ Ich erinnere mich an das Gespräch mit meiner Mutter. „Da haben sie einfach den ICE durch einen IC ersetzt.“.

„Ja Mama“, das ist mir jetzt auch passiert. Ich dachte, es wäre ein Einzelfall.

Wie ich so durch die Landschaft rolle, lausche ich auf die kratzige und fehlerhafte Lautsprecher-Durchsage. Sie kann das Geschwafel der Männer vor mir nicht übertönen. Ich fühle mich für einen Moment wie in Kalkutta.

Auf jeden Fall nicht mehr wie in Deutschland. Einem ehemals guten funktionierendem Land, das stolz auf seine Ingenieursleistungen, den Fleiß und das Organisationstalent war. Davon ist nichts mehr zu spüren. Zumindest nicht bei der „Deutschen Bahn“.

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