Die Fülle des Lebens II

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Während der Sonntagmorgen-Kaffee noch gemütlich in seiner Tasse vor sich hindampft und hin und wieder von mir in kleinen Portionen genippt wird (heiß!), denke ich über das Weltbevölkerungsproblem nach und was es für uns bedeutet.

Vor ein paar Jahren habe ich in einem Buch vom Dalai Lama gelesen (der sich auch sehr für die Lage der Welt interessiert und interessante Meinungen dazu hat), dass es mit das drängendeste Problem für die mittelnahe Zukunft sein wird.

Warum ist das so? Ich denke, z.B. auf Grund der knapper werdenden Ressourcen.

Im Wikipedia-Artikel steht, dass es vor 75.000 Jahren nur noch 1.000 bis ca. 10.000 Menschen auf der gesamten Erde gegeben hat, auf Grund eines schweren Vulkan-Ausbruchs.

Das war so etwas wie der historische Tiefstand und was wir heute erleben, ist so etwas wie der historische Höchsstand und es wird wohl noch immer weiter gehen. (Grafik )

Wenn nur 10.000 Menschen auf der Erde leben, können sie sich alles aussuchen: Wenn sie einen Baum fällen, juckt es niemand und ähnlich wie die Indianer in den Wäldern mancher amerikanischen Kontinente können sie soviel jagen wie sie wollen und die Bestände erholen sich immer wieder (nachhaltige Wirtschaft). Bei ca. 7 Milliarden Menschen sieht es aber ganz anders aus: 7 Milliarden Menschen brauchen deutlich mehr zu Essen, was zu intensiver Landwirtschaft, zur Überdünung des Boden, zum Flächenverbauch und Umweltschäden führt. Der gestiegene Lebensstandard, die Ausstattung mit Luxus- und Konsumgütern, aber auch die Dinge des täglichen Lebens müssen alle hergestellt werden. Je höher der allgemeine Lebensstandard, desto mehr Autos werden gefahren und Kühlschränke gekauft. Dazu braucht man Unmengen an Material und Energie. Schon jetzt werden die fossilen Energieträger knapp oder künstlich knapp gehalten, die Erdtemperatur steigt auf Grund des CO2-Ausstoßes, die intensive Fleischwirtschaft führt zu Lebensmittelverknappung (oder Verseuchung) und einen hohen Methan-Ausstoß, z.B. bei Rindern (( die These ist allerdings umstritten, mehr Hintergrundinfos z.B. hier )).

Handel und Spekulation auf Lebensmittelpreise führen zur Überteuerung der wichtigen Rohstoffe wie z.B. Getreide, dazu kommt dass auf Grund des hohen Energiebedarfs z.B. Raps oder andere Biosprit-taugliche Pflanzen angebaut werden, die wiederum die Flächen für die Ernährung „verdrängen“. Hunger und Armut ist für viele Menschen schon heute ein derart grausamer Alltag, dass wir uns in der reichen EU noch nichtmal ansatzweise vorstellen können. Armut führt zur Flucht und Massen-Emigration aus den Heimatländern in reichere Regionen, was man heute schon ansatzweise an Hand der Flüchtlingsboote auf dem Mittelmeer oder der griechischen EU-Außengrenze beobachten kann.

Das ganze Thema ist wirklich komplex und ich könnte bestimmt noch tausende weitere Zusammenhänge überlegen und ausführen. Klar ist aber, dass das Thema Überbevölkerung und Umweltschutz ein wichtiges Thema sein wird, vor allem für alle Menschen. Ich denke, es wird kaum möglich sein, dass nationale Agendas über dem Interesse der gesamten Bevölkerung stehen können. Man sollte wirklich anfangen, global zu denken und sich als eine „Menschheitsfamilie“ zu betrachten.

Wenn wir alle letztendlich auf die 10.000 Menschen zurückzuführen sind, die sich damals im Einsatz ihrer letzten Kräfte vor dem Vulkan gerettet haben, wie können wir dann noch sauer auf unsere Mitmenschen sein oder uns von ihnen abgrenzen? Wenn sie damals nicht alles gegeben hätten, würde es uns heute gar nicht geben.

Aber dennoch, wenn ich nochmal an den übervollen Möbelmarkt von gestern denke, wie ist bei sovielen Menschen Freiheit und psychische Gelassenheit möglich? Die Enge führt automatisch zu Streß und Aggression und diese schwappt leicht über. (zu beobachten z.B. auf Autobahnen: Wenn es leer ist, fahren die Leute gelassen und ruhig und bei einer bestimmten Verkehrsdichte nimmt auch die Aggression deutlich zu).

Die herkömmliche Vorstellung von Freiheit muss überdacht werden:

Freiheit bedeutet für viele Individualität und Abschottung vor dem anderen.

Konsum und der Erwerb von Dingen beschert uns ein bequemes Leben, die gesundheitlichen und anderen Risiken werden von Versicherungen und Geldwerten abgesichert. Wir brauchen die Bande der sozialen Beziehungen nicht mehr so stark, und wenn wir mit einem Konflikt nicht mehr klar kommen, halten wir es für sinnvoller uns zu trennen (Scheidung) oder die Beziehung zu beenden, weil sie unbequem geworden ist (Freundschaft).

Wir halten uns normalerweise für frei, wenn wir alleine sein, wenn wir viel Platz um uns haben, wenn uns keiner stört, wenn sich unsere Gedanken und Taten ungehindert entfalten können. Das ist wohl die moderne Vorstellung von Freiheit eines „aufgeklärten“ Menschen im postindustriellen Zeitalter.

Ich würde aber weiter gehen und sagen, erst wenn eine bestimmte Harmonie mit uns selbst und der Umwelt besteht, können wir uns als frei betrachten. Bei sovielen Menschen ist es kaum möglich, nicht eines Tages in den Weg eines anderen zu laufen, wenn man recht überlegt, ist das sogar eher die Tagesordnung. Wir ständig von anderen Menschen umgeben, müssen uns ständig mit ihnen beschäftigen. Wir profitieren zwar auf der einen Seite von ihnen, aber die Probleme mit ihnen würde wir gerne verdrängen.

Ich staunte daher über die Leute gestern im Möbelmarkt: Obwohl es übervoll und tlw. echt unangenehm eng war, hatten die Menschen gute Laune und man wurde ständig angelächelt. Die Menschen (inklusive meiner selbst) fühlten sich in der Masse wohl. Man reibte sich Arm an Arm und Schulter an Schulter, aber doch hat sich keiner darüber beschwert. Obwohl es soviele Menschen waren, waren alle gleich und respektierten sich gegenseitig. Kein Hass, keine Panik, nur der übliche Streß, der in solchen Einkaufssituationen üblich ist.

Ich möchte das gerne (gedanklich) auf die Gesamheit übertragen können: Miteinander friedlich auf der Erde zu bleiben, könnte möglich sein. Es kommt aber sehr auf die Einstellung an. Und dass ein jeder an der Fülle und den Schätzen des Lebens teilhaben kann.

4 Gedanken zu „Die Fülle des Lebens II“

  1. Die Thematik bringt mich auch immer wieder zum verzweifeln, allerdings habe ich einen grandiosen Weg gesehen, der hier abhilfe schaffen könnte – zumindest bei allen echten toten Bedarfsgegenständen.

    Wusstest du, dass die Biomasse aller lebenden Ameisen die Biomasse der Menschheit noch übertrifft und zwar mit Abstand?

    Würden wir also alle leben wie die Ameisen, gäbe es kein Überbevölkerungsproblem. Unglaublich oder?

    Ich hoffe es ist ok, wenn ich jetzt einen Link von meiner Webseite aufzeige, wenn nicht bitte rauslöschen. http://only-one-world.square7.ch/2011/01/cradle-to-cradle/

    Und der Stelle noch der Gründer des Konzepts über die Thematik.

    http://vimeo.com/15267402

  2. @ Alesandra: Der Link ist okay und interessant, ich werde ihn auf jeden Fall stehenlassen. Schön, wenn es Leute gibt, die auch darüber nachdenken. 😉

    Viele Grüße,
    Julia

  3. Liebe @Julia, ich glaube, du liest ja auch öfter Fromm, und der meinte einmal, je mehr und je dichter die Menschen zusammen leben, je größer das Agressionspotential. Allerdings scheint er noch nicht das Möbelkaufhaus mit den gelben Lettern gekannt zu haben. Es scheint auch unter bestimmten Bedingungen anders zu gehen.

    Aber was du schreibst, lässt auch mich immer wieder fragen, wie und was soll ich tun, kann ich tun.
    Wir können Widerstand leisten, oder wir können das System in den eigenen Kollaps schicken (z.B. wenn wir morgen alle HartzIV beantragen) wir können lernen, unsere eigene Ohnmacht zu ertragen oder wir wirken im kleinen Umfeld.

    Im TV lief jetzt wieder „Macht des Bösen“, im welchem auch gezeigt wurde, das gegen das System laufen am Schluß im KZ, und dort mit dem Tod endete. Er hätte vielleicht mehr Menschenleben retten können, hätte er ihnen zur Flucht verholfen. Das soll auf keinen Fall eine Wertung sein, denn hinterher ist man immer erst schlauer. Aber was ist der richtige Weg?

    In S21 hat sich Widerstand formiert, mit einem beachtlichen Erfolg.

    Wieder was anderes ist es, was mir mein Freund P. jetzt erzählte. Es mögen gerade mal 100 Jahre her sein, da war es nicht unüblich, das Reiche in den Städten als Mäzen für einen jungen Menschen, der es sich von zu Hause aus nicht leisten konnte, die Ausbildung übernahm. Bildung.

    Angenommen, nur die Vermögensten 100.000 in der Bundesrepublik würden sich daran erinnern. Das ist ja auch etwas tun, jeder für sich, im kleinen zum Wohl des Ganzen.

    Überzeugt bin ich allerdings davon, das es kein allgemein gültiges Rezept gibt und jeder nach seinen eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten den Weg finden sollte.

  4. @ Menachem: das ist ein interessanter Aspekt. Ich glaube auch, dass sich die allgemeine Hilfsbereitschaft in den letzten Jahrzehnten und vor allem Jahrhunderten verändert hat. Heute ist es eher üblich, dass sich die Reichen von den Armen abgrenzen. Im Mittelalter gab es eine ungeschriebene Solidaritätspflicht vom Lehnsherr gegenüber seinen Untertanen. Wenn es z.B. eine Hungersnot gab, musste er was von seinen Vorräten abgeben. Generell war früher die allgemeine Armut größer. Heute sind relativ gesehen die Menschen reicher, aber gemeckert wird noch immer und vielleicht hat sich auch die Abgrenzung vergrößert. Dadurch empfindet man die relative Armut als größer, bzw. als „ungerechter“. Aber die Spaltung über die Moral und das Verhalten der Menschen ist das eigentliche Schadhafte für die Gesellschaft, weil es sie auseinanderreißt und an anderer Stelle die Motivation untergräbt. (Beispiel: Warum soll ich anderen noch helfen, wenn ich bereits Steuern zahle; oder umgekehrt: Warum soll ich mich bei den Reichen bedanken, wenn ich das ALG 2 sowieso vom Amt bekomme und sogar darauf klagen kann? > Sowas würde Fromm wohl mit Entfremdung bezeichnen. Die Bürokratie hat die wahren Abläufe verschleiert und unsichtbar gemacht)

    Was der einzelne (für die Welt) tun kann, ist mir noch nicht so klar, ich denke, eine komplexe Frage. Im dritten Teil bin ich ja ansatzweise darauf eingegangen. Konsumbewusstes Einkaufen, Rücksicht auf Ökologie, vielleicht mal die teuren aber „besseren“ Produkte kaufen. Weniger Energie verbrauchen, mal aufs Auto verzichten- es kommt auch auf den Bereich an, der einem wichtig ist.

    Nur eines glaube ich nicht: dass man sich die die Schuld aufbürden sollte, von heute auf morgen und ganz allein die Probleme der Welt zu lösen.

    Dazu braucht es schon die Einsicht von vielen- und daher ist das Denken und Diskutieren darüber auch so wichtig.

    mfg, Julia

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