Der Spießer, ein nachwachsender Rohstoff

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Die Gegner der Spießer haben es nicht leicht gehabt in den letzten Jahren. Vor allem die einprägsame Werbung einer Bank für Bausparverträge hat auch noch den letzten Gegnern der Bürgerlichkeit das Wasser abgegraben und die Ära der Alt-Hippies, Punks und Rebellen der 70er Jahre endgültig begraben.

Heutzutage ist es also wieder „in“, ein Spießer zu sein. Denn wir wollen alle in den eigenen vier Wänden wohnen, wie uns die Werbung suggeriert. Sonst sind wir böse Menschen und schlechte Eltern. (…)

Die Emanzipation hat ebenfalls ihren Zenit überschritten und die Traditionalisten der alten Frauenrolle haben wieder Hochkonjunktur. Doch es wäre gefährlich, die Bedeutung eines „Spießers“ zu unterschätzen und zu meinen, nur weil man sich nicht mehr darüber aufregt, würden die Probleme dahinter einfach so verschwinden. Es ist vielmehr so, dass unsere Achtsamkeit gegenüber die Gefahren eines übermäßigen, konservativen Denkens verloren geht.

Es gibt höchstens ein einziges klägliches Lied, das in den werbe-finanzierten und von Kommerz durchseuchten privaten Radiosendern rauf und runter gedudelt wird, und Widerstand gegen die Volks-Verspießung leistet: Es geht hierbei um „Lass sie reden“ von den Ärzten. Der Tenor dieses Songs liegt darin, eine gewisse Gleichgültigkeit über Menschen aufzubauen, die hinter dem Rücken schlecht reden und dieses Verhalten mit Ignoranz zu strafen.

Gerade in einer kleinbürgerlichen Nachbarschaft besteht diese Gefahr des „Lästerns“ und Anschwärzens umso mehr, und es scheint ein typisch deutsches Problem von verhärtetem Neid, versteckten Aggression und generellem Argwohn dem Nächsten gegenüber zu sein.

Wenn man genau hinschaut, ist der Spießer nicht viel mehr als ein Produkt der Gesellschaft und Kommunikationsstrukturen, in der er lebt, vielleicht „gefangen“ ist.

Was ist also ein Spießer genau und was ist Bürgerlichkeit?

Bürgerlichkeit bezieht sich auf bestimmte Ideale und Wertvorstellungen, wie man zu leben hat, welche Ziele richtig sind, wo die Tabuthemen liegen, was man „darf“ und was nicht. Bürgerlichkeit schafft sich stets neu und durch den Wechsel der Generationen entsteht immer wieder eine neue elitäre und konservative Schicht, die meistens den Großteil der Macht- in Form von Geld und Lebensqualität- hat. Daher ist es wohl auch so, dass die Bürgerlichkeit eher von älteren Menschen verkörpert und daher zu Recht von einer jungen und nachwachsenden Generation angegriffen und hinterfragt werden sollte.

Ehemals junge, revolutionäre Menschen werden durch die Erfahrungen in Beruf und Privatleben über die Jahre selbst zu „Spießern“. Wenn sie früher noch mit Kartons als Wohnzimmertisch und in einer unaufgeräumten WG-Wohnung leben konnten, so legen sie diese Eigenschaften mit der Zeit ab und übernehmen immer mehr den Werte-Kanon ihrer – selbst gewählten- sozialen Umgebung.

Ewige Rebellen gibt es eher selten. Meistens ist es so, dass der Gruppendruck und das soziale Übergewissen stärker als die eigene Abwehr von Ängsten ist. So übernimmt man im Laufe des Lebens unzählige Wertvorstellungen, die man früher noch belächelt oder nicht ernst genommen hat. Psychologen sprechen dann von einer „Introjizierung“ einer Gruppen-Norm.

Diese jeweiligen Normen sind gefährlich, weil sie kollektiv gelten und nur schwerlich vom Individuum gesteuert werden. Rollenbilder- und Rollenklischees z.B. fallen ganz eindeutig in diese Gruppe. Der Großteil der Gesellschaft ist voll von kulturell gesteuerten Masken- und Rollenerwartungen und über den Gruppendruck muss man sich daran halten. Wer bestimmte Erwartungen nicht erfüllt, wird bestraft (z.B. durch sozialen Ausschluss). Grundlage für so ein Denken ist das autoritäre Erziehungs- und Belohnungssystem, mit dessen Hilfe man Menschen dressieren und manipulieren kann. Alle scheinen eingebunden zu sein: In erster Linie aber Institutionen, die Macht verteilen oder starke Eigeninteressen haben: Politiker, das Bildungssystem, die Wirtschaft, Werbung und bestimmte nur auf ihre Eigeninteressen konzentrierte Einzelpersonen.

Der heutige kulturelle Überlebens- und Machtkampf besteht im Wesentlichen daraus, Werte und Ideale als „alleingültig“ herauszuarbeiten und mit Hilfe der Durchsetzung von bestimmten „Handlungsprämissen“ Druck und Manipulation auf diejenigen auszuüben, die sich nicht wehren können. Die Inhalte dieser Kämpfe sind mit der Zeit immer feiner und psychologischer geworden und auf Grund der wachsenden Komplexität schlecht zu durchschauen.

Woran erkennt man also Spießer, wie kann man sich verhalten, was ist zu tun?

Spießer erkennt man z.B. daran, dass sie sich alle schnell beeilen, ihre Mülltonnen rauszustellen und möglichst früher wieder von der Straße zu holen. Man erkennt sie zudem daran, dass sie stets als erstes den Gehweg vom Schnee frei räumen und dann andere mit Verachtung und Stolz betrachten, wenn sie sehen, dass sie die Ersten waren. Es stellt sich dann vielleicht ein Gefühl der Genugtuung ein, schneller und besser als der andere gewesen zu sein. Welch eine Freude, wenn der – aus welchen Problemen auch immer- es nicht schafft, den Gehweg zu räumen und man ihn- oh welch überschäumendes Hochgefühl! – dann noch bei der Gemeinde oder der Polizei anzeigen kann.

Spießigkeit ist das Gegenteil von Toleranz und Mitgefühl. Spießigkeit bedeutet Engstirnigkeit, Neid, Argwohn und schlechtes Selbstbewusstsein. Gerade bei Leuten aus Schichten, die nicht soviel Einfluss haben, ist dieser Druck noch stärker- ein soziales Problem. Je mehr Unfreiheit ein Mensch durch Beruf und Status hat, desto größer ist der kollektive Druck aus dem Über-Gewissen, der von oben nach unten weitergegeben wird. (es gibt hier das Phänomen, dass gerade niedrige, soziale Schichten zu übermäßigem Putzwahn und solchen Dingen neigen, weil sie einfach nicht die psychologische Kraft haben, sich von den Erwartungen und Pflichten frei zu machen… Akademiker sind auf der anderen Seite von ihrer Studienzeit schon verwöhnt und haben stets gehört, dass sie die Elite sind… sie haben mehr Freiheiten, sowohl materiell als auch was die Zeit angeht.. dadurch baut sich bei ihnen nicht so ein starkes Über-Ich auf.).

Der Spießer ist also durch und durch ein soziales und psychologisches Problem. Je mehr Spießer eine Gesellschaft hat, desto schlechter ist es um sie gestellt. Wer zu den Spießern gehört, hat seine eigene Freiheit und die Macht zu wählen, aufgegeben. Wer zu den Spießern gehört, führt ein Leben, dass nicht aus seiner Seele kommt- er lebt nur für andere, für die fiktiven Erziehungspersonen, für die Chefs, für die Partnerschaft- aber nicht für sich selbst!

Das Mittel gegen Spießigkeit ist der schrittweise Abbau von Forderungen aus dem „Über-Ich“: Übertriebene Moral, Schuldgefühle, Manipulationen, unnötige Erwartungen, übertriebene Pflichten.

Die Erkenntnisse der Psychologie können hier sehr gut helfen. Man muss allerdings selbst den Wunsch haben, sich wirklich frei davon zu machen.

Den Wunsch hat man meistens nach einer Krisensituation, wenn man merkt, dass man so nicht weitermachen kann.

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Links

der LBS Spießer
• nur kurze Erklärung des Begriffs bei Wikipedia
• interessante Erklärung des Spießers
Spiegel-Artikel „Spießer“
Lass sie reden (Ärzte)
• Erklärung Introjektion

9 Gedanken zu „Der Spießer, ein nachwachsender Rohstoff“

  1. In vielen Punkten bin ich Deiner Meinung.

    Nur glaube ich nicht, dass viele Spiesser einer Gesellschaft schaden. Ganz im Gegenteil. Sie bilden die Gesellschaft, waehrend die Querdenker die Gesellschaft zwar weiterbringen, aber gleichzeitig das Leben in der Gesellschaft riskanter machen. Ohne Risiko kein Fortschritt, aber Risiko bedeutet auch, dass ich scheitern kann. Der Spiesser geht das Risiko nicht ein, bzw. er minnimiert es weitesgehend. Nicht umsonst ist es so, dass in Zeiten der Kriese die Spiesser an Land gewinnen – siehe Deine aktuellen Beobachtungen. Somit kann Verspiesserung ein Zeichen fuer eine (gesellschaftliche) Kriese sein. Aber es ist ein Indiz, nicht die Krankheit an sich. Spiessigkeit ist, meiner Meinung nach nicht mit einer Krankheit gleichzusetzen. Sie stellt den beschraenkten Normalzustand dar. Im Gegensatz zu diesem Normalzustand muss der Individualist sich anstrengen, indem er sich Gedanken ueber sein Leben und sein Tun macht und Konventionen hinterfragt. Hinterfrage ich das spiessiges Tun meines Gegenuebers und stelle ihn zur Rede, so kann es mir gelingen, mein Gegenueber von meiner Sicht der Dinge zu ueberzeugen, denn meinen Gedanken stehen meistens keine Gedanken entgegen. Meist orientiert sich der Spiesser unreflektiert am Tun der Anderen. Von daher gibt es im Einzelfall Hoffnung auf Besserung.

  2. @ Stephan: Schöne Ansicht, gefällt mir auch! Ich finde, gerade dieses ständige Reflektieren über sich selbst und die Normen, die man annimmt, ist das Anstregende dabei. und so hab ich mich schon mehr als einmal dabei erwischt, „normalität“ bzw. „spießigkeit“ anzunehmen. ein schreckliches Gefühl! 😀 Aber so ganz ohne Normalität geht´s hingegen auch nicht und eines Tages hab ich ne Dauerwelle und höre Volksmusik! :mrgreen: ohje!!

  3. bzw. wenn ich dann in fünzig Jahren immer noch Techno und Trance höre, wird mich die Jugend als alte Oma verspotten (Weil man inzwischen was ganz anderes hört)! Ob ich mir das so vorstellen kann? Ich will gar nicht daran denken!

  4. Ich denke es ist nicht das Problem, ob Du in fuenfzig Jahren noch hoerst, was Du mit dreissig gehoert hast. Was Dir zwischen zwanzig und dreissig gefallen hat, gefaellt Dir meistens auch spaeter noch. Grosse Aenderungen im Geschmack sind dann seltener. Entscheiden ist aber, ob Du das dann als Problem ansiehst. Alle anderen hoeren Paul Weller und nur ich Paul van Dyck. Ich muss das aendern und ab jetzt nur noch Paul Weller hoeren. Oder ob Du denkst: Was mir gefaellt, gefaellt mir halt. So hoere ich, was mir gefaellt. Und was den anderen gefaellt, muss mir nicht gefallen, sei es Paul van Dyck, sei es Paul Weller, sei es Patrick Lindner. Und das ist okay, sowohl fuer die, wie fuer mich. Mir doch egal, was die anderen von mir denken.

  5. Interessanter Text! Mir fehlt allerdings noch ein Aspekt: Die Angst. Die Angst ist doch, das, was den Spießer zur Anpassung treibt, das, was ihn beherrscht. Autoritäre Systeme sind deswegen so effektiv, weil der Spießer ein Feigling ist.

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