Der Militärmachthaber

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Der Militärmachthaber war ein finsterer Geselle. Nicht nur, dass er eine schlechte Kindheit gehabt und von seinem Vater ständig verprügelt worden war, nein- zu allem Übel war er auch noch intelligent und hatte in seinem Leben große Macht erlangt. Mit dieser Macht konnte er es allen zurückgeben und zeigen, was in ihm steckt.

In der Schule wollte bereits keiner mehr mit ihm spielen und im weiteren Verlauf wurde das immer schlimmer. Er wurde stark, aber er wurde auch einsam. Seine Menschlichkeit, die durchaus in Ansätzen mal vorhanden gewesen war, hatte sich wie eine Pflanze ohne Liebe und Sonnenlicht über die Jahre hinweg zurückgebildet und war verkümmert.

Vielleicht war er mal ein Mensch gewesen und wollte so wie du und ich auch nur glücklich sein. Eine gute Ehe führen, einen guten Job haben und heil über die Runden kommen. Aber da ihm der liebe Gott so ein Leben nicht erlaubte und ihn auf eine Prüfung schickte, sagte er sich bald von Gott los und beschloss, sein eigenes Ding zu machen.

Von da an lebte er ohne Gott, ohne Gewissen und ohne Moral. Überlegungen, die eigene Macht zu vergrößern, waren sein einziges Interesse. Für seine Untertanen interessierte er sich nicht.

„Herr Machthaber, das Ausland ignoriert uns und hat ein weiteres Handelembargo verhängt. Wir können unsere Bevölkerung nicht mehr richtig ernähren. Was sollen wir tun?“ kam sein Berater eines Tages auf ihn zu. Er war verschwitzt und das Hemd saß nicht richtig. Er hätte mal einen Haarschnitt vertragen. Unordnung schätzte der Diktator nicht.

„Verschonen sie mich mit diesem Schwachsinn“ blaffte der Machthaber ihn an. „Ich habe besseres zu tun, als mich auch um das Jammern zu kümmern. Die jammern doch ständig. Sie sollen was arbeiten und ihre Produktivität erhöhen, dann geht es ihnen auch wieder besser. Außerdem bekommen wir doch diese Hilfslieferungen, was ist damit? Zweigen sie einfach davon was ab und tun sie so, als ob es von uns kommt und dann machen sie einen Film darüber. Aber der sollte um 20 Uhr gesendet werden, ja? Damit ihn alle sehen.“

„Wird gemacht“ leise kopfschüttelnd entfernte sich sein Berater. Es war aussichtslos, den Diktator vom Gegenteil oder eines Besseren zu belehren. Er machte doch, was er wollte.

Der Machthaber hatte in der Zwischenzeit eine Videokonferenz mit seinem Waffenminister geschaltet und wollte wissen, wie die neuen fahrbaren Raketen sich machen und ob man den Produktionssoll von 1.000 Stück pro Woche nun endlich erreicht hatte?

„Aber natürlich, aber natürlich! Wir tun alles, was in unserer Macht steht. In zwei Wochen haben wir unseren Output erreicht, so wie von ihnen befohlen, Herr General! Derzeit gibt es noch kleinere Probleme mit…“

„Still! Ich will nichts davon hören. Verschonen sie mich mit den Details. Machen sie es einfach!“

„Jawohl, Herr General!“ – die Verbindung wurde beendet.

Der Machthaber starrte auf den schwarzen Schirm. Gedankenverloren nippte er an seinem Drink.

Das war fast wie früher. Als sein Vater ihn schlug und ihm Gehorsamkeit lehrte. „Gehorsamkeit“ dies Prinzip hatte er verstanden und verinnerlicht. Es war sein zweiter Vorname geworden. Er liebte Gehorsamkeit und Disziplin. Er liebte Macht und das Gefühl, etwas zu bewirken.

Dann ging er zum Fenster und schaute über die Skyline, über die Häuserschluchten seiner Macht. Er war ganz oben angekommen. Hier gefiel es ihm. Alle hatten zu tun, was er sagte. Der Palast glitzerte an allen Ecken und Enden und der Marmor auf dem Boden spiegelte seine dickliche und untersetzte Statur.

Was seine Ex-Frau wohl nun machte? Vor drei Jahren hatte sie ihn verlassen. Sie hielt es nicht mehr mit ihm aus. Er wollte noch ein staatliches Dekret verhängen, das Scheidungen von seiten der Frau verhinderte, aber da war es bereits zu spät. Sie war einfach abgehauen und hatte sich nach Amerika abgesetzt. In das Land des Feindes. Er schnaubte innerlich und goß sich noch etwas nach.

Wenn er nicht irgendwann im Laufe seines Lebens auf eine falsche Seite gerutscht wäre, wäre er vielleicht sogar ein guter Staatslenker geworden. Einer mit Umsicht und Verantwortungsgefühl. Aber irgendein Strang in seinen Genen, irgendeine schlechte Erfahrung in seinem Leben und am Ende das ganze System hatte der „guten Seite“ in ihm einen Riegel vorgeschoben. Einen unüberwindbaren und schweren Riegel aus Stahl.

Je mehr Macht er erhielt, desto weniger scherte er sich um die Konsequenzen. Er war ein sich selbst erhaltender Mechanismus. Ein Teufelskreis. Ein System, das einfach funktionierte. Er bekam immer mehr Macht und die anderen mussten kuschen.

Nur die Ausländer, die internationale Presse, die hatte er noch nicht unter Kontrolle. Die Menschenrechtsorganisationen und die selbst ernannten Heiligen und Gutmenschen. Die standen ihm noch im Weg.

Vielleicht würde ein Krieg helfen. Ein Krieg gegen ein schwächeres Land. Er überlegte. Ja, das war eine gute Idee.

So würde er es machen.

2 Gedanken zu „Der Militärmachthaber“

  1. Eine traurige Wahrheit. Wer als Kind keine Liebe erlebt hat, kein Vertrauen bilden konnte, der wird auch selbst später keine Liebe geben können. Das muß man gar nicht an einer überhöhten Kunstfigur wie dem Militärmachthaber festmachen, das passiert auch täglich in Deutschland, wenn Mütter und Väter, die es gern anders machen würden, aber nie besser gelernt haben, auch wenn sie sich noch so bemühen, ihren Kindern nicht das geben können, was diese brauchen, was auch sie gebraucht hätten, aber nie bekommen haben.
    Vernachlässigung, Gewalt, geistig wie körperlich, am Ende lesen wir es wieder in der Zeitung, sehen es im Fernsehen. Und irgendwer hat mit seinem Blumengesteck auch wieder das unvermeidliche Schild vor der Haustür abgestellt: „Warum?“

    Und selbst, wenn rechtzeitig -was ist rechtzeitig?- jemand etwas bemerkt: Ein Happy End kann es nicht geben. Ein Jugendamtsmitarbeiter, überfordert, 60 Fälle auf dem Schreibtisch. Eine Entscheidung muß her.
    Herausnahme? Ein traumatisiertes Kind, vielleicht mit der Aussicht auf ein glückliches Leben, oder aber mit ewigen Spätfolgen, der Frage „woher? warum?“; verzweifelte Eltern, die sich doch bemüht haben, bemühen wollten…
    Oder Hilfen? Welche, woher? Vielleicht können die Eltern es ja besser, können ihre eigene Kindheit hinter sich lassen. Oder? Eine Sekunde reicht. „Er hat so geschrien, er sollte aufhören. Ich wollte das nicht…“

    Nur, wo den Kreislauf durchbrechen? Babyführerschein, Wesenstest für Eltern, Gebärverbot? Kaum. Ich weiß es nicht.

    Aber denkst Du wirklich, Dein Protagonist hätte, wäre seine Kindheit anders verlaufen, ein gütiger Staatslenker werden können? Wie? Der „benign Dictator“?
    Wäre ihm Kompromißbereitschaft nicht sofort als Schwäche ausgelegt worden, in einem System, das anderes gewohnt war? Hätten sich nicht sofort die gefunden, die nur zu bereitwillig an seinem Stuhl gesägt hätten?
    Hätte er vielleicht irgendwann demokratischen Wahlen zugestimmt? Vielleicht hätte das Volk ihn geliebt, wäre aber doch dem populistischen, lauten Gegenkandidaten hinterhergelaufen…

    Nach oben kommt letztlich nicht der Mensch mit den besten Absichten, sondern der mit dem größten Machtwillen. Das hat selten mit fahrbaren Raketen oder flugfähigen Panzern zu tun, ist meist diffiziler, sei es in Politik oder Wirtschaft. Aber wahr bleibt es doch.

    NG, LL

  2. Hallo Laufleser,

    das ist eine gute Frage, die du da stellst. Im Grunde interpretiere ich sie als „rhetorische Frage“, denn du hast die Antwort schon selbst mitgegeben. Er wäre wahrscheinlich niemals so mächtig geworden, denn Macht und Güte schließen sich in den meisten Fällen aus. Man muss sich schon für eine Seite entscheiden.

    Daher habe ich am Anfang auch den Satz geschrieben, dass er „ohne Gott“ ist. Damit bringe ich zum Ausdruck, dass der Diktator in einem Umfeld und einem Gesetz-System lebt, dass nach eigenen Maßstäben, aber eben nicht nach moralischen funktioniert.

    Sicher, ist es nur eine Kunstfigur und meine Geschichte vereinfacht vieles. Ich habe einfach zwei Meldungen des Tagesgeschehen herausgenommen und diese miteinander vermischt: Einmal der traurige Mord an den beiden Kindern und die veröffentlichte Erkenntnis, dass der Mörder selbst eine „schlimme Kindheit“ hatte (wobei das ja auch ein Klischee sein kann und von Außenstehenden niemals vernünftig und ohne den erhobenen Zeigefinger beurteilt werden kann ).

    Und dann eben die kriegerischen Handlungen zwischen Nord- und Südkorea. Ich kenne den Diktator nicht, ich weiß nicht, wie er lebt. Vielleicht hat er ein Stückchen Menschlichkeit in sich, vielleicht nicht. Vielleicht ist er auch nur Opfer oder durch und durch bösartig. Was kann man schon über solch ferne Menschen wissen?

    Vielleicht habe ich das Unwissen oder auch meine Angst darüber mit einem platten Klischee beantwortet. Vielleicht sogar ein bisschen gewollte Satire, denn oft erscheinen mir solche Regimes einfach nur von sich aus Cartoonhaft, lächerlich, absurd.. Keine Ahnung, mein Unterbewusstsein spuckte es einfach aus und da steht sie nun, die Geschichte.

    Danke für deine Meinung und viele Grüße
    Julia

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