Das unbezahlbare Weihnachtsgefühl

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Ist es nicht seltsam, wie sehr man für ein richtiges „Weihnachtsgefühl“ abhängig vom Wetter ist? Aber was soll das schon sein, ein Weihnachtsgefühl! Und überhaupt, vom Wetter abhängen? Das kann ja höchstens übersentimentale Poetinnen und andere christliche Romantikerinnen betreffen- aber nachweisbar ist es ganz sicher nicht!

Nun ja, ich will es dennoch mal versuchen. Dieses Jahr gab es also noch kein Schnee. Zumindest nicht für die Leute in Deutschland und für die meisten im Flachland. Etwas weiter höher in den Bergen soll es ja durchaus schon weiße Flöckchen gegeben haben. Ansonsten: Regen, Wind und Matsch, soweit das Auge trieft. Vor allem Wind, z.B. gestern. Da flog einem die Mütze nur so vom Kopf. Der Wind zerrte mit seinen kräftigen Armen am Balken der Unterkunft und wollte mal wieder zeigen, was er so drauf hat. Es pfiff und blies nur so, was das Zeug hielt. Einen ganzen Tag lang. Schwindel in den Ohren, irgendsoeine gereizte Stimmung hatte sich ebenfalls breit gemacht. Vom Wetter, ach komm! Was bist du doch nur für ein Waschlappen. Da muss man wirklich schon sehr empfindlich sein, davon so abhängig zu sein. Oder darauf so zu achten, das wird auch immer schlimmer dann!
Was sollen die Extrem-Bergsteiger erst sagen? Oder die extrem Lang-auf-einen-Pilgerpfad-Marschierer? Oder die Leute, die damals zur Antarktis gesegelt sind? Die wären froh, über diese netten mittelwarmen Temperaturen und die frische Brise. Also, wie immer eine Frage der Perspektise.

Aber nein, wir verwöhnten Westeuropäer mit unserem allseits umschließenden Komfort- und Luxusapparaten, die wir kaum noch 500 Meter zu Fuß selbst irgendwo hingehen, die ihr Essen schon lange nicht mehr anbauen oder jagen müssen, sondern bequem im Supermarkt in den Wagen schaufeln- ja wir, die wie oft noch nichtmal was für unser Geld tun, sondern von irgendeinem System irgendwie Geld aufs Konto gespritzt bekommen- meistens zuviel, vor allem wenn man sich bestimmte Berufsgruppen oder Politiker anschaut….

Also wir sollten nicht jammern… denn uns geht es ja eigentlich gut. Aber dennoch will kein Weihnachtsgefühl aufkommen.
Also, was könnte das nun sein, das Weihnachtsgefühl? Da ich keine Theologin bin und mich für diesen Fachbereich auch nur wenig interessiere, muss ich versuchen, es irgendwie anders herzuleiten oder zu erklären. Mehr über das, was bei den Menschen angekommen ist, wie sie Weihnachten damals und heute empfinden. (Denn es geht ja um ein Gefühl, nicht um eine theologische Interpretation; und das Gefühl sitzt oftmals näher am Glauben als die Logik)

Ich denke, vielleicht hängt es damit zusammen, dass der ursprüngliche Sinn des Weihnachtsfest ja eine „frohe Verkündung“ gewesen ist. So ein bisschen Licht in die dunkelste Zeit des Jahres bringen. Eine frische Botschaft, sehr ermutigend, fast noch heiterer als an Ostern. Also, Licht, Wärme, Weihnachten, Essen, Geschenke- das passt nur alles gut, wenn man vorher davon wenig gehabt hat. Wenn man vorher dieser Dinge entbehren musste.

Und daher glaube ich, dass das Weihnachtsfest ins Mittelalter oder in die Zeit davon noch besser gepasst hat. Weil man z.B. nicht mit 5 Kwh am Tag die Bude beleuchtet hat. Und mit weiteren 2Kwh am PC abgehangen und sich den ganzen Tag auf Twitter verlustigt hat. Licht war etwas seltenes, Strom nicht bekannt. Und eine große Kerze oder ein leuchtender Stern in der Kirche schon etwas besonderes. Auch Anregungen waren sicherlich etwas besonderes, so hockten die ärmeren Leute von früher doch bestimmt wochenlang in ihren Häusern ohne jede nennenswerte Form von Abwechslung und Zerstreuung. Was soll man also machen, wenn die Felder nicht bestellt werden können, es draußen fünfzehn Grad minus sind und man ständig Holz nachlegen muss, damit einem nicht die Finger abfrieren? Zehn Leute in einem Zimmer, nebenan die Tiere, die mit ihren Hintern das kleine Anwesen zusätzlich wärmten. Dicht an dicht, Mensch und Tier, so idyllisch und doch irgendwie nicht stellt man sich das doch meistens vor. Als Highlight wurde dann mal ein Buch vorgelesen, wenn es denn jemand gab, der lesen konnte. Vielleicht kam ja auch ein Pfarrer vorbei und las mal eine Runde für die Kinder? Nein, der hatte bestimmt keine Zeit… also war es meistens langweilig. Man spielte vielleicht was oder strickte und kümmerte sich generell um die Hausarbeit, während die Männer draußen waren und etwas taten, was Männer eben so tun (jemand jagen, Holz hacken, sich besaufen.. oder sowas in der Art).

Also Kinder, und dann kam Weihnachten. Die Omis unter uns und vor allem die Uromis werden es sicherlich noch in Erinnerung haben. Man kratzte die letzten Reste zusammen, das Ersparte und kaufte mal was richtig leckeres zu Essen! Ein Festmahl, das war etwas besonderes. Keine zwei Kilo Fleisch aus dem Supermarkt für 3,50 Euro, damit kann man doch niemand mehr locken. Der beste Wein wurde aus dem Keller geholt, der, der schon Staub angesetzt hatte und dann feierlich an Heiligabend oder am Tag drauf entkorkt. Und gebetet wurde! Die Gottesdienste waren sicherlich länger als heute.. oder auch kürzer, weil es kälter war? Auf jeden Fall gingen die meisten Leute in die Kirche, weil da ein wenig Abwechslung geboten wurde. Chatten und SMS und Facebook gab es ja noch nicht, das muss man sich mal vorstellen. Also musste man was tun, was Menschen so tun: Mit dem Mund reden.

Tja… also das Weihnachtsgefühl enstand durch den Kontrast zum entbehrungsreichen (Haupt-)Teil des Lebens. Dazu kamen noch die Worte der Pfarrer und Priester, die dem ganzen noch einen emotionalen Kick gaben. So eine Art geistiges Aufwärmmittel für trübe Tage. Heute schauen wir stattdessen einen guten Movie oder ziehen uns eine neue CD rein. Salbungsvolle Worte eines Pfaffen locken uns schon lange nicht mehr vom Ofen weg. Wir sind aufgeklärt und können uns die Welt weitgehend selbst erklären. Wir haben keine Angst mehr, denn das Lachen hat die Furcht zerstört und ohne Furcht gibt es keinen Glauben (frei zitiert aus „Der Name der Rose“) Der Kontrast fehlt und wo es keinen Kontrast gibt, gibt es keinen Reiz und keine Motivation.

Daher denke ich, dass Weihnachten, so wie es mal gedacht war, heute nicht mehr gut funktioniert. Kein Schnee, keine Kälte, stattdessen Klimaerwärmung und Wetterextreme (Sturm). Wir haben alle Dinge im Überfluss, also wissen wir auch nicht mehr, was Hunger ist. Die Freude am Essen entfällt (bis auf einen kleinen Rest). Alkohol haben wir das ganze Jahr, meistens zuviel, auch kein Grund sich zu freuen. Von den Medien werden wir ständig berieselt und die Freunde laden wir uns aus dem Internet.

Wie kann da Freude oder Demut aufkommen? Wie kann man dabei ein christliches Gefühl der Dankbarkeit empfinden? Wahrscheinlich gar nicht, die Freude (eher das Glück) beschränkt sich auf den Konsum und das Beisammensein mit lieben Verwandten und Freunden (wenn es keinen Streit gibt, die leider an Weihnachten ebenfalls häufig sind).

Ein einfacher Tipp, diese Freude zu steigern läge z.b. darin, sich vor Weihnachten zu beschränken. Die Dinge, die man sonst so macht zu reduzieren, ähnlich wie in der Fastenzeit. Da kann man im November schon anfangen: Weniger essen, weniger kaufen, weniger Computer und Handy benutzen, weniger bloggen, weniger sinnloses Zeug reden, weniger von allem… und dann an Weihnachten das Kontrastprogramm genießen. Letztendlich wird ja durch die Beleuchtung, das gute Essen und der maßlose Konsum die Freude „am Fest“ nochmal gesteigert, aber da wir vorher schon meistens viel gehabt haben, funktioniert es nicht wirklich.

Was noch gut wäre, wäre ein christlicher Glauben als gedankliches Über-Gebäude, aber das kann man nicht erzwingen. Man kann Weihnachten durchaus genießen, wenn man atheistisch ist oder eine andere Religion hat. Was man nur braucht, ist eine innere Erkenntnis, eine innere Wandlung. Vielleicht zu mehr Demut, zu mehr Bescheidenheit. Dass man sich von den weltlichen Dingen etwas freimacht und hinterher eine größere Dankbarkeit dafür verspürt. Daraus entsteht dann auch Mitgefühl.

Alles in allem keine leichte Aufgabe, vor allem wenn es keinen Schnee gibt..

4 Gedanken zu „Das unbezahlbare Weihnachtsgefühl“

  1. vielleicht hab ich das falsch formuliert in meinem Artikel-Schreib-Überschwang. Die Tiere, Hintern an Hintern..oder Rücken an Rücken, um sich zu wärmen. Genau genommen schauten sie wahrscheinlich mit ihren Köpfen in den Innenraum und der Hintern war nach außen. Aber so genau weiß ich das leider nicht, müsste man mal recherchieren! Wichtig ist nur zu wissen, dass die Menschen früher wirklich mehr mit ihren Tieren zusammen gelebt haben, mir wurde das mal anhand eines norddeutschen Bauernhauses erklärt, das ist recht interessant. Man hatte ja noch keine Dämmung und die einzige Heizung war ein großer Kamin in der Mitte des Hauses. Die Tiere waren die Abgrenzung nach außen. (d.h. die Ställe waren um das Haus herum bzw. sogar Teil des Hauses)

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