Das Blog, mein Wohnzimmer?

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Inwieweit eignet sich das Internet und die eigene Homepage als ein Wohnzimmer, bzw. ein Empfangszimmer für vorbeischauende Gäste? Wenn man davon ausgeht, dass das Internet ein Kommunikations-Gemisch bildet und man nur Menschen empfängt, die ähnliche Interessen haben, ist es eigentlich kein Problem. Durch die Masse der Daten hält sich der Missbrauch in Grenzen und das Blog ist dann wie ein offenes Zimmer zu betrachten, in das jeder hineinschauen kann, wenn er möchte. Man kann sich dazu setzen, miteinander reden, Anregungen verteilen. Je nach Charakter ist es mehr eine Kommunikations-Runde, ein Stammtisch für Philosophen oder eine Künstlerwerkstatt mit offenen Ateliers. Viele Menschen ziehen das „Zaun-Gespräch“ oder das Straßengespräch vor, so wie man Menschen im echten Leben trifft und mit ihnen plaudert. Bei stillen Menschen herrscht Stille, bei lauten Menschen geht es meist laut zu, bei sozial engagierten Menschen kommen soziale Themen auf den Tisch, bei Wissenschaftlern wissenschaftliches, usw.
Von diesem Blickpunkt aus gesehen gibt es keine Trennung zwischen einem echten Wohnzimmer und einem virtuellen. Und doch ist der virtuelle Raum dafür verantwortlich, dass sich die Details anders verhalten.

Beispiel
Blogs werden zumeist über Verlinkungen („Freunde“) oder Suchbegriffe gefunden. Wenn mich jemand über einen Suchbegriff findet, öffnet er meine Seite, liest den Text oder zumindest einen Auszug, bleibt dabei hängen oder geht wieder („Absprungrate“). Im seltensten Fall wird dann auch etwas geschrieben. Das ist ungefähr so, als ob man irgendwo einkaufen würde, aber das Gespräch, den Handel völlig ohne Worte und nur in Gedanken abwickelt. Eigentlich ist das schade. Die Maschine drängt in diesem Falle das Menschliche zurück und reduziert den Austausch auf die reinen Gedanken.

Besser wäre es doch, wenn sich das Internet ähnlich menschlich verhalten würde, wie das echte Leben. Was müsste man dazu tun? Man müsste die Informationen um die Faktoren bereichern, die das echte Leben hat. Zudem bräuchte man eine große Bereitschaft, mit diesem öffentlichen Raum selbstsicher und ohne Angst vor Missbrauch umgehen zu können, was aufgrund der negativen Berichterstattungen darüber immer schwieriger wird. Glaubt man den meisten Medien, so ist das Internet durchzogen von Betrügern, Verbrechern, Spinnern, Freaks, Scheinheiligen, Viren, Trojanern und wie sie alle heißen.

Kaum einer redet doch von den tollen Möglichkeiten, die uns dieses Medium bietet, z.B. die schnelle und unmittelbare Vernetzung auf breiter Ebene mit Menschen aus aller Welt, getrennt nur von der Sprache und den jeweiligen Interessen.

Was ich mir z.B. vorstellen könnte, wäre ein virtueller Raum, ähnlich wie in Second Life, aber um weitere, reale Faktoren bereichert.

  • Menschen mit ihren Bildern
  • Einblick in das eigene Leben mit Hilfe von Fotos
  • Audioaufnahmen, Stimme, usw.
  • Videos
  • enge Zusammenarbeit der Blogger untereinander
  • Vernetzung, Anregungen, Austausch

Leider passiert es sehr selten, dass Menschen vorbeikommen und eine Freundschaft oder Link-Partnerschaft anbieten. Wenn ich so recht überlege, passiert das so selten, dass ich manchmal daran denke, die Arbeit ganz einzustellen. Ich habe den Glauben verloren, dass es eine grundsätzliche Bereitschaft zu Teamwork im Netz gibt. Letztendlich kocht jeder seine eigene Suppe, was durch das Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell „Leistungsgesellschaft“ forciert wird.

Wenn Blogs erfolgreich werden, haben sie meistens einen langen Anhang von Besuchern. Es ist aber schwer zu sagen, ob dann wirklich eine Zusammenarbeit oder eine Freundschaft mit dem Autor besteht. Oft wird der Verdacht laut, dass man sich nur an „die Großen“ dranhängen will, um von ihrem Erfolg zu profitieren.

Außerdem bleibt das Problem, dass man auch im echten Leben hat: die Cliquenbildung. Menschen suchen sich andere Menschen meistens anhand von Faktoren aus, um damit wieder ihr eigenes „Vitamin B“ anzureichern, zumindest es das, was man schon früh eingetrichtert bekommt, wenn man erfolgreich sein will.

Dann stehen Fragen im Raum wie

  • was hat der/ die für einen Beruf?
  • Möchte ich mit so jemand befreundet sein?
  • Teile ich sein/ ihre Weltanschauung?
  • Bringt es mir Vorteile mit ihm/ ihr befreundet zu sein?
  • Nützt es meinem Image? Oder schadet der/die mir?

Letztendlich werden Freundschaften auf oberflächliche Werte wie Macht, Status, Einfluss und vielleicht auch Geschlecht reduziert. Es ist schade, dass es im Internet so wenig Möglichkeiten gibt, Menschen wirklich nah, ehrlich und auf Grund ihrer Menschlichkeit kennen zu lernen. Meistens stehen andere Dinge davor, die den Zugang zum anderen erschweren.

Die meisten Menschen wollen keine privaten oder emotionalen Dinge ins Netz stellen. Die meisten wollen auch zu emotionalen oder schwierigen, psychologischen Themen keine Stellungnahme beziehen, wenn sie damit in negativer Weise und für jeden sichtbar an Ansehen verlieren. Das ist zwar verständlich, aber auch eine Einschränkung der Emotionalität.

Insofern ist das Internet kein „normales Leben“. Es ist vielmehr eine sehr spezielle Welt, in der bestimmte Werte aus unserer Kultur über den Dialog der Maschinen und Internetleitungen „kodiert“ und übersetzt werden. Übrig bleiben die reinen, kalten Informationen und die Faktoren.

Menschliches ist eher selten. Ich finde, als Blogger sollte man versuchen, diesem Trend der „Entmenschlichung“ des Internets etwas dagegen zu setzen, indem man auch bewusst über private und emotionale Themen schreibt und sich nicht dazu zu schade ist, Stellung zu beziehen oder das Privatleben zu öffnen.
Es ist unglaublich schwierig und kostet Kraft. Es ist damit zu vergleichen, sich in die Fußgängerzone zu setzen, den Zeichenblock auszupacken und ein gesellschaftskritisches Porträt über die vorbeiziehenden Passanten zu malen.

Aber ich bin mir sicher, hin und wieder bleibt einer stehen und bewundert das Werk. Und der ist es dann auch wert, als „Freund“ bezeichnet zu werden.

Der, der stehen bleibt, darf gerne in mein Wohnzimmer. Es ist Tag und Nacht geöffnet.

Vielleicht koche ich dann auch einen Tee und stelle Plätzchen zum Naschen hin.

3 Gedanken zu „Das Blog, mein Wohnzimmer?“

  1. Das Internet als Wohnzimmer, das ist ein schoenes Bild und gar nicht so weit von der Realitaet entfernt, wie ich finde. Zaungespraeche vom Nachbarn und / oder Freund (und sind wir im Netz nicht alle Nachbarn) koennen anregend sein. Aber das wirklich grossartige am Netz ist weniger der Zauntratsch, die milliarden Kommentare zu persoenlichen Befindlichkeiten, sondern die Kreativitaet, die vernetzt und zusammengeschaltet wird. Das Kreative befruchtet sich gegenseitig im besten Fall. Ich kann die Fotos von Fotografen auf der Welt fast in dem Moment sehen, in dem sie geschossen wurden.

    Aber die Menge ist auch das grosse Problem. Das Netz ist kein Dorf mit fuenfzig Einwohnern, wo jeder jeden kennt und jeder weiss, was, wann passiert. Das sind ueberschaubare Informationen im Rahmen eines solchen Dorfes. Im Falle des globalen Dorfes sind die Informationen unueberschaubar. Ich muss strikt auswaehlen, mit wem ich kommuniziere, denn ich habe nur eine begrenzte Zeit (ich meine nicht die Kosten fuer das Internet, sondern meine Lebenszeit). Daher ist es zwangslaeufig so, dass die meisten Kontakte nur oberflaechlich verlaufen und nur Nummern in der Statistik bleiben. In meiner Stadt kann und will ich auch nicht alles von allen wissen. Ob jemand in der Kirche heiratet, interessiert mich nur, wenn ich ihn oder sie kenne.

    Von daher halte ich das Internet fuer die Maschine, die dem Menschen am naechsten ist.

  2. Hallo Julia, ich glaube, Beiträge schreibt man ja auch oft in einem bestimmten Gefühlseindruck. Und ich als Besucher lese sie unter einem anderen, so z.B. kann das Internet genau so menschlich sein, wie das reale Leben. Wissen wir immer im realen Leben wie aufrichtig und ehrlich unser Gegenüber ist? Auch dort müssen wir oft spekulieren und nicht selten liegen wir falsch. Oder die Cliquenbildung, ich denke da mehr an Interessengruppen. Manchmal beschäftigt mich ein Thema besonders, z.B. Vertrauen, Beziehungen, Religion oder was auch, wo ich dann genau in dieser Clique oder Gruppe richtig bin, ganz unabhängig des Status quo des Einzelnen. Bin ich des Thema`s satt, ziehe ich weiter, frei jeglicher Verpflichtungen oder Verletzungen. Sollte ich dabei jemand vermissen, oder umgekehrt, im Netz geht man nicht verloren, wenn es einem das Wert ist.
    Vielleicht können wir bei diesen von dir beschriebenen Flüchtigkeiten lernen, Enttäuschungen anders zu sehen und damit umzugehen. 🙄

  3. in dem letzten Artikel habe ich vor allem geschrieben, was die negativen Seiten des Netz sein können. natürlich gibt es auch tausende Momente, wo alles glatt läuft und es nichts zu bemängeln gibt. sonst hätte ich z.B. kein Blog mehr … gewisse Dinge, die mich im Netz stören, stören mich auch real (Oberflächlichkeit, zu große Prestige- und Außenbezogenheit, usw.). und es sind nicht immer nur die anderen… auch an mir selbst sehe ich solche Schwächen und ich frage mich halt, was davon gut, brauchbar und sinnvoll ist.

    teamwork z.B. ist eine Sache, die wiederum eine Folge unbegrenzter eigener Aktivität und „auf andere zugehen“ ist. streng genommen ist das der einzige sinnvolle Weg, um etwas zu erreichen. aber gerade das ständige Durchbrechen und Überwinden des Egoismus ist schwierig.

    man kann auch nicht erwarten, dass andere für einen die Probleme lösen. dann wäre die Welt zu einfach.. man nur warten braucht und die Dollars oder die Kontakte vom Himmel regnen…

    also muss man irgendwie die Vorteile des Netzes erkennen und dann das Beste daraus machen!

    Das Internet ist z.B gut um viele Menschen mit ähnlichen Interessen zu finden. Die Vertrauensbildung muss dann aber- bei weiterem Bedarf- offline ausgebaut werden. Nur das Internet alleine ist so, wie wenn man nur Pommes isst, aber nie „was richtiges“. 🙂 Auf der anderen Seite sind Pommes wirklich lecker!

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