Posted by J.A. on Oktober 24, 2012

Jungs in der Pubertät

Gestern kam in der 37-Grad Sendung auf ZDF eine interessante Reportage zum Thema „Jungs in der Pubertät“. Es ist ja derzeit ein Trend, dass man von den Problem-Bereichen der Mädchen etwas weggeht und die Jungs-Probleme in eine neu-feministische Perspektive rückt. Jahrelang wurden Mädchen gefördert, bis man schließlich festgestellt hat, dass Jungs auch Probleme habe und tlw. ganz andere, die auch ganz anders zu lösen sind.

Wie bei den 37-Grad Sendungen üblich, wurden die persönlichen Biografien sehr in den Mittelpunkt gerückt. Die Reportage berührt durch ihr „Mittendrin und nahdran-Gefühl“ und dass man mit den sorgfältig ausgewählten Protagonisten gut mitfiebern kann. Da ist der Junge aus der gehobenen Mittelschicht, dessen ehrgeizige Eltern wünschen, dass er am Gymnasium gute Noten nach Hause bringt, sich aber schon bald wundern, dass diese Noten immer schlechter werden, je älter er wird. Auch das anfängliche Klavierüben klappt nur noch mit Druck, aber nicht mehr freiwillig. Das Kinder-Hochbett soll auf Wunsch des Jungen abgebaut und in ein „normales Bett“ umgebaut werden. Netter Nebeneffekt: Das gehasste Elektro-Klavier kann gleich mit verschwinden. Dieser Junge ist noch der unauffälligste und kann vor allem durch seinen Wortwitz und seine Intelligenz viele Probleme beschwichtigen. Dass ihn aber schon bald die volle Wucht der Pubertät trifft und diese sich vor allem im inneren Widerwillen gegen Autoritätspersonen zeigt, ist unübersehbar.

Dann gibt es noch einen Jungen, der in seiner Schule gemobbt wird, vor allem in Deutsch und Englisch sehr schlechte Noten schreibt und mit seinem Vater alleine zu Hause lebt. Ihm sieht man die Probleme förmlich an. Er ist sehr zurückhaltend, beinahe verängstigt. In der Schule muss er sich nicht nur gegen seine eigene Lernschwäche, sondern auch noch gegen größere, stärkere und bei den Mädchen einflussreichere Klassenkameraden durchsetzen. Ein klassisches Problem, dass hauptsächlich Jungs betrifft, sorgt doch das von außen an sie angelegte Rollenverständnis dafür, dass sie stark zu sein haben und sich jederzeit durchsetzen und behaupten müssen. Wo ein innerer Rückzug bei Mädchen viel eher akzeptiert wird und mit Aufmerksamkeitsgesten verhindert oder abgemildert wird, fallen Jungs bei emotionalen Problemen viel schneller in einen Strudel der Angst, des Schweigens und der Hilflosigkeit. Die meisten weiblichen Erziehungspersonen können oft nur wenig machen und viele Eltern sind damit überfordert. Die -gut gemeinten, aber schlecht umgesetzten- Appelle des Lehrers an den Vater „Lesen sie ihm doch mehr vor, mein Vater hat es auch gemacht, obwohl er im Schichtdienst arbeitete“ können da eigentlich nur fruchtlos verhallen. Die Probleme der Jungs gehen tiefer, als dass ein einziger Appell und das immer gleiche Denken „die Eltern sind schuld, das System aber ist perfekt“ wenig effektiv sind. Ein wenig blüht dieser Junge auf, als er an einem extra angeordneteten „Boy´s day“ in einen Kindergarten schnuppert und dort seine Leseunlust beim Vorlesen für die Kleinen überwindet. Auch das Fußballspielen mit den Kindern klappt gut. Als ihn die Interviewerin fragt, ob er es sich vorstellen könnte, hier zu arbeiten, kommt aber das verinnerlichte Rollenmodell schon voll durch „Ja, es macht grundsätzlich schon Spaß, aber lieber wäre mir ein Männerberuf.“ Ob die Frauen in dem Film es sich so vorstellen, dass ein Mann sein eigenes und persönliches Rollenverständnis aufgibt, nur weil sie es wünscht oder es politisch gerade schick ist?

Zum Schluss gibt es noch einen hochgewachsenen Jungen, der gerade dabei ist, seine mittlere Reife abzuschließen, aber auch bereits mit schlechten Noten und einer allgemeinen Unlust kämpft. Zu Hause langweilt er sich meistens, also will er lieber mit seinen Kumpels um die Häuser ziehen. Die Mutter aber zwingt ihn- wenigstens an einem Tag in der Woche- zu Hause zu bleiben, beim Hausputz zu helfen und sich um seine Bewerbungen und andere Schreibtischtätigkeiten zu kümmern. Dass das bei ihm nicht besonders gut ankommt und pädagogisch auch nicht besonders sinnvoll umgesetzt wird, verwundert den Zuschauer kaum. Er schickt seine Bewerbungen zu spät weg und wird bei einem Bewerbungsverfahren der Bundeswehr mit einer knallharten Realität konfrontiert. Gestandende Männer, die schon längst in ihrem Beruf stehen und einen bestimmten Status erreicht haben, durchleuchten ihn mit ihrem Röntgenblick. „Warum haben sie nur eine ‘Ausreichend’ in Technik?“ wird da gefragt. „Mich hat es nicht so interessiert. Da ging es um quadratische Funktionen und Parabeln“ ist die schüchterne und unbeholfene Antwort. In den Sozialnoten kann er gut abschneiden, als er danach gefragt wird, kann er seine positiven Qualitäten allerdings nicht genügend „verkaufen“- zu schüchtern. Wirklich vorbereitet hat ihn wahrscheinlich auch keiner. Später sehen wir, dass eine Absage kommt, aber immerhin landet er auf einer Warteliste.

Die Sendung war interessant recht gut, stellenweise aber zu voyeuristisch. Mir haben ein paar Erklärungen und Lösungen gefehlt. Ein, zwei Sätze von Klassenlehrern zur Situation der betroffenen Jungs sind einfach zu wenig. Ein paar Fachaussagen von Kinderpsychologen hätten geholfen, für Eltern oder den interessierten Zuschauer vernünftige Antworten und Lösungen zu finden.
Man hat ansonsten das Gefühl, dass der Zuschauer dem Schicksal der „schwierigen Jungs“ nur unbeteiligt zusehen soll.
Nach der Sendung wird erleichtert die Fernbedienung weggelegt und sich darüber gefreut, dass die eigenen Kinder einfacher sind und dass die eigene Pubertät schon lange vorbei ist.

Posted by J.A. on Dezember 19, 2011

Das unbezahlbare Weihnachtsgefühl

Ist es nicht seltsam, wie sehr man für ein richtiges „Weihnachtsgefühl“ abhängig vom Wetter ist? Aber was soll das schon sein, ein Weihnachtsgefühl! Und überhaupt, vom Wetter abhängen? Das kann ja höchstens übersentimentale Poetinnen und andere christliche Romantikerinnen betreffen- aber nachweisbar ist es ganz sicher nicht!

Nun ja, ich will es dennoch mal versuchen. Dieses Jahr gab es also noch kein Schnee. Zumindest nicht für die Leute in Deutschland und für die meisten im Flachland. Etwas weiter höher in den Bergen soll es ja durchaus schon weiße Flöckchen gegeben haben. Ansonsten: Regen, Wind und Matsch, soweit das Auge trieft. Vor allem Wind, z.B. gestern. Da flog einem die Mütze nur so vom Kopf. Der Wind zerrte mit seinen kräftigen Armen am Balken der Unterkunft und wollte mal wieder zeigen, was er so drauf hat. Es pfiff und blies nur so, was das Zeug hielt. Einen ganzen Tag lang. Schwindel in den Ohren, irgendsoeine gereizte Stimmung hatte sich ebenfalls breit gemacht. Vom Wetter, ach komm! Was bist du doch nur für ein Waschlappen. Da muss man wirklich schon sehr empfindlich sein, davon so abhängig zu sein. Oder darauf so zu achten, das wird auch immer schlimmer dann!
Was sollen die Extrem-Bergsteiger erst sagen? Oder die extrem Lang-auf-einen-Pilgerpfad-Marschierer? Oder die Leute, die damals zur Antarktis gesegelt sind? Die wären froh, über diese netten mittelwarmen Temperaturen und die frische Brise. Also, wie immer eine Frage der Perspektise.

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Posted by J.A. on Dezember 17, 2011

Ein Nachruf

Vera F. Birkenbihl ist tot. Ich habe davon erst gar nichts erfahren, sondern erst über Umwege davon gehört. In den meisten Mainstream-Medien hat man überhaupt nichts dazu gelesen. Und auch, wenn man den Begriff bei Google eingibt, findet man fast ausschließlich Blog-Einträge, aber keine „großen“ Nachrichtenseiten. Die Wikipedia ist etwas sparsam, wie fast immer bei sozialen, psychologischen oder pädagogischen Themen.

Dieses Besetzen von Nischen passte vielleicht zu ihrem Leben. Ich habe ein paar Vorträge von ihr auf DVD und im Internet angeschaut. Was mich an ihr inspiriert hat, war ihre Art zu denken, ihr wissenschaftlicher Charakter und ihr Forschergeist, der bei Frauen doch recht selten ist und zumindest eher selten so intensiv umgesetzt wird. Sie hat es sich und anderen nicht leicht gemacht, war sehr intelligent und fleißig und brachte die Dinge auf den Punkt. So wie eine Wissenschaftlerin sein muss.

Aber meine Worte dazu sind nicht ausreichend. Schon die ersten beiden Blog-Beiträge, die ich gefunden habe, können das alles viel besser und genauer beschreiben:

z.B. Hier oder hier

Bücher von ihr habe ich nur eins, das über die Kommunikation. Ein schönes, dickes rotes Buch, damals mein erstes über Kommunikationspsychologie. (Leider ist die praktische Umsetzung sehr viel schwieriger als gedacht) Viel Theorie, aber auch viel zum Selbstdenken und Mitdenken. Wissenschaftlich, ausgewogen, gut. Außerdem steht im Regal noch die CD von ihr „Von nix kommt nix“, die ebenfalls sehr sehenswert ist. (Daraus hängen geblieben ist bei mir: werden sie Jäger! Gehen sie auf die Suche und beschäftigen sie ihr Gehirn; bauen sie selbstständig Verbindungen auf, lernen sie frei zu denken- so ungefähr in der Art, sie beschreibt das sehr gut und weckt in einem die Freude am Lernen und Denken)

Als Begriff eingeprägt hat sich bei mir außerdem der Begriff der „Meme“, also eine Art gedanklichen Virus, den man ohne zu Hinterfragen übernimmt und der von seiner Struktur meistens eine Art Vorurteil ist. Das zu erkennen, halte ich für sehr wichtig. Gerade wenn man bloggt und sich oft und viel Meinungen über andere macht, ist es umso wichtiger, dass man auch die eigene Art zu denken hinterfragen kann. Gehört so ein wenig zum Begriff „Freiwilliger Blogger-Kodex“, falls es so etwas geben sollte. Ist natürlich auch für alle anderen Arten von Menschen sinnvoll…

Hatte ich im Blog schonmal erwähnt, wen es interessiert, hier nochmal der Youtube-Link:
http://www.youtube.com/watch?v=XY60DBP4UQk

Zudem liest man oft, dass ihre Anleitungen zum besseren Lernen sehr gut sein sollen, insbesondere wenn es um Fremdsprachen geht.

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Posted by J.A. on Juli 26, 2011

Erwartungshaltung

Erwartungshaltungen sind ein zweischneidiges Schwert. Ständig erwarten wir etwas: Wir erwarten, dass sich der oder die Liebste endlich bei uns meldet und sind furchtbar enttäuscht, wenn unsere eigenen Gefühle nicht erwidert werden. Wir erwarten ein Schnäppchen und ein tolles Produkt und werden es reklamieren oder umtauschen, wenn es unseren hohen Erwartungen nicht gerecht wird. Der Millionär erwarten beim Kauf seiner Immobilie einen unverstellten Blick aufs Meer, mind. 500 Quadratmeter und eine top Ausstattung. Er erwartet, dass bestimmte Sicherheitssystem installiert, die Garage für seine 20 Autos groß genug und der Weg zum Eingang natürlich mit Marmor und Goldstatuen ausgetattet ist.

Der Hartz IV-Empfänger hingegen erwartet, dass seine paar hundert Euro pünktlich auf dem Konto landen, er erwartet, dass er nicht über alle Maßen vom Arbeitsamt gequält wird und er erwartet, dass am Monatsende noch Geld für ein Stückchen Brot vorhanden ist.

Der Säugling erwartet, dass er gefüttert wird und dass da Menschen sind, die sich um ihn kümmern werden. Das Schulkind erwartet, dass der Lehrer ein schlauer Mensch ist und ihm Mathematik und Deutsch beibringen wird. Der Abiturient erwartet, dass die Prüfungen ordentlich überwacht werden und die Anforderungen zu bewältigen sind. Der Student erwartet, dass es einen freien und erschwinglichen Studienplatz geben wird und der Arbeitssuchende erwartet, dass da Arbeit für ihn geboten wird, damit er wiederum was für die Gesellschaft tun kann.

Dass der Lehrer vielleicht heimlich Alkohol trinkt oder eine schlechte Ehe führt, das kommt dem Schulkind nicht in den Sinn. Wer hat es schon gefragt, ob es da sitzen will oder nicht?

Von der Blog-Autorin erwarten wir auch viel: Es sollen möglichst täglich Beiträge geschrieben werden und sie sollen zumindest einen Großteil unserer Gedanken entsprechen. Wir ärgern uns, wenn sie anderer Meinung ist als wir. Wir erwarten, dass sie mit uns diskutiert und uns verlinkt.

Wir wollen gehört, beachtet und geliebt werden. Mir erscheint, die grundlegende Erwartungshaltung ist etwas, das tief in unseren Genen und in unserem Wesen verankert ist.

Wie schmerzlich ist es dann, wenn wir merken, dass es Zeiten gibt, in denen nicht ständig alle Erwartungen erfüllt werden. Man möchte Geld asugeben und sich was schönes leisten, aber am Monatsende ist zu wenig da. Wohin können wir die Erwartungshaltung dann schicken?

Man erwartet eine perfekte Gesundheit, gibt aber nichts dazu. Man ernährt sich ungesund, sitzt zuviel vor Fernseher und PC, treibt keinen Sport und erwartet, dass alles zum besten läuft. Dann geht man zum Arzt und erwartet, dass der die eigene Gesundheit schon wieder hinbiegen wird.

Man erwartet, dass die kreativen Gedanken einem zufliegen, obwohl man nicht mit dem Schreiben anfängt, weil es „zu anstrengend“ ist.

Am schlimmsten aber sind die Erwartungshaltungen an andere Menschen, die im Grunde ständig und überall enttäuscht und unterlaufen werden. Vor allem, wenn man Menschen sehr gerne hat und die Grenze zwischen sich selbst und anderen nie richtig sieht- oder übersieht. Wenn man glaubt, ich, die anderen und die Welt sind eins…

Sind die Erwartungen im Bezug auf Dienstleistungen, Güter, enge Familienangehörige noch irgendwie nachvollziehbar und mit einem kleinen Anspruch versehen (vor allem im kommerziellen Bereich), so sind es doch die zwischenmenschlichen Belange überhaupt nicht. Man kann Menschen nicht besitzen, man kann sie nicht zwingen zu antworten oder zu reagieren, man Leser nicht zwingen zu kommentieren, man kann Partner oder potentielle Partner nicht zwingen, zu lieben. Man kann nicht erwarten, dass man mit Respekt behandelt wird, auch wenn man sich das noch so sehr wünscht. Menschen sind komplett unberechenbar und undurchschaubar. Und Menschen sind keine Waren und keine Computer, die man nach Bedarf ein- oder ausschaltet oder wegwirft.

Wir haben vielleicht die Erwartung, dass zweimal in der Woche Sex gut für uns wäre, aber der Partner sieht das anders. Wir erwarten, dass die Wäsche gemacht, die Einkäufe erledigt und das Bett gemacht ist, wenn wir uns abends reinlegen wollen. Wir erwarten, dass die Kinder erzogen, das Unkraut gejätet und das Auto gewaschen wird.

erwarten, erwarten, erwarten..

Und dann trifft es uns völlig unerwartet, wenn etwas eintrifft, dass wir nicht erwartet haben.

Wäre es vielleicht nicht besser, von Anfang an weniger zu erwarten und stattdessen öfters positiv überrascht zu werden?

Welche Haltung in uns lässt das nicht zu?

Wenn wir z.B. zu egoistisch und selbstbezogen sind, können wir uns nicht in andere versetzen. Wir können uns nicht vorstellen, dass sie auch Menschen sind und Bedürfnisse haben. Unsere eigene Erwartung kollidiert dann mit den Grenzen und Möglichkeiten der anderen. Ist es nicht vermessen und kindisch, das nicht erkennen zu können? Ein Ausdruck von mangelnder Reifheit und unzutreffender Überlegung?

Ein weises Kind erkennt schon mit fünf Jahren, dass die Mutter jetzt gerade überlastet ist und keine Zeit für die Gute-Nacht Geschichte hat, weil ihr selbst Tränen in den Augen stehen und sie vielleicht jemand bräuchte, der ihr etwas vorliest oder sie an sich drückt.

Der gestreßte Gschäftstmann bräuchte jemand, der ihm den Druck von den Schultern nimmt, der ihm sagt „Es ist okay, so wie du bist, es ist genug“.

Aber da ist niemand, viel zu selten. Gegen die Erwartung irgendwas zu bekommen, was wir nicht erworben, umworben oder ersteigert haben- ein Ding der Unmöglichkeit.

Liebe und Vertrauen sind keine frei erwerbbaren Güter, die irgendwo in der Luft rumschweben und dich eines Tages wie ein Blitz treffen. Du musst nur zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein…

Categories: Psychologie
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Posted by J.A. on März 2, 2011

Der Fall eines Prinzen

und der zurückbleibende moralische Scherbenhaufen

Zwei Perspektiven fehlen mir in den derzeitigen Guttenberg-Zu-Rücktritt-Berichten. Einmal: Die Gefühle und zum zweiten: die Rücksicht auf den Menschen.

Auch wenn ich weder Anhängerin der CSU bin und vor allem ihre Wertvorstellungen und konservativen Einstellungen nicht teile oder gut finde; auch wenn ich negativ bzw. etwas spöttisch über den Guttenberg-Vorgang geschrieben habe (und er im Kern ein politischer Skandal bleibt und auch für einen Rücktritt gereicht hat) und auch, wenn ich die Einstellung und die Bewegungen in der Netz-Gemeinde eher progressiv und gut, als schlecht finde; bei all den „trotz“ und „abers“…

Der Mensch Guttenberg tut mir leid. Er tut mir leid, weil er in ein System der Macht und Selbstbezogenheit gezogen worden ist. Er tut mir leid, weil er beneidet wird und die Medien und andere Menschen kollektiv auf ihn eingedroschen haben. Er tut mir leid, weil er gut reden konnte, meistens einen freundlichen bis authentischen Eindruck gemacht hat und eine neue Klasse von Politikern dargestellt hat. Wenn schon CSU, dann wäre Guttenberg das kleinstmögliche Übel gewesen. Der Mut zu Veränderung ist in dieser Partei ein kleiner Lichtblick und die Partei wäre gut beraten, diesen Aspekt weiter auszubauen. Für eine Pauli hat es ja dann leider doch nicht ganz gereicht, aber die Richtung stimmt schonmal!
Die Menschen haben Guttenberg gemocht, weil sie auf ihr Herz vertraut haben und nicht nur, weil sie ausschließlich die Springer-Presse gelesen haben.

Die Soldaten tun mir leid, weil sie eine wichtige Bezugsperson verlieren und jemand, der sich ihrer Sorgen und Nöte angenommen hat. Weil mit Guttenberg eine reisefreudiger und aufrichtiger, anteilnehmender Politiker zurückgetreten ist. Die jungen Menschen, deren Begeisterung für einen freiwilligen Dienst nun erst geweckt werden muss (und damit das eigentliche Problem an der „Reform“ darstellen)… aber auch die alten und kranken Menschen, die von Zivis versorgt worden sind und über die kaum jemand mehr spricht. Ein Guttenberg hätte mit seinem Charisma viel Gutes bewegen können. Er war in vielerlei Hinsicht ein Vorbild, jemand zu dem man aufschauen konnte und leider auch jemand, den man hassen oder beneiden konnte.

Menschen lassen sich nicht täuschen, wenn es um Beliebtheit von Menschen oder Politikern geht. Guttenberg ist jung und mit seiner aristokratischen Wurzeln stellte er für viele Menschen eine Art „Ersatz-König“ dar. Es passte einfach alles zusammen: Jung, vermögend, eine hübsche Frau, fotogen, redegewandt, gebildet, ehrgeizig, erfolgreich und eine kometenhafte Karriere. Beliebtheit bei Partei-KollegInnen und bei den Menschen im Volk. Was kann ein Mensch mehr sein, wenn es um die reine Äußerlichkeit geht? Aber diese gläserne Podest, auf das er von allen gehoben worden ist, war zugleich sein Untergang. Während Frauen meistens vor gläsernen Barrieren oder Decken stehen und schon allein auf Grund ihres Geschlechtes niemals diesen Ruhm und diese Beliebtheit erlangen können, profitierte Guttenberg auch von seiner sportiven Männlichkeit, die den Idealtypus unserer Zeit wie kein zweiter repräsentierte. Auch gerade, dass er kein typischer Politiker zu sein schien und irgendwie locker und natürlich herüberkam, wurde an ihm geschätzt.

Mir tut er leid, aber mir tut auch das ganze Politik, Medien und Internetgeschäft leid. Eine Sache, warum ich immer weniger Lust darauf habe und mich schrittweise immer weiter davon distanziere, weil ich merke, wie falsch alles und jeder ist. Jeder beneidet und kritisiert den anderen, eine wirkliche Bindung gibt es zwischen den Leuten nicht. Und was ist die vielgelobte „Netzgemeinde“ denn oft, als ein sich mit Hilfe technischer Mittel zusammenrottender Mob, der danach schreit, den König zu stürzen? Mir tun die Leute leid, die nicht verzeihen können. Die solange auf den Fehlern und der Schwäche eines Menschen herumreiten, bis dieser unter dem Druck zusammenbricht (oder alternativ: sich umbringt). Mir tun die Leute leid, die von vornherein behaupten müssen, dass das Leben kein Ponyhof sei oder Mitleid grundsätzlich nicht zu erwarten sei. Nein, Mitleid gibt es nicht in der Welt „da draußen“. Und gibt es Mitleid in der Welt „da drinnen“ oder ist sie schon gänzlich ausgehöhlt und zerfressen von Ehrgeiz und Neid?
Was ist Neid? Neid deutet darauf hin, dass dem Menschen etwas fehlt und weil es ihm so sehr fehlt, gönnt er es auch einem anderen nicht. Neid ist Mangel im menschlichen Bereich und er ist ziemlich verbreitet. Niemand ist zufrieden, niemand ist gesättigt. Der Konsum oder die Arbeit allein sorgen nicht für Glück. Glück sind kleine, unsichtbare Momente. Großmut, Verzeihen, sich etwas schenken, Zeit geben, die Stärken sehen, loben.

Mir tun die Menschen leid, die in so einem System leben und so eine Art von Politik hervorbringen. Wo sich Neid und Betrug mehr auszahlt, als intensive Arbeit und qualifizierte Recherche. Wo die Titel und Posten, das Gehalt mehr zählt, als der langsame und auf gesunden Füßen gewachsene Fortschritt. Das ist das traurige daran. Es ist traurig, wie qualifizierte Menschen an so einem System zerschellen, weil sie den Verlockungen nicht widerstehen können. Das System wird auch nicht besser, wenn wir darüber schimpfen. Es entsteht kein menschlicher Wandel auf der Basis von Neid, Gier oder Hass.

Das einzige was man braucht, um glücklich zu sein ist Toleranz, Vergebung und viel, viel Geduld.