Posted by J.A. on Januar 16, 2013

Ich bin eine Bloggerin, hol mich hier raus

Gestern ist es mir mal wieder passiert: Der sehr gute, werbefreie Krimi im ZDF hat gefallen und überzeugt. Spannung pur, eine interessante Handlung und hervorragende Schauspieler rundeten das Fernsehvergnügen auf hohem Niveau ab.

Dazu als deutsch-österreichische “Crossproduktion” und dem majestätischen Handlungsort Wien eine perfekte Grundlage für einen netten Fernsehabend. Und so kam es dann auch.. eine Rezension spare ich mir, weil man den Film noch online anschauen kann und ich nicht zuviel “spoilern” möchte.

Eigentlich wollte ich danach den Fernseher ausschalten, weil schon ein kurzer Blick in die Fernsehzeitung betätigte, dass hier nicht mehr viel interessantes kommen würde. Außer eben dieser einen Sendung, die man eigentlich nicht schauen sollte, die aber gerade jetzt anfängt… über die auffallend viel geredet und berichtet wird (weniger in den Qualitätsmedien, aber umso mehr in den Boulevardmedien).

Die Sendung heißt: “Ich bin ein Star, holt mich hier raus” oder kürzer gesagt, das “Dschungelcamp“.

Die letzten Staffeln habe ich fast alle ausnahmslos ignoriert, weil ich entweder das ganze Konzept zu abartig und eklig fand, die Promis nicht mochte oder das ganze System mit dem auf Einschaltquoten ausgerichteten Privatfernsehen einfach nur ätzend finde.

An dieser Einstellung hat sich eigentlich nichts geändert, dennoch ist die Neugierde einfach zu groß, denn die Sendung hält sich ähnlich hartnäckig wie andere Formate, die auf Grund ihrer mangelnden Qualität dem Untergang geweiht sein müssten (z.B. Big Brother, “DSDS” oder Germanys Next Topmodel).

Ich habe also beschlossen, mir die letzten zwei Folgen mal komplett anzuschauen und zu überlegen, was an dieser Sendung eigentlich gut und was schlecht ist. Auch schlechte Sendungen verdienen eine vollständige Rezension und eine qualifizierte Bewertung, ansonsten macht man es sich mit einem Vorurteil zu einfach.

Da fängt es mit den Kandidaten an, die wieder einmal sehr seltsam ausgewählt worden sind (nachzulesen hier ).

Ich kannte vorher eigentlich nur Fiona (aus Heidi´s Topmodel-Sendung), den Karstadt-Erpresser “Dagobert” (huch, ein Krimineller?  ) und natürlich die Show-Transe Olivia Jones (die letztendlich auf Grund ihres hohen Glamour-Faktors auch den Grund zum Einschalten gab).

Die restlichen Namen sind ziemlich unbekannt und verdienen den Namen C-Promis eigentlich nicht: Die Mutter von Daniela Katzenberger darf wahrscheinlich nur auf Grund des Ruhmes ihrer Tochter ins Camp und von Allegra Curtis habe ich erfahren, dass sie die (Halb-)Schwester von Jamie Lee Curtis ist und mit Tony Curtis einen berühmten Vater hat.

Naja. Den Rest muss man nicht wirklich kennen. Oder kann jemand was mit Namen wie Geogina oder Claudelle Deckert etwas anfangen? Auch Joey Heindle, Patrick Nuo oder Silva Gonzalez muss man nicht wirklich kennen.

Erstes Minus also für RTL, die es mal wieder nicht geschafft haben, interessante Charaktere mit ins Boot zu holen und nur den Bodensatz der Nebenbühnen-Prominenz anlocken konnten.

Das Konzept wurde ebenfalls nicht geändert und bleibt belanglos wie einfallslos, mit dem kleinen Bonus, dass man eine hohe virale Aufmerksamkeit erzeugen kann: Man reise an das andere Ende der Welt (Australien), sperre die Promis in ein von der Außenwelt abgeschnittenes Camp, versorge sie nur mit den nötigsten menschlichen Bedürfnissen und lasse sie (anders als daheim) mal richtig für ihr Essen arbeiten (in Form der Dschungelprüfungen). Die Kandidaten für diese Prüfungen werden wiederum von den Zuschauern per Telefon gewählt, was zum einen einen extra Umsatz für RTL generiert und auf der anderen Seite ein paar neue Dauer-OPFER erschafft, die man auf Grund ihrer Zickigkeit oder Unbeholfenheit immer wieder leiden sehen möchte (in diesem Falle Georgina).

Den Läster-Kram, der beim langweiligen Abhängen im Camp mit der stets gleichen Totale und gelegentlichen Zooms auf die Kandidaten “aufgelockert” wird, kann man dann am nächsten Tag in hundertfacher Vervielfältigung in den Klatschmedien der deutschen Medienlandschaft nachlesen.

Ein weiteres Highlight sind die ironischen und teils bissigen Kommentare der Moderatoren Sonja Zietlow und Daniel Hartwich..entweder aus dem sicheren Off oder direkt im Angesicht der Kandidaten, wenn sie die Prüfungen moderieren müssen. Hartwich ist der Ersatz des im letzten Jahr verstorbenen Dirk Bach.. ob er aber in diese berühmten Fußstapfen der Show-Unterhaltung treten kann, wird sich noch zeigen müssen. Was man bis jetzt gesehen hat, war viel versprechend. Vielleicht nicht ganz so überdreht und bissig, aber doch schön ironisch und als passender Gegenpart für Frau Zietlow.

So zwei Sendungen habe ich mir reingequält und wie lautet das vorläufige Fazit?

Am Anfang habe ich mir gedacht, wie langweilig das ganze ist. Die Prüfungen sind eklig und tlw. grenzverletzend. Was denken sich eigentlich die Tiere, deren Ruhe man stört, die man in Käfige einsperrt oder die vor laufender Kamera enthauptet werden (“der Larve musst du den Kopf abbeißen, den Rest aber essen”)? Und was ist mit der Würde der Menschen, deren letztes aus ihrem Privatleben auch noch gezeigt wird? Die in unwürdigen Haltungen und teils ungeschminkt oder gar nackt bis in die letzte Pore auf der Titelseite des nächsten Magazins landen? Wie dämlich kann man eigentlich sein, sich in der anschließenden Extra-Sendung nochmal die Aufbereitung des völlig belanglosen ansehen zu müssen? Und warum- in aller Welt- machen die Zuschauer eigentlich mit, rufen dort an, schauen sich die Werbung an und unterstützen das ganze damit?

Was hat die Sendung also, was sie begeistert, was fasziniert? Bei all dem objektiv “schlechten” und moralisch verwerflichen muss es doch etwas geben, was dafür sorgt, dass die Menschen davon angezogen werden?

Vielleicht ist es gerade dieses “schlechte”, was so anziehend wirkt. Das man weiß, wie widerwärtig das Konzept ist, wie einfach gestrickt die Maschen sind und wie lustig es eigentlich ist, andere beim Verzehren einer Käsefrucht, einem Teller mit Kakerlaken, einer Schwein-Vagina oder beim beherzten Biss in einen Grill-Spieß mit Skopionen zusehen zu können.

Als Zuschauer/ Zuschauerin überlegt man sich auch, wie es weitergeht. Wird die Camp-Mutti Olivia dafür sorgen können, dass sich die zickige Georgina mal zusammenreißt und nicht bei der nächstenbesten Ekelattacke einen Rückzieher macht? Welche Verhaltensweisen wird man beim Mann mit der kriminellen Vergangenheit noch entdecken können und wird die Mutter von der Katze noch ein paar Geheimnisse über deren ohnehin schon überstrapaziertes Privatleben preisgeben? Und warum.. interessiert uns das eigentlich alles?

Wenn man die Sendung gesehen hat, fühlt man sich danach so leer und so hungrig…. Hungrig nach Bildung, hungrig auf ein gutes Gespräch, hungrig auf einen guten Tierfilm in den Dritten, einer politischen Sendung auf Arte, hungrig auf einen langen, literarisch gut geschriebenen Roman (ohne Bildchen) oder einfach mal die Sonntagsausgabe der FAZ… zur Not würde ich auch mal wieder ein Buch von Schirrmacher lesen, aber bitte nicht-mehr-diese-Sendung!

Ich glaube, ich bin innerlich schon gefangen. ich sehe die Lianen sich bereits von der Decke winden. Die Grillen zirpen in meinem Gehörgang, ich bekomme Appettit auf ein großes Glas gequirlten Käfer-Cocktail.. ich glaube, ICH MUSS HIER RAUS !!!

Posted by J.A. on Mai 22, 2012

Das Markenprodukt

Zugegeben, der ARD Markencheck war bis jetzt eine recht informative Reihe, von der ich alle Folgen geschaut habe.

Ob adidas, dm, H&M oder Coca Cola stets hat die Sendung ein paar neue, interessante Fakten zum Vorschein gebracht.

Besonders erstaunt hat mich die psychologische Wirkung von Marken. Das ein Produkt tlw. viel höher oder besser eingestuft wird, nur weil es eine Marke ist. So haben die Test-Personen im adidas-Check das Markenshirt durchweg besser und „hochwertiger“ eingestuft, obwohl man nur ein paar Streifen draufgenäht hatte und es eigentlich ein Noname-Produkt war! Der Mensch hat eben nicht die ausreichenden Fähigkeiten, komplexe Urteile über Qualität zu fällen und auf Grund dieses faktischen Mangels an Objektivität greift man automatisch (unbewusst) auf das Marken-Urteil zurück. Der Druck der Massenpsychologie und der Gruppe verstärkt diesen Effekt („Oh, die andere Testgruppe hat das gute T-Shirt“ – je mehr man sich dann in vermeintliche Unterschiede reinsteigert, desto größer wird der gefühlte, aber eigentlich nicht vorhandende Unterschied).

Aber selbst die sportlichen Leistungen, bzw. die Selbst-Einschätzung darüber, war bei dem vermeintlichen Markenprodukt besser. Bei den Sportschuhen und den Fußbällen gibt es aber auch messbare Unterschiede und Qualitätsverbesserungen bei teuren Markenprodukten. So waren die Flugeigenschaften der Markenbälle tatsächlich ein wenig besser und von Experten auch eindeutig zu erkennen. Die Laufeigenschaften und Bequemlichkeit von teuren Schuhen waren besser als die billigen Vergleichsprodukte. Gerade an den empfindlichen Füßen fallen solche Unterschiede besonders auf.

So vermischen sich tatsächliche Unterschiede, die durch teure Forschungsarbeit und echte Qualitätsverbesserungen geleistet werden und die Werbe-Wirkung der Marke auf eine sehr verstrickte Weise, die der Verbraucher nur schwer durchschauen kann.

Wenn Kinder nach dem besten Ball gefragt worden sind, tendierten sie meistens zu dem adidas-Ball mit der einfachen Begründung „weil die da im Fernsehen bei den großen Spielen den auch immer benutzen“. Das ist zwar kindlich argumentiert, wird aber auch bei manch großem Menschen noch tendenziell nachwirken. Wenn man etwas nur hinreichend oft sieht oder viel darüber gesendet wird, empfindet man es automatisch als vertrauter und somit auch als hochwertiger.

Schwierig war hingegen die stoffliche und optische Unterscheidung der Marke vom Plagiat. Eine Sache, die den Herstellern bestimmt einige Kopfschmerzen bereitet. Denn: Wenn eine Marke gut und etabliert ist, dann lädt sie auch umso mehr zum Nachmachen nach. Fremde Federn stehen halt sehr gut..

Nur der längere Wasch-und Gebrauchstest hat deutliche Unterscheide zwischem Plagiat und Original aufgezeigt. Das Original ist farbstabiler und verliert die Form nicht. Bei dem einfachen Ersteindruck-Test hingegen versagten die meisten Passanten, die man in der Fußgängerzone befragte.

Auffällig ist am Schluss noch das „Fairness“-Kriterium, dass man bei fast allen Marken untersucht hat. Fast alle großen etablierten Marken, aber vor allem die Kleidungsindustrie, haben hier noch großen Nachholbedarf.

Tlw. beträgt der Lohnkostenanteil eines Marken-T-Shirts magere 10 Cent, das Endprodukt steht dann aber im Verkauf für 60 oder 70 Euro. Da fragt man sich schon, warum der Anteil für die Arbeiter nicht erhöht werden kann? Warum die teuren, europäischen und westlichen Marken die Vorteile der Globalisierung so schamlos ausnutzen und sich so wenig verantwortlich fühlen? Denn ihre Armut ist auch unser Problem!

Andere Markenchecks zu Kleidung haben zudem gezeigt, dass es fast unmöglich ist, ein Produkt zu erwischen, welches nicht in einem Billiglohnland produziert wurde… da müsste man schon auf sehr spezielle Marken mit entsprechendem Gütesiegel zurückgreifen oder vielleicht das „nur in Deutschland produzierte“ Konkurrenzprodukt.

Diese Schattenseite der Produktionswege kann durch Werbung und im Konsum-Alltag gut verschleiert werden. Daher sind solche Dokumentationen recht hilfreich, um die Hintergründe zu begreifen und eigene Kaufentscheidungen zu überdenken.

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Posted by J.A. on Mai 8, 2012

Haben oder Verlieren

Jahr: 2011, Frankreich
Regie: Mona Achache
Drehbuch: Eric Guého und William Wégimont

Um Sinnsuche und Werteverschiebungen durch die Finanzkrise ging es auch in dem französischen Spielfilm „Um Bank und Kragen“, der vor ein paar Tagen auf ARTE ausgestrahlt wurde. Wie ich gerade beim Recherchieren feststellte, kann man ihn komplett (auch in HD) im Mediaplayer und online anschauen, außerdem wird er am 11. Mai um 15 Uhr wiederholt, laut ARD Webseite auch noch am 30.05. um 15 Uhr1.

Kurz gesagt, geht es bei dem Film um zwei sehr unterschiedliche Familien, die sich vor allem durch den Beruf und den finanziellen Background unterscheiden. Die reiche Familie des Finanzinvestors Deville, der vor allem durch Entlassungen Geld verdient und die gering verdienende Familie, am unteren Ende der sozialen Skala, mit der Friseurin Ricci und ihrem arbeitslosen Hausmann. Die Entwicklung dieser beiden Familien wird diagonal gegenübergestellt: Während die reiche Familie durch den Jobverlust plötzlich in Armut und Arbeitslosigkeit rutscht, hat die arme Familie eine einzigartige Geschäftsidee und steigt quasi über Nacht zum erfolgreichen Internet-Startup mit Macht und Einfluss auf. Daraus ergeben sich jeweils ganz eigene Probleme. Während die ehemals reiche Familie sich in der neuen Welt nur mühsam zurecht findet und vor allem von Freunden und Geschäftspartnern enttäuscht wird, weiß die arme Familie zuerst gar nicht, wohin mit dem Geld oder der Frage, wie der neue Neid und die Missgunst von anderen bekämpft werden kann. Auch persönliche Probleme und Auseinandersetzungen mit den anspruchsvollen Kindern werden ausgiebig ausgebreitet. Veränderungen von außen erschüttern gleichermaßen das inner-familiäre Wertegefüge.

Im letzten Drittel der Geschichte treffen diese beiden Familien aufeinander und erleben weitere Verwicklungen. Der Film endet mit einem eher offenen Ende und ist insgesamt als Zeit-Portrait der französischen Gesellschaft in Zeiten der Finanzkrise zu sehen.

Insgesamt hat mir der Film sehr gut gefallen, was an mehreren Gründen liegt: Zum einen ist das Thema hochbrisant und aktuell. Es gibt eigentlich nur wenige künstlerische Umsetzungen der Finanzkrise, was angesichts ihrer großen Auswirkungen für die gesamte europäische Gesellschaft (und darüber hinaus) verwunderlich ist. Vielleicht hinkt der kritische Zeitgeist einfach noch hinterher oder die Leute, die Filme machen sind selbst zu wenig davon betroffen, als dass sich spannende oder gar gesellschaftskritische Plots entwickeln könnten. Außerdem ist der Film sehr lustig und satrisch angehaucht- es vergehen keine zwei Minuten, in denen man über die grotesken Situationen und zackigen Dialoge nicht schmunzeln oder lachen muss. Das Erzähltempo ist angenehm temporeich, aber noch gut begreifbar. Die Kameraeinstellungen sind angenehm ruhig und nicht zu hektisch. In erster Linie nimmt der Film unser eigenes materielles Denken genau unter die Lupe- sowie die persönliche Skrupellosigkeit bei den einzelnen Mitgliedern der Gesellschaft, was bis hin zu den Kindern geht, die ihre Eltern einen Kredit geben und kurzerhand das Kinderzimmer zur Pfandstube umfunktionieren. Natürlich bekommt auch der Bank-Berater, der fett und selbstverliebt in seinem bequemen Bürostuhl sitzt und zu den persönlichen Problemen der „kleine Kunden“ oft nur müde lächelt, sein Fett weg. Aber die Klischees in diesem Film gehen weiter: jeder ist irgendwie betroffen, jeder hängt mit drin.

Die Schauspieler spielen sehr gut, allen voran die beiden weiblichen Hauptrollen, besetzt von Pascale Arbillot und Lolita Chammah. Jeder dieser Frauen geht zuerst in ihrem eigenen Leben perfekt auf und beide vollziehen einen Wandel in entgegengesetzte Richtung. Als sie am Ende aufeinander treffen, spielen sie die Feindseligkeiten, aber auch die Gemeinsamkeiten ihrer Biografie sehr überzeugend.

Die Männerrollen und die der Kinder sind ebenfalls gut besetzt und tragen zur Authentizität dieses lustig-satirischen Dramas bei.

Negativ ist mir nur der Schluss aufgefallen, bei dem zuviel zusammengefasst wurde und die Zeit arg gerafft wurde. Hier hat man versucht mit Hochtempo noch ein paar dramatische Wendungen einzubauen, die dann aber doch aufgesetzt wirken. Das angenehme Tempo des Anfangs wird dann plötzlich fallengelassen und durch große Sprünge ersetzt. Das offene Ende mit den vielen Fragezeichen passt ebenfalls zu dieser dramaturgischen Miss-Harmonie. Vielleicht gab es hier ein paar Probleme bei der Umsetzung des Buches und die Zeit, die man am Anfang großzügig für die Erzählung der Geschichte verschwendet hat, fehlte dann am Ende; vielleicht war es aber auch beabsichtigt.

Insgesamt ist der Film aber sehr gelungen und vor allem sehr witzig. Er erlaubt es an Stellen zu lachen, die eigentlich nicht lustig wären und lockert die Verkrampftheit und das Schweigen mit dem man aktuell auf Entwicklungen der Finanz- und Eurowelt schauen kann. Dabei nimmt er den Blick nie zu weit von den persönlichen Schicksalen und Entscheidungen und bleibt dadurch durchweg sympathisch und sehenswert.


Anmerkungen:
  1. http://programm.ard.de/Homepage?sendung=287247747333319 []


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Posted by J.A. on Januar 12, 2012

Hoch zu Ross

Pferd auf der Weide

Moderne Polizisten mit umfangreicher Ausrüstung und dem neusten technischen Schnickschnack hoch zu Ross auf Streife durch die Straßen trabend- dieses Bild ruft in mir immer unweigerlichen einen heftigen Anachronismus hervor. Warum nutzt man in diesen modernen Zeiten von Handy, Pfefferspray und Schlagstock eigentlich noch ein Pferd, welchen Sinn macht das? Wie sie dann majestätisch durch die Straßen reiten, auf Demonstrationen zusätzlich gepanzert und mit Hilfsmitteln ausgestattet, das erinnert eher an eine mittealterliche Kavallerie, als an eine moderne Polizei.

Welche Pferde werden dazu benötigt, welche Eigenschaften bringen sie mit? Und wie ist das mit den Reitern selbst? Was motiviert sie, was treibt sie an?

All diese Fragen wurden in der Reihe „Expeditionen ins Tierreich“ im NDR beantwortet, die sich in der aktuellen Ausgabe der wiedereingeführten Hamburger Reiterstaffel widmet. Im Internet ist die Sendung noch komplett anzuschauen (Mediathek) und am 12.01. um 11:30 Uhr wird sie nochmal im Fernsehen wiederholt.

Für alle Pferdefreunde und Anhänger einer modernen und vorausschauend denkenden Polizei „nah am Bürger“ ist die Dokumentation sehr sehenswert. Vor allem zum Schluss, als die neu ausgebildeten Reiter mit alten, erfahrenen Pferden (aus Hannover) einen Fußballzug begleiten müssen und dabei noch zusätzlich von Sprengkörpern und pöbelnden Fans aufgeschreckt werden, läuft es einem kalt den Rücken herunter. „Die armen Tiere“ denke ich mir nur dabei und wie blöd Menschen sein können, vor allem randalierende Fußballfans. Letztendlich werden die Tiere aber so ausgewählt und ausgebildet, dass sie sich an solche Strapazen gewöhnen.

Es kostet viel Zeit und viel Arbeit, die Tiere soweit zu bringen, dass sie diesen schwierigen Aufgaben gewachsen sind. Aber wenn, dann haben der Polizist und die Polizistin das schönste und lebendigste Polizeiauto, das man sich vorstellen kann.

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Posted by J.A. on Juli 13, 2011

An einem Tag in Duisburg

Gestern lief also diese Doku über die Loveparade mit dem Titel „An einem Tag in Duisburg“. Ich wollte sie mir zuerst nicht anschauen, da ich den Titel und die Aufmachung ein wenig zu reißerisch empfand und dann war da noch der Hinweis, dass stellenweise Ereignisse hinzugedichtet oder umgeformt wurden. Anscheinend ging es vielen Menschen so, denn mit einem Marktanteil von 5,6% und 1,53 Millionen Zuschauern war die Sendung alles andere als ein Einschaltquotenhit.

Das sind nicht wesentlich mehr Leute, als insgesamt auf der Loveparade waren. Man muss sich also fragen, wieso interessiert diese Sendung niemand? Wenn man doch selbst auf der Parade gewesen ist, dann sollte man doch wenigstens ein bisschen Interesse dafür zeigen- plus die Leute, die Verwandte oder Freunde dort hatten und dann noch die „allgemein interessierten“.

An der Qualität der Sendung kann es jedenfalls nicht gelegen haben: Die Doku war gut gemacht und zeigte in meistens chronologischer Reihenfolge den Ablauf der Ereignisse, die zur Tragödie führten. Manchmal wurden die Abläufe etwas durchmischt, um wahrscheinlich mehr Spannung zu erzeugen. Es wurde z.B. vom Vormittag der Parade plötzlich wieder auf die Planungs-Querelen im Vorfeld zurückgeschaltet. Die Schauspieler spielten ihre Rolle sehr gut und waren besser als in anderen Dokus dieser Art.

Zu wenig von allem

Im Mittelpunkt stand dabei der Veranstaltungspsychologe, der in einem kleinen Container vor Ort die vielen Videokameras überwachte, dabei versuchte, die Besucherströme zu lenken und über den Kontakt zu Polizei und Veranstalter jeweils bestmöglich einzugreifen. Schon hier wurden interessante Details in der Fehlplanung offenbart, die dann in ihrer Summe zum großen Unglück führten. Der Verbindungsbeamte zur Polizei hatte z.B. keine funktionierende Funkverbindung zu seinen Leuten, sondern versuchte mit seinem Handy zu kommunizieren. Er beachtete dabei aber nicht, dass bei sovielen Menschen an einem Ort die Netze heillos überlastet sein würden. Um einen Verantwortlichen zu holen und die Meldungen weiterzugeben, musste er also erst umständlich den Container verlassen. Ein weiteres Problem war, dass es auf der Parade keine Lautsprecheranlage (ELA) gab, mit der man die Masse über bestimmte Ansagen hätte steuern können. Auch eingreifende Menschen (sog. Ordner oder Pusher), die im Sinne der Organisatoren die Menschenmassen hätten lenken können, gab es viel zu wenig.

Die „Verstopfung“ an der Brücke (dem einzig möglichen Zulauf und Ablauf)  war also am Tag der Parade kaum noch zu bremsen oder aufzuhalten. Es fehlten einfach geeignete Mittel und Werkzeuge und die Planung war sehr schlecht bis ungenügend. Als dann noch die Kabel für die Videoüberwachung abrissen, weil die Menschen anfingen, an den Masten hochzuklettern, um irgendwie ins Freie zu kommen, war es endgültig vorbei.

Mangelnde Planung und Vorbereitung

Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt der Dokumentation war die Planungsphase und die Vorstellung der unterschiedlichen Menschen, die damit zu tun hatten. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Loveparade aus kommerziellen Gründen an einen Sponsor übergeben wurde. Die Stadt Duisburg hätte sich so ein Großereignis gar nicht leisten können, da sie finanziell schon beinahe handlungsfähig war. Dennoch gab es großen politischen Druck, um mit den Paraden in den anderen Ruhrstädten mitzuhalten und im Rahmen des Ruhr 2010 Projektes eine passende Großveranstaltung vorweisen zu können. Das erste Mal in ihrer Geschichte wurde die Parade abgesperrt und eingezäunt, wodurch sich auch andere baurechtliche Konsequenzen ergaben. Die Fluchtwege waren eindeutig unterdimensioniert und in der Reportage herrschte die Meinung vor, dass die Veranstalter trotz besten Wissens und Gewissens die Loveparade mit allen Mitteln und Wegen „durchzudrücken“ versuchten. Skeptische Meinungen wurden belächelt oder mit irgendwelchen Tricks ausgehebelt und unschädlich gemacht. Man gab z.B. zu, dass die Zahlen der vorherigen Loveparades gefälscht waren und in Duisburg wahrscheinlich gar nicht soviele Menschen kommen werden.

Allein schon das Konzept des Zulaufs war unzureichend. So stellte man z.B. fest, dass der Tunnel für eine Richtung die Kapazität von 70.000 Menschen aufwies, in der Planung aber bereits mit dem doppelten gerechnet wurde und zwar in unterschiedliche Richtungen! Dass dann am Tag der Loveparade nochmal deutlich mehr Menschen ankamen, als erwartet wurde, sprengte das Konzept der Zulaufes eindeutig. Das Gelände war insgesamt zu klein und der Versuch, durch die rotierenden „Floats“ (also die Wagen mit der Musik) die Besucherströme auf das Gelände zu ziehen, hat nicht wirklich geklappt.

In tragischen Bildern, die tlw. mit echten Aufnahmen vermischt wurden, wurde dann der genaue Hergang der Katastrophe dokumentiert. Wackelige Videos aus Handykameras sind hautnah dabei. Man sieht deutlich, wie die Besucherströme immer enger werden und am Ende überhaupt nichts mehr geht. Auch die verzweifelten Versuche der jungen Menschen, über die schmale Treppe zu entkommen oder über die Masten zu klettern, wurden aufgezeichnet.1

Augenzeugen

Wie bei solchen Sendungen üblich, wurden einige Augenzeuge interviewt, die dann die Geschehnisse erläuterten und mit eigenen Worten beschrieben. Da war z.B. das ältere Ehepaar, das eigentlich gar nicht auf die Parade wollte und dann doch überredet wurde. Oder die junge Frau, die ihrem besten Freund zuliebe auf die Veranstaltung gekommen war, um mit ihm dort Geburtstag zu feiern. Einige der Zeugen wurden in die Masse gedrückt und wären beinahe gestorben. Alle Menschen, die so nah dabei waren, leiden nun noch unter post-traumatischen Streßsymptomen, hauptsächlich Panikattacken , Angst vor Lärm oder Menschen und Schlafstörungen.

Auch ein Mediziner kommt zur Wort und erklärt in kurzen Worten seine Eindrücke und die Unwirklichkeit der Szenerie. Er meint, dass die Menschen auf dem Boden alle „so dreckig“ gewesen waren und er sich das zuerst nicht erklären konnte. Auch war ihm nicht klar, woran die Leute eigentlich gestorben waren, ging er doch zuerst davon aus, dass sie vielleicht bei Kletteraktionen abgestürzt seien.

Später erläutert er dann noch die genaue Todesursache, die im notfallmedizinischen Alltag wahrscheinlich sehr selten ist: Tod durch am Atmen gehindertes Ersticken. D.h. die Menschen werden so sehr durch die Menge gedrückt, dass sie nicht mehr in der Lage sind, eigenständig zu atmen und infolgedessen qualvoll an Sauerstoffmangel sterben. (genaueres hier) Man kann sich vorstellen, dass das ein sehr unangenehmer Tod sein muss. Vor allem Frauen waren betroffen, da sie mangels Kraft und Ausdauer nicht so lange in der Masse aushalten konnten und dann zu Boden gedrückt wurden.

Am Ende der Reportage wurden noch kurz die Geschehnisse nach der Tragödie aufgearbeitet und gezeigt, vor allem das peinliche Leugnen der Verantwortung von allen Beteiligten. Sehr schlecht kommt dabei der Oberbürgermeister weg, der einfach nicht zurücktreten will und sich dabei in teils zynische bis widersprüchliche Aussagen verstrickt. Er meint z.B. dass er nicht zurücktreten kann, weil das sonst wie ein Schuldeingeständnis wirkt. Das bis heute niemand wirklich die Verantwortung übernommen hat und keiner richtig „bestraft“ wurde, ist eigentlich sehr schade. Die Fehler in der Planung und das durch Profitgier und Machtstreben geleitete Handeln war so offensichtlich, dass einfach mehr hätte passieren müssen. Und, wie so oft, zeigt sich auch niemand bereit, sich zu entschuldigen oder die Hinterbliebenden anzuschreiben. Das ist eigentlich das Mindeste, was man erwarten kann. Die Katastrophe war keine Kleinigkeit und sie war eindeutig durch schlechte Planung und menschliches Versagen verursacht.

Fazit
Die Doku „An einem Tag in Duisburg“ fasst die Ereignisse sehr gut zusammen, bleibt sachlich und im Detail genau, verzichtet aber auch nicht auf moralische Aussagen und die Darstellung von Gefühlen der Beteiligten. Insgesamt war sie sehr sehenswert.

Auf ZDF.de kann man sie übrigens noch in voller Länge anschauen.

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Links und Hintergrundinfo


Anmerkungen:
  1. Hierzu gibt es auch sehr viele Videos auf Youtube, die allerdings nur von Leuten gesehen werden sollten, die das verkraften können und am besten volljährig sind; Youtube selbst scheint da nicht sehr viel zu zensieren; Ein verträgliches Video, das zumindest mal ein Gefühl für die Menschenmasse gibt, sieht man hier, eine Collage mit Bildern des Ereignisses hier []


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