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Die Mauer aus Glas

Sie wollte die Gefühle erkennen. Also kramte sie die Gefühle aus Ihrem Gehirn und schaute sich sie an.
Da standen interessante Gefühle, die alle einen Namen und tolle Fachbegriffe hatten. Gefühle von Trauer, von Depression, Abschied und Tod. Da waren auch ein paar lustige Gefühle, z.B. Freude, Glück, Euphorie, Neuanfang. Diese Gefühle mochte sie aber nicht so gerne. Das war ihr zu albern. Sie mochte lieber die richtigen „ernsthaften“ Gefühle. Daher zog sie auch immer Leute an, die auch ernsthaft waren und über Gefühle nur reden wollten. Das Problem war, die Gefühle glitten ihr immer aus den Fingern weg, wenn sie sie fassen wollte. Sie waren glitschig und nicht greifbar. Besonders schlimm war es mit der Liebe. Die war wie ein Schmetterling, der fröhlich hin und her flatterte, sich aber nie dauerhaft irgendwo hinsetzte. Immer, wenn sie ihn einfangen wollte, flatterte er weiter.

Und sie grübelte sehr lange und intensiv und fragte sich, was sie denn falsch machte?
Wie kann man fühlen, wenn man nicht darüber reden konnte?
Das war wie ein Widerspruch! Man sollte was essen, durfte aber nicht satt werden.
Man sollte über das Wasser laufen, aber keine nassen Füße bekommen.
Man sollte in den Wald gehen, aber keine Pflanzen treffen.
Es ging einfach nicht.

Also versuchte sie es weiter. Sie versuchte es mit Musik. Sie spielte die Musik… aber das war nur ein Ablesen von Noten. Wo war da das Gefühl? Es waren doch nur Noten. Und Klänge. Schallwellen- konnte man alles physikalisch erklären. Aber wo war das ominöse Gefühl in der Musik versteckt? Sie verstand es nicht. Was machten die anderen nur immer einen Hype daraus?

Das machte sie traurig. Sie wollte weinen. Aber es kamen keine Tränen.
Da waren nur trockene Augen.

Noch nicht mal das klappte.

Sie versuchte es mit einem Smiley. Da gab es sehr viele Smileys mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken.
Welcher würde wohl am besten passen? Sie wusst es wieder nicht.

Also schaute sie sich Menschen und ihre Gesichter an. Versuchte Gefühle zu erkennen.
Sie sah nichts. Sie sah die Formen, die Muster, die Farben. Sie las die Texte… aber sie erkannte den Menschen nicht. Er war weg. Unsichtbar, nicht zu greifen. Sie verstand nicht, warum sie IHM schreiben sollte. Was er denn eigentlich erwartete von ihr? Liebe, Zuneigung, Mütterlichkeit? Das war schwierig für sie.

Sie schaute sich weitere Menschen an. Die Zuordnung erfolgte über den Namen und das Geschlecht.
Sie konnte sie anschreiben und mit ihnen kommunizieren. Es funktionierte.

Aber hatte sie eine Beziehung zu den Menschen? Liebte sie? Fühlte sie sich verantwortlich?
Oder ging es nur um sie?

Fühlte sie sich selbst? Ich glaube nicht. Da wo normalerweise ein „Ich“ und ein „Gefühl“ war, war bei ihr ein großes Fragezeichen. Und ein Lexikon. Und ein Computer mit 100 Gigabyte. Ein Smartphone. Ein Gerät.

Sie funktionierte so tadellos. Aber ihr fehlte das Gefühl. Vielleicht ein Bauteil, ein Chip… oder die Versorgung über die Hauptrecheneinheit, den biologischen Zentralcomputer, dem der Treibstoff fehlte.

Ihr Gehirn machte das, was es sollte. Es bildete die Umgebung wirklichkeitsgetreu ab. Die Welt war logisch, und klar aufgebaut. Die Welt duldete kein Chaos, kein „Zwischen den Zeilen“. Also hatte ihr Gehirn auch nicht gelernt, diese Zwischentöne zu erkennen. Sie wollte lieben und klopfte nur gegen eine Mauer aus Glas, die sich langsam aber unaufhörlich um sie herum aufgebaut hatte.

Ich packe meinen Koffer


Ich packe meinen Koffer und nehme mit: meine Freiheitsgedanken, meine künstlerischen Gedanken, meinen Mut für mehr Feminismus, meine Kritiksucht und meine Kritikfähigkeit, meine Liebe zum Anderssein und für andere, meine Liebe zur Musik, für poetische Gedanken, für Badezimmer-Sprüche und verschmierte Blog-Wände, meinen Drang „progressiv“ und fortschrittlich zu denken, die Angst nicht über den Mut siegen zu lassen, meine Lust auf Menschen zu zu gehen und sie gleichzeitig zu fürchten, meinen Drang zu reisen und mich innerlich zu weiten, meinen Drang stabil zu bleiben und das Alte zu bewahren, meine Liebe für alle Menschen, aber ganz besonders für Dich.

Diesen Koffer packe ich und verreise innerlich. Auf eine Insel, auf der mich keiner finden kann, die aber überall Brücken und Schlauchboote hat, mit denen man übersetzen kann, wenn man denn will.

Das Püppchen

Passende Musik

Das Püppchen sah sich selbst vorm Spiegel an und konnte es kaum glauben. Die Wimpern so lang, die Wangen so hoch und die lockigen blonden Haare fielen ihr von der Schulter. Sie hatte volle Lippen, die sie in der letzten gerne schminkte. Ihr Haut war weiß und glatt geworden. Ihre Augen irgendwie tiefer und intensiver. Sie lächelte sich an, war sehr erfreut. So wie die letzten 2000-male auch, als sie sich vorm Spiegel anlächelte. Sie drehte sich ein bisschen um die eigene Achse um ihre neuen weiblichen Rundungen zu betrachten. Und auch die waren neu und schön. Sie konnte es kaum glauben. Sie strich vorsichtig den feinen Stoff ihres Kleides über die Hüfte und es fühlte sich tatsächlich alles echt an. Sie musste lachen, grinsen und ein bisschen kichern. Überhaupt lachte sie in der letzten Zeit viel mehr. Sie wusste nicht warum, aber sie fand alles witzig. Sie sah plötzlich Dinge, die sie vorher übersehen hatte. Ihre Augen waren wie ausgewechselt und die „Filter“ die dazu gehörten, sowieso. Alles hatte plötzlich einen rosa-farbenen Schleier. Die Dinge wurden weiblicher. Alles, was sie anfasste, wurde zu etwas weiblichem. Jede Bewegung ihrer Hände war weiblich, alles bestand plötzlich aus Anmut und Grazie. Sie arbeitete wieder mit Farben und konnte Stunden mit Bildern und Menschen verbringen. Alles lebte, die Figuren kamen ihr fast entgegen, unbewegtes wurde belebt und Menschen konnte sie fast durch den Bildschirm riechen und hören, auch wenn sie nur aus Bits und Bytes bestanden.

Dafür war ihre Konzentration schlechter geworden. Und sie fühlte sich dumm, was sie betrübte. Wenn der Typ neben ihr saß und sie mit ihm zusammen arbeiten wollte, konnte sie sich kaum auf den Inhalt am Bildschirm konzentrieren. ER war plötzlich viel wichtiger geworden. Sie setzte sich extra so hin, dass er sie berühren musste, wenn er mit der Maus was am Bildschirm erklären wollte. Sie genoss die Berührung. Das sanfte Streichen über ihre Haut. Das Blut schoss dabei durch ihren Unterkörper und die Nackenhaare stellten sich auf. An den Armen spürte sie ein leichtes Kribbeln. Überall war Energie, sie war die Energie. Und schon wieder musste sie kichern.

Die Musik ergoss sich über ihre Ohren. Es war nicht einfach nur noch Musik. Es war wie zwei Tonnen Vanille-Eis, das man über ihre Brüste und ihren Körper ausgegossen hatte. Sie lebte in diesem Bad aus Musik… dann vergaß sie alles um sich herum und schmolz wie Butter in der Sonne. Mit fettigen Fingern konnte sie gerade noch so an der Lautstärke drehen, dann setzte ihr bewusstes Denken, das „Grübeln“ aus. Ihr Körper wurde zu Noten, ihre Beine wurden zu Linien und ihr Herz pochte im Takt. Das Püppchen war ein schöner Anblick. Der Schalter im Nacken drehte sich und drehte sich. Ob die Batterie je zu Ende sein würde? Im Moment sah es nicht danach aus.

Ich mag – Teil 3


Ich mag Deine kritischen Gedanken und dass du es mir nicht einfach machst. Du bist wie eine wertvolle Blume, die gepflückt werden möchte. Aber du hast auch Stacheln, wenn man zu schnell an Dir reißt. Du bist eine fleischfressende Pflanze und hast es auf meine gierigen Finger abgesehen. Erst lockst du mich, dann schockst du mich.
Es geht immer hin und her. Seit Jahren schon. Ein endloses Spiel, das irgendwie nie vorbei ist. Ein Austausch von seelischer Energie, ein lustiges Spiel zwischen zwei „Seelenverwandten“.

Ich mag die geistige Ebene dieser Beziehung. Aber ich hätte auch gerne zwei Kinder von Dir und Babygeschrei. Du solltest mir mal ein Mittagessen kochen. Ich hätte gerne einen vollgekotzten Teppich und Tränen-Bäche auf dem Laken. Ich würde gerne sehen, wie du am Limit bist und vor Erschöpfung kaum noch stehen kannst. Dann fahre ich mit meiner erholten Hand durch deine verwuschelten Haare und frage dich „Schatz, was ist denn, du siehst ja so müde aus?“ Dann würdest du mich anbrüllen und anschreien und völlig verzweifelt sein. Deine Emotionen, die du sonst immer so gut kontrollierst, würden völlig überkochen. Und ich gehe zum Fußballspielen.

Du würdest dich darüber aufregen „dass alle Männer gleich seien“ und sie ihre Gefühle nicht zeigen, während dessen ich in das Geschäft gehen würde und mir einen hübschen Strauß Blumen aussuche. Der natürlich farblich zum Kleid passt.

Dann würde ich den bei Dir vorsichtig vor die Tür legen. Kurz klingeln und schnell wieder wegrennen. Bloß keine Gefühle zeigen… das ist so unangenehm. Dazu schreibe ich Dir noch einen Liebesbrief. Du öffnest den Zettel mit zittrigen Fingern und bist geschockt. Gut dass keiner sehen kann, wie dir das Blut ins Gesicht schießt und du peinlich berührt bist. Während du noch über eine Reaktion nachdenkst . lösen sich deine Gedanken in Brei auf. Du. hast. sie. nicht. mehr. unter. Kontrolle. Und das macht dich völlig verrückt. Du willst mich anrufen, irgendwas sagen. Aber an der Leitung ist nur ein gleichmäßiger Ton. Tuuut. Tuut. Tuuut.

Und ich? Stehe über allen Dingen und grinse dazu. Fühle mich genauso berührt wie du. Und wähle dann deine Nummer.

Geblitzdingst

Zuerst war da die große Wärme. Die Sonne hat mich aufgeheizt. Ich hab mich nicht wohl gefühlt. Ständig diese Überlegungen, diese Zweifel, diese Ängste, die die Wolken umherwirbelten und den Wasserdampf im Kopf verdichteten. Die Sonne hat mich immer weiter aufgeheizt. Je mehr ich meine Moleküle im Kopf gedreht habe, desto mehr Spannungen sind entstanden. Dann endlich, die Luft war voller Energie, die Atmosphäre prall gefüllt. Die Menschen waren aufgeladen, voller Ideen und Gedanken, voller Liebe und Vertrauen, wie der erste Sonnenstrahl am Morgen. Wir führten die Wolken zusammen, reibten uns ein wenig aneinander, lachten uns an, betrachteten zusammen den Himmel und die Wunder der Natur. Irgendwann ist dann ein Funke übergesprungen. Zuerst ein kleiner, schwacher, der nur ein bisschen aufgeleuchtet hat. Dann kam eine dicke Wolke, die Reibung hatte stark zugenommen. Weitere kleine Wolken zogen vorbei. Weitere Funken haben geleuchtet und geknistert. Du hast schon gedacht, dass du es jetzt geschafft und endlich hinter Dich gebracht hättest. Doch bei der letzten Wolke, der schönsten und wohl geformtesten unter allen, war Dein Widerstand bereits im Eimer. Eigentlich wolltest du diese Wolke mit all den negativen Erfahrungen weiträumig umfliegen. Du drehst Dich noch um die eigene Achse, willst irgendwas intelligentes sagen und während im Kopf das Karrussell auf Höchstgeschwindigkeit beschleunigt und Du nur noch ein Ansammlung aus Worten, Angst und Neugierde bist, wirst du von der hellsten Wolke getroffen und ein Blitz jagt direkt in dich hinein. Du guckst an Deinem Bauch herab und überlegst, wo er wohl eingeschlagen hat. Du greifst dir mit der Hand an die Stirn und sie glüht. Du fühlst dich in dein Herz und es schlägt laut und pochend. Der Blitz zieht dich und somit das ganze Gewitter heran. Die anderen bekommen das mit und stehen im Wind, der aufheult und um die Straßen zieht. Es ist eine Kaskade, die immer stärker wird. Jetzt ist es nicht aufzuhalten. Die Wassermassen bäumen sich auf, es brummelt und brodelt und ein Riesen-Gewitter zieht über dich hinweg und entlädt endlich die Spannungen.

Es dauert vielleicht eine halbe Stunde, danach ist nichts mehr wie es war. Das Internet und Telefon sind tot. Du machst den Mund auf, aber da kommt nichts mehr heraus. Die Leuchte für die Achtsamkeit ist nur noch am Blinken und sagt, das hier was nicht stimmt. Du willst etwas klares denken oder Deine Arbeit machen, aber es hat sich alles aufgelöst.
Wo eben noch die tiefe Verbundenheit zu anderen stand, ist jetzt eine große Leere und Distanz. Der Blitz hat ein Loch im Bauch hinterlassen und du weißt nicht, wie du es füllen sollst.
Das alte Leben vor dem Gewitter ist komplett verändert. Wo vorher noch klare Strukturen herrschten und alles herrlich aufgeräumt und ordentlich war, liegen jetzt Lehmkrümel und Zweige auf der Straße. In den Abwässern gluckert das Wasser, in deinem Herzen fließt ein Strom. Dein Kopf war Mittelpunkt des Gewitters. Sämtliche Gehirnzellen die für Ordnung und Struktur stehen, wurden verbrannt.
Deine Hände handeln nur noch aus dem Instinkt heraus. Du kannst sie nicht mehr bewusst steuern. Dein Mund redet Worte, die er nicht kennt, und deine Beine führen dich in eine Welt, die völlig neu ist.

Der Blitz hat eingeschlagen, die Erde wird nass.

Erinnerung

Passend dazu „Caribou Jamelia

Ordentlicher Betrieb und normaler Alltag
sind bei mir im Moment nicht möglich.

Die Gedanken fahren im Kreis und eine Fülle an Daten muss neuverarbeitet werden.
Sicher geglaubte Gewissheiten lösen sich im Strom der Erinnerungen auf.

Eine Therapie des Herzens
das Leben hat dich geküsst
du hast in den Abgrund geschaut
und neben Dir an der Beerdigung gestanden.

Hübsche und junge lächelnde Gesichter
soviel Liebe und Hoffnung allüberall
soviel Neuanfänge, soviele Pläne und Ideen
neues Leben und neue Beschlüsse.

Das alte muss weichen
die Trümmer sind endgültig weggeräumt
die Musik spielt dir den Rhythmus
die Vergangenheit ist nur ein Film.

Die Blockade hat sich gelöst
dahinter fließt freie Energie
ungehindert, kraftvoll, rein
wie frisch verliebt

und doch ist es nur das alte Leben – Dein Leben!
in dem wieder ein bisschen Sinn pulsiert.

Ich bin gegangen,
In Erinnerung an die Unterdrückten und nicht-gehörten
in Erinnerung an die im Leben, die es nicht geschafft haben.

an die, die geliebt werden wollen
und umarmt von allen
an die, die Hoffnung geben und Wärme spenden

an die mit der Verantwortung
die das Leben tragen
und entscheiden.

In Erinnerung an,
Die Starken, die was bewirken
die Schwachen, die feinsinnig sind
die Faulen, die im Grunde sehr intelligent sind
die großen, die innerlich klein sind
die kleinen, die so oft Größe beweisen

die Lustigen, die ernsthafte Gedanken haben
und die Ernsthaften mit dem Schalk im Nacken.

Ich denke an die, die man nicht gesehen hat
die besseres zu tun hatten
die nicht erinnert werden wollten,
die abgeschlossen haben

noch ist der Kreis klein
aber eines Tages gehören wir alle dazu.

Die nächste Seite im Leben

Und wenn das Leben zu Ende geht, was hast du dann gemacht?
Immer nur gearbeitet und im Dreck und Staub gestanden?
Ein Haus gebaut, tausend Zimmer renoviert und am Ende wieder alles eingerissen und verkauft?

Hast Du Kinder zur Welt gebracht und ein Lächeln geerntet?
Jemand erzogen, jemand mal Deine Meinung gesagt?

Bist Du um die Welt gereist und hast tausend Menschen getroffen?

Hast Du Dich weiter entwickelt.. oder wurde Dein Herz immer enger und Dein Verstand begrenzt?
Hast Du dich innerlich geweitet oder bist du stehen geblieben?

Hast Du alle Menschen getroffen, die du treffen wolltest? Hast Du was über die Welt gelernt oder nur über Dich?

Hast Du die richtigen Fragen gestellt?
Hast Du auch ein paar beantwortet?
Hast Du die Welt verstanden oder stand die Welt ratlos neben Dir?

Warst Du gesund? Hast du das richtige mit deinem Körper gemacht?
Oder nur gegessen und nichts verbraucht?
Hast Du genug gegeben?
Hast Du genug gemacht?

Warst Du bereit für eine Veränderung? Oder klebtest du stets am Gestern?

Hast Du Deine Sorgen gelöst? Oder Dich von der Angst begrenzen lassen?

Hast du je live gebloggt? Oder Dein Lieblings-Kunst-Projekt wiederbelebt?

Hast Du stets alles aus Dir gemacht?

Hast Du geliebt? Gegeben? Gesorgt? Empfunden?

Warst du am Ende – je glücklich.

Ein Sommerabend. in den Neunzigern

Lese-Tipp: Um den Text besser „empfinden“ zu können, unbedingt die verlinkte Musik dazu hören.

 

Ich stelle das Fahrrad ab und bin etwas aus der Puste von dem langen Weg zum freistehenden Haus im Wohngebiet. Das Haus ist ein quadratischer Kasten mit zwei Stockwerken. Das Grundstück ist recht klein. Ich war hier noch nie.
An der Wand vorm Haus stehen einige Fahrräder, daran erkenne ich, dass schon viele Besucher auf der Party sind. Die Räder stehen aneinander gelehnt und etwas durcheinander. Keiner hat es abgeschlossen. Zur Straße gibt es noch eine halbhohe Mauer und eine Gartentür. Ich erkenne sogar die einzelnen Räder wieder und kann ein paar den Personen zuordnen, mit denen ich jeden Tag zu tun habe. In dem Moment weiß ich nicht, ob ich mich freuen oder aufgeregt sein soll. Es ist so ein leichtes Kribbeln im Bauch, wenn man irgendwo neu ist und noch nicht alle kennt. Mit ein paar Leuten komme ich gut zurecht, andere wiederum mag ich gar nicht. Und so geht es den anderen auch. Manche loben mich, andere streiten mit mir, manche haben ihre eigenen Probleme, manche sind mitten im Umbruch. Es gibt die ersten Beziehungen, was immer noch was „Neues“ und ungewohntes ist. Aber es gibt auch noch viele Singles.

„Ein Sommerabend. in den Neunzigern“ weiterlesen

Es ist..

Musik: Goodbye ft. Apparat

… zäh. Und funktioniert nicht. Da ist der Versuch, sich über etwas zu freuen, doch es gelingt nicht. Seltsam unberührt bist du von den Wogen des Lebens. Du stehst mittendrin, aber sie prallen nur an dir ab. Du bist da, aber doch nicht da. Alle erwarten was von Dir. Ein Fels in der Brandung! Leistung! Bereitschaft! Verfügbarkeit! Arbeitskraft! Moral! Überlegenheit! Souveränität! Männlichkeit! Ausfallsicherheit! Kraft und Linearität, volle Kontrolle!

Aber wie sollst du was kontrollieren, wenn du dich selbst nicht unter Kontrolle hast?

Die Maschinen kannst du noch verstehen, diese sind logisch aufgebaut. Nachvollziehbar, physikalisch, mathematisch. Zu bewältigen mit Intelligenz und Anstrengung. Aber Deine Gefühle nicht. Diese sind weit weg und gehorchen anderen Regeln. Irrationalen Regeln, die tief verborgen liegen. Die manche nie verstehen. Eine verschlossene „Black Box“. Etwas unbekanntes, was du lieber verdrängen würdest.

Der Arzt hat zu dir gesprochen. Ferne Worte, die da wie in einem Nebel zu Dir klingen. Er versteht es doch nicht, was du fühlst.

Du sitzt am leeren Tisch und starrst die leeren Wände an. Die Fotos. Zeitungsberichte. Deine Erfolge und Pokale. Deine Freunde auf Facebook. Deine Abschlüsse und Zeugnisse. Du hasst alles, es ist Dir nichts wert. Vespürst aber doch keine Regung. Du würdest gerne mal wieder hassen! Mal schreien! Mal alles rauslassen! Aber ein Kloß versperrt den Weg in die Freiheit. Noch nicht mal weinen kannst du. Es ist einfach nur eine große, alles verzehrende Leere.

Wie ein Korken auf einer Flasche und du bist die Flüssigkeit darin, die schon lange nicht mehr gelebt und geatmet hat.

Dein angestauter Frust und deine Selbstkontrolle machen dich über die Jahre stärker. Du lernst, die Dinge mit dem Kopf zu kontrollieren. Eine Eigenschaft, die geschätzt und mit viel Anerkennung und Geld belohnt wird. Du bist jetzt wer und geachtet. Es reicht aber nicht, das Gefühl der Anerkennung dringt nicht zu dir durch. Du siehst es im Raum, aber du fühlst es nicht. Es fühlt sich kalt an. Und Kälte hat noch niemals Kälte vertrieben.

Der Depp neben dir, weiß allerdings mehr. Er erinnert dich an deinen Vater. Wie er sich aufführt. Wieviel Erfahrung er hätte. Wie er dich von oben herab behandelt. So ein Idiot. Da ist wieder dieses Gefühl. Dieser Hass, diese Wut, aber sie kommen nicht raus. „Ich geh mal pinkeln“ sagt er. Ein Glück, endlich allein. Diesem Deppen wirst du es zeigen.

Du legst den kleinen Hebel um. Ein leises, kaum wahrzunehmendes Klacken bestätigt deine Entscheidung. Jetzt bist du allein. Geschützt von einer starken Tür, die niemand durchbrechen kann. So allein, wie du immer warst. Die Tür steht für die Schranke und die Mauer, die du um dich herum aufgebaut hast. Kein Mensch erreicht dich mehr. Da ist endlich Ruhe. Du atmest tief ein und aus.

Es fühlt sich befreiend an. Du bekommst die Kontrolle zurück.

Der Depp kommt zurück und klopft an deiner Tür.

Jetzt hast du die Macht! Ein Gefühl von Triumph und Stärke klettert in dir empor. Die Stärke, die du dir immer gewünscht hast! Hinter Dir. Macht über Hunderte von Menschen. Über Kinder, Schulklassen, Babys. Verliebte. Erfolgreiche und nicht so erfolgreiche. Es ist egal. Jetzt kannst du Gott spielen.

Du schiebst den Hebel nach vorne. Die Maschine sackt nach unten. Es ist eine Befreiung. Der Stahl- und Elektronikkoloss liegt in deinen Fingerspitzen. Es kostet nicht viel Kraft. Du hälst die Hand auf dem Hebel, ignorierst die Warnungen und das Gepiepe. Es ist alles egal. Du ignorierst alles und fühlst dich stark. Jetzt, einmal im Leben fühlst du dich wach und klar und mächtig genug. Du kannst der Krankheit entkommen. Deinen Konflikten. Es gibt eine Lösung! Die Erde kommt näher. Du denkst nicht an das danach, weil es für dich nie ein Danach gegeben hat. Im Gegenteil, jetzt freust du dich auf den Tod. Die Schreie hinter dir und die flackernden Anzeigen vor Dir nimmst du nicht mehr war. Es ist…

Frankfurter Buchmesse 2014

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Von Querbeeten und allerlei

Ich denke noch über den Besuch auf der Buchmesse nach. Einen umfangreichen Bericht wollte ich schreiben, möglichst mit allen Details, allen Impressionen, fein säuberlich ausgearbeitet. Dazu noch die Fotos, die Flyer und Links zu Verlagen und neuen Büchern oder anderen interessanten Ideen. Aber kann ich das überhaupt? Und vor allem jetzt, wo es dunkel ist und ich schon wieder müde und schläfrig werde…wahrscheinlich muss ich den Bericht in mehrere Teile oder Revisionen einteilen.

Das beste ist, einfach vorne anzufangen! Wir sind mit dem Zug nach Frankfurt gekommen, den Bahnhof kannte ich noch nicht. Frankfurt für mich sowieso ein eher unbekanntes Pflaster. 700.000 Einwohner hat die Stadt, hab ich beim Recherchieren herausgefunden- wusste gar nicht, dass es soviele sind. So eine große Stadt, fast eine Millionenstadt und ich kann mit dem Zug von Mannheim in 34 Minuten hinfahren- und kenne sie doch kaum.

Vom Bahnhof zur Messe sind es ca. 900 Meter. Dahin kommt man recht schnell zu Fuß und braucht die U-Bahn nicht unbedingt zu nehmen. Man kommt durch eine riesige Häuserschlucht mit wichtig aussehenden Hochhäusern, mit viel Edelstahl und glänzenden Glasfassaden. Die Mauern davor sind aus purem, schwarzen, hochglanz-polierten Granit. Überall kommt einem der Luxus des Banken-Viertels entgegen, teure Luxus-Cafés für Banker und andere Geschäftsleute reihen sich aneinander – kommt man aber näher auf den Bahnhof zu, gibt es plötzlich wieder Döner-Laden und einfachere Geschäfte. Das Klientel, das einem entgegen kommt, wirkte tlw. sehr gepflegt und jeden zweiten der, in Smartphone-vertieften Männer, hätte man -angesichts perfekt sitzender Anzüge und tadellosem Aussehen- auch für ein Model-Casting engagieren können.

Mir wurde das Laufen schon fast zuviel, da kam endlich der Eingang zur Messe. Flughafen-Atmosphäre macht sich plötzlich breit. Überall breite Gänge, Laufbänder in der Horizontalen und breite Tunnel aus Glas, mit dem man im ersten Stock von Halle zu Halle „jetten“ kann. Man wird von Studentinnen mit Flyern und Prospekten eingedeckt. Überall herrscht eine geschäftige, aber durchaus freundliche und offene Atmosphäre. Das ist der Grund, warum ich Messen so liebe! Von einer Stelle aus dem Glastunnel konnte man schön das Messe-Gelände überblicken und sich schon einmal einen Eindruck über die Ausmaße des Geländes machen.

Buden waren aufgebaut, Bierzelt-Garnituren und dann mehrere Zelte. Ich schaute kurz über die Szenerie, wurde dann aber wieder vom vorbeifließenden Besucher-Strom angesteckt und mitgerissen. Stillstand unmöglich, alles ist im Fluss! Wir beschlossen erstmal in der Halle 3.0 anfzufangen. „Belletristik und Sachbuch“. Und rein ins Getümmel!

Stand reiht sich an Stand, tlw. interessante Dinge, teilweise uninteressant. Ja, wo soll man die Prioritäten setzen, was ist wichtig und was nicht? Neben den großen Verlags-Ständen von FAZ, Süddeutsche und Welt reihten sich kleine Nischen-Anbieter, ein paar Leute, die sich auf esoterische oder ökologische Themen spezialisiert haben, dann wieder Fußball-Bücher für Kinder oder ein breites Angebot für den neuen Trend des „Self Publishing“. Das hat mich diesmal besonders interessiert und an diesen Ständen hab ich auch mehr Zeit verbracht. An einer Stelle gab es auch ein Forum, in dem vier Leute zusammensaßen und von ihren aktuellen Erfahrungen mit Self-Publishing berichteten. Wir setzten uns kurz hin und lauschte dem Vortrag. Das erste mal kehrte so etwas wie Ruhe und Besinnung ein.

Die Klang-Qualität war allerdings schlecht, die Boxen zu leise. Am Rande des Geschehens bekam man nicht mehr soviel mit.

Wir gingen weiter, ich wusste nicht so recht wohin und wurde von Eindruck zu Eindruck gejagt, da kam plötzlich eine kleine (zierliche) Frau in blauem Kleid und mit schnellem Schritten an mir vorbei, ich blinzelte kurz und fragte mich „kann das sein?“ da war mir klar, dass gerade Sarah Wiener an mir vorbeigeeilt war. Wow! Das erste Wow-Erlebnis an diesem Tag und genau das, was mir schon öfters erzählt wurde, wenn das Gespräch auf die Frankfurter Buchmesse kam. „Promi-Spotting par excellence!“.

Gut, ganz unschuldig bin ich nicht, denn ich muss zugeben, dass ich die „Sarah Wiener Kochshow“ schon vorher als Programm-Punkt herausgesucht hatte, aber überraschend war es dennoch. Ich schaute auf die Armbanduhr.. noch 20 Minuten bis 13 Uhr, also auf zur Gourmet Gallery, die Gänge waren voll und wer weiß, wer noch alles die Idee hatte, die begabte Köchin mal in live, in action zu betrachten?

Wir schlenderten also zur „Gourmet Gallery“, das ist ein etwas abgetrennter Bereich auf der Messe mit Bühnentechnik, Kamera und Show-Küche. Sponsor-Werbung inklusive. Sarah Wiener war schon voll in ihrem Element und die Zuschauer standen in Trauben um sie herum. Zuerst war ich etwas enttäuscht, weil ich in der hinteren Reihe fast nichts erkennen konnte. Nach und nach entstand aber durch das Kommen und Gehen der Besucher, kleine Lücken, in die man schnell vorstoßen und Zentimeter um Zentimeter „gutmachen“ konnte. Frau Wiener sprach in einem herrlichen österreichen Akzent, wirbelte zwischen Pfannen, Töpfen, ihrem neuen Kochbuch und einem munteren Schlagabtausch mit ihrem Assisstenten hin und her. Dabei war schon nach weniger Zeit klar, dass sie ihre „Biolinie“ voll ausbaut und in jedem zweiten Satz kamen Hinweise zum „gesunden und nachhaltigen Kochen“, zu all den Verboten, was man nicht benutzen oder essen darf und es entstand neben der fabelhaften Küche und dem ursprünglichen, bestimmt schmackhaften Worten und Gerichten ein fahler Beigeschmack des Dogmatischen und Oberlehrerhaften. Das kannte ich so von ihr schon (aus dem Fernsehen) und es hat mich nie gestört. Da ich die meisten Ansichten auch teile und nachhaltig kochen und biologisch ernähren auch gut finde. Es war aber ein wenig zuviel des Guten, sie schlitterte von giftigen Tefal-Pfannen, über H-Milch, Zitronensäure, Glutamat und Trennmitteln in Kochsalz, zum selbstgemahlenen Pfeffer, Petersilie mit (oder ohne?) Stängel und den guten, nahrhaften Kürbissen hin und her. Vom live gekochten Gericht selbst bekam ich nicht soviel mit, zwischendurch wurde aber eine Soße oder ein Pesto herumgereicht, das ganz gut duftete. Wir waren schon etwas müde und setzten uns abermals hin. In einem Regal hinter uns gab es das besagte Kochbuch. Es war sehr schön aufgemacht, hat ein tolles Design und auch leckere Gerichte. Ich fand, dass das Blättern im Buch, mit meinem eigenen Tempo und meinen eigenen Gedanken dazu viel besser war, als diese Kochshow, die augenscheinlich für die Massen produziert wurde und ein bisschen eine Werbe-Veranstaltung in vielerlei Hinsicht war.
Daher beschloss ich kurzerhand, mir dieses Buch auf den Wunschzettel zu setzen und wer weiß, vielleicht hab ich ja an Weihnachten etwas Glück und war artig genug. 😉

Wohin sollte es nun gehen? Die Gänge mit den vielen Ständen waren endlos. In der Bilder-Galerie gibt es ein paar Eindrücke dazu. Zwischendurch wurden wir angesprochen und eingeladen, uns auf einer Wand mit vielen bunten Postkarten zu verewigen. Man sollte kurz aufschreiben, warum man Buchhandlungen mag, konnte seine Adresse eintragen und an einem Gewinnspiel teilnehmen. Eine schöne Idee, die eine große, bunte, beklebte Wand mit Namen und Sätzen hinterließ.

Ein paar Schritte weiter und schon wieder entdeckten wir einen Promi, diesmal am Stand der Süddeutschen. Es war Herbert Feuerstein mit seinem neuen Buch.  Ich traute meinen Augen kaum, realisierte aber schon bald die Authentizität dieses ungeschminkten, fernsehfreien Ereignisses, dass dem Vorbild sehr nahe kam. Sprich: Im Fernsehen wirkt Herr Feuerstein genauso wie hier auf der Bühne. Er ist etwas klein und hat ein verschmitztes Auftreten und einen angenehmen, ruhigen Stil. Auch hier verweilten wir also und lauschten den interessanten Worten.

Nachdem wir in dieser Halle fertig waren, beschlossen wir in die Halle mit den Comics zu gehen, landeten dabei aber versehentlich in der Kinder- und Jugendbuch-Abteilung. Nicht schlimm, denn auch diese war genau unser Geschmack und nahm einen großen Teil unseres Zeit-Budgets in Beschlag. Die Stände waren alle sehr hübsch gestaltet, besonders aufgefallen sind uns die bunten, hochflorigen Teppiche und das wirklich breite Angebot an Kinder- und Jugendbuchliteratur.

Zwischendurch stolperten wir anscheinend gerade in die Verleihung des deutschen Cartoonpreises, denn kein anderer als Marcus Weimer (von Rattelschneck) war auf der Bühne und stellte sich lustigen (aber leider abgelesenen) Fragen einer Moderatorin. Im Publikum machte sich Gelächter und gute Laune breit, denn der Autor dachte nicht daran, „seriös“ zu antworten und beantwortete die Fragen auf seine eigene, lustige Weise. Natürlich mussten wir dann auf gleicher Ebene auch noch den Titanic-Stand ansehen.

Nach den vielen Eindrücken brauchten wir abermals eine Pause und erkundeten zum ersten Mal den Außenbereich. Wie es der Zufall so will, wurde gerade der „Grüffelo-Zeichner“ Axel Scheffler vorgestellt. Eine kreischende Menge von Kindern unterschiedlichen Alters nahm ihn begeistert in Empfang.

Zum Schluss kam noch ein Teil der vierten Halle auf das Programm, wobei wir hier um die (trockene) Verlagssoftware einen Bogen machten und direkt auf die Abteilung „Papeterie und Geschenke“ zusteuerten. 😉 Für die Sachbuch- und Wissenschaftabteilung in der selben Halle reichte die Zeit dann leider nicht mehr ganz. Auf dem Terminplan waren- gleichsam als Höhepunkt und Abschluss des Messebesuchs- noch ein paar Lesungen im Agora-Lesezelt anberaumt, das wir dann auch sichtlich genossen, weil man hier endlich einmal sitzen konnte und dank des Sponsors (Meßmer) auch kostenlosen, leckeren Tee serviert bekam! Neben all den informativen und gut gemachten Lesungen unterschiedlichster Autoren, versteht sich.

Den MC Fitti- Auftritt verpassten wir daher, nicht aber die Bässe und das Gekreische an Jugendlichen Fans, das er keine 200 Meter von uns entfernt auslöste.  Das ist überhaupt die Stärke der Buchmesse, Künstlerinnen und Medien unterschiedlichster Couleur unter einen Hut zu bringen und einem breiten Publikum schmackhaft und greifbar zu machen. Von einer Krise des Buches hab ich auf jeden Fall dieses Mal noch nichts mitbekommen. Die neuen Medien, vor allem die Ebooks, waren erstaunlich unter-repräsentiert, ich hoffe dass sich diese Ignoranz nicht eines Tages rächen wird – und dass treue LeserInnen des klassischen Buches weiterhin ihr eigenes Zutun zum Kultur-Klassiker leisten werden.

Buchmesse 2015, wir werden uns wiedersehen!

Und für euch Leseratten kann ich es als „Tipp“ weiterempfehlen… wer weiß, vielleicht machen wir mal ein BloggerInnen-Treffen dort?