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Die Mauer aus Glas

Sie wollte die Gefühle erkennen. Also kramte sie die Gefühle aus Ihrem Gehirn und schaute sich sie an.
Da standen interessante Gefühle, die alle einen Namen und tolle Fachbegriffe hatten. Gefühle von Trauer, von Depression, Abschied und Tod. Da waren auch ein paar lustige Gefühle, z.B. Freude, Glück, Euphorie, Neuanfang. Diese Gefühle mochte sie aber nicht so gerne. Das war ihr zu albern. Sie mochte lieber die richtigen „ernsthaften“ Gefühle. Daher zog sie auch immer Leute an, die auch ernsthaft waren und über Gefühle nur reden wollten. Das Problem war, die Gefühle glitten ihr immer aus den Fingern weg, wenn sie sie fassen wollte. Sie waren glitschig und nicht greifbar. Besonders schlimm war es mit der Liebe. Die war wie ein Schmetterling, der fröhlich hin und her flatterte, sich aber nie dauerhaft irgendwo hinsetzte. Immer, wenn sie ihn einfangen wollte, flatterte er weiter.

Und sie grübelte sehr lange und intensiv und fragte sich, was sie denn falsch machte?
Wie kann man fühlen, wenn man nicht darüber reden konnte?
Das war wie ein Widerspruch! Man sollte was essen, durfte aber nicht satt werden.
Man sollte über das Wasser laufen, aber keine nassen Füße bekommen.
Man sollte in den Wald gehen, aber keine Pflanzen treffen.
Es ging einfach nicht.

Also versuchte sie es weiter. Sie versuchte es mit Musik. Sie spielte die Musik… aber das war nur ein Ablesen von Noten. Wo war da das Gefühl? Es waren doch nur Noten. Und Klänge. Schallwellen- konnte man alles physikalisch erklären. Aber wo war das ominöse Gefühl in der Musik versteckt? Sie verstand es nicht. Was machten die anderen nur immer einen Hype daraus?

Das machte sie traurig. Sie wollte weinen. Aber es kamen keine Tränen.
Da waren nur trockene Augen.

Noch nicht mal das klappte.

Sie versuchte es mit einem Smiley. Da gab es sehr viele Smileys mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken.
Welcher würde wohl am besten passen? Sie wusst es wieder nicht.

Also schaute sie sich Menschen und ihre Gesichter an. Versuchte Gefühle zu erkennen.
Sie sah nichts. Sie sah die Formen, die Muster, die Farben. Sie las die Texte… aber sie erkannte den Menschen nicht. Er war weg. Unsichtbar, nicht zu greifen. Sie verstand nicht, warum sie IHM schreiben sollte. Was er denn eigentlich erwartete von ihr? Liebe, Zuneigung, Mütterlichkeit? Das war schwierig für sie.

Sie schaute sich weitere Menschen an. Die Zuordnung erfolgte über den Namen und das Geschlecht.
Sie konnte sie anschreiben und mit ihnen kommunizieren. Es funktionierte.

Aber hatte sie eine Beziehung zu den Menschen? Liebte sie? Fühlte sie sich verantwortlich?
Oder ging es nur um sie?

Fühlte sie sich selbst? Ich glaube nicht. Da wo normalerweise ein „Ich“ und ein „Gefühl“ war, war bei ihr ein großes Fragezeichen. Und ein Lexikon. Und ein Computer mit 100 Gigabyte. Ein Smartphone. Ein Gerät.

Sie funktionierte so tadellos. Aber ihr fehlte das Gefühl. Vielleicht ein Bauteil, ein Chip… oder die Versorgung über die Hauptrecheneinheit, den biologischen Zentralcomputer, dem der Treibstoff fehlte.

Ihr Gehirn machte das, was es sollte. Es bildete die Umgebung wirklichkeitsgetreu ab. Die Welt war logisch, und klar aufgebaut. Die Welt duldete kein Chaos, kein „Zwischen den Zeilen“. Also hatte ihr Gehirn auch nicht gelernt, diese Zwischentöne zu erkennen. Sie wollte lieben und klopfte nur gegen eine Mauer aus Glas, die sich langsam aber unaufhörlich um sie herum aufgebaut hatte.

Ich packe meinen Koffer


Ich packe meinen Koffer und nehme mit: meine Freiheitsgedanken, meine künstlerischen Gedanken, meinen Mut für mehr Feminismus, meine Kritiksucht und meine Kritikfähigkeit, meine Liebe zum Anderssein und für andere, meine Liebe zur Musik, für poetische Gedanken, für Badezimmer-Sprüche und verschmierte Blog-Wände, meinen Drang „progressiv“ und fortschrittlich zu denken, die Angst nicht über den Mut siegen zu lassen, meine Lust auf Menschen zu zu gehen und sie gleichzeitig zu fürchten, meinen Drang zu reisen und mich innerlich zu weiten, meinen Drang stabil zu bleiben und das Alte zu bewahren, meine Liebe für alle Menschen, aber ganz besonders für Dich.

Diesen Koffer packe ich und verreise innerlich. Auf eine Insel, auf der mich keiner finden kann, die aber überall Brücken und Schlauchboote hat, mit denen man übersetzen kann, wenn man denn will.

Das Püppchen

Passende Musik

Das Püppchen sah sich selbst vorm Spiegel an und konnte es kaum glauben. Die Wimpern so lang, die Wangen so hoch und die lockigen blonden Haare fielen ihr von der Schulter. Sie hatte volle Lippen, die sie in der letzten gerne schminkte. Ihr Haut war weiß und glatt geworden. Ihre Augen irgendwie tiefer und intensiver. Sie lächelte sich an, war sehr erfreut. So wie die letzten 2000-male auch, als sie sich vorm Spiegel anlächelte. Sie drehte sich ein bisschen um die eigene Achse um ihre neuen weiblichen Rundungen zu betrachten. Und auch die waren neu und schön. Sie konnte es kaum glauben. Sie strich vorsichtig den feinen Stoff ihres Kleides über die Hüfte und es fühlte sich tatsächlich alles echt an. Sie musste lachen, grinsen und ein bisschen kichern. Überhaupt lachte sie in der letzten Zeit viel mehr. Sie wusste nicht warum, aber sie fand alles witzig. Sie sah plötzlich Dinge, die sie vorher übersehen hatte. Ihre Augen waren wie ausgewechselt und die „Filter“ die dazu gehörten, sowieso. Alles hatte plötzlich einen rosa-farbenen Schleier. Die Dinge wurden weiblicher. Alles, was sie anfasste, wurde zu etwas weiblichem. Jede Bewegung ihrer Hände war weiblich, alles bestand plötzlich aus Anmut und Grazie. Sie arbeitete wieder mit Farben und konnte Stunden mit Bildern und Menschen verbringen. Alles lebte, die Figuren kamen ihr fast entgegen, unbewegtes wurde belebt und Menschen konnte sie fast durch den Bildschirm riechen und hören, auch wenn sie nur aus Bits und Bytes bestanden.

Dafür war ihre Konzentration schlechter geworden. Und sie fühlte sich dumm, was sie betrübte. Wenn der Typ neben ihr saß und sie mit ihm zusammen arbeiten wollte, konnte sie sich kaum auf den Inhalt am Bildschirm konzentrieren. ER war plötzlich viel wichtiger geworden. Sie setzte sich extra so hin, dass er sie berühren musste, wenn er mit der Maus was am Bildschirm erklären wollte. Sie genoss die Berührung. Das sanfte Streichen über ihre Haut. Das Blut schoss dabei durch ihren Unterkörper und die Nackenhaare stellten sich auf. An den Armen spürte sie ein leichtes Kribbeln. Überall war Energie, sie war die Energie. Und schon wieder musste sie kichern.

Die Musik ergoss sich über ihre Ohren. Es war nicht einfach nur noch Musik. Es war wie zwei Tonnen Vanille-Eis, das man über ihre Brüste und ihren Körper ausgegossen hatte. Sie lebte in diesem Bad aus Musik… dann vergaß sie alles um sich herum und schmolz wie Butter in der Sonne. Mit fettigen Fingern konnte sie gerade noch so an der Lautstärke drehen, dann setzte ihr bewusstes Denken, das „Grübeln“ aus. Ihr Körper wurde zu Noten, ihre Beine wurden zu Linien und ihr Herz pochte im Takt. Das Püppchen war ein schöner Anblick. Der Schalter im Nacken drehte sich und drehte sich. Ob die Batterie je zu Ende sein würde? Im Moment sah es nicht danach aus.

Ich mag – Teil 3


Ich mag Deine kritischen Gedanken und dass du es mir nicht einfach machst. Du bist wie eine wertvolle Blume, die gepflückt werden möchte. Aber du hast auch Stacheln, wenn man zu schnell an Dir reißt. Du bist eine fleischfressende Pflanze und hast es auf meine gierigen Finger abgesehen. Erst lockst du mich, dann schockst du mich.
Es geht immer hin und her. Seit Jahren schon. Ein endloses Spiel, das irgendwie nie vorbei ist. Ein Austausch von seelischer Energie, ein lustiges Spiel zwischen zwei „Seelenverwandten“.

Ich mag die geistige Ebene dieser Beziehung. Aber ich hätte auch gerne zwei Kinder von Dir und Babygeschrei. Du solltest mir mal ein Mittagessen kochen. Ich hätte gerne einen vollgekotzten Teppich und Tränen-Bäche auf dem Laken. Ich würde gerne sehen, wie du am Limit bist und vor Erschöpfung kaum noch stehen kannst. Dann fahre ich mit meiner erholten Hand durch deine verwuschelten Haare und frage dich „Schatz, was ist denn, du siehst ja so müde aus?“ Dann würdest du mich anbrüllen und anschreien und völlig verzweifelt sein. Deine Emotionen, die du sonst immer so gut kontrollierst, würden völlig überkochen. Und ich gehe zum Fußballspielen.

Du würdest dich darüber aufregen „dass alle Männer gleich seien“ und sie ihre Gefühle nicht zeigen, während dessen ich in das Geschäft gehen würde und mir einen hübschen Strauß Blumen aussuche. Der natürlich farblich zum Kleid passt.

Dann würde ich den bei Dir vorsichtig vor die Tür legen. Kurz klingeln und schnell wieder wegrennen. Bloß keine Gefühle zeigen… das ist so unangenehm. Dazu schreibe ich Dir noch einen Liebesbrief. Du öffnest den Zettel mit zittrigen Fingern und bist geschockt. Gut dass keiner sehen kann, wie dir das Blut ins Gesicht schießt und du peinlich berührt bist. Während du noch über eine Reaktion nachdenkst . lösen sich deine Gedanken in Brei auf. Du. hast. sie. nicht. mehr. unter. Kontrolle. Und das macht dich völlig verrückt. Du willst mich anrufen, irgendwas sagen. Aber an der Leitung ist nur ein gleichmäßiger Ton. Tuuut. Tuut. Tuuut.

Und ich? Stehe über allen Dingen und grinse dazu. Fühle mich genauso berührt wie du. Und wähle dann deine Nummer.

Geblitzdingst

Zuerst war da die große Wärme. Die Sonne hat mich aufgeheizt. Ich hab mich nicht wohl gefühlt. Ständig diese Überlegungen, diese Zweifel, diese Ängste, die die Wolken umherwirbelten und den Wasserdampf im Kopf verdichteten. Die Sonne hat mich immer weiter aufgeheizt. Je mehr ich meine Moleküle im Kopf gedreht habe, desto mehr Spannungen sind entstanden. Dann endlich, die Luft war voller Energie, die Atmosphäre prall gefüllt. Die Menschen waren aufgeladen, voller Ideen und Gedanken, voller Liebe und Vertrauen, wie der erste Sonnenstrahl am Morgen. Wir führten die Wolken zusammen, reibten uns ein wenig aneinander, lachten uns an, betrachteten zusammen den Himmel und die Wunder der Natur. Irgendwann ist dann ein Funke übergesprungen. Zuerst ein kleiner, schwacher, der nur ein bisschen aufgeleuchtet hat. Dann kam eine dicke Wolke, die Reibung hatte stark zugenommen. Weitere kleine Wolken zogen vorbei. Weitere Funken haben geleuchtet und geknistert. Du hast schon gedacht, dass du es jetzt geschafft und endlich hinter Dich gebracht hättest. Doch bei der letzten Wolke, der schönsten und wohl geformtesten unter allen, war Dein Widerstand bereits im Eimer. Eigentlich wolltest du diese Wolke mit all den negativen Erfahrungen weiträumig umfliegen. Du drehst Dich noch um die eigene Achse, willst irgendwas intelligentes sagen und während im Kopf das Karrussell auf Höchstgeschwindigkeit beschleunigt und Du nur noch ein Ansammlung aus Worten, Angst und Neugierde bist, wirst du von der hellsten Wolke getroffen und ein Blitz jagt direkt in dich hinein. Du guckst an Deinem Bauch herab und überlegst, wo er wohl eingeschlagen hat. Du greifst dir mit der Hand an die Stirn und sie glüht. Du fühlst dich in dein Herz und es schlägt laut und pochend. Der Blitz zieht dich und somit das ganze Gewitter heran. Die anderen bekommen das mit und stehen im Wind, der aufheult und um die Straßen zieht. Es ist eine Kaskade, die immer stärker wird. Jetzt ist es nicht aufzuhalten. Die Wassermassen bäumen sich auf, es brummelt und brodelt und ein Riesen-Gewitter zieht über dich hinweg und entlädt endlich die Spannungen.

Es dauert vielleicht eine halbe Stunde, danach ist nichts mehr wie es war. Das Internet und Telefon sind tot. Du machst den Mund auf, aber da kommt nichts mehr heraus. Die Leuchte für die Achtsamkeit ist nur noch am Blinken und sagt, das hier was nicht stimmt. Du willst etwas klares denken oder Deine Arbeit machen, aber es hat sich alles aufgelöst.
Wo eben noch die tiefe Verbundenheit zu anderen stand, ist jetzt eine große Leere und Distanz. Der Blitz hat ein Loch im Bauch hinterlassen und du weißt nicht, wie du es füllen sollst.
Das alte Leben vor dem Gewitter ist komplett verändert. Wo vorher noch klare Strukturen herrschten und alles herrlich aufgeräumt und ordentlich war, liegen jetzt Lehmkrümel und Zweige auf der Straße. In den Abwässern gluckert das Wasser, in deinem Herzen fließt ein Strom. Dein Kopf war Mittelpunkt des Gewitters. Sämtliche Gehirnzellen die für Ordnung und Struktur stehen, wurden verbrannt.
Deine Hände handeln nur noch aus dem Instinkt heraus. Du kannst sie nicht mehr bewusst steuern. Dein Mund redet Worte, die er nicht kennt, und deine Beine führen dich in eine Welt, die völlig neu ist.

Der Blitz hat eingeschlagen, die Erde wird nass.

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