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Stimmwunder

Ich hab auf Soundcloud zwei neue Podcasts hochgeladen. Das geht erstaunlich schnell und einfach:

https://soundcloud.com/julia-adriana-1/stimme-biologie-u-identitaet
https://soundcloud.com/julia-adriana-1/lustige-stimmen-fuehren-zur

Einfach das Smartphone zücken, auf „Diktiergerät“ klicken und Aufnahme starten. Danach den Button für „Teilen auf Soundcloud“ anklicken (die App muss installiert sein). Noch ein Bild auswählen- fertig! Ich finde die Qualität ist recht gut und rauschfrei. Manchmal bewege ich meine Hand zu sehr am Handy-Rahmen, dann raschelt es. Oder ihr hört, wie der Hund sich schüttelt und das Halsband klappert. 😉

Besonders blöd ist es aber, dass ich im Nachhinein nicht korrigieren kann und sich schnell Fehler einschleichen. Der erwähnte Film im Podcast heißt z.B. „Enthüllung einer Ehe„, nicht „Szenen einer Ehe“.

Da ist der Text etwas im Vorteil. Vor allem auch durch die direkten „Linkmöglichkeiten“.

Den wissenschaftlichen Artikel zum Thema Östrogen und Stimme gibt es hier.

Und hier gibt es nochmal das lustige „Stimmwunder„-Video, wer es verpasst hat.

In den Podcasts habe ich vor allem das Thema „weibliche Stimme“, aber auch „TS-Stimme“ als Inhalt gehabt.
Das ist ein weites Feld, über das man sehr viel reden kann. Für die Persönlichkeitsentwicklung und das „Glück“ ist die eigene Stimme ein ganz zentraler Baustein. Nicht nur für Transgender, sondern für alle Menschen.

Nur wer sprechen kann, wird gehört.

Beeindruckt

30 Grad im Schatten… Sommerferien und zuviel freie Zeit…

Aaalso eigentlich wollte ich heute ganz diszipliniert arbeiten und endlich das liegen gebliebende Zeug aufarbeiten.

Aber das geht nicht. Im Moment bin ich einfach nur geflasht… überwältigt… schockiert vom Leben.
Die Eindrücke prasseln auf mich ein. Ich bin voller Energie, elektrisiert in jeder Nervenzelle.
Und diese bunte fröhliche Energie aus der ich im Moment bestehe, versuche ich irgendwie zu erden, die Gefühle zu irgendwas zu formen, ein Sinn und eine Arbeit daraus zu machen.

Ich weiß ich hätte nicht dieser Transgender-Gruppe auf Facebook beitreten sollen.
Ich „hab das doch schon lange hinter mir“ und „das geht mich nichts mehr an“.
„Wir sind jetzt alle erwachsen und verhalten uns wahnsinnig dizipliniert“.

Aber Leute, schaut doch mal mit dem Herzen und mit den Gefühlen! Versetzt euch in das Leben der Menschen.
In diese tausende Schicksale. In die Transitionen in alle möglichen Richtungen.

Das schockt selbst eine alte TS-Tante wie mich.

Und wie jung die mittlerweile alle sind! Wie selbstbewusst! Wie normal alles geworden ist.

Und wer denkt, er ist alleine oder isoliert… der muss sich nur einer Gruppe anschließen.
Einer Gruppe von Menschen, egal welchen Alters oder Geschlechts.

Wir wollen alle glücklich sein, wir wollen alle leben und uns selbst verwirklichen.

Es gibt streng genommen keine Unterschiede beim „Ich“. Selbst die Geschlechter verschwimmen. Die Zwischenräume sind künstlich, variabel und von Chemie und Ideen geformt. Wir gehören alle dazu, sind mit jedem verbunden.
Dank Internet und Facebook noch stärker und realistischer als je zuvor.

Zuviele Eindrücke, zuviele Emotionen!

Ich muss erstmal eine Pause machen.

Weihnachtsmarkt

Zum Weihnachtsmarkt-Anschlag in Berlin kann und werde ich erstmal nicht zuviel schreiben. Das Ereignis ist noch zu jung und die Gefahr ist groß, dass man sich in falschen Schuldzuweisungen und vorschnellen Vermutungen verliert. Zuerst möchte ich daher mein Beileid und mein Mitgefühl all denjenigen aussprechen, die davon betroffen sind oder Angehörige unter den Opfern haben. Mich hat das Ganze sehr betroffen gemacht.

 

Dennoch gibt es mittlerweise genug Fakten und genug Informationen, so dass zumindest eine erste Zusammenfassung und Einschätzung möglich ist.

Ich habe davon so erfahren: Wir haben gerade einen Film im TV angeschaut und es kam Werbung. Beim Zappen durch die Kanäle sind wir dann an „n-TV“ hängen geblieben. Da war ein LKW auf einer deutschen Straße und darunter ein Lauftext, was vermutlich passiert ist. Nach ca. 2 Sekunden hab ich sofort an einen Anschlag gedacht. Zu der Zeit war es aber nicht sicher. Ich war sehr erschrocken und erbost und schaltete zunächst weiter, weil ich nicht wollte, dass das Grauen an diesem friedlichen Abend (der ansonsten so schön gelaufen war) in unser Wohnzimmer bricht. Später dann, als Nachrichtenzeit war, konnte ich mich aber nicht mehr zurückhalten. Eine sichtlich aufgewühlte Marietta Slomka vom Heute Journal versuchte ein bisschen Ordnung und Übersicht in die Situation zu bringen, was ihr sichtlich schwer fiel. Mir war sofort klar, dass da etwas sehr schlimmes passiert sein muss. Und in wirklich fast jedem dritten Satz wiederholte man sich „wir wissen aber noch nicht, ob es ein Anschlag war, es könnte auch ein Unfall sein“.

Das fand ich mehr als seltsam. Denn schon in den ersten Stunden nach dem Anschlag deutete für den gesunden Menschenverstand alles daraufhin. Ich ging abends beim Einschlafen nochmal die Fakten durch und kam zu folgendem Ergebnis: Die Anschlagszeit war mit 20 Uhr sehr exakt ausgewählt und vermutlich so berechnet, dass möglichst viele Leute auf dem Weihnachtsmarkt sind. Es wurde ein prominenter Platz mit besonderer Bedeutung für Deutschland, nämlich der Breitscheidplatz und die Gedächtniskirche ausgewählt… es wurde ein christliches Symbol und gleichzeitig ein Symbol der westlichen Welt und ihrer kapitalistischen Denkweise gewählt: Ein „Weihnachts“- „Markt“, also die Verbindung aus christlicher Weltanschauung und dem irdischen Bestreben, die Dinge zu handeln und zu verkaufen. Man hat einen Verdächtigen verfolgt, der sich hinterher als „unschuldig“ herausgestellt hat. Aber dieser Verdächtige passte bereits zu einer Personengruppe, die man bei so einem Anschlag vermutet hätte: Jünger als 30 Jahre, männlich, aus einem arabischen oder muslimischen Kulturkreis. Das heißt also auch, dass der ursprünglich gesichtete Täter diesem fälschlicherweise verfolgten Mann sehr ähnlich gewesen sein muss. Dann wurde noch am Abend im Internet berichtet, dass Zeugen einen Schuss gehört haben, als der LKW zum Stehen kam. Außerdem wurde der Beifahrer tot aufgefunden. Von einer Schussverletzung wurde allerdings nicht gesprochen, das kam erst einen Tag später.
Eine Zeugin auf CNN berichtete, dass der LKW auf seiner Fahrt nicht langsamer geworden war. Wenn es ein Unfall oder ein Versehen gewesen wäre, dann hätte er gebremst. In den deutschen Medien wurde dieser Fakt, bzw. diese Zeugin nicht erwähnt. Aber auch CNN hielt sich am Anschlagsabend mit Deutungen und dem Wort „Anschlag“ noch zurück.
Als zusätzliches Indiz für einen islamistischen motivierten Terroranschlag kam noch hinzu: Der Anschlag in Berlin erinnerte sofort an den von Nizza. Die Terrororganisation IS hat dafür anscheinend „Anleitungen“ ins Netz gestellt. Es ist eine perfide Anschlagsmethode, die leicht durchzuführen ist und gegen die es kaum Schutz gibt. Außerdem ist maximaler Schaden gegen „weiche Ziele“ (also Menschen!!) möglich.

Ich frage mich trotzdem, wenn soviele Indizien schon am Montag abend für einen Anschlag gesprochen haben, warum war man dann nicht in der Lage, das auch auszusprechen? Die Medien wirkten hier wie die Maus vor der Schlange, die vor Angst erstarrt und sich nicht vor- noch zurückbewegen kann. Genau dieses Zögern ist es, das uns empfindlich und angreifbar macht.
Was machen wir demnächst, wenn Terroristen mit der AK-47 vor uns stehen? Glauben wir, dass sie nur in einem Spiezeugladen waren und nochmal eben die Weihnachtsgeschenke für ihre Söhne und Neffen ausprobieren wollen? Und wenn wir von ihren Kugeln durchsiebt werden, werden wir es dann für einen Scherz halten und glauben, dass es Filmblut ist, dass man gleich wieder abwischen kann? Und wenn wir dann im Sterben liegen, weil die Terroristen sich an uns „Ungläubigen“ gerächt haben, werden wir dann glauben, dass wir gleich wieder auferstehen und morgen wieder zur Arbeit gehen, als sei nichts geschehen? Wie naiv wollen wir noch sein? Wieviel Schmerz und Leid müssen wir ertragen, bevor wir endlich aufwachen?

Sicherlich war es richtig, dass sich Medien, Polizei und andere Verantwortliche in so einer Situation zurückgehalten haben und besonnen reagiert haben. „Besonnenheit“ war das Wort des Abends und es ist sicherlich auch löblich. Es ist eine sehr deutsche Herangehensweise, erstmal alles abzuwarten, sich erstmal ein Überblick über die Fakten zu schaffen und die Emotionalität und das Bauchgefühl ganz an den Schluss zu stellen.
In diesem Falle geht es auch darum, keine Panik zu schüren, sich nicht anstecken zu lassen von der Hysterie.

Wie nicht anders zu erwarten, waren es vor allem die rechten, politischen Parteien, denen vorschnell Deutungen herausrutschten. Einem Horst Seehofer z.B., dass man die „Flüchtlingspolitik nun überdenken“ müsste- freilich ist bis jetzt noch gar nicht bekannt, ob der eigentliche Täter wirklich ein Flüchtling war oder ist! Jemand anders sagte, dass das ein „Kriegszustand“ sei und noch jemand sagte sogar dass es „Merkels Tote“ seien.

Wo aber ist die richtige Reaktion? Wie soll man nun reagieren? Wie soll man sich menschlich darauf einstellen?

Ich denke, dass beide Extreme nicht gut sind. Es ist nicht gut, sich selbst in Watte zu packen und die Augen und Ohren zu verschließen und nicht akzeptieren zu können, was wirklich ist. Eine allzu hektische, rein emotionale und „postfaktische“ Reaktion ist aber auch nicht gut.

Man muss sagen können: Ja, Deutschland ist im Visier des internationalen Terrorismus. Ja, wir werden nicht von allen geliebt, auch wenn wir uns noch so anstrengen. Ja, es gibt Leute die uns hassen und nein, wir können uns nicht immer davor schützen.

Was man mehr als je braucht, sind vernünftige Antworten, die auf der einen Seite die Freiheit, Sicherheit und Menschenrechte von allen Menschen gewähren, aber gleichzeitig auch wehrhaft bleibt und konsequent dort reagiert, wo Unrecht geschieht.

Für mich liegt der größte Skandal z.B. darin, dass ein Mensch (nämlich der neue Verdächtige Amri) so einen langen, offensichtlichen kriminellen Weg beschreiten kann und dass es niemand gibt, der ihn aufhalten kann. Er wurde wahrscheinlich in Tunesien schon verdächtig, kam dann als Flüchtling nach Italien, war an Aufständen beteiligt und zündete dort eine Schule an. Er saß dort in Haft, war also vorbestraft. Italien konnte ihn nicht ausweisen, also kam er nach Deutschland. Wieso kam er bei uns rein? Als offensichtlicher Straftäter? Auch hier bei uns wurde er auffällig, aber auch da konnte man ihn nicht unter Kontrolle bekommen! Es war weder möglich, ihn längere Zeit in Abschiebehaft unterzubringen, noch möglich zu überwachen und abschieben ging auch nicht. Die Begründungen dafür sind haarsträubend und werden den vielen Toten und Opfern seines Wirkens nicht gerecht! Man konnte ihn nicht loswerden, weil er keine Ausweispapiere hatte und weil Tunesien ihn nicht zurücknehmen wollte! Sagt das jetzt bitte nicht den Angehörigen… ich möchte so eine Botschaft auf jeden Fall nicht überbringen wollen. Das ist traurig und eine große Schande für die Sicherheitsarchitektur, wenn soviele Fehler zusammen kommen.

Deutschland und seine Nachbarländer in der EU müssen solche Sicherheitsmängel dringend und schnell abstellen. Es bringt nichts, im Allgemeinen gegen „die Flüchtlinge“ zu hetzen. Aber es würde schon reichen, wenn man die Einreise konsequenter und gezielt kontrollieren würde und bei einem offensichtlichen Straftäter konsequenter abschieben würde. Auf gar keinen Fall darf ein „freier Radikale“ so ungehindert durch Europa reisen. Es muss jemand geben, der ihn stoppt und zwar rechtzeitig und nachhaltig.

Terror oder Amok

Ich wollte ja eigentlich was über diesen durchgeknallten Axt-Attentäter von Würzburg schreiben… aber dann kam München und der Typ mit der umgebauten Theater-Waffe dazwischen. Und gerade, als sich dieser Medienhype ein wenig gelegt hat und ich durchatmen wollte, las ich heute morgen „alles was wir über den Bombenanschlag von Ansbach wissen“.

Puh, das ist ein harte Woche, auch für erfahrene und Angst-befreite Blog-Autorinnen.

Was mir bei der Medien-Berichterstattung sehr stark auffällt: Alle beeilen sich, den Terror dieser Tage vom Amok abzutrennen.
In der Nachrichtensendung wird dieser Satz am Ende der Sendung sogar nochmal nachgereicht. Der Machetenmörder war nur krank, der Mord vermutlich eine Beziehungstat. Puh, und kein Terror in München, was für ein Glück! Nur ein 18-jähriger Spinner, der mit einer Waffe aus dem Darknet wahllos Ausländer und Jugendliche abknallt. Über den anscheinend alles bekannt gewesen ist: Er hat sich ein Buch über Amokläufe gekauft, er hat im Internet Counterstrike gespielt und dabei Nicknamen wie „Hass“ oder „Terror“ verwendet, er hat in Chats über Ausländer geschimpft, und er hat sogar als (vermutlich 17-jähriger) die weite Reise auf sich genommen und den Amoklauf-Tatort in Winnenden besucht und dort sogar Fotos gemacht. Dann hat er noch in aller Ruhe ein Manifest über seinen Amoklauf geschrieben und sich als Tatzeitpunkt den Jahrestag des Breivik-Attentats von Utøya ausgesucht (22. Juli). Nebenbei war er anscheinend so intelligent, dass er sich im Internet eine Waffe bestellen konnte und anscheinend auch so reich, denn so eine Waffe ist ja bestimmt nicht billig, dazu kamen noch 300 Schuss Munition. Mit dieser Waffe muss er auch mal geübt haben und wurde wahrscheinlich von niemanden wahrgenommen.

Und alle Freunde, Verwandten, Eltern und Familienmitglieder haben davon nichts mitbekommen und den Jungen weiter gewähren lassen?
Er war wegen eines „depressiven Formenkreises“ in Behandlung, aber kein Psychiater der Welt hat die Anzeichen erkannt oder den Jungen mit der instabilen Psyche irgendwie auffangen oder aufhalten können. Was nützt uns all die Polizei, die GSG9, die Feldjäger und die 2300 Beamten im Einsatz, wenn all diese zivilen Sicherheitsmechanismen versagen? Man wird den Terror niemals aufhalten können, wenn diese Attentäter nicht aus dem zivilen, bürgerlichen und familiären Umfeld erkannt und aufgehalten werden.

Und somit ist der Terror auch ein Versagen der Gesellschaft. Unrecht kann dort passieren, wo die Gesellschaft Unrecht zulässt und keine geeigneten Gegenmittel findet. Der Junge wurde laut Medienberichten gemobbt und ausgegrenzt. Wahrscheinlich war er auch von den Identitäten zerissen. Darauf deutet hin, dass er als „Deutsch-Iraner“ bezeichnet wird, wahrscheinlich in Deutschland geboren wurde, aber iranische Eltern hat. In diesem wackligen Handy-Video vom Balkon in Richtung Parkhaus hat er ja auch lautstark protestiert und betont „Ich bin Deutscher… aus einer Hartz IV-Gegend“.
Woraufhin der Baggerfahrer in Unterhemd Bierflaschen auf ihn geworfen haben soll und ihn als „Spinner“ bezeichnet hat, der in die Psychiatrie muss .. Dieses kleine Video ist ein schreckliches Zeugnisvideo von all dem Elend. Es ist komprimiert auf die wichtigsten Punkte. Da unten steht ein verzweifelter Jugendlicher, der seinen Platz in der Gesellschaft noch nicht gefunden hat. Während er mit der Pistole in der Hand hin- und herläuft, wird er von der Gesellschaft (= dem Mann auf dem Balkon) verspottet, beschimpft und angegriffen. Obwohl es so komplett offensichtlich ist, dass er seelisch aus dem Ruder läuft, findet sich niemand, der dieses Chaos aufhalten kann. Ein paar beruhigende Worte hätten vielleicht gereicht. Stellt neben den 2300 Polizisten und den Sondereinheiten gegen Terror bitte auch noch ein paar Polizeipsychologen in den Dienst. Und die sollen dann auch mit Blaulicht an den Tatort fahren.

Und die sprachliche Unterscheidung zwischen Terror und Amok? Streng genommen gibt es keinen Unterschied. Beide Straftaten dienen dem Zweck, die Bevölkerung zu verunsichern, Angst und Schrecken zu verbreiten und wahllos Opfer zu töten, die man irgendwie für „Feinde“ hält.

Beim Terroranschlag mag es noch ein paar politische oder pseudo-religiöse Motive geben- aber in der Verblendung und dem blinden Hass gegen alles Fremde und Abgelehnte gibt es kaum Unterschiede zum Amoklauf. Der Amokläufer will die Gesellschaft bestrafen, von der er sich gehasst und ausgeschlossen fühlt. Der Amoklauf ist der drastische Kontrapunkt zur Gleichgültigkeit und Ignoranz, die ansonsten vorherrschen. Man wird jahrelang ignoriert, gemobbt, ausgeschlossen. Menschen beachten sich auf der Straße kaum. Nur der Stärkste, coolste, hübscheste gewinnt den Kampf um die Aufmerksamkeit. Wer bei diesem Wettbewerb nicht mitmachen kann, landet schnell im Kanaldeckel der Ungeliebten. Bemerkenswert ist z.B. auch dass der Attentäter von München sich als junge Frau ausgibt, um die Leute in den MacDonalds zu locken. Hätte ihm seine männliche Identität nicht ausgereicht? Hat er schon geahnt, dass dann niemand kommen würde?

Aus diesem Untergrund der Verlierer-Randgesellschaft gibt es nur ein Entkommen: Den blinden Hass, den man die Leute zurück vor die Füße wirft. Plötzlich wird die Gesellschaft gewzungen, sich um einen zu kümmen. Nun müssen alle hinschauen! Nun müssen sie sich alle mit dem 18-jährigen beschäftigen. Nun wird er endlich geliebt. Doch es ist zu spät. Er richtet die Pistole gegen den Kopf und verschwindet aus dieser Welt. Was alles schief gelaufen ist, erfahren wir erst hinterher.

Der Terrorist ist in seiner Verzweiflung nicht viel anders. Auch er dichtet sich wahnhafte Motive zusammen, sieht überall Feinde und „Ungläubige“ die er bekämpfen muss. Menschen, die sich amüsieren, friedlich ein Feuerwerk anschauen oder dem Wochenend-Einkauf nachgehen, werden wahllos zu Feinden deklariert. Die Auswahl scheint hier völlig irrational und zufällig. So waren z.B. beim Nizza-Attentat auch viele Muslime unter den Opfern. Der LKW unterscheidet nicht nach Religion. Die Stoßstange wälzt jeden Menschenkörper unter die Räder. Die harten Felgen trennen alle Arme und Beine ab, ob der oder die jetzt regelmäßig in der Moschee war oder nicht. Die Leben werden allesamt beendet. Mit einem Miet-LKW gefahren aus den Händen eines Irren. Es sind nicht die LKW, die Macheten oder Äxte, die man verbieten muss. Es sind die fehlgelenkten Gedanken des Hasses, die den eigentlichen Feind ausmachen.

Die beste Antwort auf Hass in der Gesellschaft kann nur „Liebe“ sein. Auch wenn es abgedroschen und plakativ klingt, denke ich, dass die Formel recht einfach ist. Eine verrohte Gesellschaft, die sich um den anderen nicht kümmert und Schwächere ausgrenzt und mobbt, wird Hass und Gewalt ernten. Amokläufer und Terroristen sind immer Augeschlossene und „Nicht-Integrierte“. Daher muss das Wort „Integration“ ganz nach oben auf die politische Agenda.

Neu ist allerdings, dass wir mit den vielen neu-dazugezogenen und Geflohenen auch die Probleme anderer Länder und anderer Regionen zu unseren eigenen dazu bekommen. Wer anderen helfen möchte, muss damit rechnen, dass nicht nur problemlose, friedliche Menschen aus einer heilen Welt kommen. Wenn diese Menschen nicht massiver Gewalt, Armut, Ungerechtigkeit, Terror und Leid ausgesetzt wären, würden sie ja nicht fliehen. Wer also die Arme aufmacht und die Welt willkommen heißt, MUSS damit rechnen, dass auch die Probleme mitkommen. Es ist gefährlich und naiv, wenn man diese Realität nicht sieht. Diese Realität des Fremden kann auch sehr leicht von ausländerfeindlichen und extremistischen Parteien missbraucht werden, um negative Stimmungen zu erzeugen und Wähler zu gewinnen. Allein schon deshalb muss sich die Politik und die Gesellschaft all dieser Probleme endlich annehmen. „Wir schaffen das“ alleine reicht nicht.

Das leise Ende einer Legende

Das war´s also gestern, die letzte Folge „TV Total“ flimmerte über den Bildschirm und der berühmte TV-Moderator Stefan Raab beendet zum Jahresende seine TV-Karriere.

Irgendwie fühlte ich mich selbst komisch, gestern bei der letzten Sendung. Ich kann es noch nicht richtig glauben! Das kann doch nicht sein! War das wirklich das letzte Mal, dass ich diese Sendung sehen durfte?
Wer versüßt mir jetzt die Abendstunden? Sorgt nochmal für ein erleichteres Grinsen und Lachen zu später Stunde? Humor ist bekanntlich gesund! Und diese Sendung hat mich geheilt…

Rückblickend ist mir aufgefallen, dass ich doch ein ziemlicher Fan von Raab geworden bin.
Allen Unkenrufen über seine Person zum Trotz- aber auch aller anderen Bedenken zur Qualität, zum „Sinn“ oder zu der Fairness gegenüber Unbekannten und Kamera-Opfern auf der Straße, die sich im Laufe des Jahres angesammelt hatten.

Klar, er hatte Schwächen! Und was für welche! Am Anfang (1995) haben wir uns als Jugendliche darüber lustig gemacht und gefreut, dass so ein unorthodoxer Typ, dem die Schnauze so frei gewachsen ist, es im Fernsehen so weit bringen konnte. Niemals hätte man damals denken können, dass er es mal soweit bringt, dass er so eine Karriere macht, sich ein Unternehmen aufbaut und mehrere Millionen im Jahr verdient.

Begeistert schauten wir damals noch in der Studenten-WG die erste Folge „TV Total“ (1999) und lachten uns über jeden Gag halb tot. Und heute, im Jahr 2015, gab es bereits über 2000 TV Total Sendungen und die Ära neigt sich dem Ende zu. Mir wachsen die ersten grauen Haare, in einer WG wohne ich schon lange nicht mehr…ich bin alt und spießig geworden, aber meine Begeisterung für Raab´s Humor ist geblieben.

Er hatte immer eine große Klappe, war frech und unangepasst. Er hat nicht immer Rücksicht auf die Bedürfnisse seiner Mitmenschen genommen und sich auch diverse Klagen und Abmahnungen eingehandelt.
Mit der Bild-Zeitung oder RTL lag er schon längere Zeit über Kreuz (Quelle Wikipedia). Sein Humor hat nicht jedem gefallen, zu schräg, zu laut, zu plump und alle ernsthaften Menschen fühlten sich schnell von ihm abgestoßen. Es gab damals zwei Parteien: Die Raab-Fans und die die Raab-Hasser. So wie die Techno-Fans und die Techno-Hasser. Aber es gab keinen, der Raab nicht kannte.

Aber was war wirklich das Entscheidene? Was hat ihn dann so groß gemacht? Man hatte bei ihm nie das Gefühl, dass es ihm um Geld, Macht, Einfluss oder gar Selbstdarstellung ging. Er war einfach er, einfach witzig, einfach authentisch. Und in einer zunehmend verkrampfter und einseitig werdenen Fernsehlandschaft ein wichtiger, künstlerischer Kontra-Punkt. Ein scharfer Kontrast, den man einfach wahrnehmen muss. Er setzte sich stets über alle Konventionen hinweg und legendär sind seine frechen Straßen-Interviews, die z.B. schon bei „Vivasion“ begannen. Ich hab mir gestern noch ein paar Highlights auf Youtube angeschaut. Sein typischer Stil kommt da schon gut durch, viel verändert hat er ihn eigentlich nie. Einfach mit unverblümter Offenheit die Menschen fragen, was ihm so durch den Kopf geht. Sich um Fettnäpfchen, Politcal Correctness und anderen Quatsch nicht scheren.
Damals hat der Meister noch alles selbst gemacht. Sehr bekannt sind auch seine „Raabigramme“ bei denen er meistens mit der Mini-Gitarre Ukulele irgendwelchen Promis ein schelmenhaftes gesungenes (nicht immer charmantes) Spiegelbild vorgehalten hatte. Raab war immer jemand, den diese Fernseh-Welt gebraucht hat. Gerade weil er unorthodox und geradlinig war und gerade auch, weil er stets vom Humor und Frechheit beseelt war. Das war seine Stärke, das war sein Markenzeichen und niemand kann das so einfach kopieren oder in einer TV- Planungssitzung als Marken-Image „verordnen“. Entweder man ist so ein „Kölsche Jeck“ wie Raab oder nicht. Mich erinnert er oft an einen modernen Till Eulenspiegel.

Raab ist aber noch viel mehr als ein Narr, weil er zusätzlich sehr gutes Gespür für die Medienwelt bewies und wahrscheinlich auch kaufmännisches Geschick besaß. Bei den Quizsendungen „Blamieren oder Kassieren“ oder ähnlichen Duellen in „Schlag den Raab“ ist mir immer aufgefallen, wie breit sein Allgemeinwissen ist und dass er auch über herausragende kognitive und sportliche Fähigkeiten verfügt. Sein Lieblingsspielzeug waren immer neue Fahrgeräte. Mit einer Begeisterung und Neugierde stürzte er sich auf sie.. anstatt zögerlich und abwartend zu sein, ging er die Dinge einfach an. Er hatte keine Angst vorm Scheitern oder „Hinfallen“ auch wenn er sehr oft hingefallen und gescheitert ist.

Ich bin die ganze Zeit fieberhaft am Überlegen, wie seine sehr gute Sendung „TV Total“ nun ersetzt werden kann. Und mir fällt gar nichts ein. Mir fällt niemand ein, der ihm auch annähernd kopieren oder ersetzen könnte. Kein „lustiges Moderatorenduo“ Joko und Claas, aber auch kein Luke Mockridge. Und auch keine tausendfachen Wiederholungen von amerikanischen Konserven-Produktionen oder anderem Müll. Was mich auch wundert, dass generell das Konzept von Late-Night Shows in Deutschland selten ist. Sehr gut war z.B. auch Harald Schmidt, einer der wenigen, der mit Raab mithalten kann, was die Präsenz, die Persönlichkeit und den Humor angeht. Aber der ist ja auch schon längst abgewandert. Wer oder was bleibt also?

Der ganze Stil von Raab ist einmalig. Er hat junge Leute mitgezogen, die sich hinter einen starken Stefan gestellt haben und in seinem Fahrwasser groß geworden sind. So z.B. sein sympathischer Bei-Moderator und einstiger „Showpraktikant“ Elton. Oder das Fördern und Herausbringen von Sängern wie Max Mutzke, Stefanie Heinzmann oder Lena. Das war eine weitere Stärke von Raab, dass er immer auch Platz für andere geschaffen hat und mit seinem Wirken kleine und große Künstler unterstützt hat. Er hatte immer ein Gefühl für gute Kunst, aber auch für die Persönlichkeiten, die hinter den Kunstfiguren stehen. Wenn er sich mit den Leuten gut verstanden hat, hat er sie bereitwillig unterstützt- und seltsamerweise sind sie dann auch groß geworden und konnten ihr Potential voll entfalten.

In TV Total gab es z.B. regelmäßig Kleinkünstler und Kabarettisten zu sehen, die man nirgendwo anders sonst gesehen hätte, weil sie einfach so laienhaft oder unbekannt waren. Aber Raab´s Sendung gab ihnen ein paar Minuten wertvolle Sendezeit. Auch allerlei Tierbabys und unbekannte Experten zu außerordentlichen Themen konnte man sehen. Ich weiß gar nicht, ob ich alle aufzählen kann. Aber die besten, die mir in Erinnerung geblieben sind, waren z.B. der Botaniker, der für seine Blumen und Pflanzen wirklich lebte, der Raab sogar sein Blumenkübel am Studiopult neu bepflanzte (nur damit dieser es ein paar Wochen später wieder verdorren ließ und sich dann in der letzten Sendung noch neckend darüber ausließ, dass ja da vorne Blumen seien, die er sonst von seinem Platz aus nicht sehen würde). Und als Raab den Botaniker fragte, ob die Pflanze auch essbar sein, sagte dieser „natürlich“ und steckte sie sich mit Wurzel und Erde kurzerhand in den Mund. Nicht schlecht auch die realistische Performance zum Thema „Tollkirsche“ und was passieren kann, wenn man eine Beere davon isst…

Sehr gut war auch der Mathematiker und Rechenkünstler Gert Mittring, der brav seine Bücher in der Sendung vorstellen durfte und sein Können gleich real vor der Kamera bewies. Wann bekommt schonmal ein Wissenschaftler oder gar Mathematiker in der deutschen Fernsehlandschaft eine Chance?

Dann gab es noch den Experten mit den Würfelbechern, den „Stacker“.. der tolle Kunststücke machen sollte, die Raab natürlich kopieren wollte und dabei grandios scheiterte. „Sieht so einfach aus!“ oder der Typ, der allerlei Objekte und Steine in aberwitzigen Positionen übereinander stapeln konnte, ohne dass der Turm umfiel.
Der Gummiknochen-Mensch.. diverse Breakdancer, unzählige Zauberkünstler, z.B. der tolle Schwede Carl Einar Haeckner , und weitere unzählige Comedians.

Oft gab es auch diverse Koch-Einlagen, die von Raab auch regelmäßig torpediert oder eigenwillig begleitet worden sind. Ich erinnere mich da z.B. an Sonya Kraus, die Muffins backen wollte und Raab dabei fast den ganzen Topf mit Teig ausschleckte.

Jetzt alle andere aufzuzählen ist etwas anstrengend und würde den Rahmen des Artikels sprengen. Was aber auf jeden Fall auffällt, ist die Vielseitigkeit, die von Raab und seinem TV-Team ausging.
Diese kulturelle Vielfalt und die Offenheit für alle möglichen Themen ist genau das, was ich im restlichen Fernsehen vermisse. Am Anfang jeder Sendung wurden aktuelle Beiträge aus dem TV nach Auffälligkeiten und Kuriositäten durchforscht. Lustige oder besonders eigenwillige Auftritte von Privatpersonen bekamen dann den „Raab der Woche“, einen kleinen Fernsehpreis und eine Ehrung im Studio.

Ein Team bereitete die lustigen Stellen in -vermutlich- mühevoller Kleinarbeit vor und Raab präsentierte dann stets mit einem breiten Grinsen die Ergebnisse. Hiermit ist die wertvollste Eigenschaft von Kunst und Kabarett enthalten: Die Möglichkeit zur Selbstkritik am Medium, aber auch an der eigenen Kunstwelt, die man täglich neu erschafft.

Vergleichbare Sendungen mit einem ähnlich hohen Niveau an satirischer Medienkritik sind noch die „Heute Show“ oder „Die Anstalt“, evt. noch „Extra 3“.

Puh, ein Glück, es gibt doch noch Alternativen und das Fernseh-Zuschauer-Leben wird irgendwie weitergehen.

Aber Raab… wird trotzdem fehlen.

Endspiel

Passend dazu: Moonlight-Sonata (live)

Geotop

Es war sehr heiß gewesen. Schon seit Tagen, Wochen, Monaten. Es hatte einfach nicht mehr geregnet. Die Tropfen wollten nicht mehr auf die Erde kommen und die, die es dann doch schafften, verpufften und verdampften so schnell, wie sie gekommen waren. Die Menschen machten sich noch keine Sorgen, weil sie sich nie Sorgen machten. Sie beschwichtigen und wiegelten ab. „Das wird schon wieder! Heiße Sommer hat es schon immer gegeben! Im Winter sind die Wasserspeicher wieder voll. Ach was soll diese Klimawandel-Hysterie?“ Diejenigen, die sich für die Lehren über den Klimawandel einsetzten, wurde mal wieder verspottet. Mundtot gemacht, ausgelacht, ins Lächerliche gestellt. „Das Intelligente“ wollte keiner hören. Und schon keiner wollte hören, dass sein Handeln in irgendeiner Weise Auswirkungen auf die Welt hatte! Hey, wir haben uns doch gerade erst daran gewöhnt, alles haben zu können. Freiheit, unendliche Möglichkeiten! Leben im Konsum, im Rausch, ohne Verantwortung, ohne Sinn und Verstand. Und das sollten wir jetzt alles aufgeben? Nur weil es ein bisschen wärmer wird? Weil die Flüsse plötzlich kein Wasser mehr haben? Wer braucht schon Wasser. Duschen kann man auch mit Sand…

Aber es regnete immer noch nicht. Erst versiegten die kleinen Flüsse, dann die großen. Die Schifffahrt wurde eingestellt. Die Menschen machten einfach immer weiter. Die Atomkraftwerke mussten abgestellt werden, es gab immer öfters Stromausfälle. Auch die Klimaanlagen mussten dann stehen. Viele alte Menschen starben. Früher als geplant, an Austrocknung und Erschöpfung. Aber auch das fiel noch keinem auf. Alte Menschen waren ja meistens „abgeschoben“, von den Augen der Welt, den anderen Menschen verborgen. Alter war in dieser Zeit so was wie eine Schande, eine Belastung, keiner wollte was damit zu tun haben. Lieber weiter unvernünftig sein ! Lieber weiter konsumieren!

Als auch im zweiten Jahr die Ernte ausfiel, begangen einige Leute nachzudenken. Die empörten Stimmen der Landwirte wurden lauter. Aber auch das war kein Problem. Die EU schob ihnen ein bisschen mehr Geld zu. Das war kein Problem. Geld konnte ja einfach gedruckt werden und stand quasi unendlich zur Verfügung. Die großen Supermarkt-Ketten drückten weiter auf den Preis und das mit der Knappheit fiel erstmal keinem auf. Wie konnten die realen Dinge knapp werden, wo doch die Währung und die Vermehrung der Geldmenge grenzenlos schien?

Im dritten Jahr mussten die Preise dann doch etwas angehoben werden. Trinkwasser wurde aus Norddeutschland importiert. Es war verboten, den Rasen zu sprengen. Im Supermarkt gab es manchmal Gerangel um knappe Güter, vor allem Fleisch wurde jetzt teurer. Für Getränke musste man meistens anstehen. Oder warten, bis wieder eine Lieferung reingekommen war. Einmal in der Woche fuhren die Kommunen mit einem Trinkwasser-LKW herum. Dafür wurden die Steuern noch ein bisschen angehoben.

Öl und Energie wurden billiger, aber die Preise für Lebensmittel und Wasser schnellten nach oben.

Im vierten und fünften Jahr gingen die Leute in den Flussbetten spazieren. „Das war mal der Rhein“ erklärte die Oma ihren Enkeln. „Da gab es früher große Schiffe, auf denen konnte man bis ans Meer fahren“… „Und Fische?“ fragte der Enkel „gab es dort auch Fische? Ich würde so gerne mal einen sehen.“… die Oma versprach, demnächst mal ins Museum zu fahren, dann würde sie sich ein paar Fische anschauen. So genau wusste sie selbst nicht mehr, wie die aussahen.

In der Zwischenzeit waren noch mehr Menschen gestorben. Nur die jungen Menschen blieben übrig. Die Menschen in den heißen Mietwohnungen mussten zuerst ausziehen. Es gab Leerstände und verlassene Stadtviertel, vor allem in Süddeutschland wurde das Wohnen immer schwieriger. Die Preise purzelten in den Keller. Ob jemand eine Klimaanlage hatte oder nicht, wurde mittlerweile zum Politikum. Politiker der Linken und Grünen forderten eine Förderung vom Staat für Kühlgeräte und eine Absenkung der Stromsteuern. Die Parteien der Union aber wiegelten ab. „So ein Schmarrn!“ tönte es aus Bayern. Und so mussten die armen Menschen weiter schwitzen und schauen, wo sie ihre Abkühlung her nahmen. Und immer mehr Geld fürs Trinkwasser ausgeben, das mittlerweile deutlich im Preis gestiegen war.

Im sechsten und siebten Jahr gab es immer noch kein Regen. Es wurde wärmer und wärmer. Temperaturen von über 30 Grad wurden jetzt schon im März gemessen. Im Sommer wurde es in Süddeutschland über 45 Grad. „Uns wird der Klimawandel doch nicht treffen!“ waren manche Leute immer noch überzeugt. „Das ist nur temporär, das geht wieder vorbei. du wirst sehen!“

Aber es ging nicht vorbei. Die Bevölkerung schrumpfte. Die Wirtschaft und die Landwirtschaft litten unter der Hitze. Große Waldbrände hatten die Natur zerstört. Ein tödlicher Kreislauf nahm Fahrt auf war kaum aufzuhalten.. Arme Menschen aus Afrika kamen in Scharen nach Europa. Auf dem afrikanischen Kontinent war es überhaupt nicht mehr auszuhalten. Es gab kein Wasser mehr. Andere Länder in Südostasien wurden regelrecht überflutet und ertranken in den Regenmassen.

„Gebt uns was ab!“ sagten die Afrikaner. „Nichts da“ zischten die Europäer vom rechten Rand zurück. „Schaut, dass ihr selbst was arbeitet und eure Felder bestellt“. Weil das immer so hin und her ging, wurde die Stimmung extremer. Rechte Parteien kamen an die Macht. Europa fing an sich zu spalten. Die Nationalstaaten wurden wieder stärker, der Stolz und der Egoismus kamen zurück. „Das Projekt Europa“, auf das man einst so stolz war, zerfiel. Man baute Zäune und benötigte dafür unendliche Massen an Stacheldraht. Die Armeen wurden aufgerüstet, die Wehr-Etats angehoben. „Der Sicherheit wegen“ betonten die Politiker.

Und so war es schließlich nur eine Frage der Zeit, bis wieder ein Krieg vom Zaun brach. Wegen irgend so einer Kleinigkeit. Ein Wortgefecht von einem dummen Politiker, das eskalierte. Ein paar unbedachte Äußerungen. Aber wenn man genau hinschaute, war es der erste Krieg der Menschheit, der um die knappen Ressourcen ausgelöst wurde. „Uns trifft das schon nicht“ wiegelten manche immer noch ab. „Es wird alles gut“. Sagten sie immer noch, als die ersten Langstrecken-Raketen über die Köpfe huschten und die Mörser-Granaten neben ihnen einschlugen.

Doch nichts wurde gut. Die Menschheit war so weit gekommen, in ihrer Evolution. Hatte soviel Hürden überstanden. Die Pest überlebt, Hungerkatastrophen, das Mittelalter und den Dreißigjährigen Krieg überlebt. Hat sich in den beiden Weltkriegen millionenfach ausgelöscht und doch wieder aufgerappelt. Kurz, für einen winzigen Moment der Vernunft, konnte man meinen, dass nach dem Wahnsinn des Holocausts jetzt die Vernunft endlich siegte und das gemeinsame Leiden eine bessere Welt hervorbringen könnte. Die Menschheit war danach noch lange am Rand der nuklearen Katastrophe gewandelt und schaffte es am Ende doch zusammenzureißen und der Versuchung des roten Knopfes nicht zu erliegen.

Und nun, nur durch ihre eigene Dummheit, Gier und Unvernunft wurde sie wieder zurück auf den Anfang geworfen. Eines Tages würde der blaue Planet, der mittlerweile ein glutroter geworden war, einmal rülpsen und die ganze überflüssig gewordene Menschheit einfach ausspucken.

In Zeiten des Jeck

Liebes Tagebuch,

der heutige Tag hatte keine klare Tendenz. So wie das Wetter scheinen mir auch die Menschen und meine eigenen, inneren Einstellungen. Tagsüber gibt es klaren Himmel, helle Sonne und die eine Seite in mir zieht es nach draußen, ruft „Aktivität“ ! Und am abend bin ich erschrocken, wie kalt es noch ist. Die Kälte kriecht durch die Ritzen und der Winter meldet sich lautstark zurück, dass man ihn nicht vergessen möge.

Auch bei den Menschen ist eine zwiespältige Haltung zu beobachten: Da ist eindeutig die klare Entschlossenheit etwas zu ändern. Das Jahr nun endlich beginnen zu lassen! Auf die hohlen Worte der Versprechungen und guten Vorsätze endlich die passenden Taten folgen zu lassen! Von der Straße klingen wieder mehr Geräusche, der Verkehr nimmt zu. Das Telefon klingelt wieder öfters, jeder der Stammesbewohner kriecht aus seiner Höhle und checkt mal so „die erste Lage“. Die Gespräche sind aber meistens kurz und wirklich viel offenbart noch niemand über sich. Ein erstes Angähnen am Morgen, so scheint mir die Situation.

Dazu kommt eine kleine närrische „Verrücktheit“. Die tollen Tage stehen vor der Tür und schon kribbelt es mir in den Fingern, mal wieder was verrücktes zu tun, die Sau raus zu lassen und auf den eingefrorenen Winter-Block die richtige Antwort zu geben.

Die Gehirnzellen jaulen auf, die Gedanken sind noch etwas schräg und unsortiert. Welcher von den vielen Strömungen sich durchsetzen wird, ist noch nicht zu bestimmen. Kaum startet die Initiative, wird sie im nächsten Moment von Müdigkeit und Antriebslosigkeit quittiert. Wie ein stotternder Motor eines Autos im Winter, der immer mal wieder will (brumm, brumm), aber dann doch abstirbt, egal wie oft man den Schlüssel dreht. Der Kopf will schon, aber der Körper kommt noch nicht so ganz hinterher…

Aus den Medien und der Nachrichtenwelt gibt es nur wenig erbauendes zu berichten. Wie so oft, fällt mir die Niveaulosigkeit und Einfallslosigkeit der Berichterstattung aus. Überall gibt es Nachrichten, aber nirgendwo gibt es Meinungen. Gerade bei den meisten Online-Tageszeitungen gleichen sich die Schlagzeilen beinahe aufs Wort. Aber keiner der Autoren schafft es, mal über die Agentur-Meldung hinaus zu recherchieren oder dem ganzen eine klare Richtung zu geben. Wenn man eine Meinung sucht, dann findet man sie meistens in den Kommentaren. Dort ist das gegenseitige Extrem: Es gibt sehr viele Meinungen und Bewertungen, viele gehen in ganz unterschiedliche Richtungen. Sachlichkeit vermisst man, dafür gibt es oft sehr subjektive Einschätzungen. Doch hin und wieder macht sich jemand die Mühe und hat einen längeren Kommentar, der beides enthält: Meinung, Wissen und Interpretation.

Welch Segen in der Medienlandschaft sind da die Blogs oder andere private Homepages! Wenn sie gut gemacht sind, vereinen sie sehr viele Vorteile: Sachwissen, Meinung, persönlichen Bezug und ein paar abweichende Meinungen von Kommentatoren und weitere Denkanstöße. Dazu noch kostenlos, also frei vom Einfluss eines Konzern oder eines externen Geld- oder Arbeitgebers. Wie schwierig das manchmal mit der Meinung ist, hab ich ja in diesem Artikel besprochen: www.ja-blog.de/2010/10/die-illusion-des-virtuellen/ So wie er da steht, hat er im Grunde auch heute noch seine Gültigkeit.

Die Zeitungen mögen zwar über fallende Verkaufszahlen jammern und den generellen Ausverkauf des Journalisten-Berufs beklagen- die Frage aber ist: Was wird dagegen gemacht? Auch zwanzig Jahre nach dem „Neuland Internet“ scheinen mir die meisten Zeitungen und Zeitschriften noch keine vernünftige Antwort über all die „neuen Entwicklungen“ gefunden zu haben.

Nebenfrage: Woran liegt es eigentlich, dass gerade ein hochentwickeltes Industrieland wie Deutschland keine Großprojekte mehr hinbekommt, neue Trends kategorisch ablehnt (oder verschläft) und anderen Ländern in Sachen IT meilenweit hinterherläuft? Besonders zum Nachdenken fand ich diese Meldung: Nur mit einer gemeinsamen europäischen Anstrengung ist es überhaupt noch möglich, einen Giganten wie Google „einzuholen“. Kein Forschungsetat eines einzelnen Landes reicht dafür aus. http://www.heute.de/marktmacht-von-google-zdf-interview-zur-konkurrenz-der-internet-suchmaschine-und-deren-chancen-37120362.html

(Aber Google in Amerika ging doch auch von ein paar Einzelpersonen mit wenig Kapital aus. Wie haben die das geschafft und warum geht das bei uns nicht?)

Es reicht nicht, einfach den Kopf in den Sand zu stecken. Denn wenn man neue Trends verschläft, gibt man langfristig auch die Kontrolle über sie ab. Da nützen die vielen Klagen gegen Google und die ganzen Gesetzesinitiativen der EU überhaupt nichts. Die EU mit ihrem aufgeblähten Beamten- und Gesetzesapparat wirkt wie ein nörglerischer Kleingeist gegen die flotte und agile Gründerkultur in den USA.

Weniger Vorschriften und einfach mal Mut zur Initiative und zu etwas Neuem! Auch dafür kann die jecke Jahreszeit einen guten Impuls setzen!

Also liebes Tagebuch, nun hab ich genug gejammert und geschimpft.

Mal wieder sage ich danke für Deine Geduld

viele Grüße,

Deine News-Kommentatorin

Sie haben Kenny getötet

(Zitat aus Southpark)

Mit Aufmerksamkeit und Neugierde, aber auch mit Schrecken verfolge ich derzeit die Ereignisse in Frankreich, die das ganze Land seit gestern in Atem halten. Der blutige Anschlag auf das Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ war der Auslöser. Über 11 Menschen sind gestorben und auch heute gibt es weitere Schüsse, Geiselnahmen und Tote. Die beiden Haupttäter, zwei Brüder (mit französischer Staatsbürgerschaft aber radikal-islamischen Überzeugungen) zwischen 30 und 40 haben sich in einer Druckerei verschanzt und mind. eine Geisel genommen.

Minütlich prasseln die Meldungen über die Liveticker diverser Medien, wer möchte kann sich auch in die verschiedensten TV-Livestreams reinklinken, die alle von den aktuellen Ereignissen berichten und mal näher und mal weiter weg von den Geschehnissen aufgebaut sind. (z.B. http://www.n-tv.de) Das ganze kommt mir derzeit noch etwas surreal vor. Es fing damit an, dass ich gestern fast im Vorbeigehen beim üblichen, gelangweilten Durchscrollen durch die Nachrichten-Headlines plötzlich vom Anschlag aus dem Zentrum von Paris gelesen habe. Ich wollte gerade weiter scrollen, da wurde mir plötzlich die Tragweite der Ereignisse bewusst. Beim genaueren Hinsehen und im Laufe des gestrigen Tages wurde dieses ungute „Anfangsgefühl“ noch verstärkt. Das ist doch absoluter Wahnsinn, was da abgelaufen ist! Ein bewaffneter Anschlag mit Kalaschnikows auf eine friedliche Redaktionssitzung einer Zeitung. Allein die Vorstellung, die Bilder im Kopf, die dabei entstehen passen irgendwie nicht zusammen. Wie kann man ein derart „weiches Ziel“ zum Hauptpunkt eines Anschlages machen? Bei der RAF waren es „wenigstens“ noch die Repräsentanten ihres verhassten Feindbildes: Der Staat, Polizisten, Staatsanwälte, Militär-Einrichtungen. Das konnte man irgendwie nachvollziehen (ist nicht gleich rechtfertigen!), aber der Angriff auf künstlerisch-tätige Autoren, die friedlicher und losgelöster von allen Macht-Systemen der Welt nicht sein könnten, ist grotesk.

Ein Angriff auf das 10 Uhr-Redaktionstreffen einer Zeitung, die niedliche Figürchen malt, die an sich überhaupt nicht anstößig, obszön oder gewaltverherrlichend sind! (Beispiel) Da gibt es tausende Medien-Produktionen, die schlimmer sind, ja bei manchen Sendern muss man nur bis Mitternacht warten, bis die ganze Sexindustrie endlich mal durchladen kann. Oder die ganze Gewaltdarstellung in Filmen, die Pornografie und „weltliche Darstellung“ von Frauen in der Werbung, der Konsum von Alkohol, Schweinefleisch, etc. . Und jetzt regt man sich über ein paar handgezeichnete Figuren auf? Welcher Gott oder Prophet sollte so humorlos sein, als dass er damit ein Problem hätte? Der Humor und der Zeichner ist ja so etwas wie eine geschützte Instanz: Wie ein Hofnarr im Mittelalter, der allen Adligen und Herrschenden den Spiegel vorgehalten hat, aber im Rahmen der künstlerischen Darstellung die sog. Narrenfreiheit genoss und nicht verurteilt oder zur Rechenschaft gezogen werden konnte. Das gab es schon im Mittelalter und da waren auch im hochgelobten „Abendland“ die heiligen Insitutionen noch mächtiger und strenger.

Diese Figuren führen nur bei der Interpretation des Betrachters zu so etwas wie einem Schmunzeln oder einem Lachen. Bisweilen wird auch das Lachen im Hals steckenbleiben. Es hängt hauptsächlich am Betrachter, wie man damit umgehen kann, genau das ist die Aufgabe der Satire! Nicht die Satire ist böse, sondern die eigenen (!) Gedanken und Interpretationen, die sie auslösen kann.
Sie ist daher die beste und friedlichste Pädagogik, die man sich vorstellen kann. Weil sie auf Humor und Selbstkritik beruht und nicht auf Dogmen.

Aber die Leute, die sich an so etwas stören, sind genau wie jene, die sonntags verärgerte Leserbriefe an ihre Zeitungen schreiben, weil sie sich von irgendeinem Artikel, irgendeiner Wortwahl oder einer anderen Banalität so tief getroffen fühlen, dass sie erst weiter leben können, wenn sie ganze Welt mit ihrem Schmerz beglückt haben und dann am besten noch so etwas wie ein „Schmerzensgeld“ erhalten. Mit dem Unterschied, dass die Terroristen durch Ideologien aufgehetzt sind und noch radikaler reagieren.

Wieviel Schmerz kann denn ein Comic auslösen? Zuerst, man muss es ja nicht lesen! Man könnte es ignorieren. Satire gilt in Frankreich als starkes Medium mit hoher Beliebtheit, aber die letzten Auflagen von Charlie Hebdo sollen gerade mal um die 60.000 Exemplare gelegen haben. Das ist weit entfernt von einem mächtigen Einfluss. Erst jetzt, nach dem Anschlag wird nochmal nachgelegt. Das „Motiv“ kommt mir daher wie ein Vorwand vor. Ein Vorwand, um Macht und Hass auszulösen und Gesellschaften zu spalten.

Die Zeichner haben auch andere Religionen „beleidigt“ oder aufs Korn genommen. Das Motiv für den Mordanschlag ist daher so grotesk und unverständlich wie ein Mord nur sein kann. Der ganze Konflikt zwischen „dem Islam und dem Westen“ ist künstlich und kann nur existieren, weil ihn ein paar radikale dazu machen und hier in Europa mit anderen Extremisten und Fundamentalisten (ganz gleich welcher Richtung) prächtige Resonanz-Böden vorfinden.

Es bringt meiner Meinung nach auch überhaupt nichts, jetzt die große Interpretationsmaschine anzuwerfen, wie es von den Medien derzeit gemacht wird: Haben wir ein Problem mit Islamfeindlichkeit in Deutschland? Wie geht man mit Bewegungen wie Pegida um? Ist ein friedliches Zusammenleben mit Muslimen und Nicht-Muslimen möglich? Was sagen die friedlichen Vertreter aller Religionen dazu? Wie ist die Meinung von Terrorismus-Experten? Welche Bürgerrechte sollen als nächstes eingeschränkt werden? Warum konnten die Behörden nicht alles wissen, warum sind ihnen gewisse Zusammenhänge der Brüder und evt. Mittäter nicht aufgefallen? Ja, warum wusste man nicht, wann die Terroristen morgens aufstehen, wo sie ihr Müsli kaufen, bei welchem Waffenhändler sie noch schnell ein paar Päckchen Munition einkaufen und wie- in Gottes oder Allahs Namen- sie diese schwere Waffe ungesehen in diesen mickrigen Kleinwagen stopfen konnten?
Wie haben sie im Gedränge von Paris eigentlich die richtige Adresse gefunden, wo die Redaktionsräume von „Charlie“ mittlerweile geheim waren? Ist unser neuer Gott Google mittlerweile so mächtig, dass das Navi auch diese Adresse ausspuckt?

Und warum waren sie so dumm, und haben ihren Personalausweis im Auto vergessen? Tja, man kann eben nicht an jedes Detail denken.

Der eine von den Brüdern hat gerne Rap-Musik gehört und gekifft. Wäre er mal dabei geblieben! Aber dann, eines Tag, man weiß nicht genau warum und wieso (( nacherzählt aus n-tv und dem interessanten Interview mit Antonia Rados)) – hat er angefangen sich zu radikalisieren. Tja, irgendwann. Das Leben war anscheinend zu langweilig. Die Verlockungen sich einer extremistischen Ideologie mit ein wenig mehr „Action“ hinzugeben sind da groß.

Die Halteseile der Demokratie sind nicht fest genug, um jungen Männern mit fragilem Ego eine klare Perspektive und Struktur zu geben. Bezeichnend, dass sie ohne Vater aufgewachsen sind und ihre Mutter irgendwann verloren haben.

Man könnte noch ewig weiter spekulieren, wenn das ganze nicht so schmerzhaft, grausam und traurig wäre. Mein Beileid für alle Opfer.

Dieser Anschlag wird eines Tages ein Fall für Satire werden. Denn die Freiheit kann man nicht töten. Man kann sie auch niemanden wegnehmen, man kann sie nicht wegsperren, nicht enthaupten und nicht steinigen. Die Freiheit eines jeden beginnt in einem selbst. In der friedlichen Einstellung der Welt gegenüber. In dem klaren (ethischen) Bekenntnis auf Gewalt oder Intoleranz zu verzichten. Indem man andere respektiert, wird man selbst auch freier. Sobald man anfängt, die Dinge kontrollieren zu wollen und ihnen einen eigenen Stempel aufdrückt, werden sie kompliziert und wenden sich gegen einen.

Das beste Gegenmittel gegen Terrorismus ist die klare Bekenntnis zur Offenheit der Demokratie, zu den Menschenrechten, zur Toleranz und zum friedlichen Miteinander der Religionen.

Die Rente ist sicher

Gestern, also am 15. Mai 2014 kam bei Maybrit Illner eine sehr gute Diskussions-Sendung über das deutsche Rentensystem. Aufhänger waren dabei die geplanten Änderungen bei der Mütterrente und die Regelung für die abschlagfreie Rente mit 45 Beitragsjahren.

Man kann sich die Sendung in der Mediathek noch anschauen, außerdem gibt es im Internet auch Berichte und Protokolle zur Sendung (z.B. hier)
Wer möchte kann auch die Kommentare auf Facebook dazu lesen, diese sind aber erstaunlich wenig. Nur sieben Kommentare bei so einem wichtigen Thema, das ja letztendlich alle angeht.

Mir persönlich hat die Auswahl der Gäste sehr gut gefallen. Die Stimmung war sachlich und relativ harmonisch, was zu einem guten Austausch von Argumenten geführt hat. Jeder der Gäste hat eine etwas andere Sichtweise auf die Rente vertreten.

Für die großen Parteien standen Thomas Oppermann (SPD) und Carsten Linnemann (CDU). Mit Michael Vassiliadis hatte man einen Vertreter der Gewerkschaften (IG Bergbau, Chemie und Energie) und mit Anton Börner einen Wirtschaftsvertreter (Deutscher Groß- und Außenhandel ).

Auch an die jungen Menschen wurde mit Bettina Munimus gedacht, ihres Zeichen Vertreterin aus der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen und Christina Bylow (Journalistin) stand letztendlich für die spezifisch weiblich-feministische Perspektive.

Wie bei Talkshows üblich wurden teilweise sachliche, teilweise emotional aufgeladene Argumente ausgetauscht. Vor allem Frau Bylow schien sich in ihre Sichtweise tlw. sehr reinzusteigern und reagierte auch schon mal mit Augenverdrehen und anderen spitzen Bemerkungen. Dass sie die jetzige Regelung der Rente für sehr ungerecht hielt, konnte man ihr deutlich anmerken. So empfindet sie die geplante Mütterrente als keinesfalls ausreichend, allenfalls als „Trostpflaster“.

Thomas Oppermann entgegnete ihr sinngemäß, dass man ja derzeit umdenke und überlegt, wie man die Erziehungsleistung (meistens von Frauen) der Leistung tatsächlich eingezahlter Beiträge gegenüber stellen könnte. Es wurde festgestellt, dass die 45 Beitragsjahre meistens auf Männer zutreffen und Frauen oft Lücken in ihrer Erwerbsbiografie haben (sog. Erwerbsarmut).

Zwischendurch stellte Anton Börner fest, dass die Rente ja kein „Belohnungssystem“ oder eine Prämie wie bei einem Angestellten sei, sondern (sinngemäß) lediglich ein großer Topf, in dem das umverteilt ist, was gerade drin ist. Hat man also nur wenige Beitragszahler mit geringen Löhnen, aber auf der anderen Seite auch immer mehr Köpfe, auf die die Summe verteilt werden muss, wird der Beitrag zwangsläufig kleiner.

Aufgeschreckt wurden die Diskutanten nämlich von einem Video-Einspieler, auf dem die prozentualen Rentenrückgänge bei einem Bruttolohn von 2.500 Euro bis ins Jahr 2030 eindrucksvoll dargestellt wurden. Liegt der Auszahlungsbetrag derzeit bei knapp 50% wird er 2030 nach Berechnungen und Schätzungen nur noch bei 43% liegen. Darauf entgegnete jemand aus der Runde, dass das ja relativ sei, man eben für starke Löhne sorgen müsse, dann sind 43% von viel auch vergleichsweise mehr.

Zahlen und Fakten kann man übrigens hier  (Quelle )  und auf der Seite „Deutsche Rentenversicherung“ nachlesen.

Interessant ist der Satz, wenn man auf „Mittelfristige Finanzentwicklung“ klickt:
„Wegen der von der neuen Bundesregierung angekündigten Änderungen der rentenrechtlichen Bestimmungen wird zur Zeit von der Darstellung einer mittelfristigen Finanzrechnung Abstand genommen.“

Vergleicht man die Werte „Beitragssatz“ und „Bundeszuschuss“, so fällt auf, dass der Beitragssatz für den Arbeitnehmer relativ konstant gehalten wird (ca. 19 %), das ganze aber anscheinend nur erreicht werden kann, weil der Staat immer mehr „hinzuschießt“ (1998 noch 2,9%, 2012 schon 9,3%). Finanziert wird das ganze über die Mehrwertsteuer und die Ökosteuer.

Wer noch weiter in die Zukunft blicken möchte, kann z.B. hier interessante Erkenntnisse (vor allem über den demografischen Wandel) entdecken.

Fazit
Die Sendung von Maybrit Illner war insgesamt gut und mit zahlreichen guten Erkenntnissen verbunden. Keine Meinung hat dominiert, jeder kam mal zu Wort. Schon anhand der vielen verschiedenen Positionen konnte man sehen, wie komplex das Thema ist, und dass es letztendlich alle etwas angeht.

Wer Zeit hat und sich für die Materie interessiert, dem empfehle ich das Video in der Mediathek.

Vielleicht gibt es ja auch noch den einen oder anderen kritischen Blog-Artikel zum Thema? Nach einer kurzen Suche hab ich erstmal nichts gefunden, wer einen guten Link hat, kann ihn gerne schicken!

Der Weihnachts-Organismus

oder: Ein Tag in der Stadt

Passender Song

Kolonnen aus Blech rollen auf die Innenstadt zu. Am rechten Rand ein parkender Paketbote (von 2.000), der nach Erde und Dreck stinkende LKW schwenkt locker nach links und geht auf Tuchfühlung mit den Insassen hinter ihren Fenstern. Auch ihm wäre eine Paketzustellungs-Drohne vielleicht eine Entlastung gewesen. Ich frage mich, ob der Luftraum in nicht allzu ferner Zukunft mit kleinen Flugzeugen und Hubschraubern, so wie in den besten Science Fiction Filmen vollgestopft sein wird? Während ich das noch denke, reißt die Hektik den Blick wieder zurück auf die Straße und 4.000 Entscheidungen pro Sekunde sind zu tätigen.
Stossstange an Stossstange geht es eng gekuschelt vorwärts, aber dennoch erstaunlich schnell. Nur etwas für Menschen mit starken Nerven. Nicht gut für BeifahrerInnen und zittrige NervenbündelInnen. Im Parkhaus sind noch 17 Plätze frei. Im Parkhaus angekommen, die nächste Frage: wo sind diese freien Plätze? Und warum – in aller Not- werden diese Kurven und Parkbuchten immer so verdammt klein gebaut? Ich bin für eine Mietpreisbremse für Parkhäuser, dann würde der kostbare Platz -direkt am Nabel des Konsum- demnächst vielleicht großzügiger verschwendet.

Auto an Auto, Mensch an Mensch, aber doch, der einzelne erstaunlich oft mit Freundlichkeit gesegnet. Engheit bedingt Freundlichkeit. Soziales entsteht aus dem Kontakt. Respekt folgt der Aggression. Oben auf dem Weihnachtsmarkt angekommen, sticht als erstes der feine Geruch nach lebendigen Ponys in die Nase, die in Reih und Glied hintereinander stehen, etwas traurig in die Augen der Passanten blicken und noch auf Kinderlachen und -Beine warten. Eine Folge der niedrigen Geburtenrate? will ich noch denken, als schon die nächsten Eindrücke auf die Sinne stürmen: Läden voller Deko-Artikel kann mein Gehirn mittlerweile schon ganz gut einordnen, mit fachfraulichen Blick schätze ich Qualität, Ausstattung und VerkäuferInnen-Freundlichkeit inklusive Smalltalk-Faktor ein. Nur lieber nicht zuviel Smalltalk, das kann auch ermüdend werden, vor allem wenn man nicht mehr die Stornotaste findet. Das gedankliche Ergebnis der Stichprobe kann überzeugen, dennoch wird dieser Weihnachtsmarkt erstmal links liegen gelassen, um sich dem eigentlichen Plateau des Einkaufsrausches, langsam aber unaufhaltsam zu nähern.

Duftwelten folgen auf Kaffeewelten, Kleiderwelten folgen auf Straßenbahnen und Trubel und Autos und Essen und Düfte und Geld und Backwaren und Straßenschilder und Zettel und Quittungen und Tüten und Lachen und Freundlichkeit und Hektik und Stress und Höflichkeit und Drängelei.

Abends ist man dann, wen wundert´s, erstaunlich müde.

Pünktlich zum Sonnenuntergang schnauben die Pferde noch ein letztes Mal, bevor sie die feinen Herrschaften vor der Villa absetzen, währendessen drinnen das Dienstmädchen schon den Kaffee aufgesetzt hat und die Sofakissen für den Abend aufgeschüttelt hat.

Dachte ich noch in meiner Phantasie, als ich aufwachte und die Realität auch ganz beschaulich fand.