Kategorie: Gesellschaft
Das tragische Ende einer Veranstaltung
Passende Songs: Members of Mayday – Sonic Empire oder Sunshine
Das schaurige Nebeneinander von Leben und Tod, von Frieden und Ellenbogen, von Musik und Krankenwagen, von Leid und Liebe.
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Was für schreckliche Nachrichten heute über die Monitore und TV-Schirme in das Wohnzimmer getrudelt, nein eher gestürzt und in die Seele gedrückt worden sind. Dabei war es so ein schöner Tag und alles hatte so friedlich begonnen.
Ich kann es immer noch nicht fassen und bin zutiefst betroffen über dieses große Unglück auf der Love Parade. Mit diesem Artikel will ich einfach mein Bedauern dazu ausdrücken und vielleicht auch meine eigenen Gefühle ein wenig ordnen, was die Veranstaltung selbst betrifft.
Im Grunde muss man sich fragen: Wieso ist erst jetzt etwas passiert? War das nicht eine Frage der Zeit bei diesen Menschenmassen, bei diesem hohen Alkohol- und Drogenkonsum? Sind die jungen Leute schuld1 oder doch eher die Veranstalter? Kann man überhaupt von Schuld reden?
Blick in die Vergangenheit
Dazu muss ich erklären, dass ich schon immer eine große Anhängerin der Love Parade gewesen bin und mehrmals kurz davor stand, sie zu besuchen. Aber irgendwas hat mich immer davon abgehalten, und wenn ich ehrlich bin, war es meistens die Angst vor dem Unberechenbaren.
Dieses große Spektakel, das 1997, im Jahr meines Schulabschlusses und im persönlichen Inbegriff großer Freiheit, das erste Mal die Millionen-Marke „geknackt“ hatte. Und da haben wir es schon: Man hat sich immer schon mit Besucherrekorden überbieten wollen und sie stets wie eine Trophäe vor sich gehalten. Klar, es war auch etwas besonderes und ein derartig großes Techno/Rave-Spektakel hatte es bis dahin noch nicht auf der Welt gegeben.
Ein paar Jahre später schon 1,5 Millionen, das war ihr Höhepunkt (damals noch in Berlin). Ein Wahnsinn, der sich da auf den Straßen abspielte, Millionen von nackten Körpern, von ausgelassenen und glücklichen Menschen, die zu dem standen, was sie waren und mich in ihrem unerschütterlichen Glauben an eine gute Zukunft mehr als mitgerissen haben. Vielleicht das größte und wichtigste öffentliche Musik-Ereignis nach Woodstock, eine musikalische, künstlerische Welle, die eine ganze Generation in den Bann ziehen konnte. Irgendwo fliegt noch eine alte VHS-Kassette herum, auf der ich ca. 240 Minuten Live-Berichterstattung mitgezeichnet habe. Ein kostbarer Schatz in meiner Erinnerung, der mir viel bedeutet. Wenn ich das Band heute abspiele, kann ich die Gefühle von früher eins zu eins wachrufen.
Alles war möglich. Sex im Freien, Drogen, so weit das Auge blickte und dann erst diese phänomenale Musik, dieses „Trance“, „House“, „Drum and Bass“, „Industrial“ und „Hardfloor“, dieses Mitschwingen in der Masse, das Erleben von Love, Peace und Unity. Transzendenz hat die Love Parade den Menschen gegeben, Einheit, wo sonst nur ich-bezogene Einsamkeit und die Generation Golf vorherrschte. Meine Generation war anders, meine war besser, partygeiler und enthusiastischer und nun würden wir die Pfeiler des Lebens neu bestimmen, so wie tausende Generationen vor uns- nur eben ein bisschen besser, ein bisschen größer.
Doch irgendwann begannen – wie immer- die Querelen. Es fing mit der Frage an, ob das ganze noch als Demo durchgehen kann oder eher eine Werbeveranstaltung ist. Wer für die Kosten der Müllreinigung aufkommt und wer denn eigentlich den Tierpark vor den Horden „wild umher urinierender“ Männer (und Frauen) rettet?
Und immer hat mich etwas daran abgeschreckt, nie konnte ich die kritische Schwelle überspringen und meinen eigenen Fuß dorthin setzen. Obwohl ich Techno immer sehr geliebt habe und es auch heute noch meine Lieblings-Musikrichtung ist. Wieviel meiner damaligen Freunde haben über Techno geschimpft und im Stile ihrer Eltern es als „nicht richtige“ Musik abgewertet! Ich habe sie heimlich gehasst, wenn sie einen anderen Radiosender eingestellt haben, ich aber „Sunshine Live“ hören wollte…
Tja und die anderen Freaks aus meiner Klasse, die waren das andere Extrem. Haben es mit der Lebensfreude und den Drogen sehr wörtlich gemeint … und … somit ist die Love Parade für mich -bis heute -immer etwas Theoretisches geblieben.
Jetzt würde ich nicht mehr auf die Love Parade gehen wollen (schon vor dem Unglück nicht). Die Zeiten des friedlichen Technos sind vorbei. Politische Aussagen werden schon lange nicht mehr getroffen. Der Gründer (Dr. Motte) hat sich zurückgezogen.
Die Kommerzialisierung hat um sich gegriffen und zum Schluss scheitern sie auch noch an der Organisation und Menschen kommen um. Das Schlimmste und schlechteste Ende für eine Veranstaltung, die einst so friedlich begonnen hatte und soviel friedliche Botschaften zu überbringen hatte.. mal wieder schreibt das Leben die grausamsten und traurigsten Geschichten.
Anmerkungen:
- nicht kalkulierbares Einzelverhalten, wie manche Leute im Fernsehen gesagt haben, aber was ist schon kalkulierbar, dafür gibt es doch “Konzepte” [↩]
Bahnfahren- gestern und heute
Sorry, wir haben die Menschen vergessen
Bahnfahren war früher eine schöne Angelegenheit. Zur Oma, zu den Verwandten, in eine große Stadt, es hat immer viel Spaß gemacht. Erinnert sich jemand noch an die alten Züge, da konnte man das Fenster runter ziehen und den Daheim gebliebenen zum Abschied winken!
Man saß nicht in diesen supermodernen Großraumabteilen, sondern ganz konventionell in einem Abteil mit sechs Leuten. Da musste man reden. Da musste man noch kommunikativ sein. Privatsphäre gab es nie viel, aber als Kinder durften wir meistens am Fenster sitzen, immerhin etwas. Manchmal haben wir aus Spaß was aus dem Fenster geworfen, aber nur wenn es keiner gesehen hat und das Abteil leer war. Oder wir haben das Fenster ein wenig runter gemacht, damit im Sommer kalte Luft reinkommt… dann ist immer ein Schaffner vorbeigekommen, meistens ein älterer Herr, der etwas streng geguckt hat und uns Kindern Angst gemacht hat.
Meine kleine Twitterwelt
Am Rande des Universums und dann die nächste Kreuzung links
Unter meinen Twitter-Followern sind alle glücklich vereint: Atheisten und Gläubige, Links-Radikale und Rechts-Konservative, Banker und Freidenker, chaotische Künstler und wissenschaftliche Logiker, Feministinnen und Partriarchen, Männer, Frauen und alle, die sich dazwischen fühlen.
Unter diesen gegensätzlichen Followern führen sie zwar keine Feindschaften (das kommt vor, ist aber zum Glück selten), aber sie kommunzieren auch nicht untereinander oder miteinander. Jeder lebt so in seiner eigenen Gruppe, in seinem eigenen Erfahrungs- und Meinungshorizont. Von da aus wird dann die Welt missioniert und Millionen von Tweets lassen die Datenleitungen glühen und die Server hin und wieder zusammenbrechen.
Ich fühle mich dann manchmal als die einzige, die sieht, wie sie parallel existieren-
obwohl sie sich oft nicht mögen, leben sie alle auf der gleichen Welt.
In meiner kleinen Twitter-Welt!


