Posted by J.A. on August 16, 2011

Mutter und Hausfrau

Gestern kam eine sehr gute Sendung über das Leben und die Probleme von Hausfrauen, vor allem in den vergangenen Jahren.
Leider konnte ich sie nicht komplett sehen, aber in der Mediathek von ARD ist sie zum Glück noch gespeichert. Es gibt dazu auch noch einen zweiten Teil, der nächsten Montag gesendet (22.08.11) wird.

Mein Ersteindruck dieser Sendung ist ganz gut, weshalb ich sie als Tipp bezeichnen möchte. Für mich scheint die Beschäftigung mit dem Leben der Frauen in vorherigen Generationen wichtig, weil viele Denkweisen der Älteren uns bis heute prägen und zum Beispiel über Erziehung und Wertvorstellungen auch an jüngere weitergegeben werden. In einem Buch über Geschlechterforschung las ich z.B., dass es sehr wahrscheinlich ist, dass sich das Leben einer Frau (in groben Zügen) nach dem Vorbild einer Mutter orientiert. Wenn positive, selbstständige Rollenbilder vorherrschen, ist es sehr wahrscheinlich, dass auch die jungen Frauen solche Probleme überwinden und selbstständiger werden. Wenn in der Familie aber hauptsächlich Hausfrauen leben, ist es auch wahrscheinlich, dass die Töchter eher Hausfrauen werden. (Übrigens werden die Söhne davon auch beeinflusst; ob sie z.B. verwöhnt sind und alte Rollenbilder in ihrem Kopf herumtragen oder eher modern-progressiv eingestellt sind und von selbst und ohne äußeren Druck im Haushalt mithelfen)

Und “naja”, kann man sagen, “die gezeigten Rollenmodelle im Film sind doch alle hoffnungslos überaltet.” Wirklich, frage ich mich? Ich war am Sonntag in einer Ausstellung und habe mir etwas über Geschichte angeschaut.. in einer dunklen Ecke, fast zu übersehen, saßen drei junge Mädchen, die schon etwas müde von den vielen Eindrücken eine kleine Pause gemacht haben und sich relativ laut und daher auch für mich hörbar unterhielten: „Das möchte ich aber nicht alles putzen, so ein großer Raum“ sagte die eine „ja und stell dir vor, man muss das alles staubwischen“ entgegnete ihre Freundin.

…..
Eine andere gute Sendung zu Thema „Mutter und Hausfrau“ kam vor ca. einem Jahr auf Scobel und hieß „Mythos Mutter“.
Auf der offiziellen Seite klappen bei mir die Videos leider nicht mehr, aber auf podcast.de kann man sie sich noch komplett anhören.

Hier wird genau erläutert, wie Mutterliebe entsteht und dass sie z.B. die biologische Grundlage für alle weiteren Formen von zwischenmenschlicher Liebe ist. Aber auch der interessanten Frage wird nachgegangen, warum sich gerade in Deutschland das traditionelle familiäre Mutterbild so lange gehalten hat und warum es hauptsächlich eine Sache des Kopfes und der gesellschaftlichen Einstellung ist.

Für die (West-) Deutschen gibt es immer noch eine scharfe Trennung: Entweder die Frau arbeitet oder sie bekommt Kinder. Beides zusammen scheint vielen unmöglich, was nicht zuletzt auch an der schlechten Infrastruktur der öffentlichen Betreuung liegt. Die Deutschen haben zweimal schlechte Erfahrungen mit der öffentlichen-politischen Verwendung ihrer Kinder gemacht: Einmal im Nationalsozialismus, als das Mutterbild und die Mutterrolle eine unheilvolle Renaissance erlebte und dann in der ehemaligen DDR, wo die Kinder dem System des Kollektivs dienen und frühzeitig herangeführt werden sollten. Das Kind nun bei der Mutter im trauten Heim zu beschützen kann man also auch als Abwehrhaltung gegen die staatliche Einflussnahme bezeichnen, die erst langsam wieder auftauen muss. Nicht wenige Deutsche denken daher noch heute, dass die öffentliche Betreuung für das Kind nicht gut ist, wobei es inzwischen sehr viele Studien gibt, die das Gegenteil beweisen. Der Blick nach Frankreich beweist, dass die öffentliche Betreuung und die Berufstätigkeit von Frauen von Vorteil ist und sich sogar sehr positiv auf die Geburtenrate auswirkt (~ 2 Kinder pro Frau; Spitze in Europa). Kinder bekommt man in Frankreich nebenbei, wohingegen der Nachwuchs in Deutschland eine Riesen-Sache ist, die man sehr gut planen muss und die alles (nicht nur zum Guten) verändern wird.

In Deutschland Kinder zu bekommen bedeutet auch, das eigene Armustrisiko signifikant zu erhöhen, worauf die vielen Alleinerziehenden Hartz-IV Empfängerinnen hinweisen (ca. 40 Prozent) und was ein weiteres Thema der Sendung war.

Insgesamt eine gewohnt-gute Scobel-Talkrunde, die sehr viele Aspekte des „Mythos Mutter“ beleuchtete und mit den geladenen Wissenschaftlerinnen in einer anschaulichen Weise diskutierte.

Posted by J.A. on Juni 12, 2011

Homophobie in der Nachbarschaft

Eine Nachricht, die im Wirbel der allgemeinen Meldungen beinahe untergegangen wäre: In der kroatischen Hafenstadt Split ist es am Samstag zu einem Zwischenfall bei einer sog. Homosexuellenparade gekommen, der ersten ihres Landes überhaupt. Nach den Nachrichtenmeldungen sind ca. 10.000 Gegner auf 300 Teilnehmer des Zuges losgegangen und habe diese mit Gegenständen, Steinen, Gläsern, und ähnlichem beworfen. Die Polizei war anscheinend trotz langer Vorbereitung nicht in der Lage, die Teilnehmer ausreichend zu schützen.

Besonders aufmerksam macht der Fall nicht nur wegen der offensichtlichen und gewalttätigen Homophobie, sondern auch, weil Kroatien sich derzeit um eine Aufnahme in die EU bemüht. Die verantwortlichen Politiker täten gut daran, die verantwortlichen Stellen in Kroatien darauf hinzuweisen, dass das nicht akzeptabel ist.

Meinung

Vielleicht könnte man ja mal eine nationale Aufklärungskampagne starten? Oder der Pabst könnte ein paar weise Worte sprechen? Okay, vergesst das mit dem Pabst.1 Aber irgendwas muss sich doch mal ändern.

Vielleicht, indem das nächste Mal Unterstützer aus allen anderen europäischen Ländern anreisen und es dann plötzlich 100.000 Befürworter der Toleranz gegen 300 Homophobe sind? Dann hätte man auch genügend Manpower, um mit jedem einzelnen mal ausreichend zu reden und zu erklären, warum das Ganze mit den Schwulen und Lesben gar nicht soo schlimm ist, selbst wenn man Christ ist.

~ Quellen und Links ~

Meldungen

Diskussionen

.


Anmerkungen:
  1. Die Kroaten sind zu 87,8 Prozent katholisch []


Posted by J.A. on Juni 10, 2011

Vom Privaten zum Gesellschaftlichen

Einleitung

Ich bin derzeit in vielen Dingen gefangen, geborgen, versteckt und komme nicht zum Schreiben. Da ist zum einen mein Kindle, der eine schier endlose Kette an Informationen in sich birgt, die durch die kostenlosen Leseproben auch nicht mehr abreißen will. Die Inspirationen auf der einen Seite stoßen endlose Gedankenketten an und führen zu immer weiteren Büchern, in die ich dank der Testfunktion reinlesen kann und so stapeln sich inzwischen über 100 Leseproben, über die ich schon bald die komplette Übersicht verloren habe. Gelesen wird immer das „Obenauf“ und das Ganze wechselt sich munter miteinander ab.

Ca. 20 kostenlose Bücher schlummern im elektronischen Lesegerät, davon habe ich aber erst zwei zu mehr als 50 Prozent gelesen. Dazu kommen ca. fünf kostenpflichtige Exemplare, die ich mir „testweise“ gekauft habe und von denen ich sehr begeistert bin. Diese Bücher werde ich -durch Zitate oder kleinere Rezensionen- sukzessive im Blog vorstellen und erläutern.

Wie die LeserInnen ja wissen, hat mir mein Blog in der letzten Zeit sowieso keinen Spaß mehr gemacht und ich war/bin froh, auch mal etwas anderes machen zu können. Manchmal kann ein Abstand, vor allem ein längerer, sehr heilsam sein, um darüber nachzudenken, was man eigentlich macht und warum. Beim Bloggen fällt es mir aber trotz aller Zweifel und logischen Überlegungen, die mir die Unsinnigkeit so eines Projektes vor Augen führen sollen, stets leichter, einen neuen Text eins ums andere mal aufzusetzen als mich in Enthaltsamkeit zu üben. Für mich ist das ein untrügliches Zeichen, dass das Bloggen und das Schreiben selbst viel mehr ist, als man mit Logik begreifen kann. Es gibt anscheinend unbewusste, versteckte Motive, die mich dazu bringen, immer wieder zu schreiben. Und ich bin mir sicher, wenn ich das jetzt besser „erklären“ könnte, hätte man die Hauptmotivation dafür gefunden, warum es Menschen gibt, die leidenschaftlich gerne bloggen und dann wieder welche, die es überhaupt nicht machen und auch nicht gerne in anderen Blogs lesen.

Das Meta-Thema Blog

Da ist zum einen der Ausdruck über die Sprache. Der Mensch kann sich in vielen Dingen, in vielen Medien und ganz unterschiedlich äußern. Gerade die Kunst bietet einen unüberschaubare Vielfalt an Betätigungsmöglichkeiten (Tanzen, Singen, Modellieren, Malen, Musizieren, usw.); bei mir ist es eben die Sprache, die das Haupttor zur Welt geworden ist.

Daher stellt sich eigentlich auch nicht die Frage, warum man bloggt, selbst wenn man damit kein Geld verdient oder keine Rückmeldungen bekommt; freilich sind die Rückmeldungen auf diese ohnehin schon leidenschaftliche Tätgikeit wie ein Verstärker, der das ganze nochmal ums hundertfache steigert- aber ich bräuchte sie nicht allein, um mich dem Schreiben hin zu wenden.

Manch Mensch kann es nun seltsam erscheinen, warum ich mich auf dieses Experiment (des Nicht-Schreibens) immer wieder einlasse oder gar das Bloggen selbst ständig neu definieren muss. Wäre es nicht leichter, einfach zu schreiben und sich mehr auf die Sachthemen zu konzentrieren und quasi eine Betriebsblindheit zu entwickeln und eine Unzugänglichkeit zu Meta-Themen wie sie viele Bereiche und Berufe des heutigen Menschen mit sich bringen? Dass das nicht geht, liegt in der Natur des Sache, des Schreibens, Denkens und auch „Grübelns“ begründet. Wer richtig „denken“ will, muss auch lernen, den Selbstzweifel zu ertragen. Wer nicht mehr über sich selbst oder sein Tun nachdenken kann, wird sich langfristig von sich selbst entfremden.

Kann man ein Blog überhaupt als „Beruf“ definieren? Gewiss, ich schrecke oft vor den Leuten zurück und bin beeindruckt von ihren logischen Argumenten, wie sie sinnvolles und nicht-sinnvolles fein säuberlich auftrennen und das einzig und allein an der Menge der Geldscheine bemessen, die dann jeweils damit „verdient“ werden. Es ist eigentlich traurig, dass wir heutzutage einzig und allein diese Perspektive kennen und für alle anderen Perspektiven so blind geworden sind. Das ist der Grund, warum soviele Künstler und Dichter (Dichterinnen) ein Nischendasein führen und selbst bei allerhöchster künstlerischer Schreibproduktivität (die eine Produktivität im eigentlichen wirtschaftlichen Sinne ist) kaum bis gar nicht beachtet werden. Hier klafft eine Lücke, zwischen dem was „wertvoll“ ist und eine Demokratie ausmacht und zwischen dem, was die Gesellschaft als wertvoll erachtet und zwar durch Aufmerksamkeit, Zuhören, Zurückgeben oder gar einer materiellen Wertschätzung (die wiederum nur eine von vielen ist).

Private Werte vs. öffentliche Werte

Unsere Gesellschaft driftet an diesem Punkt auseinander und ich will erläutern, wie ich mir das erkläre:

Wenn sich nun Kinder um ältere Angehörige kümmern und sie zu Hause pflegen, wenn die Mutter ihren Job aufgibt, um sich um ihre Kinder zu kümmern und dafür das Alleinsein und den mangelnden Respekt oder gar eine Scheidung in Kauf nimmt, wenn die Geschwister für ihre eigenen da sind, wenn der Lehrer Überstunden an der Problemschule macht, von der seine Kollegen schon längst Abstand genommen haben; wenn der Landarzt seine alten und wenig „lukrativen“ und auch medizinisch und im Sinne der eigenen Karriere nicht reizvollen Patienten mit Liebe und Geduld versorgt, so leisten all diese Menschen einen unschätzbaren Wert für die Gesellschaft.

Sie alle leisten deutlich mehr, als die Gesellschaft bereit zu bezahlen ist. Sie leisten mehr, als dass sie Anerkennung bekommen und sie sind alle durch sich selbst motiviert und bekommen zum Großteil ihrer Zeit kein Lob, keine Aufmerksamkeit und keine staatlichen helfenden Hände, die sie unterstützen. Was sie vielleicht nährt ist ihre menschliche Überzeung, ihr Mitgefühl oder gar ihr Glauben an das Gute im Menschen. Der Zusammenhalt dieser Gesellschaft ist in diesem Moment von der Wertschätzung und dem Mitgefühl dieser Menschen in höchstem Maße abhängig- und obwohl es so evident ist, begreifen die wenigsten diesen “nicht messbaren” Zusammenhang.

Diese Gesellschaft, so scheint es mir, hat an vielen Punkten den Wert für diese Menschen und diese Handlungen des Mitgefühls verloren; mehr als das, sie kann es nicht mehr wahrnehmen, nicht artikulieren und folglich auch nicht ändern. Viele Probleme werden privatisiert und sind sie erst einmal per Gesetz aus dem Blickwinkel des Staates verschwunden, braucht er sich keine Sorgen mehr zu machen. Was übrigt bleibt, sind nicht weniger soziale Probleme, aber deutlich weniger verantwortliche Stellen, die man zur Rechenschaft zwingen oder eine Erklärung abringen könnte.

So schreibt z.B. Ulrich Schneider in seinem Buch „Armes Deutschland“:

Hat der Staat beispielsweise die Kostenübernahme für nicht verschreibungspflichtige Medikamente erst einmal gestrichen, wie in Deutschland geschehen, können ihm Heuschnupfen oder Hautausschläge herzlich egal sein. Er nimmt sie gar nicht mehr wahr. (Highlight Loc. 2250-52)

Er führt darin eine Überlegung auf, mit welchem Eigeninteresse „der Staat“ handelt (und nicht etwa die Politiker, auf die üblicherweise immer eingedroschen wird) und erklärt das Selbstbild dieses Staates. Der Staat ist im Wesentlichen abhängig von einer florierenden Wirtschaft (zwecks Steuereinnahmen, Arbeitsplätzen und Vollbeschäftigung) und von seinen Bürgern (zwecks Steueraufkommen und Erhaltung der Macht durch Wählerstimmen). Und so kommt er im Kontext dieser Selbstdefinition zum Schluss:

Manche Argumente sind mehr, manche weniger zwingend. Manche treffen die Eigeninteressen des Staates mehr, manche weniger. Dass es einfach nur armselig ist, wie diese Alleinerziehenden mit ihren Kindern in Hartz IV leben müssen, ist vor diesem Hintergrund nicht nur kein zwingendes, sondern überhaupt kein Argument.

Hier sieht man den unsichtbaren Trennstrich, der zwischen den Eigeninteressen des Staates und den Interessen und „menschlichen“ Problemen seiner Bürger gezogen wird. Solange etwas dem Steueraufkommen dient und mit Macht verbunden ist (reiche Unternehmer, Drohung mit Abwanderung, große Lobbygruppen, etc.) kann und muss der Staat reagieren. Betrifft es allerdings Menschen, die sowieso schon vom geschäftlichen Erwerbsleben und damit einem Großsteil des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen sind (z.B. Hartz IV Empfänger) versiegt das Interesse und die Absicht in ihrem Sinne überhaupt etwas zu tun.

Anders ist es bei den Rentnern, die inzwischen eine Anzahl von 20 Millionen (!) haben, damit ein Viertel der Bevölkerung und ein Drittel der Wahlberechtigten stellen (Highlight Loc. 2284-85) und durch ihre entsprechenden Lobby-Gruppen und Vereine einer der mächstigsten Gruppen in Deutschland darstellen. Es erklärt sich von selbst, dass das Interesse von jungen Menschen dadurch in Schieflage gerät, weil diese jungen Menschen meistens deutlich weniger Zeit haben, sich zu organisieren (weil sie außer Haus arbeiten müssen oder 18 Stunden am Tag Kinder großziehen) und auch in weniger „Lobbygruppen“ organisiert sind. Der demografische Wandel trägt sein übriges dazu bei (immer weniger Schultern müssen immer mehr Münder ernähren und die Sozialkassen füllen; messbar z.B. durch die in den letzten Jahren ständig gesunkene „Aktivenquote“; die derzeit bei ca. 43 Prozent liegt).1

Die emotionale Berührung

Warum beschäftigt sich ein Mensch wie Schneider denn überhaupt mit der Armutsproblematik? Auch er wird nur indirekt davon profitieren und kein wesentliches Geld damit verdienen. In einem der anfänglichen Sätze macht er eine interessante Feststellung, die sich sodann wie ein rotes Band durch die weiteren Verläufe seiner Argumentation zieht:

Ohne Emotion ist die Verständigung auf einen tragfähigen Konsens zum diffusen Problem der Armut als Grundlage eines gemeinsamen Handelns schwer möglich. (637-38)

und

Um zu dem Schluss zu gelangen, dass es sich in einer ganz konkreten, alltäglichen Situation um Armut handeln könnte, reicht es nicht aus, sie lediglich intellektuell zur Kenntnis zu nehmen und zu reflektieren. Es braucht eine subjektive, emotionale Berührung. (634-36)

Kommen wir nochmal zum Schreiben und den gesellschaftlichen Problemen und Perspektiven, die damit verbunden sind, denn auch hier haben wir unzählige „emotionale Berührungen“ die uns tausendfach bewegen und immer wieder neu antreiben. Sie sind, da bin ich mir inzwischen sicher, der geheime Motor, der die eigene Schreibmotivation immer wieder am Leben hält.

In welche gesellschaftliche Grauzone trifft das Schreiben also? Im Schreiben (vor allem im Blog) nimmt sich der private Bürger der gesellschaftlichen Probleme an, die in seinem Land nicht gut laufen und diskutiert sie mit anderen. Vor allem die Dinge, die von den staatlichen Stellen auf Grund ihrer Struktur oder gar Ignoranz gar nicht mehr wahrgenommen werden und um der Gesellschaft und seinen Mitmenschen zu erklären: Wir haben euch nicht vergessen.

Wenn er auch nichts in unmittelbarer Weise ändern kann, so hat er mit dem Blog doch wenigstens eine Möglichkeit zur Artikulation und kann darauf aufmerksam machen und sich mit anderen zusammenschließen oder Erfahrungen austauschen. Das eigene Leid kann genauso formuliert werden wie das allgemein gültige und „gesellschaftliche Leiden“. Lässt man die ganzen spitzfindigen Unterscheidungen weg, wird man wahrscheinlich feststellen, dass es zwischen ihnen keine sorgsam zu ziehende Trennlinie gibt.

Wenn man sich die Struktur des Staates, seine Eigeninteressen und seine innere Organisation anschaut, gibt es keinen anderen Weg. Darauf abzuwarten, dass die Politik eines Tages gutmütig und weise und alles im eigenen Sinne umstellen wird, ist nicht nur gutgläubig, es ist absolut realitätsfern. Selbst in einer Demokratie (oder gerade darin) gibt es die Verpflichtung zur Eigeninitative. Wir bekommen zwar keinen Weg diktiert, aber es ändert auch niemand was für uns, wenn wir nicht aktiv werden. Wir müssen lernen, selbstständig zu denken, wir müssen lernen uns auszudrücken und mir müssen in diesem Zusammenhang lernen, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten und sie nicht ausschließlich als Konkurrenten oder Gegner zu sehen (wie unser Wirtschaftssystem uns leider teilweise dazu zwingt).

Fazit

Wenn du nicht mehr da bist, wird auch keiner mehr fragen, wer du warst. Gehört wird einzig und allein der, der den Mund aufmacht und seine Bedürfnisse und Ansichten formulieren kann. Jeder Blogartikel, so privat oder technisch er nun ist (denn auch als Verbraucher, auch als Liebender oder Liebende ist man Teil des Systems) trägt seinen Beitrag zur Gesellschaft bei. Der Staat, das ist in der Summe nicht die Hochrechnung aller Institute und Krawattenträger im fernen Berlin, der Staat sind wir.


Anmerkungen:
  1. Allerdings führt er dieses Beispiel auf, um die Macht der Lobbygruppen und Eigeninteressen bestimmter Wählerschichten besser zu erläutern, und ihren Einfluss auf politische Entscheidungen darzustellen. Das kann man natürlich mit der Hoteliers-Entlastung der FDP, den Spritkonzernen, den Banken oder den Energiefirmen noch viel besser und medial wirksamer machen; Er redet dabei nicht “gegen die Rentner” oder gar die Höhe der Sozialkassen, was bei einem Buch über Armut absurd wäre; das kann man auch hier in diesem Artikel leicht verwechseln oder missverstehen; dennoch ist es so, dass der Demografie- Faktor und vor allem die Lobbygruppen in der Politik eine wichtige Rolle spielen []


Posted by J.A. on April 15, 2011

Technik vs. Mensch

Die Einstellung bestimmt das Medium

Derzeit wird ja mal wieder viel über „das Internet“ geschrieben. Ich finde, solche Texte sind von vornherein kritisch zu betrachten, denn die Diskussionen sind kindlich und naiv und gleichen dem Versuch über „die Bücher“ oder „das Fernsehen“ als solches zu diskutieren. Es hängt doch alles sehr davon ab, wie man es nutzt, mit welchen Inhalten es gefüllt wird, mit welcher Art von Bildungshorizont man das Gesehene und Gelesene interpretieren und verstehen kann, wie hoch die Güte der „Vernetzung“ ist und wie psychologisch der Nutzen ist, der sich aus den vielgerühmten, sozialen Netzwerken ergibt.

Was ich aber stets betrachte und beobachte, ist eine viel zu einseitige Betonung der technischen Aspekte, die dann gleichsam als Messias der Innovation alle anderen menschlichen Probleme in einem Wisch vom Tische fegen soll. Als ob es je eine technische Erfindung der Menschen gegeben hat, die alle Probleme ihres Daseins hätte lösen können und nicht auf der einen Seite ein neues Problem geschaffen hätte!

Das Feuer hat dem Menschen Wärme gebracht, aber mit ihm auch die Brände und die alles verheerenden Feuersbrünste, die sein Hab und Gut in einem Streich vernichteten. Das Rad hat dem Menschen Mobilität gebracht, aber Jahrtausende später auch das Auto und damit einen der größten Klimakiller aller Zeiten und dazu ein sehr egoistisches und ökologisch wenig sinnvolles Einzel-Personen-Beförderungsmittel.. (wobei es hier bestimmt Leute gibt, die das ganz anders sehen).

Die Atomkraft hat dem Menschen billigen Strom und beinahe unbegrenzte Energiequellen eröffnet, aber auch den radioaktiven Müll, die unberechbare Gefahr eines Unfalls und die Atombombe…

Die Reise zum Mond hat dem Mensch neue Horizonte eröffnet und indirekt ein eigenes Genre in der Literatur und im Film geschaffen (Science Fiction)… ihn träumen lassen von einer besseren Welt ohne Krankheiten und Kriege. Und geerntet hat er die Langstreckenraketen und Verbesserung der Militärtechnik, sowie die Silikon-Busen und die Teflon-Pfanne…

Das Internet ist also der neue Heilsbringer. Das Internet verändert Revolutionen. Es gibt den Menschen eine Stimme. Es erlaubt Echtzeitkommunikation über große Räume und Grenzen hinweg. Natürlich, es gibt dem kleinen Bürger eine Stimme.

Aber sehen wir nochmal genauer hin: Alle Strukturen aus der Offline-Welt wurden übernommen: Frauen bloggen insgesamt mehr, sind in den Rankings der Blogosphäre aber weniger stark vertreten und werden kaum ernst genommen. Es setzen sich auch im Netz die Strukturen der Macht durch. Inhalte werden nach Macht, Einfluss und „Reichweite“ bemessen, nicht nach gesellschaftlichem Nutzen, Zahl der Arbeitsstunden, unbezahlte Arbeit, persönlichem Einsatz oder persönlicher Moral oder gar der Güte der Texte. Experten und Menschen mit Erfahrung werden im Internet auf dem Hintergrund der Schwarm-Intelligenz weg nivelliert…die Masse siegt, der Einzelne wird unwichtig. Es regiert der kommunistische Geist der Informations-Inflation, an der alle teilhaben können. Es wird für die Firmen zunehmend schwieriger, Medien zu verkaufen, weil sie im Internet umsonst kopiert werden können. Geistige Arbeit verliert zunehmend an Wert, was durch die Möglichkeit des Kopierens und Abschauens angeheizt wird und zwar nicht erst seit dem Minister Guttenberg-Skandal.

Auch im Internet setzen sich böse Tendenzen durch, gibt es Diffamierungen, Beleidigungen, Menschen die sich aufspielen und nach Vorne drängen. Auch im Internet werden die vernünftigen Stimmen weniger gehört als die lautstarken. Auch das Internet vergisst Menschen und interessiert sich nicht mehr für sie, wenn sie keinen Beitrag mehr leisten. Die menschlichen Schwächen, Unzulänglichkeiten und Fehler übernimmt das Internet eins zu eins.

Was ist das Internet mehr als eine computer-gesteuerte und unterstützte Verwaltung von Kommunikationssträngen und geschriebenen oder gesprochenen Gedanken aus der Offline-Welt? Was verstärkt es mehr als die Zählbarkeit, die Rückverfolgbarkeit, die Reichweite und den Zwang des Einzelnen, noch lauter zu rufen, damit er in der Flut der Informationen nicht gänzlich überhört wird?

Wie hilft das Internet dem armen Menschen, der sich keinen PC leisten kann? Wie bringt es den Bildungsfernen dazu, an den Diskussionen der „oberen bürgerlichen Schichten“ teilzunehmen? Wer bringt ihm bei, wie er einen Text interpretiert oder den richtigen Umgangston findet?

Wer gibt dem überforderten alten und sehschwachen Mensch die Gelegenheit, einen Computer zu bedienen und an den Diskussionen der Jungen teilhaben zu lassen? Wie formt das Internet den kritischen Geist und das Politikinteresse eines Menschen, der sich partout nicht dafür interessiert? Wie hilft das Internet der überforderten allein-erziehenden Mutter, die keine Zeit dafür findet, aber doch eine gleichwertige Bürgerin der Gesellschaft ist und gleichlaut und gleich stark gehört werden müsste?

Mir scheint es manchmal so, die jubelnden Rufe auf das Internet selbst gleichen den jubelnden Rufen eines männlichen Mittzwanzigers, der sich ein neues Handy gekauft hat und über die neuen Funktionen und Spielereien hoch erfreut ist. Natürlich kann man seine Freude nicht beneiden und vielleicht sogar teilen. Aber ist das neue Handy, die neue Technik wirklich der Wegbereiter für eines bessere Welt, die alle Menschen erfasst? Diese allzu große Euphorie erscheint mir mehr als illusorisch.

Das Internet ist allerdings ein mächtiges Werkzeug und kann dem nützen, der es versteht und anwenden kann. Aus der Euphorie für das Internet sollten andere Motivationen entstehen: Jeder sollte das Internet nutzen und verstehen können. Die Freude an der Bildung sollte sich wieder verstärken. Die Leute sollten das Internet nicht nur gebrauchen, um sich zu zerstreuen, noch besser zu unterhalten und billig (illegal) an Filme oder Software zu kommen.

Solange sich in der Gesellschaft und den elementaren Bildungsstrukturen der Gesellschaft nichts ändert, wird auch das Internet nichts daran ändern können. Für die ungebildeteten bleibt es eine „Black Box“ und so wie man den Fernseher zum Arte oder 3Sat schauen nutzen kann, kann man die Zeit auch mit belanglosen Shows oder eintöniger Musik-Dudelei und Casting-Wettkämpfen vergeuden.

Das Internet selbst verändert nichts. Es sind stets die Menschen und ihre einzelnen, spezifischen Motivationen, die einen Wandel zum Guten oder zum Schlechten verursachen.

Posted by J.A. on Februar 28, 2011

Blogpause und ein neuer Buchtipp

Buch-Rezension aktualisiert und erweitert am 1.3.2011

Zur Zeit tut sich bei mir im „reallife“ recht viel, so dass ich für das Blog nicht soviel Zeit finde. Ich möchte die werten Leserinnen und Leser nur darauf hinweisen, falls sich jemand wundert, dass im Moment keine neue Texte geschrieben werden. Aus meiner ambitionierten Ganztags-Berufung ist eine „zweimal im Monat“ Halbtags-Bloggerin geworden. Und da sich hier zu Hause die Wäsche stapelt und der nächste Einkauf auch schon wieder vor der Tür steht und doch dieses und jene Telefonat zu führen ist, kann ich im Moment nicht sagen, wenn ich endlich mal wieder Zeit fürs Bloggen finde!!! ;-) Aber es ist gut, es verleiht einem selbst auch so einen exklusiven Geschmack auf der Zunge. Wenn die Texte seltener geschrieben werden, überlegt man sich auch noch genauer was man schreibt und es fällt auch mehr an. Man kann dann schreiben wie ein Wasserfall. Und das ist letztendlich auch nichts schlechtes, oder?

Auch wenn meine Blog-Abstinenz derzeit von Zeitmangel diktiert und gebremst wird, so spielen doch auch die Überlegungen über die Motivation, das Wofür und Warum im gedanklichen Hinterzimmer immer wieder eine Rolle. Für mich ist Bloggen, Schreiben und Kommunizieren ein Raum voller Luft und Unverbindlichkeit. Vielleicht einer der letzten Räume (und wenn sie nur virtuell sind) in denen man wirklich frei ist. In denen man sagen kann, was man möchte. Ein Raum, in dem die Gefühle einen Platz haben und die freien Erkenntnisse, die nicht unbedingt gleich wieder durch Kritik oder Neid zerstört werden können. Ich schaffe, also bin ich. Und es braucht Kraft, so einen Gedanken zu erschaffen. Wenn er dann seinen Platz auf Papier gefunden hat, ist er endlich da und eine kleine Genugtung macht sich breit.

Doch genug der persönlichen Nabelschau, zurück zu meinen Kernthemen, der kritischen Medienschau:

Gestern kam z.B. ein Bericht über die Einschränkung der freien Forschung in der Wissenschaft und wie sehr dort die geistigen Erkenntnisse von Markt-und Profitinteressen gelenkt werden.1 Teilweise ist es den Wissenschaftlern sogar unmöglich, einer Frage nachzugehen, die sie für interessant halten, wenn sie dem Geist des Unternehmens widersprechen. Bei der Frage ging es um die langfristigen Auswirkungen der genveränderten Nahrung auf den Menschen. Obwohl dort offensichtlich erkannt wurde, dass es eine starke bis ungünstige Wechselwirkung gibt, wurde der Forscher von seiner Arbeit suspendiert und bekam das Verbot, über seine gewonnenen Erkenntnisse zu sprechen.

Read the rest of this entry »


Anmerkungen:
  1. Sendung hieß “Titel Thesen Temperamente“, und der besprochene Film “Gekaufte Wahrheit” []