Kategorie: Geschichte
Verschwunden
Passende Songs zum Text: And all that could have been von Nine Inch Nails oder Exit Music von Radiohead
Von heute auf morgen war sie verschwunden. Sie hatte niemandem Bescheid gesagt. Sie hatte einfach ihre Tasche genommen, die neuen Schuhe angezogen, die Winterjacke vom Bügel genommen und so schnell wie möglich das Haus verlassen. Am Abend zuvor hatte sie sich heftig mit ihrem Freund gestritten und seitdem sprachen sie kein Wort mehr nebeneinander. Die Nacht hatte sie auf dem Sofa verbracht, er wollte natürlich nicht aus einem gemachten Bett weichen. Sie schluckte bitter, als sie nachdachte, wie sie ihm letzte Woche noch mit Liebe alles frisch bezogen hatte.
Aber wie immer bedankte er sich dafür nicht und stellte es einfach als selbstverständlich hin. Nie lobte er sie, immer erwartete er nur und fühlte sich als Chef und wollte sie dominieren. Obwohl er gut verdiente und sie nur eine Halbtagsstelle hatte, sah sie von seinem Geld nie einen Cent und er gab auch meistens alles nur für seine Hobbys und teuren Technik-Spielereien aus. Hier eine Spielkonsole, da ein Motorrad, da ein neues Handy mit Vertrag und oder Tuning- Teile fürs Auto. Das Leben konnte verdammt teuer sein, wenn man so viele Wünsche hatte wie Carsten.
Die Andere
Im Supermarkt hat mich heute eine ältere Frau angefahren. Von weitem bemerkte ich schon ihre negative Energie und sie kam mir im schmalen Gang mit schnellen Schritten näher (ihre Aura spürte ich, ohne es zu sehen), gerade als ich den Blick vom Regal heben und in ihr zornerfülltes und angespanntes Gesicht blicken wollte, rempelte sie mich mit ihren Wagen an und vertrieb mich vom Gummibärchen-Regal. Dabei wollte ich mir auch gerade ein Päckchen Gummibärchen nehmen.
Ich schaute kurz zurück und in ein paar Millisekunden war mir klar, dass sie sich gerade geärgert hatte und auf irgendwas oder irgendwen furchtbar böse war. Ich, die junge Frau mit der unaufälligen Kleidung und dem leicht geschminkten Gesicht kam ihr gerade recht. Vielleicht erinnerte ich sie an ihre Schwiegertochter, die ihr ihren einzigen Sohn in Beschlag genommen hatte und nun gegen jeden weiteren Einfluss von außen (vor allem von ihr!) mit Verbissenheit verteidigte.
Ihren Sohn, den, den sie so geliebt hatte. Ihren einzigen. Das konnte nicht sein, sie war sauer und böse. An Weihnachten hatte sie mal wieder ihre weiblichen Attitüden ertragen müssen, die sie so überhaupt nicht ab konnte und die sie so an sie selbst erinnerten.
Sie wollte ihren Sohn behalten, aber es klappte nicht und sie merkte, wie sie ihn Schritt für Schritt an die andere Frau abgeben musste und das schmerzte.
Nun, da sie mich sah und mit meinem Gesicht erinnerte ich sie so an ihre freche Schwiegertochter, da musste meine Hand, mein Arm mein ganzer Körper hinhalten und ich habe noch nichtmal „Aua“ gesagt.
Gekaufte Plätzchen
Doreen nahm die Kopfhörer auf den Kopf, legte die Beine auf ihrem 2000 € Massage-Wohlfühlsessel zurecht, drehte die Lehne ein wenig zurück und hörte die neue X-mas CD, die sie sich heute nach der Arbeit noch schnell gekauft hatte. In der ganzen Stadt hing weihnachtlicher Schmuck, es roch nach Glühwein und auch der erste Schnee war heute endlich gefallen und hüllte die Innenstadt in eine behagliche, gemütliche vorweihnachtliche Atmosphäre.
Sie war etwas traurig, nachdenklich und verstand die Welt nicht mehr. Heute, kurz nach ihrem anstrengenden Büroalltag hatte sie noch schnell die Böden geputzt und danach ein hitziges Gespräch mit ihrer Freundin geführt.
Nach anfänglichem Geplänkel und den typischen „wie geht’s dir so“ Fragen war die Stimmung immer schlechter geworden, bis das Ganze schließlich in einem erbitterten Streitgespräch über weibliche Rollenmodelle und Aufgaben endete.
Ihre Freundin war vor kurzem Mutter geworden und immer wieder nervte sie mit Fragen, wann es denn bei ihr endlich soweit sei und ob mit Christoph denn noch „so gar nichts“ geplant sei.
Doreen nervten diese intimen Fragen und sie ärgerte sich über die Verbissenheit und Engstirnigkeit ihrer Freundin, mit der sie sich immer so gut verstanden hatte. Was ging sie denn ihr Leben an? Jeder konnte doch so leben, wie er wollte und nur weil sie jetzt auf diesen Mutti-Zug aufgesprungen war, den um sie herum so viele Frauen erfassten, brauchte sie da doch nicht mitzumachen. „Immerhin leben wir in einem freien Land“- da wird man als Frau wohl auch die Entscheidung gegen Kinder treffen dürfen, ohne von allen ausgeschlossen zu werden. Aber anscheinend befriedigte Sandra ihr eigenes Mütter-Unglücklichsein damit, dass sie die Lebensmodelle von anderen abwertete und ständig hinterfragte.
Doreen war glücklich, ohne Kinder. Christoph war gutverdienend und nett – genau so, wie sie einen Mann immer haben wollte. Sie verstand sich gut mit ihm, sie machten lange Reisen zusammen, sie neckten sich meistens und konnten stundenlang zusammen sein, ohne sich gegenseitig zu nerven. Auch im Bett lief alles hervorragend und sie war völlig frei von Babygeschrei, Verpflichtungen und Ärgernissen. Rundum: Sie genoss ihr Leben und es fehlte nichts. Ein Kind hätte sie selbst eher als Bedrohung oder Belastung empfunden. Sie war auch der Meinung, dass sie nicht genügend Zeit für die Erziehung aufbringen könnte und sie wollte nur ungern ihren Job an den Nagel hängen.
Ja, sie war glücklich in ihrem Leben und die Frage nach Kindern hatte sich ihr daher nie richtig gestellt. Nach dem Abitur hatte sie Jura studiert und der Job in der Kanzlei machte ihr Spaß. Sie war zwar nie selbstständig geworden, hatte aber ebenfalls einen netten Chef und verdiente nicht schlecht, manchmal sogar etwas mehr als ihr Mann- was den natürlich wurmte, aber er war tolerant und liebte starke Frauen.
Natürlich war ihre Mutter am Anfang entsetzt, da sie aber noch zwei Schwestern und einen Bruder hatte, die alle eine glückliche Familie vorweisen konnten, war ihr „Ausfall“ nicht so schlimm. Umso mehr nervten sie aber die Fragen und Sticheleien ihrer Freundin.
Warum meinten andere immer so gut zu wissen, was für eine Frau gut ist? Warum gab es soviele Leute, die ihr dabei helfen wollten, die richtige Entscheidung fürs Leben zu finden? Und wie konnte sie die Freundschaft zu Sandra aufrecht erhalten, ohne ständig dieses Thema anschneiden zu müssen?
Sie war verzweifelt und in ihrem Kummer stopfte sie immer mehr Weihnachtsgebäck in sich hinein. „Mit der Zeit werde ich davon auch einen runden Bauch kriegen“ dachte sie nur kurz verbittert, musste dann aber doch über ihren eigenen Witz lachen. Sie streifte sich einen Krümel aus dem Mundwinkel und dachte weiter nach.
Natürlich war alles gekauft, denn nach dem anstrengenden Büroalltag wollte sie nicht auch noch Zeit in der Küche verbringen. Das hätte sie höchstens am Wochenende machen können, aber da bereitete sie meistens die Arbeit nach oder wollte sich einfach bei einem guten Buch und einer gefüllten Badewanne entspannen.
Die gekauften Plätzchen schmeckten ihr genauso gut! Das war das Herz des Feminismus, der Gleichberechtigung. Niemand konnte sie zwingen, in der Küche zu stehen- wenn, dann würde sie es freiwillig machen.
Ihre Nachbarn waren allerdings ganz anders eingestellt und seitdem sie in diese Siedlung gezogen war, fiel ihr auf, wie wenig berufstätige Frauen es hier gab. Wenn sie mit ihrem BMW rückwärts in die Garageneinfahrt stieß, konnte sie manchmal eine Frau aus der Wohnung von gegenüber hinter den Gardinen sehen und sie bildete sich ein, dass sie etwas neidisch zu ihr geblickt hatte. Viel Kontakt hatte sie leider nicht mit den Nachbarn. Sie hatte es immer mit Freundlichkeit probiert, aber allen Versuchen zum Trotz waren diese eisig und unnahbar geblieben. Diese igelten sich in ihr eigenes Familienglück ein und so ging jeder seinen Weg.
Die eine Familie erarbeite die Steuergelder und die andere Familie von gegenüber, die nicht mit soviel Glück und Geld gesegnet war, bekam das Geld vom Staat und hatte Kinder.
„Manche Dinge ändern sich eben nie“ – seufzte sie immer noch leicht verbittert und schaltete den Fernseher ein.
Das Programm beruhigte sie und lenkte ab.
So schnell würde sie nicht mehr darüber nachdenken, darüber war sie sich sicher.
20 Jahre liegt die Mauer nun am Boden..
… doch viele hätte gerne wieder eine stehen.
Heute ist also dieser Jahrestag, den man so schwer umgehen kann, wenn man Radio hört oder Zeitung liest. Heute ist der Tag, an dem wir alle „kollektiv weinen“ uns gegenseitig an den Händen halten und andächtig der einzigen wirklichen deutschen Revolution für Freiheit erinnern müssen.
Ein paar Stimmen aus der Ministerriege ätzen sehr treffend gegen die Vernachlässigung im Straßenbau (wie ich im letzten Artikel mehr oder weniger auch festgestellt habe) und fordern den Aufbau West. Sehr gut, das finde ich auch. Es hat auch nichts mit Geschmacklosigkeit zu tun, es ist einfach so. Der Soli wurde lang genug gezahlt und zweckentfremdet. Schafft den Soli ab und kümmert euch um die wirklichen Probleme. Der Soli schürt den Hass, wo er längst nur zum Geld verschwenden instrumentalisiert wird.
Aber Wahrheiten sind bekanntlich schwer zu ertragen und am liebsten würden wir uns wieder mit Gedanken und Träumen und Visionen und sonstigen Dingen einlullen, die erstens an der Realität vorbeigehen und zweitens nicht zu bezahlen sind.
Was hat mir persönlich die Freiheit gebracht, warum soll ich mich dafür begeistern? Ich kenne niemand aus dem Osten und ich habe auch keine Bekanntschaften oder Freundschaften mit Ostdeutschen aufgebaut. Ich habe vielleicht mal Ostdeutsche gekannt, aber dauerhafte Freundschaften sind es (leider) nicht geworden.
Ich habe Verwandte aus dem Osten, die ich jetzt besuchen könnte, habe es aber nie getan (und sie haben mich auch nie besucht).
Nein, mir persönlich hat die Einigung nichts gebracht, aber ich finde es dennoch gut, dass das Unrechts-Regime beendet wurde. Wie es beendet wurde, das ist das Besondere. Es war das Volk selbst, die Stimmen der Künstler und Intellektuellen, die z.B. durch die Montags-Demonstrationen das innere Potential wachrütteln konnten. (Und nein, das hat kein Unternehmen, kein Geld, keine Lobby und keine Politik geschafft, das waren die Menschen selbst).
Es war ganz einfach der Wille von vielen, der das Unrecht besiegt und die Machthabenden zutiefst, bis zu ihrem Fall, erschüttert hat.
An der Wiedervereinigung sieht man sehr schön, wie weit Menschen kommen können, wenn sie etwas wirklich wollen und miteinander an einem Strang ziehen. Mich persönlich nervt die künstliche Zweiteilung von Ost und West immer noch sehr. Es gibt doch keine Grenze mehr, aber die Grenze im Kopf, die gibt es noch bei vielen Menschen. Warum trennt man jede zweite Statistik nach alten und neuen Bundesländern? Warum schürt man künstlich den Neid und Hass auf „Ossis“ und Hartz IV Empfänger zugleich ? Das ist doch total geschmacklos.
Der beste Film zum Thema ist übrigens „Goodbye Lenin“, weil er die Stimmung und Emotionen der Ostdeutschen beschreibt, die von heute Knall auf Fall ihr ganzes, bis dahin gekanntes Weltbild, aufgeben mussten. Auch das ist eine enorme „Anpassungsleistung“, wie z.B. gestern Alice Schwarzer bei Anne Will betont hat.
Ich war damals kurz nach der Wende mit meinen Eltern in Ostdeutschland und wir haben uns alles angeschaut. Es lagen Welten zwischen der westdeutschen Infrastruktur und der Ostdeutschen, es war, als ob man in ein dritte Welt Land kommt, die Straßen kaputt, die Häuser heruntergekommen, überall stank es nach Braunkohle und die Menschen waren irgendwie schroff und unfreundlich. Bezeichnend, dass ich damals in Ostdeutschland auf offener Straße von jungen Rechtsradikalen angegriffen wurde, das hat sich bei mir tief eingeprägt. Seitdem war ich nicht mehr in Ostdeutschland. Zu viel schlechtes Karma, möchte man meinen.
Vielleicht sollte ich das mal wieder machen und einfach mal in den Osten fahren.
Es hat sich viel geändert, so sagt man.
Anno 1816
Passende Musik zum Text (Schumann) o. Mozart
Der Grippe- Kobold war ein finsterer Zeitgenosse. Schon in der Schule hatte er wenige Freunde und war recht unbeliebt.
Diesmal hatte er auf breiter Breitseite zugeschlagen: Die Nase verstopft, die Lunge gereizt, die Laune gedämpft, den Rücken verzerrt, die Schmerzen in den Nebenhöhlen ausgebreitet. Zu allem Übel kamen noch Gelenkprobleme und allgemeine Abnutzungserscheinungen dazu, eine mittelschwere Anfälligkeit für Depressionen und Manien, für unkontrollierte Gefühlsschwankungen und unangekündigte Überreaktionen.
Es war keine leichte Zeit, in der Marie ihren Tag zu leben hatte. Die beiden Kinder klebten ständig nach ihr, wollten Abwechslung, Zuneigung, Spielen und Spaß. Sie war am Rande ihrer seelischen Kräfte. Und nun sollten sie also auch noch Amerika ziehen, in das große weite Land, von dem sie schon soviel gehört hatten.
Ihr Mann war Soldat bei der Marine und er hatte die Überfahrt organisiert. Nun machte er Druck, dass alles rechtzeitig zum Auslaufen des Schiffes fertig wurde. Dies war noch zu Packen und jenes noch zu erledigen. Ihr altes Haus am malerisch gelegenen Berghang würden sie verkaufen müssen, alles war schon vorbereitet. Sie stolperte über unfertig gepackte Kisten, über Berge von Klamotten, die noch gelegt werden mussten, über Reiseplanungen und Kartenmaterial für die Siedlung. Sie würden aber nur einen Bruchteil mitnehmen können. Auch wenn sie Kapitäns-Gattin war und die größte Kajüte des Schiffes erhalten würde, so war der Raum doch sehr begrenzt.




