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Das kalte Wetter

und die innere Leere

Vier Menschen laufen auf einer Stahlskulptur entlang, die wie eine Achterbahn aussieht. Der Himmel ist grün und hat ein paar Wolken

Das kalte Wetter macht mir momentan schwer zu schaffen. Lange habe ich auf den Frühlingsdurchbruch gewartet, aber so richtig gekommen ist er nie. Endlos lange zieht sich alles hin. Wir haben jetzt mittlerweile Mai und ich habe immer noch das Gefühl im Februar festzuhängen!

Wie abhängig man doch vom Wetter ist. Mir ist das an vielen Stellen aufgefallen. Fotografieren an der frischen Luft ist z.B. sehr schwierig.
Der Winter war hauptsächlich nass und grau. Gute Bilder sind da kaum entstanden. Schöne Sonne und glitzerner Schnee? Gab es dies Jahr nicht!

Aber auch im Januar oder Februar wurde es nicht einfacher. Als dann endlich die Mandeln anfingen zu blühen, hab ich mich sehr gefreut. Aber auch die Mandelblüte war dies Jahr sehr eisig und kalt, dazu noch ein schneidener Wind. Brr!! Das hat mein Fotografie-Hobby ziemlich einschlafen lassen, außerdem sind die Bilder meistens grau und farblos. Ja, das ganze zieht mich ziemlich runter, aber was soll man machen?

Wir haben noch kein einziges Mal im Hof gegrillt. Nur Kaffee getrunken. Ich hab mit dem Smartphone bissel Musik gehört- das wars. Dann bin ich wieder rein, weil es so gezogen hat.

Es ist halt so! Letztes Jahr war es zu warm, das ist dann auch wieder nicht gut.

Das Problem liegt vielmehr daran, dass man zu abhängig von der „Energie von außen“ ist! Man wartet auf die Sonne, dass sie einem Energie gibt. Man wartet auf andere Menschen, dass sie etwas in den sozialen Medien posten, damit man sich da dranhängen und inspirieren lassen kann. Man wartet, dass man angerufen wird, dass andere die Initiative ergreifen. Man ist eigentlich total abhängig von „außen“ und innen ist eine Wüste.

Aber was, wenn die Energie ausbleibt? Wenn nichts „gepostet“ wird, wenn nichts „scheint“ ? Dann sieht man ziemlich schnell ziemlich alt aus.
Dann ist man mit sich allein. Mit seinen Gedanken, mit seinen Fehlern, mit seinen Schwächen, mit der Krankheit…

Dann ist man gezwungen, zu reflektieren. Dann muss man ein nachdenklicher und einsamer Mensch „auf Zeit“ werden. Und plötzlich entdeckt man die schönen Seiten wieder „in sich“. Diese kleinen Oasen, die man in der Hektik völlig übersehen hat. Die Pflanzen der Liebe und der Sehnsucht im Inneren, die schon fast verdorrt sind. Man fängt sie wieder an zu gießen und wie schön sie dann plötzlich blühen! Aber du musst sie selbst pflegen, es nimmt Dir keiner ab.

Man hat so viel im Außen gesucht, dabei war im Inneren bereits alles da.

Wald-Spaziergang

Ich bin alleine mit mir und meinen Gedanken. „Raus, einfach raus!“ denke ich mir und schnappe mir die Kamera und den Autoschlüssel.
Das nahegelegene Waldstück ist nicht weit. Als ich angekommen bin, große Enttäuschung! Es blüht und wächst ja immer noch nichts. Nur ein paar langweilige Baumstämme und grau-braune Farbtöne.

Wie lange soll das noch dauern? Ungeduldig richte ich meine Kamera wie eine hektische Wald-Touristin auf alles, was mir vor die Linse kommt.
Doch das „schöne Bild“ will nicht entstehen. Dann irgendwann merke ich, wie hektisch ich bin und fange an, mich zu bremsen.
Die Bewegung an der frischen Luft tut ihr übriges. Es entspannt mich… ich überlege, dass ich mal mit der „Blende“ herumspielen könnte.
Kleine Blende stellt die Objekte vom Hintergrund frei, hohe Blende (geschlossene Öffnung) sorgt für mehr Schärfe und lässt die Bilder einfacher scharf stellen. Es gibt tausend Optionen in der neuen Kamera, ich bin ein bisschen überfordert. Es dauert, bis wir verschmelzen. Aber dann wird es immer besser. Mit der Zeit entstehen neue Objekte vorm inneren Auge. Da ein Baumpilz! Ein Mistelzweig und eine Beere. Ich fange wieder an zu sehen.

Auf dem einen Baum ist was kurioses zu sehen: Ein durchgestrichenes A und ein durchgestrichenes D. Was das wohl bedeuten soll?
Ich bin mir nicht sicher, aber das Bild wird irgendwie gut. Es ist abstrakt, es ist nichtssagend und damit entspannt es mich.

Dann irgendwann knie ich mich auf den Boden und versuche, dem Moos und den Blättern ganz nahe zu sein.
„Wenn mich hier jemand sieht, hält er mich für verrückt“ rufe ich meinem Begleiter scherzhaft zu, wie ich mich da verrenke und mit den Fingern das ausklappbare Display für die „Froschperspektive“ vorbereite. Es ist ein bisschen schwergängig, aber dann erleichtert die Klappfunktion die Bildsuche in schwieriger Lage.


„Ach weißt du, Fotografen sind doch alle so ein bisschen verrückt“ entgegnet er mir trocken.
Ich fühle mich für einen kurzen Moment peinlich berührt. Und fotografiere dann einfach weiter.

Zum Schuss kommen wir zur „Feldrandlage“. Die ersten Traktoren sind schon unterwegs und machen die Felder neu.

Auf dem Rückweg komme ich noch an einem Grundstück vorbei, das mitten im Wald liegt. In der Nähe sind Wohnhäuser. Noch vor kurzem hab ich mir sie angeschaut und gedacht, wie schön es ist, wenn man so direkt am Wald wohnen würde. Jeden Tag bei den Bienen und Blumen sein! Immer frische Luft, sobald man die Terrassen-Tür aufmacht. Durch die Bäume sehe ich große Schuttberge, dort wo einmal ein Haus gestanden hat. Irgendein neuer Käufer ist eingezogen. Er hat alles platt gemacht und baut sich dann eine neue Villa hin. Auf dem dazu gehörigen Waldstück sind Bäume und Äste gekürzt und aufeinander gestapelt worden. „Feindliche Besitznahme“ denke ich mir. Das gehört jetzt ihm. Da darf kein anderer hin. Er formt es nach seinen Gedanken. Es sieht unfreundlich aus. Dazu das passende Bild. Alles privat, alles seins.

Geteilt wird nur in der Natur. Und der Mensch ist ihr entwachsen.

 

Die Hirsche

„Klonk, Klonk“ macht es, als im Frühling das Geweih der Hirsche aufeinander prallt. Man kann es von weitem schon hören.
Der Schall breitet sich durch den Wald aus. Meistens sind es tiefe dumpfe Laute, manchmal ist auch ein hölzernes Knirschen dabei.

Ein malerisches Schauspiel, zwischen den Sonnenstrahlen der Frühlingssonne.
Kraft trifft auf Kraft, es geht um Dominanz, ums Weibchen und die Verteidigung des Reviers. Nur der stärkste wird sich fortpflanzen und weiter bestehen.
Jeder muss seine Gene weiter geben. Der Kampf ist nicht unbedingt tödlich, aber wenn es sein muss, schreckt auch davor keiner zurück. Das ist den beiden Kontrahenten bekannt. Ohne je darüber geredet zu haben, kennen sie die Spielregeln. Es geht um Macht und Einfluss in der nachfolgenden Generation.
Keiner will aufgeben. Jeder hält sich selbst für den Stärkeren. Der Junghirsch des letzten Jahres ist noch kräftiger geworden.
Der Alt-Hirsch wurde träge und dick. Aber er ist stur wie ein Ochse.

Ich stehe daneben, betrachte das Schauspiel zuerst wie ein schüchternes Reh. Mit meinen großen braunen Augen staune ich, was da alles möglich ist und wie schön der Kampf eigentlich aussieht. Wie natürlich es ist, wie wichtig in diesem Sinne die Aggression ist, die wir sonst so fürchten. Wer wird da wohl gewinnen? Ob sie sich verletzen werden?
Dann wieder wird es mir zuviel und ich will weglaufen, denn die starken Hirsche machen mir Angst. Ihre Bewegungen sind unberechbar und wild. „Und das alles wegen mir“? Dann finde ich es wieder lustig und muss kichern.

Ich staune, streiche mir am Ast des nahe gelegenen Baumes einen Grasbüschel aus dem Fell. Ich trabe frohen Mutes zum Leckstein und lecke mit meiner langen Zunge genussvoll darüber. Schmeckt ein bisschen komisch heute!
Vor meinen Augen verschwimmt es und an meinem Hinterende hat sich ein leichtes Kribbeln eingestellt. Mein Fell wurde dichter, die Muskeln haben zugenommen. Ich rage den Kopf nach oben und fühle mich plötzlich viel selbstbewusster. Erstaunt stelle ich ein paar Minuten später fest, dass ich selbst eines der Hirsche geworden bin.

Kraft macht sich plötzlich in meinem Körper breit. Ha, die Sonne! Ich muss strahlen. Die Laune wird viel besser. Alles geht gut von der Hand.
Ich fühle mich stark. Und frei. Jetzt will ich endlich was erreichen und was bewegen.

Im Frühling ist die Hirschen-Kraft auch in mir!

Vollgas

„Jetzt will ich auch mal fahren“ sagst du zu deinem Partner.

Er guckt dich etwas ungläubig an. Es sieht so aus, als ob er überrascht ist.

„Ja, nur wenn du müde bist.. ich hab halt gedacht…“ du redest mal wieder zuviel und er sagt nichts.

Ihr geht auf die Toilette. Du brauchst etwas länger. Als du zum Auto kommst, sitzt er schon auf dem Beifahrersitz.
Du freust dich.

Du drückst den Knopf für die elektronische Zündung und stellst die elektrische Sitz-Auswahl auf „2“.

Es geht Richtung Parkplatz-Ausfahrt. Kurz schauen, ob auch keiner von rechts oder links angeschossen kommt, dann in Richtung Auffahrt. Kurz einfädeln, damit hattest du jahrelang Probleme. Es geht darum sich irgendwo „reindrücken und behaupten“ zu müssen. Ist dir immer schwer gefallen. Aber mit dem Auto geht es leicht. Es hat genug PS und Leistung. Du gibst Gas und fliegst über die Beschleunigungsspur. Die LKW fahren sowieso immer gleich schnell. Es ist leicht, sich da anzupassen und eine Lücke zu finden.

Es ist relativ wenig Verkehr heute. Es sind drei Spuren, die sich sehr eng durch die Kassler Berge schlängeln.
Rauf und runter, links und rechts und freie Fahrt. Es macht dir Spaß. Du fährst immer schneller.
Der elektrische Spurhalteassistent hilft dir auch bei schnellerem Tempo. Das Lenkrad wird leicht gegengesteuert, wenn du drohst, von der Spur abzukommen. Ein irres Gefühl! Du schaust du auf die Tachnonadel, schon über 180, dann bist du fast bei 200. Du bist erschrocken, dass es so schnell ging. Du entscheidest dich für eine akzeptable Reisegeschwindigkeit von 170 km/h. Da hast du noch genug Zeit zum reagieren. Wer links fährt, hat auch Verantwortung. Für alle die nicht so schnell fahren können oder wollen. Du genießt das Gefühl der Macht, dass du in dem kleinen Lenkrad trägst.

Weil es immer rauf und runter geht, brauchst du viel Leistung. Die 7 Stufen DSG- Automatik holt das Maximum aus dem relativ kleinen Motor, der aber zum Glück genug Drehmoment hat. Immer mal wieder schaust du in den Rückspiegel. Es kommt keiner. Du bist die schnellste.

Ein Tag in Mannheim

Gestern ging es mal wieder nach Mannheim. Wir haben ja früher dort gewohnt, aber immer zu wenig Zeit für Ausflüge oder Besichtigungen gehabt. Jetzt hatte sich in unserem Leben vor ein paar Monaten vieles geändert und wir haben deutlich mehr Möglichkeiten, um das nachzuholen. Mannheim kennen wir eigentlich schon ganz gut, aber auch noch nicht alle Ecken. Und so war unser erstes Ziel die „Alte Feuerwache“ und die „Neckarwiese“ im Stadtteil „Neckarstadt“. Die erste Aufgabe bestand darin, einen geeigneten Parkplatz zu finden, der nicht zu weit vom Fluss entfernt ist.

Mannheim Rosengarten, Blick aus dem fahrenden Auto

Beim Überqueren der „Kurpfalzbrücke“ enstand das erste Problem: Hier ist nichts ausgeschildert, wo soll man sein Auto also abstellen? In der Nähe der Alten Feuerwache gibt es ein Parkhaus, beim näheren Betrachten ist es allerdings als „privat“ gekennzeichnet, vermutlich eine Abstellmöglichkeit für Anlieger. Der „Alte Meßplatz“ (hier) war früher ein großer Parkplatz, so weit ich mich erinnern kann. Man hat ihn aber vor einigen Jahren umgebaut und eine verkehrsberuhigte Begegnungsstätte für Jung und Alt draus gemacht. Das ist sehr schön gemacht und hat uns gut gefallen, aber das Parkplatzproblem bleibt! Weil wir an einem Feiertag gefahren sind (Pfingsmontag) konnten wir uns zum Glück bei einem örtlichen Supermarkt niederlassen (Lidl-Parkplatz). Bei diesem Parkplatz steht aber ausdrücklich dabei, dass er wochentags nur mit Parkscheibe und auch nur eine Stunde zu benutzen ist.
Kurz nachdem wir das Auto verlassen haben, stellten wir aber fest, dass es weiter östlich noch einen kleinen Parkplatz gibt, der auch von der Dammstraße aus zu erreichen ist (hier ). Da gab es sogar noch ein paar freie Stellplätze. Unser Blick zog es gleich auf die schöne Neckarwiese.

Blick von der Kurpfalzbrücke auf die Neckarwiese

Dort saßen schon einige Grüppchen zusammen und erzählten miteinander. Der Geruch von frisch gegrilltem Fleisch stieg uns in die Nase. Es war hier schön ruhig, der Verkehr schon weit weg. Dennoch hatten wir Hunger und Durst und beschlossen, uns erst einmal zu stärken, bevor die Stadterkundung weiter gehen würde.

Man kommt dabei automatisch zum „Alten Bahnhof“. Schon vom weiten sieht dieser Biergarten sehr interessant aus. Alte Zugwaggons wurden -ähnlich wie bei einer Wagenburg- zusammengestellt. Das Innere dieser Waggons wurde umgebaut, der eine ist ein Toilettenwagen, der andere ist eine Bar und Theke und der dritte sah aus wie ein Vorratsraum. Es gibt ein paar Bäume, die Schatten spenden und ausreichend viele Tische und Stühle. An diesem frühen Nachmittag war noch nicht allzu viel los. Ein älterer Herr saß alleine an der Brüstung zum Neckar und hatte einen Bluetooth-Lautsprecher aufgestellt. Die Musik kam sehr laut vom Nachbartisch herüber. Sein Blick war etwas glasig und leer und er trank ein Bier nach dem anderen. An den anderen Tischen saßen hauptsächlich Ehepaare und kleinere Gruppen.

Biergarten „Alter Bahnhof“

Wir bestellten Flammkuchen und kühle Getränke. Die Bedienung war sehr freundlich, das Essen schnell gebracht und lecker und die Location absolut perfekt. Man sitzt etwas zurückgesetzt, so dass der Verkehrslärm erträglich ist, man hat aber trotzdem das Gefühl „zentral“ zu sein und alles mitzukriegen. Vor allem der Blick auf die Neckarwiese mit ihrem Trubel ist einmalig.

Nach der kleinen Stärkung gingen wir rüber zur Alten Feuerwache. Dieses Gebäude habe ich von früher noch stark in Erinnerung. Man hat eigentlich sehr oft gehört, dass es dort Veranstaltungen gibt. Der Name war immer sehr präsent. Zu meiner Schande muss ich aber gestehen, dass noch kein einziges Mal darin gewesen bin! Heute sollte alles anders werden und ich suchte einen Eingang. Vorne gibt es ein Café und weiter links eine Tür. Die war verschlossen.

Alte Feuerwache, dahinter Wohnhaus

Wenn man links rum geht, hat man schönes Mannheimer Ghetto-Feeling. Jugendliche hängen ab und hören Musik, die Wände und Türen sind teilweise gesprayt.

Ghetto
Stadtblick, kurz vor der Feuerwache

Wir sind dann weiter um das Gebäude herum gegangen.. ein paar tolle Perspektiven ergaben sich. Schließlich fanden wir den Haupteingang auf der Südseite des Gebäudes. Der war geöffnet, man konnte ein paar Plakate sehen. Es gibt dort einen Poetry Slam! Vielleicht sollte ich da mal hingehen?

Weiter ging es über die Kurpfalzbrücke, Richtung Stadtzentrum.

Kurpfalzbrücke nach Osten, Fernsehturm

Von hier aus kann man die vielen Lokale und eine große „Beach Bar“ sehen (https://www.neckarstrand-mannheim.de/ ) Die sieht sehr chillig aus! Ich wäre gerne rein gegangen, allerdings war der Andrang groß und jeder Liegestuhl besetzt. Nach einem kleinen Rundgang am Neckar haben wir schließlich das OEG Citybeach getestet (http://oeg-citybeach.de/ ) Das Lokal ist auch sehr schön, und bietet eine ähnlich gemütliche Atmosphäre wie der Neckarstrand. Allerdings war der Andrang weniger groß und die Nachteile wurden schnell ersichtlich: Es ist hier durch die Nähe zum Friedrichsring deutlich lauter und ungemütlicher. Die Verkehrsgeräusche werden nicht so gut abgeschirmt- und das Personal versucht diesen Malus durch extra laute Musik zu „übermalen“, was auf die Dauer anstrengend für die Ohren wird. Nach einem Eichbaum Radler gingen wir weiter Richtung Marktplatz.

Mannheim Altes Rathaus am Marktplatz

Der Ausländeranteil steigt plötzlich stark an, man sieht sehr viele Türken, Dunkelhäutige und osteuropäisch sprechende Menschen. Es gibt Volk, das abhängt und den freien Tag genießt. Mir war erst gar nicht bewusst, was passiert war, denn aus der heterogenen Bevölkerung, die noch am Strand geherrscht hatte, wurde es plötzlich separiert und „fremder“. Dann wurde mir klar, dass wir im sogenannten „Türkenviertel“ von Mannheim angekommen waren. Ein im Grunde recht klar und eng abgesteckter Bereich in Mannheim, der von sehr vielen Türken bewohnt wird. Es gibt „arabische Restaurants“, sehr viele Dönerläden, aber auch Brautmodengeschäfte, türkische Supermärkte und Friseure, Goldhändler und Anwälte.

Türkisches Viertel

Es war ein irres Gefühl, innerhalb von wenigen Minuten in einer anderen Welt angekommen zu sein- fast wie bei einem Urlaub in der Türkei. Man fühlte sich plötzlich fremd (auf eine positive Art und Weise)- die Umgebung hatte sich schlagartig verändert- geht man ein paar Schritte weiter, ist man man wieder in Deutschland. Irgendwie verrückt.

Brunnendenkmal am Marktplatz

Ich schoss schnell ein paar Fotos vom Brunnendenkmal und vom Alten Rathaus. Dann gingen wir wieder nach Norden, zum Museumsschiff, anschließend in den Hafen Richtung Jungbusch.

Museumsschiff vom Technoseum
Hafenkran
Container aus Amerika

Als wir den Rundgang beendet hatten, zeigte der Schrittzähler knapp 10.000 Schritte an, das tägliche Soll war erfüllt. Voll geladen mit vielen Eindrücken fuhren wir zufrieden nach Hause.

Schwimmbad

 

 

 

Passende Musik: Free me

Du erstarrst, als du das Gebäude siehst. Du hast Angst, richtig Angst. Du merkst, dass es doch noch eine Blockade in Dir gibt.
Es ist eben nicht alles so einfach, es gibt noch verdammt viel Widerstand.

Du weißt noch nicht alles und du kannst noch nicht alles.
Du fühlst dich einen Augeblick lang wie 12, obwohl du schon 40 bist.

Deine Begleiterin ist auch nicht besonders hilfreich, sie wirkt genauso unentschlossen und zögerlich wie Du. Jede wartet darauf, dass die andere vorgeht.

Du erstarrst, als du die Türen mit den Symbolen für „Frauen“ und „Männer“ siehst. Unbewusst und etwas hilflos steuerst du auf „Frauen“ zu. Deine Begleiterin lacht!

„Julia, doch nicht da lang. Das sind nur die Toiletten. Hier gehts rein!“

Du hast die kleine Schranke übersehen, die mit dem Chip-Armband geöffnet wird. Es wird immer nur genau nur ein Mensch eingeschleust. Alle Geschlechter gehen durch das gleiche Lebenstor. Ein Glück!

Vor der Dusche erstarrst du schon wieder. „Müssen wir da wirklich rein?“ Mit einem hilflosen Blick schaust du zu ihr rüber.
„Warum denn nicht?“, sagt Dir die unsichtbare Antwort.
Die Dusche ist voller kleiner Mädchen im Alter von 9 bis 10 Jahren. Sie gackern herum, waschen sich gegenseitig die Haare und sind recht fidel. Ihre Lehrerin ist auch da und möchte sich bei euch entschuldigen, weil so viel Rummel ist. „Kein Problem!“ Darin seid ihr euch einig.

Du erinnerst Dich an die Zeit, als du 9 oder 10 warst.

Du hattest immer einen Freund dabei. Einen einzigen Freund, den du sehr gemocht hast. Er war lustig und hat ständig blöde Späße mit Dir gemacht. Ansonsten war alles anders.

Früher gab es Fußduschen gegen Nagel- und Fußpilz. Die hast du hier, in diesem Schwimmbad noch nicht gesehen. Auch der Geruch nach Chlor ist viel schwächer und man benötigt keine Badekappe.

Es ist eigentlich ganz leicht. Ihr duscht ein bisschen, dann geht es in den großen Raum. Schön, wie das blaue Wasser so leicht hin- und herschwappt und glitzert.

Der Aufbau der Seitenbegrenzung kommt Dir ein bisschen vertraut vor, ansonsten ist alles neu. Deine Begleiterin quatscht gleich jemand an. Das macht sie gerne und das kann sie gut. Du bist froh, dass es so ist. Denn du würdest im Moment kein Wort raus bekommen, bist noch immer so aufgeregt wie vor einer halben Stunde.

Aber du hast genug vom Reden. Es erinnert dich ans „Denken“ und das hast du in den letzten Tagen schon genug gemacht.

Du willst jetzt handeln! Die stürmische Widderin in Dir kommt durch. Du willst jetzt da rein…

„Zuerst ins Nichtschwimmerbecken oder gleich ein paar Bahnen ziehen?“ Du denkst noch ca. eine Minute darüber nach.

Dann gehst du so selbstverständlich wie nie in das Schwimmerbecken. Du fühlst dich kurz wie ein Hund, den man ins Wasser geworfen hat und der einfach mit dem Strampeln anfängt. Aber dann erinnerst du dich recht schnell „wie das ging“. Die Bewegungen kommen wir von selbst.

Es geht sogar recht gut!

Wie du da so durch das Wasser gleitest, waschen sich die Ängste von Dir ab. Du fühlst dich geborgen und sicher. Es schwappt auf und ab.
Endlich ist die Schwerkraft weg.

Dann – bist du gnädiger mit Dir und überlegst, vor WAS genau du eigentlich so aufgeregt warst. Was hat dich gebremst und zurückgehalten?
Wo steckte die Magie im Detail?

Dir fällt auf, dass du selbst sehr lange nicht mehr schwimmen warst. Vielleicht im Jahr 2004, als ihr auf Fuerteventura wart. Da seid ihr kurz ins Meer gehüpft. Und der Hotelpool wurde auch benutzt. Das ist jetzt 14 Jahre her, genauso lang wie dein letzter „richtiger Urlaub“.

Danach – hattest du nie wieder Lust oder die Kraft, dich vor allen Menschen nackig zu bewegen. Obwohl das gar nicht richtig nackig ist. Denn man hat ja noch was an.

Und dann fällt Dir auf, dass Du heute das erste Mal „als Frau“ in einem Hallenbad warst.

Widerstand

Im Magen grummelte es. Das letzte Essen hatte sie nicht gut vertragen.

Es war eine fettige Pizza, die eigentlich gut schmeckte, aber in der Sonne einfach zuviel war.

Dazu kam, dass sie innerlich sehr aufgeregt und aufgedreht war und in der Sonne gebrutzelt wurde.

Die Sonne war unerbittlich und strahlte direkt durch ihr dünnes, blondes Haupthaar.

Sie verfluchte sich dafür, dass sie den schönen Sonnenhut- den sie extra für diese Zwecke erworben hatte- oben im Auto hatte liegen lassen! Wie kann man nur so dumm sein, und den vergessen! Sie merkte, wie Selbsthass in ihr aufstieg. War sie am Ende nur zu schüchtern, weil ja die meisten Leute keinen Hut tragen? Weil sie dann noch mehr auffallen würde, als sonst schon? Fiel sie denn überhaupt auf?? Sie war sich darüber nicht allzu sicher.
Und was war schon daran, einen Hut zu tragen? Jeder Mensch kann das tun. Was ist unnormal daran?
Zumal der Hut auch sehr schön ist und einen tollen Nutzen hat. Er schützt z.B. davor, in dieser verdammten Sonne gebraten zu werden.

Sie zog sich die Sonnenbrille an, die umständlich in ihrer Handtasche in einem Etui lag. Dazu musste man die Handtasche erstmal auf den Schoß legen, das Etui raussuchen, dann aufklappen (aber Achtung, die Feder ist sehr straff und man kan sich leicht die Finger quetschen!) dann die andere Brille abnehmen, wieder ins Etui fummeln, das Etui in die Tasche legen (weil auf dem kleinen Restauranttisch natürlich zu wenig Platz ist. Und im Endeffekt brachte die Sonnenbrille keine Verbesserung, weil diese blöde Sonne von schräg oben, genau zwischen Brille und Auge in ihr Gesicht strahlte.

Auch bei den Vorspeisen hatte sie sich vertan. Sie wollte eigentlich keine Vorspeise bestellen. Weil es bis jetzt immer so gewesen war, dass die Vorspeise zuviel ist. Aber es klang alles so lecker! Honigmelone mit Serrano-Schinken! Gemischte Salatteller in allen Variationen! Scampi aglio e olio! Wie poetisch allein dieser Name schon klang! Sie stellte sich duftende Scampi auf dem Teller vor. Geröstet, gebraten, dazu eine zarte Soße. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen. Sie musste das einfach bestellen und konnte nicht widerstehen.

Natürlich nahm sie noch einen Prosecco vorneweg. Sechs Euro waren zwar viel Geld- aber hey, es gibt nur dieses eine Leben.
Sie musste das alles haben. Prosecco, Scampi, Salami-Pizza- nur auf den Wein würde sie heute verzichten, weil sie sich bereit erklärt hatte, das Auto zu fahren.

Sie wartete und wartete. Das Essen kam einfach nicht. Sie hatten sich den Tisch im Schatten ausgesucht, aber mit der Zeit kam die Sonne über die schützende Hauswand gekrochen. Unerbittlich wurde sie durch gebraten. Nur das Essen war noch roh im Keller.

Dort lag es schön kühl… Am Nachbartisch waren quengelnde Kinder. Warum erhoben sich die Erwachsenen nicht endlich von ihrem Tisch und gingen? Ihre Teller waren schon lange abgegessen. Aber sie saßen einfach da. Unterhielten sich, redeten ein bisschen und ließen die Kinder quengeln und quengeln.

Ihr Partner steckte sich eine Zigarette an. Der beißende Qualm ging direkt in ihre Augen. Sie merkte wie ihr Gute-Laune-Meter von über 100 in sehr schneller Zeit auf unter 20 gefallen war. Gefährlich! Hier musste sie dringend gegensteuern, das durfte man nicht dem Zufall überlassen. Sie ging kurz auf die Toilette, um wenigstens ein bisschen Schatten zu bekommen.

Nach einiger Zeit wurde die Vorspeise doch angebracht. Sie war erstaunt über den großen Teller! Und da lagen riesige Scampi darauf! Mit Salat ! Und ca. 200 ml Soße! Und Pizzabrot! Aber nicht ein oder zwei Stück, sondern fast 10 Stück Pizzabrot, das frisch duftend und krosse gebacken im hübsch angerichteten Brotkorb hin- und herkugelte.

Die nächste Frage kam sofort: Wie isst man das eigentlich? Und warum hat sie sich das schwierigste Vorspeisen-Gericht ausgesucht, dass man sich nur hätte aussuchen können?

Irgendwo im Fernsehen hatte sie mal gesehen, dass die Scampi geschickt aufgebrochen werden.. genau in der Mitte, mit einem leichten Kniff hier und einem Trick da. Der Kellner hatte sogar extra die Schale mit dem Zitronenwasser gebracht, damit man sich damit später die Hände abwaschen kann. Aber sie wollte es nicht brechen. Sie wollte das Besteck nehmen.

Also setzte sie an der harten Scampi-Schale an. Mann, war die hart! Die unbedarfte Esserin rutschte sofort mit dem Messer ab. Und welchen Teil isst man, welchen nicht? Der letzte Krabben-Salat im Supermarkt war irgendwie leichter zu essen.

Nachdem sie den ersten Scampi auf furchtbarste Weise verunstaltet hatte und nur noch bedauernswerte Einzelteile auf dem Teller übrig waren, beschloss sie, ihr schlaues Smartphone und „Altmeister Youtube“ um Rat zu fragen. Da gab es natürlich Anleitungen im Internet, wie man Scampi aufbricht und isst. Das wäre theoretisch auch sehr hilfreich gewesen, wenn diese verdammte Sonne nicht so blenden würde! Sie stellte die Display-Helligkeit auf „ganz hell“- sofort sprang der schlaue Beratungsassistent ein und warnte davor, dass man nicht zu lange auf einen hellen Display starren sollte, weil das angeblich nicht gut für die Augen ist- aber warum bauen die dann diese Helligkeit überhaupt ein? Kann es sein, dass diese Warnung nur kommt, damit man den Display nicht zu lange benutzt und dann enttäuscht sein könnte über das vorzeitige Akku-Ende?? 😉

Im Tutorial-Video sah es ganz leich aus: Beide Enden vom Scampi einmal sauber durchschneiden. Schale etwas anritzen, die linke Seite mit der Gabel festhalten und mit der rechten Messer-Hand den harten Chitin-Panzer sauber auftrennen. Wie eine enge Jeans mit Reißverschluss. Einfach aufzippen und fertig!

Die Realität sah dann mal wieder anders aus. Das Abschneiden der Enden klappte noch, aber wie war das mit dem Anritzen?

Sie probierte die Schale direkt mit der Messerspitze abzuhebeln- vergeblich. Sie kam nur ca. 2 mm darunter, dann war Ende. Sie versuchte die Schale anzuheben, aber der Panzer war unnachgiebig. Der Scampi drohte wieder auf Grund der Gewalteinwirkung zu vermatschen. In der Zwischenzeit merkte sie, wie sie von der Seite gefilmt wurde und von gegenüber neugierige Augenpaare auf ihren Teller starrten. Von oben schien die Sonne heiß und grell- für einen Moment dachte sie sich, dass sie eigentlich gleich explodieren müsste. Sie war mit ihrem Toleranzlevel an der absoluten Spitze angelangt. Eigentlich müsste sie jetzt ausflippen, rumschreien, weinen- aber es tat sich nichts. Sie war ganz ruhig. Sie lachte innerlich. „Warum rege ich mich nur so auf?“ Dachte sie sich. Es gibt keinen Grund. Der Tag war schön, der Himmel blau, die Sonne schien.

„Was haltet ihr davon, wenn wir uns in den Schatten setzen? Ich habe gesehen, da hinten ist ein Platz frei geworden!“. Ihre Begleiter stimmten ihr zu. Warum nicht? Es war so einfach. Die blöden Scampi waren endlich aufgegessen und abgeräumt.

Gläser in die Hand, Zigarettenetui und Handy eingesteckt. Die Tasche schnell über den Arm- und fertig. Sie gingen ein paar Schritte und waren schon am rettenden Schatten angelangt.

Auf einmal merkte sie, wie sich die Stimmung verbesserte. Ihre Laune kletterte langsam wieder nach oben. Auch ihre Begleiter waren nun besserer Dinge und atmeten sichtlich auf. Der Tag wurde besser, leichter und schöner. Die Pizza grummelte noch ein bisschen, aber das war schnell vergessen.

Es wurde noch ein schöner Tag.

Love

Die Bässe ziehen durch deinen Bauch. Du spürst sie überall, alles vibriert. Sie wandern durch den Becher aus Kunststoff, den du mit der linken Hand hälst und der bis oben hin mit Bier gefüllt ist. Der Inhalt schwappt und gurgelt im Takt. In ca. 200 Meter Entfernung siehst du das blaue Leuchten der großen Bühne, die die ganze Menschenmasse beschallt. Irgendwo in der Ferne sind die Musiker oder der DJ. Du siehst sie nicht, aber du hörst sie! Die Musik ist gut und gefällt Dir. Du kennst fast jeden Song.. du würdest am liebsten tanzen, dich bewegen, mitschwimmen, mitsingen! Du hast Freunde dabei, die du magst und die dich mögen.
Es ist so perfekt! Dieser Moment, du würdest ihn am liebsten festhalten oder einpacken und bei schlechten Zeiten wieder hervorkramen. Du ziehst die Eindrücke tief in dich ein und machst ein paar Fotos mit dem Smartphone. Dein Herz, es wurde verrückt nach Eindrücken! Du stellst fest, dass du jeden Menschen auf seine Art und Weise hübsch findest. Du bist jetzt ein Teil von ihnen, ein Teil der Masse. Mittendrin. Es ist nicht nur Theorie, es ist gelebte Praxis und es macht Dir Spaß. An dir gehen ständig Leute vorbei. Sie berühren dich an der Schulter, an den Beinen, am Po. Sie drücken dich sanft in den Rücken.. und irgendwann gehst du auch durch die Menschen und fässt alle an. Es wundert sich keiner, es beschwert sich niemand. Berührung, Liebe und Wahrheit sind deine neuen Begleiter geworden und schweben über Dir.

Die Gespräche mit deinen Begleitern sind interessant und abwechslungsreich. Es geht um Technik, um Alltagsthemen aber auch um tiefe menschliche Frage und soziale Probleme. Dein Rat ist gefragt. Deine Mitmenschen freuen sich, wenn du ihnen was erzählst und von deiner Erfahrung weitergibst. Du fühlst dich gebraucht und an der richtigen Stelle. Es ist alles so perfekt. Du würdest dich am liebsten kneifen, weil du es immer noch für einen Traum hälst.

Die Zeit vergeht wie im Flug. Du fühlst dich selbstbewusst und frei. Natürlich- denkst du oft über dein Aussehen nach und ob alles gut ist. Aber das tust du so oft und so „selbstverständlich“, dass es dich nicht weiter wundert oder aufhält. Es ist halt einfach so.

Es ist Samstag abend und die Sonne geht unter. Der Kirchturm verfärbt sich von hellem Gelb nach Dunkel-Orange. Der Himmel wird hellblau, dann dunkelblau und schließlich schwarz. Junge Mädchen gehen mit bunten, leuchtenden Schmetterlingen auf dem Kopf an dir vorbei. Sie fallen auf und lachen alle an. Es riecht überall so gut. Ein Sommerabend mitten in der Stadt.

Du liebst diese Momente, diese verrückten freien Samstage voller Liebe und Wahrheit. Du hast sie schon immer geliebt. Du verschmilzt mit ihnen. Du bist verliebt.
Aber in was? In wen? Es ist für einen Moment so, als ob du alle liebst – und von allen geliebt wirst.

 

Semina

Semina greift Dir an die Schulter und lächelt Dich freundlich an „Mensch Juana, da bist du ja!“
Du erschrickst fast ein bisschen, als du sie siehst. Du hast sie irgendwie nicht erkannt. Obwohl Du zweimal am Café vorbei gegangen bist und ganz gründlich nach ihr gesucht hast. Du hast sie einfach nicht gesehen.
Wie auch? Dein Herz schlägt Dir bis zum Hals und du fühlst dich furchtbar nervös. Du bist eine halbe Stunde zu früh in der Stadt gewesen… hast Dir noch den schönen Brunnen und die schlichte Kirche angeschaut. Die Stadt war voll, voll mit Menschen, die in den Cafés auf der Fußgängerzone gesessen, gelacht und erzählt haben. Du musst alle Menschen unwillkürlich anschauen, beobachten, ja fast anstarren. Du bist plötzlich so interessiert an Menschen! Du spürst eine große Sehnsucht, dich einfach in eines der Cafés fallen zu lassen und ein Teil von ihnen zu werden.
Aber der Treffpunkt ist ja woanders. Du hast ein wenig Durst und musst auf Toilette. Aber es geht noch und so beschließt Du ein paar Fotos von den Innenräumen der Kirche zu machen. Es gibt sogar eine Toilette hier, aber davor ist ein großes Eisengitter mit einem Vorhängeschloss. „Nicht heute!“ denkst Du dir.

„Wie gehts Dir denn so?“ Sie schaut dich mit großen Augen an… aber du ringst noch mit der Fassung und mit dir selbst. Hier sind überall Menschen um dich herum. Sie sind so nah. Es ist so warm, du bist das nicht gewohnt. Sie sitzt da in einem wunderschönen hellen, weißen Kleid mit ein paar Blümchen drauf und wirkt so nett und strahlend. Es ist einfach überwältigend, sie anzuschauen! In ihrem ganzen Wesen ist all das, was du sehnst, was du liebst, was du begehrst. Was du nie warst und nie sein wirst, egal wie du dich auch anstrengst. Sie ist die Freundlichkeit in Person… und diese Freundlichkeit, dieses göttliche Wesen hat sich die Zeit genommen, mit dir einen Kaffee zu trinken. Da bekommst du erstmal keine Worte raus und du merkst, wie du verschlossen bist. Langsam beobachtest du die Menschen um euch herum, ob irgend jemand irgendwas auffällt.. was da überhaupt für Menschen sind. Dann bestellst du etwas zu trinken. Du nimmst einen Cappucino und sie einen Eiscafé.

Ihr plaudert. Langsam wirst du lockerer. Du denkst nicht mehr über Deine Stimme nach.. oder wie du wirken kannst. Sie macht es Dir leicht, dich zu öffnen. Ihre freundliche Art lockert Dich und öffnet alle Schranken. Es ist verblüffend, das zu erleben. Du hast dich selbst eigentlich immer für einen lockeren, offenen Menschen gehalten. Aber wenn du dich mit ihr vergleichst, dann warst du vorher ein Stück Stahl, in das man einen Nagel aus Butter schlagen wollte.

Die Zeit verrennt wie im Flug. Du weißt gar nicht mehr genau, was du gesagt hast. Du glaubst, dass es sich dumm angehört hat. Etwas planlos. Du ringst nach Worten und Erinnerungen. Nichts fällt Dir ein. Der Moment ist noch zu stark. Wie gebündeltes Licht aus einem Laserstrahl, der sich direkt durch deine Seele brennt.

Hin und wieder lacht sie über deine blöden Gedanken. Du freust dich, dass es Dir gelingt, wenigstens ein bisschen witzig zu sein.

Ihr beschließt, euch an diesem schönen Tag noch etwas anzuschauen. Also bezahlt ihr die Getränke und geht ein bisschen durch die Fußgängerzone. Die Bewegung tut gut. Endlich kommt etwas Luft an die Arme… hier sind noch mehr Menschen. Aber du siehst die anderen nicht, du siehst nur SIE. Du hast die Haare auf gemacht und trägst sie jetzt auch lockerer… deine eigenen blonden Haare werden vom Gegenwind ordentlich durchgewirbelt. Sie geht sehr schnell den kleinen Hügel hinauf, du hast Mühe, mit zu halten. Nach ein paar Minuten trefft ihr einen jungen Mann, der etwas „besonders“ aussieht. Jung und kräftig, er wirkt aggressiv und entschlossen. So jemanden würdest du fürchten, wenn du alleine unterwegs bist. Aber er kennt deine Begleiterin und begrüßt sie freundlich! Sie sind alte Schulfreunde. Deine Freundin plaudert mit ihm, als sei es das normalste der Welt. Er ist ganz nett, an dir aber gar nicht interessiert. Er will einen trinken gehen.

Du bist erstaunt, wen sie alles kennt und wie klein die Welt ist. Und wie leicht sie sich mit anderen Menschen tut. Du wünscht Dir, dass du auch diese Lockerheit und Normalität hättest. Aber du bist besonders. Du kannst es dir nicht aussuchen. Du bist so, wie du bist.

Ihr geht in das Museum. Die Taschen werden eingeschlossen. Da gibt es viele Spinde mit Nummern drauf, fast alle sind leer an diesem Samstag. Du fragst sie nach ihrer Lieblingszahl. Blöde Frage, denkst du dir, warum frage ich das eigentlich? Aber sie hat tatsächlich eine Antwort darauf… das ist verrückt.
Sie wundert sich nicht über deine Frage, sondern beantwortet sie so selbstverständlich, als wenn du nach ihrer Lieblings-Fußball- Mannschaft gefragt hättest.

Ihr schaut euch moderne, abstrakte Kunst an. Die Räume sind kühl und weiß und nackt.
Die Kunst ist schlicht und grau. Die Aufsichtsperson wirkt skurril und welt-entrückt. Sie starrt den ganzen Tag auf diese farblose, graue Kunst, die sich fast kein Mensch anschaut.

Im nächsten Stockwerk wird es bunter und lebendiger. Hier fühlt ihr euch wohler. „Ah neue Sachlichkeit“ Ein Kunstkenner ist mit seiner Gattin unterwegs und begutachtet fachmännisch die ausgestellten Stücke.

Es geht weiter nach oben… die Werke werden immer besser und interessanter. Sie interessiert sich für alles, so wie du. Es ist so… als ob ihr das schon seit 20 Jahren so macht. Es fühlt sich normal an.

Nach dem Museum geht ihr noch was trinken. Sie bestellt sich ein Bitter Lemon und du nimmst ein Tonic Water. Plötzlich merkst du, wie eine Angst in dir aufsteigt. Die Zeit, sie rennt. Was schon drei Stunden?
Du hast Angst vor diesem Moment der Trennung. Er ist mit Schmerz verbunden. Du drückst sie herzlich und fest.

Dann ist sie weg.