Vermisst

Lange habe ich nicht mehr an Dich gedacht.
Du bist schon fast verschwunden.
Gestern wollte ich Dir noch eine Chance geben.
Aber ich habe nichts gespürt.
Klar, hätte ich Dich gerne gesehen.
Es hat auch kurz gekribbelt.
Dann war es wieder weg.
Du verschwindest.
Ganz langsam.
Aber immer mehr.

Die Stadt war schön anzuschauen. Meine Sinne waren voll aufgedreht.
Ich habe Dich erwartet. Mich vorgefreut. Und schick gemacht.
Extra geschminkt. Und die schönste Bluse angezogen.
Für den Weltfrauentag.
Aber es war ein einsamer Womens Single Day.
Ohne Dich.

Die Straßen waren verlassen.
Die Bürgersteige hoch geklappt.
Es gab ein paar junge Leute, gewiss.
Aber da war keine Liebe in meinem Herzen.
Nur der lauwarme Frühlingswind und das kalte Stahlgehäuse meiner Kamera in den Händen.

Im Parkhaus riecht es nach Pisse.
Ansonsten ist alles taghell.
Da sind Schilder und Verbote.
Aber keine Liebe.
Wo bist Du?
Neben mir wären noch zwei Plätze frei gewesen.




Fieberträume

Schon erstaunlich, was das Gehirn alles an Bildern erzeugen kann, wenn man es lässt. Gerade im Traum sieht man dann auch, wie sehr das innere Erleben an die Formung von tatsächlichen „Bildern“ geknüpft ist. Gehirn, Körper und Geist, alles ist verbunden.

Ich finde den Vorgang immer sehr faszinierend. Denn beim Schreiben macht man eigentlich nichts anderes: Man greift das innere Erleben auf und versucht daraus, ausdrucksvolle Bilder in Form von Sprache zu bauen. Im Traum passiert es unbewusst und beim Schreiben ganz bewusst!

Ich kann beim Schreiben also meinen Traum lenken, im Schlaf bin ich ihm eher ausgeliefert.

Nun ein Beispiel für zwei interessante Bilder, die mir meine Träume in den letzten Tagen hervorgebracht haben.

Ich kämpfe ja derzeit immer noch mit einem Virus herum, eigentlich schon die ganze Zeit, seit Anfang des Jahres. Gerade in der dunklen und kalten Jahreszeit tut sich mein Körper noch ein wenig schwer damit, die ganzen Erreger abzuwehren.

Und durch die anstrengende Trauerphase des letzten Jahres habe ich das Gefühl, dass die seelischen und damit auch körperlichen Reserven ziemlich verbraucht worden sind.

Alles steht in Flammen

Heute Nacht habe ich z.B. geträumt, ich wäre im Haus meiner Eltern. Draußen läuft eine Straße vorbei, auf der viele Autos fahren.
Es gibt zwar in der Realität auch eine Straße, aber die ist viel weiter weg. Im Traum war sie ganz nah, fast wie eine Autobahn und es sind sehr viele Autos darauf gefahren. Plötzlich haben sie spontan Feuer gefangen! Und das war so heftig, so nah, dass das Haus meiner Eltern plötzlich auch Feuer gefangen hat. Die Gardinen haben gebrannt und ich habe plötzlich richtig Angst bekommen! Genau in dem Moment großer Panik, bevor das „Feuer mich verschlingen kann“, bin ich dann aufgewacht.

Als ich aufgewacht bin, habe ich festgestellt, dass ich leicht erhöhte Körpertemperatur, also Fieber habe. Die Straße muss die Straße mit Erregern, vielleicht die Lymphbahnen gewesen sein. Das Haus meiner Eltern war mein Körper denke ich. Und das Feuer natürlich meine fiebrige Reaktion.

Das Werkzeug

Und ein anderer Traum war ungefähr letzte Woche. Da war ich auch noch sehr krank und habe mich extrem unwohl gefühlt.
Vor allem das Sonnenlicht hat mir gefehlt. Irgendwann wurde es dann endlich besseres Wetter und ich hatte den ganzen Tag Sonne getankt.

Außerdem habe ich zusätzlich noch Vitamin D-Tabletten eingenommen, um das Immunsystem anzukurbeln.

Der anschließende Traum war dann auch sehr eindrucksvoll: Ich gehe, nein ich laufe einen kleinen Weg durch einen Park entlang. Mir kommen lauter Soldaten in Reih und Glied entgegen, die alle sehr feindlich und aggressiv aussehen. Alles starke Männer und ich bin die einzige Frau. Ich hab Angst, dass sie mir was antun oder mich blöd anmachen wollen. Und ich laufe ihnen genau entgegen! Zuerst will mich eine große Angst packen und ich würde gerne weglaufen, dann fällt mir ein, dass ich noch ein Werkzeug dabei habe! Es ist ein riesiger Schraubenschlüssel, so wie man ihn für Autoreifen-Wechsel benutzt. Ein gekreuztes Ding, ziemlich schwer. Ich lächele, schwinge das Ding im Kreis und haue damit einen nach dem anderen um. Die Soldaten weichen mir aus, ich fühle mich unglaublich stark und selbstbewusst. Das Joggen geht plötzlich total gut, mir fällt ein, dass ich ja noch recht massig gebaut bin und keine Angst haben muss.

Ich denke dieser Traum hat mir meine Abwehrkräfte symbolisiert und der Schraubenschlüssel könnte das Vitamin D gewesen sein. 😉

Und jetzt sagt bitte nicht, dass ich verrückt bin oder eine lebhafte Phantasie habe. Das weiß ich schon selbst. 😉

Träumt ihr auch manchmal so verrücktes Zeug?




Dein Ego

Gedanken der Altruistin

Dein Widerstand ist unerbittlich. Mit dir ist nicht zu reden.
Du hast mich in ein großes schwarzes Loch aus Ignoranz, Einsamkeit und Selbstzweifel gestoßen.
Am Rand schaust du mir noch nach, wie ich falle und du lächelst gewitzt.
Es macht Dir Spaß, mich fallen zu sehen. Wie ich noch strample und mich mühe, das macht dich vermutlich an.
Du hingegen machst nichts. Du saugst nur die Energie von anderen und gibst ihnen 0.0 zurück.
Du bist ein Energiesauger und du vernichtest, kleine weibliche leuchtende Sterne, die dir meistens im Weg stehen und die Aussicht auf dein eigenes kaltes Ego versperren, dass aus nichts weiter besteht als Dir selbst.

Du könntest soviel machen! Wahrlich, das läge in deiner Größe.
Du könntest ihr helfen. Du könntest mir ihr reden, ein paar Tipps geben.
Du könntest dir Zeit nehmen. Du könntest sie lieben, sie anfassen und ihr all das geben, was sie braucht.
Von dem du sogar weißt, dass sie es braucht!

Aber im passenden Moment beschließt du,
dass es Zeit für dich ist zu gehen. Und dann verschwindest du wie der Rauch aus dem Schornstein in den Himmel steigt, wie der Morgennebel sich durch die Sonnenstrahlen auflöst und das Eis im Frühling schmilzt.
Du schmilzt dich einfach davon. Du diffundierst und landest im Kreislauf der Elemente.

Gesättigt, nein überfressen von ihrer Anwesenheit musst du alles erstmal verdauen. In all dem Gefasel, was sie in der letzten Zeit so von sich gegeben hat, versuchst du jetzt verzweifelt deine eigene Linie wieder zu finden, die nie wirklich existiert hat.

Dein Ego! Überschätze es nicht. Es ist nur eine Ansammlung von Dingen, Meinungen und Erfolgen, die aus den Händen anderer Menschen gekommen sind. Du bist nichts ohne die anderen! Vergiss das nicht.

Du bist nur ein kleiner Wurm.. und es schmerzt dich zu erkennen, dass es vermutlich genau so ist.

Ich hab versucht dich zu lieben, aber es ist schwer.
Du bist mir zu schwer!
Dein Egoismus trennt dich von der Welt „da draußen“.
Du lässt es nicht zu, dass jemand diese Mauer überwindet.
Dein Ego ist stärker als meine Liebe.

Dein Ego ist dein Panzer, der dich vor Verletzungen schützt,
aber immer einsamer macht.

Dein Ego, ich hasse es.

Du bist der Schatten, an dem ich vorbeistrahlen muss, wenn ich leben will.

„Denn das Licht diffundiert aus sich heraus in jeden Teil selbst, so wie von einem Lichtpunkt aus eine Lichtsphäre von beliebiger Größe plötzlich erzeugt wird, wenn kein schattenhafter Körper ihm entgegensteht“




Frei sein

Passende Musik: Channel Isle von Paul Kalkbrenner

Was willst du machen? Es ist alles offen, alles ist frei.
Es entsteht in Deinem Kopf, also pass auf Deine Gedanken auf!
Freiheit, Sonne, der Ruf der weiten Welt erwartet dich.
Mach was draus, solange du noch kannst.

Sei still, halte mal an und lausche,
Denn die großen Dinge entstehen immer aus der Stille heraus.

Du bist frei!
Du kannst in Dein Auto steigen und irgendwo hin fahren
du hast Geld!
Du kannst jemanden einladen oder dir was schönes kaufen

Du kannst denken!
Hast einen eigenen Kopf,
was willst du damit anfangen?
Es ist alles nur begrenzt von deiner Phantasie.

Kannst du es dir nicht vorstellen zu lieben?
hast du Enge in deinem Herzen?
Dann mach ein bisschen Platz
lass Licht und Liebe rein

trau dich, machs einfach, sei frei
genieß den Augenblick
alles andere spielt sowieso keine Rolle.




Alles zurück auf Anfang

 Ich fühle mich ausgelaugt und mies. Hab keine Energie mehr. Die Sonne fehlt. Das Immunsystem arbeitet auf Hochtouren. Die Liebe ist verflogen. Alles ist depri, alles ist scheiße!

Rückenschmerzen quälen beim Sitzen und die Infrarotlampe, die eigentlich Abhilfe schaffen sollte, hat den Stuhl und den Finger verbrannt!

Gedanken kreisen immer noch ums Vergangene. Von „außen“ kommt kein befreiender Input, sondern nur Menschen, die jammern und mich mit ihrem eigenen Scheiß belasten. Seht ihr nicht, dass ich selbst genug Probleme habe?

Ich schlafe ewig lang. Meine Gedanken kreisen dabei um den Todesfall, sie schweben über meine eigene Vergangenheit und Jugend und immer wieder erscheinst Du.

Alles vermischt sich. Ein kleiner Auszug gefällig?

Ich gehe die Straße entlang. Will eigentlich zur Schule, ein neues Jahr hat begonnen. Aber ich bin zu spät! Ich laufe, gehe zu Fuß.

Dann gucke ich immer wieder auf die Uhr und ich stelle fest, dass ich vermutlich mind. eine Stunde zu spät kommen werde. Dann frage ich mich, warum ich denn nicht das Auto genommen habe? Was mache ich hier zu Fuß auf der Straße? Dann wieder dieses unterschwellige Gefühl, einfach „aussteigen“ zu wollen, so wie ich es früher gerne gemacht habe.

Warum gehe ich diese langweilige blöde Straße zur Schule? Warum gehe ich nicht diese Abzweigung, dort drüben, sieht viel interessanter aus, einfach in die Natur! Einfach krank melden, nicht kommen. Probleme unterdrücken, mich verstecken. Decke über den Kopf, sollen doch die anderen machen.

Diagnose: „Depressiv, nicht lebensfähig.“.

Oder wie ein Psychologe mal diagnostizierte „etwas antriebsschwach“.

Antriebsschwach! Weil ich keine Lust auf das verlogene Leistungs- und Geldsystem hatte, dass sich schon in jungen Jahren mit seinen ersten Ausläufern zeigte.

In der Schule dann werde ich schnell panisch. Alle feiern um mich herum, sind ausgelassen und fröhlich. Ich aber, bin ernst.
„Wo sind die neuen Stundenpläne?“, frage ich mich. „Wie komme ich in die richtigen Klassenräume?“ Ich bin die einzige ernste unter 1000 Ausgelassenen. Ich gehe in die große Pause und frage jemand aus meiner Klasse danach. Der grinst mich an und lacht. „Worüber du dir jetzt Sorgen machst. Feier doch erstmal mit uns!“

Ich bin peinlich berührt. Ja warum ich mir so große Sorgen? Warum kann ich nicht mitfeiern?

Ich habe das Gefühl, es ist mein letzter Versuch. Ich bin plötzlich in der Wiederholungsklasse für das Abi. Der Leistungsdruck ist immens, die Fragen sind schwer. Ich muss das bestehen, sonst war´s das für immer!

Wie alt bin ich in meinem Traum? Bin ich 40 und muss noch das Abi machen? Oder bin ich 17 und alles ist „real?“.

Dann wieder der Schwenk auf die Wohnung von meinem verstorbenen Stiefsohn. Ich krame in der Kühlbox herum, die da auf dem Boden steht. Überall sind frische, tiefgekühlte Sachen. Eine Packung Pommes, daneben eine Packung gefrorene Schnitzel. Alles sieht noch gut aus und ist innerhalb vom MHD. „Die hätte er sich nur machen brauchen!“ sag ich zu meinem Partner. Ich bin bestürzt. „Es ist doch so einfach: Ofen aufmachen, Pommes reinlegen und 20 Minuten backen. Schon hast du was im Magen.“. Ich mache den Ofen von meinem Stiefsohn auf. Er ist etwas verdreckt, Backpapier liegt noch drinnen, aber alles funktioniert.

„Ja…“ sagt mein Partner leise. Er seufzt. Es wäre so einfach. „Wenn die Drogen nicht was mit deinem Gehirn machen und verhindern, dass du das einfachste erkennst“.

„Warum hat er sich nicht einfach ein paar Pommes gemacht?“ Im Traum bin ich ahnungslos und ratlos. Ich räume die Sachen aus der offenen Kühlbox in den Kühlschrank.

Und ich habe einen Kloß im Hals.

Irgendwann dann wache ich auf. Der Traum hängt mir noch in den Haaren. Ist es draußen hell oder noch dunkel?
Spielt das überhaupt eine Rolle? Mein Partner kommt und bringt mir einen Kaffee. Ich erzähle von meinem Traum.

Dann muss er weinen.

Ich gehe an den Computer und schreibe diesen Text. Höre etwas Musik. „Die Realität“ kommt langsam zurück.

Wirklichkeit und Vergangenes sind klarer zu unterscheiden. Das Leben geht weiter! Es gibt neue Pläne, neue Ziele.

Die Geister der Vergangenheit, sie können langsam gehen.

Es wird Zeit für einen neuen Anfang!




Distanziert – 3

Passende Musik: I´ll fly with you

Alles ist gut, alles ist klar, denkst du dir. Kein Grund zur Panik. Ich bekomm das schon hin mit den beiden Welten. Ich hab schon schlimmeres geschafft! Ich muss dem ganzen nur mutig ins Auge schauen, dann wird das schon. Du atmest nochmal tief durch.
Hier in dieser seltsamen Zwischenwelt gibt es noch mehr. In der ganzen Panik hast du dich noch nicht genau genug umgeschaut. Hier hängen überall rote Telefone von der Decke. Die Hörer baumeln an der Spiralschnur herunter. Sie baumeln wie Blätter im Wind. Du musst nur einen dieser Hörer greifen, langsam, und dann immer fester drücken und ihn an dich heran ziehen. Da sind Menschen am anderen Ende der Leitung, die du erreichen kannst. Menschen, die dir helfen wollen und nützlich sind. Aber Achtung! In jedem dritten Telefon lauert ein gefährliches Monster auf dich. Wenn du zu lange mit ihm redest, verwandelt es deinen Traum in etwas noch schrecklicheres und nimmt dir am Ende sogar die Telefone weg! Also such dir gut aus, wen du anrufst. Überleg es dir gut!

Du willst doch kein Monster am anderen Ende der Leitung haben? Ein Monster, das dich am Ende verschlingt und auffrisst? Du willst die gute Fee haben. Die mit dem Zauberstaub, die deine Welt, bunt, hell und schön macht.

„Ring, Ring, Ring“ macht es. Heb endlich ab! Hör auf zu träumen. Geh ran!

Wach auf! Und rede mit den Menschen, die dir etwas bringen.




Distanziert – 2

Du rauchst an dem Joint und willst ihn gar nicht mehr hergeben. Es wird alles klar jetzt.
Klar und schön, bunt und rein. Aus der Kälte des Winters ist die Wärme des Sommers geworden. Aus Einsamkeit und Leere im Herzen ist erfüllte Liebe geworden. Die Substanz hat dich gerettet und frei gemacht. Aus den zwei Geschlechtern wurde eins. Kein Mangel war mehr zu finden.

Die Kommunikation mit ihr ist jetzt viel einfacher und entspannter. Du kannst dich mehr auf ihr Gefühlsleben einstellen und mitfühlender sein. Du magst sie wirklich gerne. Wie sie da liegt mit ihren braunen Haaren und der schlanken, braun gebrannten Figur. Sie strahlt Sanftmut und Gleichmut aus. Allein ihr Anblick wirkt schon beruhigend auf dich.

Du stellst fest, dass du sie gar nicht notwendigerweise anquatschen musst. Es reicht dir einfach, in ihrer Nähe zu sein.

Du guckst immer wieder in ihr Gesicht. Wie sie lacht. Sie wirkt wie ein junges Mädchen, das sich gerade frisch verliebt hat. Du fragst dich, in wen sie sich wohl verliebt hat? Da wird dir bewusst, dass du es bist und sofort wirst du rot. Das ist dir peinlich, das willst du nicht wahrhaben.

Du guckst an deinen Armen hinab. Auf ihnen wachsen plötzlich dunkle, schwarze Haare und sie sind kräftig geworden. Du bist erschrocken. Du gehst zur Palme, an der plötzlich ein Spiegel hängt und schaust hinein. Da kommt dir ein kantiges Gesicht und ein junger Mann entgegen. Du bekommst einen Schock. Der Traum hat dich in einen Mann verwandelt. Du schüttelst dich und du willst ihn loswerden, aber es geht nicht. Wie soll der Mann „weggehen“, wenn er inmitten von dir ist?

Deine Stimme ist plötzlich tief. Jetzt ist dir klar, warum sie auf dich steht. Sie lächelt dich immer noch an und sagt mit ihren Augen „komm doch rüber“. Deine Nackenhaare stellen sich auf und du fühlst dich wie eine Katze, die man gerade in die Badewanne geworfen hat.

Du erstarrst und verkrampfst und kannst dich keinen Millimeter mehr bewegen. Du willst endlich aufwachen aus diesem Alptraum. Mit aller Kraft strengst du dich an und verzerrst mit deinem Willen Raum und Zeit. Doch es gelingt dir nur zum Teil. Du bleibst stecken. In der linken Seite deines Gesichtfeldes befindet sich jetzt die Disco mit dem dunklen, kalten Licht und auf der rechten Seite ist die Palmen-Oase. Du bist dir nicht sicher, was du lieber möchtest. Die beiden Bilder überlagern sich und erzeugen eigentümliche Farbmuster. Die Gerüche vermischen sich. Auf der linken Seite riecht es nach Zigarettenrauch, Parfüm von hundert Leibern und muffigem Achselschweiß. Auf der rechten Seite ist nur der Duft des Ozeans zu vernehmen, die salzige Luft nach Meer und Freiheit. Auf der rechten Seite ist nur ihr Duft zu finden, der Duft einer jungen Frau, die sich frisch verliebt hat. Es riecht nach dem Cocktail, nach Ananas und Himbeere und nach dem Öl von Tropenholz…

Die rechte Seite ist eine Scheinwelt, die nur mit viel Substanzen und in Ermangelung jeglicher Logik erkauft wurde. Die linke Seite ist die harte, kalte Realität deines Lebens. In beiden bist du ein Verlierer, auf keiner Seite kannst du gewinnen.

In der linken Seite bist du geboren, die rechte Seite ist geworden.

Inmitten dieser auseinander gerissenen Welt liegt ein großer Buntstift auf dem Boden. Er liegt da einfach nur rum. Er ist riesig bestimmt, ein halber Meter lang und 10 cm im Durchmesser. Er hat eine Vielfach-Farbmine. Auch wenn du zerrissen bist, kannst du dich bücken und ihn aufheben. Es kostet ein bisschen Anstrengung, weil er schwer ist. Es ist deine gesamte Schaffenskraft darin enthalten. Du kannst mit dem magischen Stift dein Leben neu anmalen. Die dunkle Technodisco bekommt ein paar rosane Glitzer-Akzente gesetzt. Und in der hellen Illusions-Welt deiner rechten Seite malst du mit schwarz harte, haltende Konturen rein. So gefällt es dir schon viel besser!

Wenn du mit den Augen blinzelst, verschwimmen beide Welten wieder und es sieht so aus, als ob sie eins wären. Du kannst dich daran gewöhnen. Dein Gehirn hilft dir dabei und es gaukelt dir „Einheit“ vor, wo eigentlich „Dualität“ herrscht.

Die Verbindung beider Welten kostet Kraft und du musst viel essen. Du musst gesund sein, um das alles zu überstehen. Du brauchst ein bisschen Masse und darfst kein Magerquark werden. Du musst stark sein, denn das Leben dreht sich schnell und wirft dich unvorhergesehen aus den Fugen.

Das Leben ist unerbittlich, schwer und schnell. Festhalten gilt nicht. Du musst es leben.

Wer weiß, wohin es dich morgen trägt?




Frau Piotrowski – 3

Nachdem du genug getrunken hast und dein Schwarm definitiv nicht mehr kommt, beschließt du nach Hause zu fahren. „Nach Hause“, wo war das nochmal? Du strengst deinen kleinen süßen Kopf an, aber es kommt fast nichts raus.

Mit Müh und Not findest du den Autoschlüssel in deiner überfüllten Handtasche. Das Auto steht gleich um die Ecke. Du lässt den Motor an und fährst in Schlangenlinien durch die Nacht.

Es regnet. Es ist windig. Der Seitenwind verstärkt deinen unsicheren Fahrstil noch. Scheißegal denkst du dir und rülpst.

Zu Hause ist Licht in der Garage. Da fällt dir ein, dass da noch jemand ist.
Du hast seinen Namen vergessen. Du nennst ihn nur noch „Lusche“ oder „Depp“.

Der Depp steht in der Garage und baut mal wieder irgendwas. Du fährst schief in die Garageneinfahrt und erwischst einen Blumentopf. Scheißegal, denkst du dir.

„Na“ sagst du zu ihm. Auf mehr hast du keine Lust.
Er bastelt an irgendwas. „Was ist das denn?“ du schaust ungläubig auf die Maschine, die er sich da gekauft hat. Es ist ein riesiges Teil, das die ganze Garage verstopft.

„Hi Schatz, schön dass du da bist. Schau mal ich hab mir einen Rasentraktor gekauft.“

„Einen was?“ Du reißt die Augen auf. Sofort wirst du sauer.

„Ja einen coolen Rasentraktor. War im Angebot. Hat nur 2.500 Euro gekostet. Und dazu gab es noch eine Häckselmaschine.“ Die besagte Maschine steht noch in Folie in der Ecke. Sie sieht riesig aus. Und überflüssig.

Du merkst wie es in deinem Gesicht weiß und kalt wird. Ein Rasentraktor.. im Dezember.
Weil ja auch im Moment soviel Rasen wächst.

„Aha“ das ist das einzige was du rauskriegst. „Du weißt aber schon, dass ich das Geld eigentlich für was anderes gebraucht hätte?“

„Ja tut mir leid Schatz. Du kannst deine Sachen ja dann später kaufen.“

Du sagst nichts mehr und gehst ins Haus.

Da ist noch irgendwer. Du hast sie fast vergessen.
Deine Tochter. Sie ist krank und liegt im Bett. Sie will mit dir reden. Aber du hast irgendwie keine Zeit.

„Hallo Mama“ sagt sie und guckt dich mit großen Augen an. „Wo warst du?“
„Hi Schatz.. ich war.. weg.. hab jemand getroffen. Oder zumindest versucht, jemand zu treffen.“

„Du siehst traurig aus, Mama.“
„Ja..echt? hm..“

Sie hustet. Du machst ihr was zu essen. Eine warme Suppe. Und hörst ihr zu.

Dann kommen die Tränen.




Frau Piotrowski – 2

Heute geht es Dir richtig dreckig. Dein Schwarm ist natürlich nicht gekommen an dem Abend.
Du hast zwar seine Nummer, aber er antwortet nicht. Die Liste Deiner Nachrichten auf WhatsApp wird immer länger. Du schämst dich. Es sieht dumm aus. Du schreibst, aber er antwortet nicht.

Er ignoriert dich total, dieser Schuft! Erst macht er dir schöne Augen, dann die totale Abfuhr. Er hat noch nicht einmal den Mut, es dir zu sagen. „Ich will dich nicht verletzen, Paulina“ scheint er zu denken. Aber wieviel verletzend mehr ist GAR KEINE Reaktion!! Bitteschön! Das ist noch viel schlimmer.

Du merkst, dass du richtig eingeschnappt und beleidigt wirst. So hat dich noch keiner behandelt. Dieses Würstchen, dieser Schuljunge. Soll er doch zu Hause bei seiner Mama bleiben und am Computer zocken. Unreif! Er hat dich gar nicht verdient. Die schönste aller Frauen sitzt hier, ist freundlich und nett und wartet auf ihn. Hat sich extra schön gemacht. Und dann das!!

Du nimmst noch schnell einen Schluck aus dem Weinglas, das vor dir steht. „Noch eines bitte“ sagst du zum Kellner, der immer ganz schnell an dir vorbei sprintet und dich meistens gar nicht wahrnimmt. Er ist schon etwas älter und hat einen interessanten Bart. Er ist klein und dicklich und sieht fast aus wie ein Zwerg aus einem Fantasy-Roman. Manchmal glotzt er dich aus seinen braunen Augen an. Du glotzt zurück. Aber ansonsten ist er nicht dein Typ.

Der Alkohol betäubt dich und lässt die Gefühle etwas besser ertragen. Du merkst, wie deine Wangen warm und rot werden. Scheißegal, denkst du dir. Und nimmst noch einen Schluck. Die Weihnachtslichter verschwimmen. Die Geräusche der Kneipe werden zu einem Brei. Alles leuchtet, alles schwimmt. Du verlierst den Halt. Es ist dir egal.

„Eigentlich würde ich mich gerne umbringen“. Der Gedanke kommt hoch, aber du drückst ihn schnell nach unten. Er ist genauso sinnlos wie alles andere.

Wegen einem so nem Typ! Lächerlich.

In der Toilette kontrollierst du noch schnell deine Frisur. Die Haare sind mal wieder verwuschelt. Deine Haut glänzt und ist fettig, die muss dringend abgepudert werden. Der Lippenstift ist auf der Oberlippe weg, aber auf der Unterlippe noch drauf. Sieht blöd aus. Schnell nachziehen.

Als du zurück kommst, checkst du nochmal die Kontaktliste deines Telefons. Da sind noch ein paar andere Typen drin. Du schreibst eine Nachricht an deinen alten Schulfreund. Du hast ihn immer gemocht, irgendwann dann aus den Augen verloren. Er ist stark und kräftig. Er hat eine Schulter zum Anlehnen und Ausheulen. Das wärs jetzt. Du magst seine Verrücktheit, dieses unberechbare, etwas zynische und arrogante. Das macht dich total an.

Deine Whatsapp-Nachricht wird sogar beantwortet. Sie klingt ein bisschen kühl. Genauso hast du ihn in Erinnerung. Kühl und männlich und überlegen. Genau das, was du jetzt brauchst. Jemand, der nicht soviel quatscht und nicht so viele Fragen stellt. Einfach nur puren, harten Sex.

Außerdem kennst du noch einen anderen Typ. Mehr so ein Künstler. Er macht viel auf Instagram, ist auch aus Mannheim. Er hat dein Interesse geweckt. Keine Ahnung warum. Gleich von Anfang an. Er macht dich nicht an, ist aber nett. Etwas älter als du. Hat auch Stil und Kultur.

Wie wäre es mit dem ? Es gibt soviele Männer da draußen, man braucht gar nicht auf die unreifen Bübchen zu warten. Es gibt so viele Singles. Es gibt so viel zu erleben. Also raus in die weite Welt.




Frau Piotrowski

„Frau Piotrowski“… du lässt den Namen immer wieder durch dein Gehirn wandern.
Er gefällt Dir. Er klingt gut.

Du stellst dir vor du würdest so heißen, wie der Mann, den du begehrst.

Eigentlich mochtest du den Namen zuerst nicht. Er klang etwas fremd, seltsam. Er hat dich zuerst überrascht, so wie der Träger des Namens dich überrascht hat.

Aber vom Namen und vom Träger gehen eine seltsame Anziehungskraft aus.
Etwas, das für dich völlig neu ist. Du magst ihn. Den Träger und den Namen.
Es vermischt sich. Beide werden eins. Du begehrst den Träger genauso wie den Namen.

Obwohl du das nie wolltest, kannst du dir plötzlich vorstellen, dich so umbenennen zu lassen.

„Gestatten, Paulina Piotrowski“ du kicherst bei der Vorstellung. Wie albern das ist.

Aber du merkst, dass es viel mehr als nur Albernheit ist.

Du gehst durch die Stadt und stellst dir vor, wie wohl seine Mutter ist.
Die diesen Namen trägt. Er hat ein paar Mal von ihr erzählt. Er scheint sie sehr zu mögen. Er schwärmt beinahe von ihr. Sofort bist du eifersüchtig geworden, als du gemerkt hast, wie viele Gefühle da wohl im Spiel sind.

Auch das ist neu. Nie hast du dich für die Mütter deiner Partner interessiert. Aber bei ihm schon.

Du gehst durch die Stadt und stellst dir vor, du bist sie. Du hast dich extra chic gemacht und ganz schön geschminkt. Sie ist ja auch älter als du. Sie ist bestimmt eine Dame und sie hat Stil.
Nicht so zerzaust und ungepflegt, wie du manchmal rumläufst. Hier auf dem Land kümmern sich die Leute nicht so um das Aussehen. Es muss praktisch sein und schnell gehen. Kann auch mal Erde und Dreck vom Feld dranhängen. Es wird halt „geschafft“. Egal.
Aber in der Stadt? Wo die chicen und gut erzogenen Menschen der Oberschicht wohnen? Das ist alles ganz anders.

Du mussst jetzt ihren Stil kopieren, um mithalten zu können. Dein Gewicht stört dich, du willst noch mehr abnehmen, um so auszusehen wie sie. An den Haaren musst du was machen. An den Zähnen, etwas aufhellen wäre nicht schlecht. Der Teint darf nicht so grau sein!

Du hast dir eine neue schwarze Handtasche gekauft, die sehr chic und damenhaft aussieht.
So eine Tasche hattest du noch nie. Überhaupt achtest du in der letzten Zeit sehr darauf, dass alles gut zusammenpasst und schön aussieht.

In Mannheim gehst du in jedes Café und genießt die neugierigen und offenen Blicke, die dir seit neustem zugeworfen werden. Egal, wohin du gehst, die Menschen reagieren gleich positiv auf dich.
Spüren sie deine Verliebtheit?

Dabei machst du nicht viel. Du trägst deine blonden Haare offen, du hast dich chic gemacht, ein bisschen geschminkt und du lächelst jeden an. Du kannst nicht anders.
Du musst nett sein. Du willst kommunizieren und das geht nunmal gut über Blicke. Du bist gerne nett und hübsch.

Du bist gerne Frau Piotrowski.

Du stellst dir vor, er sitzt dir gegenüber und lächelt dich an. ER bewundert dich und zuckt zusammen, wenn du den Raum betrittst. Er ist zurückhaltend und nett. Höflich und charmant. Er ist nett zu dir, weil er dich wie seine Mutter behandelt, zu der er ein gutes Verhältnis hat.

Du machst ein paar Späße mit ihm und bist überrascht, wie gut das klappt. Ihr müsst immer beide zusammen und unwillkürlich lachen. Du planst es nicht, es schwingt einfach gut. Ihr gleicht euch sofort an.

Aber er ist nicht da. Nur in deinem Kopf. Du sitzt alleine in dem Café und vermisst ihn. Eine große Liebe ist in deinem Bauch. Dein ganzer Körper strahlt und leuchtet. Du bist verknallt über beide Ohren und vermisst ihn. Er ist da und auch wieder nicht.

Wo ist er ?

Wann kommt er endlich zum Essen?