Kategorie: Ausgedachtes
Das Interview
Der Interviewer auf der Straße: „Guten Tag ich bin vom Blogger-TV und wir machen eine Umfrage. Was halten sie von der Frauenquote? Sind sie dafür oder dagegen? Betrifft es sie und was könnte die Politik ihrer Meinung nach besser oder anders machen?“
Eine Frau: „Frauenquote? Natürlich bin ich dafür, Frauen sollten viel besser gefördert werden. Immer nur diese Männer in Anzügen an der Spitze, diese Klonarmee. Die Führungsriege braucht Farbe und Abwechslung!“
Ein Mann: „Oh nein, schon wieder ein Versuch dieser Feministen uns irgendwas mit Gesetzen aufzudrücken. Als Mann fühle ich mich in diesem Land mittlerweile diskriminiert. Reicht es nicht, dass man als Mann arbeiten muss und im schlimmsten Fall hohen Unterhalt für eine Frau zahlen muss, die es sich gemütlich macht? Es ist doch bekannt, dass Frauen nicht so ehrgeizig sind. Daran wird eine Quote auch nichts ändern.“
Der Unternehmer und Darwinist: „Der Eingriff in die Selbstbestimmung der Unternehmen ist kontraproduktiv. Es erinnert mich mit dieser Steuerung von oben an alte DDR-Zeiten. Die moderne Berufswelt ist Kampf und Krieg und Unternehmen sind die Kommandozentralen dieses Krieges. Nur der stärkste wird überleben und nur die stärkste AG wird sich an der Börse behaupten können. Daher brauchen wir die Auslese über die Qualifikation. Wenn wir plötzlich Frauen an die Führung lassen und die sich dann während eines wichtigen Meetings die Nägel feilen oder Mutterschaftsurlaub nehmen- wo kommen wir denn da hin? Daher bin ich gegen eine Quote.“
Die Hausfrau: „ Tja Führungsposition hin oder her, aber das betrifft mich sowieso nicht. Es soll ja Geschäftsfrauen geben, die sich darum reißen, aber für mich ist das nichts. Was ändert die Debatte eigentlich an meinem eigenen, täglichen Leben? Aus diesem Grund lese ich sowieso nicht gerne Zeitungen und schalte die Nachrichten nur beim Bügeln ein. Man sollte lieber noch mehr für Familien oder den Ausbau der Kitas tun. Dann könnte ich auch noch länger arbeiten und mein Mann könnte auch mal einen Tag frei nehmen. Was die Politkerinnen da oben reden ist für mich fernes Geschwätz.“
Der junge, aufstrebende Jurist „Ich mach sowieso Karriere, ob ihr wollt oder nicht. Ein erfolgreicher Mann findet die hübscheste Frau, so war es doch schon immer, oder? Für mich ändert sich daher null. So, keine Zeit ich muss ins Fitness-Studio…“
Die Geschäftsfrau „Quoten finde ich super. Ich habe hart gearbeitet, lange studiert, aber im Beruf dennoch das Gefühl, dass ich nicht weiterkomme und in die Büros unsichtbare Decken eingezogen sind. Die Männer trinken nach der Arbeit noch ein Bier und bilden starke Männerbünde. Als Frau fühle ich mich da außen vor. Wenn ich in einen Raum komme, wo nur Männer arbeiten, fühle ich mich wie ein Fremdkörper. Die starren mich alle an und berurteilen mich nur nach dem Aussehen. Eine Quote würde mir helfen, mich in der Firma zu behaupten, und noch weiter nach oben zu kommen. Und wer weiß, vielleicht denken die Leute dann um und ich werde endlich so akzeptiert, wie ich bin? Ich hoffe, dass man meine Qualifikation nicht nur nach meinem Geschlecht beurteilt, das ist nämlich auch diskriminierend. Ich bin aber auch bereit, ohne die Quote hart zu arbeiten und mich in diesem Umfeld zu beweisen. “
Der Arbeiter im Stahlwerk: „Man hört immer nur was von den da oben und immer nur die Frauen. Wer denkt eigentlich mal an uns? Wir leisten die Hauptlast der körperlichen schweren Arbeit. Wann kommt man wieder eine Lohnerhöhung? Was ist mit unseren Renten? Warum müssen wir eigentlich den möglichen Zusammenbruch der Banken und die Euro-Krise zahlen? Nein, ich habe der Politik schon längst abgeschworen. Die behandeln Probleme, die mich nichts angehen. Und auf eine Frauenquote pfeife ich. Das nächste Mal wähle ich was rechtes oder was ganz linkes.“
Die junge Studentin „Ich finde es super, dass derzeit soviel über uns Frauen geredet wird. Die Situation ist zwar noch ziemlich schlecht und ich möchte auch mal Kinder bekommen. Die harte Arbeitswelt schreckt mich ein wenig ab, aber auch dass in vielen Chefetagen nur Männer sitzen. Zählen wir Frauen denn überhaupt nicht? Immerhin kaufen wir den Großteil der täglichen Konsumprodukte und verwalten über 70% des privaten Haushalts-Einkommens. Wenn die Politik was für uns Frauen tut und es ihnen wirklich wichtig ist, werde ich vielleicht noch länger arbeiten und mein Studium ist dann nicht umsonst. Jetzt bin ich wieder motiviert. Wann ist die nächste Vorlesung?“
Der jugendliche (männliche) Schulabrecher: „Cool, Führungsposition klingt echt super. Würde ich auch gerne haben, dann könnte ich meine neue Freundin beeindrucken. Leider muss ich dazu erstmal den Hauptschulabschluss schaffen.“
Der Mensch mit Migrationshintergrund „Ich nix deutsch. Frau zu hause. Bleibt so, basta!“
Der Psychologe „Frauen und Männer haben unterschiedliche Qualifikationen, aber vor allem unterschiedliche Wertvorstellungen und Eigenschaften. Aus diesem Grund ist es nachvollziehbar, dass man in extremen Positionen weniger Frauen findet, weil diese insgesamt eine besser Work-Life Balance aufrecht erhalten und weil ihnen ethische und soziale Werte im Durchschnitt wichtiger sind. Wenn man wirklich etwas ändern wollte, müsste man an der Unternehmenskultur und der gesellschafltichen Debatte über Arbeit an sich etwas tun. Nun mit Quoten etwas aufzusetzen, wird an den Ursachen und den psychologischen Dispositionen nichts ändern!“1
Der Sozialwissenschaftler „Das ist Unfug, was sie da sagen, Herr Kollege. Natürlich wird sich etwas ändern. Es ist doch die Frage, was ändert sich zuerst: Die Gesellschaft oder die Rahmenbedingung? Wenn wir die Rahmenbedingungen ändern, müssen sich auch die Köpfe ändern. Natürlich wird es am Anfang harten Widerstand geben, das ist nur natürlich. An den Geschlechterverhältnissen etwas zu ändern, ist vielleicht das schwierigste, was die Politik wagen kann. Nirgends sonst sind die Fronten so verhärtet und die Debatten so aufgeheizt. Der aktuellen Feminismus-Kultur weht ein harter Gegenwind entgegen. Man sollte die Diskussion auf anderen Ebenen weiterführen und sie nicht alleine auf das Geschlecht reduzieren. Aber jetzt einfach die Flinte ins Korn werfen und so weitermachen, wie immer.. da macht man es sich ein wenig zu leicht, meinen Sie nicht?“
Der Pessimist und Realist „Ach egal, in drei Tagen hat man das Ganze sowieso wieder vergessen. Dann wird eine neue Sau durchs Dorf gescheucht. Also rege ich mich gar nicht erst auf, spart Energie!“
Anmerkungen:
- Vergleiche hierzu z.B. http://www.leadership.info/1278/spas-im-beruf-und-ethische-werte-sind-frauen-wichtig/ [↩]
Träume
Einleitungssong- Juli- die perfekte Welle
Es war ein perfekter Tag gewesen.
Die Sonne hatte geschienen, als wollte sie sich für den verregneten Sommer revanchieren. Sie war in Hochstimmung, in perfekter Laune. Sie hatte sich endlich aufgerafft und einen Gang in die Stadt gemacht. Serotonin und Oxytocin flossen in großen Mengen durch ihre Adern und erreichten auch noch die letzte Nervenzelle. Es kam ihr vor wie Frühling und das mitten im Herbst! Nein Moment, wie nennt man das? Spätsommer! Genau, ein richtig schöner Spätsommer, nicht zu heiß und gerade richtig.
Sie strömte über vor guter Laune und Energie. Selbst Leute, die ihr sonst Probleme machten, störten sie heute nicht. Ihre Eigenarten kamen ihr lächerlich grotesk vor und sie freute sich über ihre innere Stärke, mit der sie das heute verarbeiten und empfangen konnte. Ja, sie fühlte sich frei. Von ihrem Job, der ihr keinen Spaß mehr machte, hatte sie sich vor zwei Wochen getrennt. Schwupps, einfach weg. Keine Lust mehr auf diesen Chef, keine Lust mehr auf diese Monotonie. Keine Lust mehr auf Spießer und Pflichterfüllung.
Es war nicht schlimm und fiel eigentlich nicht schwer, wobei sie die erste Woche nur geheult hatte und ihre Kolleginnen und Kollegen vermisste. Natürlich würde sie sich was anderes suchen müssen. Natürlich…Aber inzwischen war aus der Trauer etwas Neues entstanden. Den dunklen Fäden der Traurigkeit und des Abschieds machten neue Pflanzen Platz.
Sie wollte alle umarmen, und ihre Flügel ausbreiten, wegfliegen, durchatmen!
Sie glaubte wieder an das Gute im Menschen und in ihrem Herzen regten sich beinahe unanständig starke, religiöse Gefühle.
Was Jesus wohl für ein Mann gewesen war? Bestimmt war er stark, muskulös und moralisch hoch überlegen. Es musste so sein, Jesus muss ein Held gewesen sein. Jemand, der über den Dingen stand, der schlauer war als die anderen. Der durch Intellekt überzeugte, nicht durch Prahlerei. Durch moralische Integrität in allen Lebenslagen.. so wie halt sie, nur in männlicher Form.
Sie spürte, wie sie das anmachte. Seine Stärke ging auf ihren Körper über. Aber plötzlich war auch sie Stärke, sie vibrierte förmlich vor positiver Energie! Die Begrenzungen ihres weiblichen Gehirns wurde aufgeweicht und etwas neues formte sich aus diesen beiden Polen…
Als ob das alles noch nicht genug gewesen wäre, kam im Radio auch noch Xavier Naidoo. Xavier Oh Xavier, sie fühlte dass es nicht mehr länger dauern würde, bis sich ein Großteil ihrer Existenz in einem zuckenden Bach aus Tränen auflösen würde… und außer Salz auf dem Lippen und einen verwaschenen Grauschleier vor ihrem Gesicht würde sie nicht mehr viel wahrnehmen. Und das überströmende göttliche Gefühl, natürlich!
„Überlebenszeit ist jetzt“ jaulte sie jetzt wie ein kleines Kätzchen. Nein, nicht wie, sie WAR ein kleines, anschmiegsames Kätzchen.
Sie drehte die Anlage im Wohnzimmer auf volle Lautstärke, worauf auch ihre WG-Kollegin aufmerksam wurde. „Ach der schon wieder,“ sagte sie spöttisch. „Weißt du, früher war der ja ganz gut… aber inzwischen kann ich ihn nicht mehr hören. Mit seinem Gejaule. Ist doch immer das Gleiche.“ Mit diesen Worten drehte sie Naidoo ab und schaltete auf Shakira. „Die ist wenigstens tough, die hatt Mumm, aber Naidoo ist doch ein Waschlappen.“ Dabei verkrampfte sie bemüht-fröhlich ihre rechte Hand und entlockte ihr einen müden Schnipser.
Sie.. bekam das nicht richtig mit. Sie war im siebten Himmel angelangt, kurz vorm Orgasmus.. und irgendwer, irgendwas von außen war da mit einer dreckigen, pieksigen Nadel und piekste in ihrem Traum.
„Puff“ machte es nur kurz. Dann war die Welt wieder grau.
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Arm
Arm war die Welt. An Kultur, an Geist, an Höflichkeit, an Mut, an Entschlossenheit, an Tapferkeit, an Ideen, an Abwechslung, an Großzügigkeit, an Esprit, an Altruismus.
Arm war die Welt. Jeden Tag konnte man es aufs neue sehen.
Man musste nicht weit gehen, um das Kranke immer wieder aufs Neue zu spüren. Die Engstirnigkeit der anderen, ihre Ängste und Vorurteile eins zu eins in Worte und Taten gefasst.
Arm, so arm war die Welt.
Dennoch gab es zwischendrin immer mal wieder Hoffnung. Kleine Pflanzen, die aus dem ansonsten so monotonen Beton nach oben stießen und Chaos und Leben in den Einheitsbrei brachten.
Mutige Pflanzen, die keiner kannte und keiner mochte. Sie waren anders. Ungewohnt. Nicht katalogisierbar. Nicht einzuordnen. Alles was anders war, machte Angst.
So viel Angst hatte diese Welt.
Angst vor einer Mücke, die nur ein wenig spielen wollte. Angst vor dem Kätzchen, das verspielt um die Beine huschte. Angst vor dem Hund, der die Zähne fletschte. Angst vor dem Mensch, der die Atombombe zündete.
Brutal war die Welt. Unmenschlich, technisiert und bürokratisiert.
Entfremdet war die Welt.
Einsam.
Kalt und leer war die Welt.
Eine Hülle aus billigem Blech und innendrin der beginnende Rost.
……………………………….
80er Jahre
Deutschland, 1986
Der BRD ging es noch gut.. Schuldenprobleme in weiter Ferne, der dicke Kanzler an der Macht, die CDU in vollem Saft und die DDR war auch noch nicht wieder vereint. Kurzum: Ein Schlaraffenland.
Nur an den komischen Frisuren und Brillen merkt man, dass es die 80er Jahre sind. Okay und an der komischen Musik, den komischen Klamotten und den komischen – hm- Gesichtern?
Kurzum: GEILES LIED!
Mind. genauso geilomat wie
Die 80er Jahre, als Männer noch weich und weiblich sein mussten durften.
Arm war die Welt. An Kultur, an Geist, an Höflichkeit, an Mut, an Entschlossenheit, an Tapferkeit, an Ideen, an Abwechslung, an Großzügigkeit, an Esprit, an Altruismus.
Arm war die Welt. Jeden Tag konnte man es aufs neue sehen.
Man musste nicht weit gehen, um das Kranke immer wieder aufs Neue zu spüren. Die Engstirnigkeit der anderen, ihre Ängste und Vorurteile eins zu eins in Worte und Taten gefasst.
Arm, so arm war die Welt.
Dennoch gab es zwischendrin immer mal wieder Hoffnung. Kleine Pflanzen, die aus dem ansonsten so monotonen Beton nach oben stießen und Chaos und Leben in den Einheitsbrei brachten.
Mutige Pflanzen, die keiner kannte und keiner mochte. Sie waren anders. Ungewohnt. Nicht katalogisierbar. Nicht einzuordnen. Alles was anders war, machte Angst.
So viel Angst hatte diese Welt.
Angst vor einer Mücke, die nur ein wenig spielen wollte. Angst vor dem Kätzchen, das verspielt um die Beine huschte. Angst vor dem Hund, der die Zähne fletschte. Angst vor dem Mensch, der die Atombombe zündete.
Brutal war die Welt. Unmenschlich, technisiert und bürokratisiert.
Entfremdet war die Welt.
Einsam.
Kalt und leer war die Welt.
Eine Hülle aus billigem Blech und innendrin der beginnende Rost.
Neulich auf der Politik-Party
Passender Song “ATB- Trilogie Part 2“
Politik macht mich müde in diesen Tagen. Es kommt mir oft vor wie eine langweilige Cocktail-Party mit Kollegen, die man alle schon gut kennt und von denen man nichts Neues erwartet. Und dieser eine Mensch, der einem so wichtig ist, auf den man schon Stunden gewartet hat, der doch per SMS versprochen hatte, zu kommen, kam dann doch nicht. Etwas enttäuscht steckst du das neue Handy wieder in deine silber-glitzernde Handtasche, die an einem feinen Band über deiner Schulter hängt.
So steht man nun am Rande, in der Welt der Politik-Schaffenden und Diskutierenden und hört sich die stets gleichen Argumente an, lauscht mehr gelangweilt als gefesselt auf ihre Ansichten, schlürft den Cocktail bis zum letzten Eiswürfel aus, so dass sich die Leute ob der seltsamen Rüssel-Geräusche schon umdrehen und dich fragend anschauen. „Es ist alles okay“ signalisierst du ihnen mit einem non-verbalen Gesichtsausdruck und lächelst etwas verschämt. „Es ist alles okay, aber das Zeug ist einfach zu lecker“. Überhaupt, die Cocktails sind das beste an der ganzen Veranstaltung hier.
Was gab es da noch auf dieser beliebten und doch langweiligen Politik-Party? Ich gehe zur Welt der Banker und höre die Geschichte von einem Mann, dem die Macht zu Kopf gestiegen ist und der sich sexuell nicht ganz im Griff hatte. Gääähn. „Der Mann ist halt der Böse“ sagen die einen (die Frauen hauptsächlich) die anderen machen Witze über sexuelle Potenz und solche Dinge (die Männer hauptsächlich). Viel unqualifizierte Meinungen, viel oberflächliches und „Lustiges“. Aber ist eine Vergewaltigung, wenn sie denn stattgefunden hat, was ich als Außenstehende gar nicht beurteilen kann oder will- denn etwas „Lustiges“? Ich hole mir lieber noch ein belegtes Brötchen.
Ganz bestimmt nicht. Während ich auf dem etwas trockenen Brötchen herumkaue, schaue ich mir die Wohnung an. Groß ist sie, einladend, mit einem riesigen Balkon. Am Ende des Balkons kann man über die Hochhäuser und Skyline der Großstadt schauen. Die Sonne geht gerade runter und taucht die Szenerie in ein orangefarbenes Licht. Auf dem Balkon stehen teure und große Kübelpflanzen. Ganz bestimmt war das hier nicht billig, ganz bestimmt nicht.
Die Situation ist freilich grotesk, noch grotesker dass „die Mächtigen“ sich freikaufen und loslösen können und über der Masse der Schuldigen stehen. Also verändert Geld doch die Gerechtigkeit. Gerechtigkeit kann man sich kaufen. Das klingt ja fast wie in einem schlechten John Grisham- Roman. Jetzt fehlt nur noch die Verschwörungstheorie..
Am anderen Ende der luxuriösen Penthouse-Wohnung stehen ein paar junge Mittdreißiger zusammen. Sie erinnern dich rein äußerlich an die Physik- und Mathestudenten, mit denen du auf der Uni so gut konntest. Du mochtest ihre geradlinige Art, das steife- unemotionale und logische, auch wenn sie dadurch bei den etwas hipperen Leuten als uncool galten. Alle mit Anzug und Krawatte. Alle in schwarz, alle männlich und alle mit diesem aufgeweckten, aber doch kalten „ich hab BWL oder Jura studiert“-Blick. Sie stehen etwas alleine da und wirken isoliert. Die anderen Gäste, vor allem die Frauen stehen bei den Männern mit Dreitagebart und den lustigeren, bunten Klamotten. Die, die Witze machen und scherzen und über Atomkraftwerke lästern.
Naja, ein paar von den Männern in den Anzügen sehen ganz nett aus, also stelle ich mich kurz und unverbindlich dazu. „Neu hier?“ spricht mich einer von ihnen an. Er sieht gar nicht schlecht aus. An seinem Handgelenk schimmert eine teure Armbanduhr durch. Geld scheint er zu haben, aber ist er auch nett? Ich denke an das Fernsehprogramm der letzten Tage. Habe ich ihn da nicht auch gesehen?
Der FDP-Parteitag wurde in etlichen Satire-Sendungen durchgekaut und veräppelt und bestätigt somit den Eindruck, der sich auch bei mir aufgedrängt hatte. Ob bei „Extra 3“ der „Heute Show“ oder „Harald Schmidt“ auf die FDP schlagen sie alle immer gerne ein.
„Ja, ich bin neu hier. Ich bin eine Journalistin und soll über diese Party berichten. Außerdem wollte ich jemand treffen, der kam leider nicht und jetzt, naja vertreibe ich mir die Zeit so gut es geht“ Du lächelst etwas unbeholfen.
Aber löst das Probleme? Verändert das die Welt? Verändere ich die Welt? So gerne ich auch lache und mit einstimme, was verändert die Satire eigentlich an der Welt und an der Politik? Du denkst über die Sendung nach und wie sie sich mal wieder lustig gemacht haben.
„Achja, dann weiß ich wer sie sind.“ der Mann scheint dich zu kennen, was dich erstaunt.
Verstärkt sie nicht oft unsere Resignation oder löst sie sich am Ende auf? Wenn wir genug gelacht und uns auf die Oberschenkel geklopft haben, werden wir dann wieder FDP wählen? Oder dann, nie wieder?
Er sieht ja eigentlich ganz nett aus. Und jetzt, wie er dich in ein Gespräch verwickelt, so höflich und charmant, ja, was ist an diesem Mann schlecht? Schnell bestelle ich mir einen weiteren Cocktail. Ich hoffe, dass der Alkohol bald meine Unsicherheit wegspült. So sehe ich es auch versuche mich zu kontrollieren, mein Gesicht fühlt sich so angespannt an. Ständig dieses Lächeln- Müssen, meine Kiefermuskeln fühlen sich schon ganz hart an.
Werden wir wieder mehr Lust auf Politik haben oder sie noch gräßlicher und abartiger finden? Werden wir sie verstehen und unser Urteil neu bilden können? Werden wir uns einfach nur die Zeit mit Witzen vertreiben?
„Ich muss dann mal weiter“ sagst du zu dem hübschen Mann im Anzug. „Ich wollte noch ein paar Leute begrüßen“
Leute begrüßen. Besser konntest du es nicht formulieren. Der Mann scheint etwas enttäuscht, daher lächelst du ihm zum Schluss an und gibst ihm das Gefühl, dass es noch nicht ganz verloren ist mit der FDP.
Du gehst die schmale Wendel-Treppe hoch und hörst schon vom Weiten das Lachen und Gröhlen der hier anwesenden Gäste.
Hier bin ich versehentlich auf eine Mario Barth Sendung gerutscht. Hier sitzt also die Masse, das Stadion ist voll. Ach ja Witze über Frauen und Männer, die gehen immer gut. Da können wir unsere Klischees verstärken, brauchen sie nicht zu ändern. Ist ja auch viel leichter und einfacher. „Die Männer“ und „Die Frauen“ und.. „Die Dazwischen“ (über die lacht man nicht, über die runzelt man nur die Stirn oder schweigt betroffen).
Ich drehe mich lieber um und spreche niemanden an. Hier interessiert mich keiner. Mit den hohen Schuhen versuche ich die schmale Treppe nach unten zu gehen, das lange Kleid rutscht mir immer wieder über die Füße und ich hoffe, dass ich nicht über meine eigenen Argumente stolpern werde.
Das nächste Mal ziehe ich wieder eine Jeans an.
Vielleicht. Ach, ganz bestimmt!
Dankbarkeit
Passsender Song Acrobat von Maximo Park
Stell dir vor, du bist gefangen. Gefangen auf der einen, falschen Seite. Quälst dich schon seit Jahren mit dir selbst herum. Rüttelst an den Stangen aber sie geben nicht nach. Keinen einzigen Millimeter. Eine ungute Mischung aus Rollenerwartungen, Erziehungsmodellen, Freundschaften, guten Manipulationen, unerwarteten Wendungen und anderen Dingen hat sich stets davon ab gehalten, alles in die Hand zu nehmen, alles zu ändern.
Und dann kommt irgend so ein dahergelaufener Typ von der Straße auf dich zu und lässt dich endlich raus.
Er lächelt dich milde an, mit der Kippe locker im Mundwinkel schwingend. Sie bewegt sich auf und ab, während er durch seine rauchig-gelben Zähne mit dir spricht. Er riecht ein wenig verschwitzt. „Ach Schätzchen“ sagt dieser eklige Typ zu dir, „es ist doch eigentlich ganz einfach. Spring einfach, mach den Satz über die Klippen. Sei einfach ein bisschen mutig!“
„Aber, aber …“ stammelst du noch zu ihm herüber, soviel Angst hast du vor der neuen, unbekannten Welt „da draußen“.
„Aber, aber…“ willst du noch sagen, da ist es schon zu spät. Er packt dich an der Schulter, mit dem anderen Arm greift er dir zwischen die Beine und hebt dich einfach hoch. Er trägt dich ein paar Meter, ohne dabei ins Keuchen zu kommen, ganz sanft trägt er dich über den tiefen Abgrund und seine fast zarten Hände streicheln deine Arme und Beine, als er dich auf der anderen Seite wieder herunterlässt.
Du bist so dankbar, dass du keine Worte finden kannst. Suchst nach ihnen, kramst in deiner hintersten Gedankenschublade. Und als du endlich ein Wort gefunden hast, das passen würde, hebst du deinen Kopf und willst zu ihm sprechen.
Da ist er schon weit weg und am Horizont beinahe verschwunden.
Willst du noch rennen und ihn einholen?
Gedankenmeer
Die News: Ein Rauschen und ein stetes Gluckern auf dem gekräuselten Ozean.
Wer aber taucht mal in die Tiefe und wenn es nur für zwei Minuten ist, solange der Atem den Mut aufrecht hält?
Welch faszinierende Welt in der Tiefe sich verbirgt und hier, so knapp unter der Oberfläche, hell von der Sonne beschienen, noch faszinierend, leuchtend und klar zu erkennen.
Gehen wir ein paar Meter tiefer, wird es schon dunkler und die Kontraste beginnen zu verschwimmen. Dicke Wassermassen verschlingen das Licht und damit auch die Erkenntnis. Ich muss näher dran, um überhaupt etwas zu erkennen und noch ein paar Meter tiefer kann eine Lampe nicht schaden.
Es wird still um mich herum, das Schnattern und Lästern der seltsamen Vögel an der Oberfläche ist leise geworden. Hier bin ich mit mir alleine, ich höre mein Herz schlagen und sehe wie der Brustkorb sich langsam hebt und senkt. Da! Ein glubschäugiger Fisch ist vorbei geschwommen und gerade, da ich nach ihm greifen will, ist er auch schon wieder in der Tiefe der Nacht verschwunden. Ich werde sein Rätsel wohl nie ergründen können.
Hier unten, noch ein wenig tiefer, ist es immer dunkel. Kein Strahl der Sonne hat diese Welt je erreicht. Und daher fürchten sich die Menschen auch vor ihr. Die Menschen, Wesen des Lichts! Zusammengedrängt auf einem engen Boot an der Wasseroberfläche, beschimpfen sie sich gerne miteinander, ziehen sich an den Haaren und lästern und teilen am Ende doch ihre Vorräte. Wo sie sich doch so hassen und stets nach dem Oberen rangeln, so hat doch selten einer den Mut, sich von der kleinen Nussschale ihres begrenzten Denkens und Wirkens zu lösen und sich buchstäblich von den anderen „frei zu schwimmen“.
Dabei ist es gar nicht schlimm, voraussgesetzt das Wetter spielt mit.




