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Jetzt, endlich

Sylt-Geschichten, Teil 1

Hugo
Hugo

Und am Ende hast Du jeden Tag drauf gewartet, dass es jetzt endlich los geht.
Dass dein Leben spannender und aufregender wird. Dass du Dinge machst, die du dich vorher nicht getraut hast.
Dass es intensiver wird, leuchtender, toller!
Dass du noch mehr Freunde gewinnst, dass du netter und umgänglicher wirst.
Du hast gehofft, dass die Musik noch wichtiger wird und du wieder mehr tanzt.
Ja, du hast gehofft, dass du ein bisschen jünger wirst und die Dinge, die du früher gerne gemacht hast, jetzt wieder zurückkommen.
Du hast ewig gewartet. Aber auf was eigentlich? Neben dir liegt der Ausweis mit dem alten Passfoto. Du nimmst das Ding in die Hand und schaust das gräuliche, hässliche Foto an.
Wer ist diese Person mit der Brille? Die so ernst und freudlos guckt? Die bestimmt 10 kg zuviel hat. Ihre Haare eher langweilig trägt. Kein Glanz in den Augen hat? Du erinnerst dich an endlose Stunden vor dem Computer, wo du alles in- und auwändig gelernt hast, was mit dem Blechkasten in Verbindung steht. Du hast dich auf fremde Welten eingelassen und warst innerlich fern von der Heimat. Du bist irgendwo versunken und hast gewartet. Dass du endlich erwachsen wirst und es losgeht.
Dann nimmst du noch das andere Bild, dass du zufällig noch auf der Festplatte gefunden hast. Von dem Ausweis, der schon 2007 abgelaufen ist.
Da siehst du viel jünger aus. Fröhlicher, frischer irgendwie. Dein ganzes Leben lag noch vor dir. Was für Erwartungen an das Leben hattest du da?
Und was ist geblieben? Es ist alles so erschreckend schnell gegangen.

Klar du hattest Pläne und Ziele. Von Weiblichkeit und Schönheit. Schlank wolltest du sein und gut aussehen.
Du wolltest akzeptiert und geliebt werden.

Irgendwann sollte es endlich losgehen. Dann schaust Du dir die unzähligen Handy-Bilder von den letzten Monaten an. Schon wieder ist es ein Blick in die Vergangenheit.
Du siehst eine junge Frau, die um die Welt reist und Spaß am Leben hat. Da fahrt ihr gerade über die Dünen, eine Dose mit einem „Hugo“ in der Hand. Du erinnerst dich noch, wie die nette Verkäuferin sie euch mit einem Lächeln zugesteckt hat. Es war eine Prämie, weil ihr ein sündhaft teures Merchandising-T-Shirt von einer coolen Marke gekauft habt. Du fühltest dich geschmeichelt. Jetzt hattest du nicht nur dieses coole T-Shirt, sondern auch noch ein Gratis-Getränk! Eiskalt war der Cocktail, direkt aus dem Kühlschrank, genau richtig an diesem heißen Juli-Nachmittag. Die Wasserperlen liefen schon das Blech herunter und du wolltest es gar nicht loslassen. Doch bis zum Kliff war es noch weit.
„Die trinken wir dann da! Was hälst du davon?“ Dein Partner nickte nur stumm und sah zufrieden aus. „Gute Idee, das machen wir.“
Dann hast du die beiden Dosen in die Mittelkonsole gestellt und dich schon auf den kleinen Ausflug zum Kliff gefreut. Es war so heiß. Trotz Klimananlage hast du geschwitzt. Du hattest einen schönen weißen Rock an und eine leichte Bluse. Es war trotzdem zu warm. Dann seid ihr endlich auf dem Parkplatz angekommen. Hier mitten im Nirgendwo, im Osten von Sylt. Und trotzdem waren da mindestens 7 andere Autos mit Leuten, die die gleiche Idee wie ihr hatten. Ihre Kennzeichen verraten, dass sie aus allen möglichen Himmelsrichtungen kommen, selbst aus der Schweiz sind Leute dabei. Alle wollen an diesen schönen, einsamen, verlassenen Ort mit dem berühmten Morsum-Kliff pilgern.

Ihr stapft also mühseelig durch den Sand und später über den etwas bequemeren Steg. Es ist wirklich sehr heiß und jeder Schritt ist anstrengend. Deine Handtasche drückt sich noch fest in der Schulter, weil du noch zwei Getränke dabei hast. Du hast hohe Schuhe an, Sandalen, die in der Wärme ein bisschen scheuern und drücken. Aber egal- wenn es denn nur gut aussieht.

Ihr kommt an der ersten Düne an. Da sind immer noch Leute, das ist nicht romantisch. Da steht auch eine Bank. Aber die möchtest du nicht.
Schnell werden noch ein paar Fotos gemacht. Ganz egal was, Hauptsache abdrücken.
Ihr kommt zur nächsten Düne. Immer noch Leute. Nicht romantisch genug! Allerdings ist die Landschaft schon hier atemberaubend schön. Dann gehst du schnell vor, bis zur äußersten Spitze des Kliffs. Da musst du hin, soweit es nur geht. Es gibt nur noch einen kleinen Trampelpfad, keine weiteren Sicherungen mehr und nach links fällt die Düne steil ab. Mit den hohen Absätzen ist etwas schwierig, an der Stelle sicher zu gehen. Aber du bekommst es gerade noch hin.
Dir kommt ein letzter Mensch entgegen (er sieht aus wie ein Jogger) und dann endlich – Menschenleere! Nur das Wattenmeer, ganz ruhig um euch herum. Schilfpflanzen, die sich langsam im seichten Wind wiegen. Die Sonne brennt grell herunter. Unter euch trockener weißer, gräulicher Sand und ein bisschen vertrocknetes Gras. Du kannst dich problemlos mit dem weißen Rock auf die Erde setzen und nichts färbt ab. Du kramst mit zwei aufgeregten Fingern den Hugo aus deiner Handtasche und ziehst den Dosendeckel vorsichtig auf- es soll ja nicht übersprudeln..vorsichtig führst du die Dose an deine Lippen und nippst den ersten Schluck. Durstig bist du auf jeden Fall. Es schmeckt so köstlich! Das Getränk ist süß und klar und nur ganz leicht alkoholisiert. Es entspannt dich sofort. Du atmest kurz durch und lässt die Gedanken treiben. Es ist still, ruhig, du bist mit dir allein und vollkommen glücklich. Dieser Moment, er ist perfekt. Du greifst zur Hand deines Partners, der ein paar Schritte hinter dir war und sich jetzt auch hingesetzt hat.

Du musst jetzt nicht länger warten. Der perfekte Moment ist da und will einfach nur wahrgenommen und wertgeschätzt werden.