Blogpause und ein neuer Buchtipp

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Buch-Rezension aktualisiert und erweitert am 1.3.2011

Zur Zeit tut sich bei mir im „reallife“ recht viel, so dass ich für das Blog nicht soviel Zeit finde. Ich möchte die werten Leserinnen und Leser nur darauf hinweisen, falls sich jemand wundert, dass im Moment keine neue Texte geschrieben werden. Aus meiner ambitionierten Ganztags-Berufung ist eine „zweimal im Monat“ Halbtags-Bloggerin geworden. Und da sich hier zu Hause die Wäsche stapelt und der nächste Einkauf auch schon wieder vor der Tür steht und doch dieses und jene Telefonat zu führen ist, kann ich im Moment nicht sagen, wenn ich endlich mal wieder Zeit fürs Bloggen finde!!! 😉 Aber es ist gut, es verleiht einem selbst auch so einen exklusiven Geschmack auf der Zunge. Wenn die Texte seltener geschrieben werden, überlegt man sich auch noch genauer was man schreibt und es fällt auch mehr an. Man kann dann schreiben wie ein Wasserfall. Und das ist letztendlich auch nichts schlechtes, oder?

Auch wenn meine Blog-Abstinenz derzeit von Zeitmangel diktiert und gebremst wird, so spielen doch auch die Überlegungen über die Motivation, das Wofür und Warum im gedanklichen Hinterzimmer immer wieder eine Rolle. Für mich ist Bloggen, Schreiben und Kommunizieren ein Raum voller Luft und Unverbindlichkeit. Vielleicht einer der letzten Räume (und wenn sie nur virtuell sind) in denen man wirklich frei ist. In denen man sagen kann, was man möchte. Ein Raum, in dem die Gefühle einen Platz haben und die freien Erkenntnisse, die nicht unbedingt gleich wieder durch Kritik oder Neid zerstört werden können. Ich schaffe, also bin ich. Und es braucht Kraft, so einen Gedanken zu erschaffen. Wenn er dann seinen Platz auf Papier gefunden hat, ist er endlich da und eine kleine Genugtung macht sich breit.

Doch genug der persönlichen Nabelschau, zurück zu meinen Kernthemen, der kritischen Medienschau:

Gestern kam z.B. ein Bericht über die Einschränkung der freien Forschung in der Wissenschaft und wie sehr dort die geistigen Erkenntnisse von Markt-und Profitinteressen gelenkt werden. ((Sendung hieß „Titel Thesen Temperamente„, und der besprochene Film „Gekaufte Wahrheit“ )) Teilweise ist es den Wissenschaftlern sogar unmöglich, einer Frage nachzugehen, die sie für interessant halten, wenn sie dem Geist des Unternehmens widersprechen. Bei der Frage ging es um die langfristigen Auswirkungen der genveränderten Nahrung auf den Menschen. Obwohl dort offensichtlich erkannt wurde, dass es eine starke bis ungünstige Wechselwirkung gibt, wurde der Forscher von seiner Arbeit suspendiert und bekam das Verbot, über seine gewonnenen Erkenntnisse zu sprechen.

Oder dass sich Unternehmen sogar in Unis einkaufen und bis zur Beeinflussung des Lernplans manipulierend eingreifen.

All das zeigt, dass die Forschung oft gar nicht so frei ist, wie sie gerne wäre. Und das dann z.B. die Erkenntnisse der Geistes- oder Sozialwissenschaften ganz hinten rangieren, verwundert eigentlich nicht. Den großen technischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen der letzten 150 Jahre steht eigentlich ein beinahe steinzeitlich altes Wissen, wenn man sich Felder wie Psychologie, Pädagogik oder soziale Erkenntnisse anschaut. Oder wie kann es sein, dass man sich immer noch sehr auf Sigmund Freud oder Erich Fromm beruft und seitdem keine wirklich großen Forscher in diesen Bereichen bekannt geworden sind? Und selbst diese sind nur in Fachkreisen ein Begriff und deren Erkenntnisse können nicht als gesellschaftliches Allgemeinwissen bezeichnet werden, im Gegenteil. Jeder versteht heutzutage wie man ein Auto fährt, einen Computer bedient oder einen Rasenmäher startet- aber wenn es um die Klärung von zwischenmenschlichen Konflikten oder die richtige Kommunikation, die Geschlechterrollen und andere „weiche Faktoren“ geht, haben wir uns seit dem Mittelalter nicht besonders weiter entwickelt.

Dabei sind solche Erkenntnisse immer wichtig, wenn man das große Ganze sehen will. Wenn man Erfolge oder Fehler nicht unmittelbar mathematisch berechnen möchte, sondern ganzheitliche Aussagen auf gesellschaftliche Tendenzen treffen möchte.

In diesem Zusammenhang fesselt mich derzeit auch ein Buch und es ist damit der
J.A. Blog- Buchtipp für diese Woche:

Es heißt „Die Macht der Kinder“ und wurde von dem Journalisten Ulrich Deupmann geschrieben. Eine Rezension gibt es hier und das Hörbuch hier.  Soweit ich das beurteilen kann, ist die gedruckte Ausgabe vergriffen. Aber auf Ebay oder in Antiquariaten sollte das Buch noch zu finden sein. Die meisten, im Internet geschriebenen Rezensionen sind negativ geprägt, so dass die deutliche Ablehnung der jeweiligen Rezensenten über die Thesen des Autors zum Vorschein kommt. Eine gute Rezension sollte aber nicht nur eine „Meinung“, sondern auch ein kritischer Bericht über den Inhalt, die Glaubwürdigkeit und den Umfang einer Arbeit sein. Und da finde ich, dass das Buch dem Autor gelungen ist und sich gerade auf Grund der vielen Zahlen und Statistiken von der verbalen Ideologie anderer Bücher angenehm abhebt.

Ähnlich wie Schirrmacher oder andere Autoren widmet sich Deupmann in seinem Buch dem demografischen Wandel, speziell dem akuten Kindermangel und den niedrigen „Reproduktionsquoten“ die vor allem auch ein Land wie Deutschland betreffen. Ich finde es hierbei höchst interessant, wieviele (hauptsächlich wirtschaftliche) Faktoren man auf einen einzigen Faktor zurückführen kann, nämlich der schrumpfenden Bevölkerung. Nicht die Alten sind das Problem, sondern dass zu wenig Kinder nachkommen.

Im öffentlichen Bewusstsein, vor allem im politischen Denken scheint diese Erkenntnis noch sehr wenig Fuß gefasst zu haben. Aber auch die Bevölkerung kennt den Begriff „demografischer Wandel“ noch nicht gut genug. In dem Buch werden eindrucksvoll die Zusammenhänge zwischen weniger Kindern und dem allgemeinen Wohlstand in einem Land erläutert. Weniger Kinder bedeuten z.B. weniger neugebaute Häuser oder Wohnungen, weniger abgefragte Handwerker- oder Dienstleistungen, weniger Konsum im Binnenmarkt, weniger aktive Einzahler in die sozialen Kassen, weniger innovative Ideen und Willen zur Veränderung. Derzeit profitiert Deutschland noch von den geburtenstarken Jahrgängen der 50er und 60er Jahre, aber es ist eine Frage der Zeit, bis diese Menschen in Rente gehen und die nachfolgende, schrumpfende Generation sich statistisch und real in unserem Leben auswirken wird.

So schreibt er z.B. zum Thema Rente: „Durch die Rentenreform 2004 zahlen wir genauso hohe Rentenbeiträge wie bisher [..] erhalten dafür eine um 20 bis 30 Prozent niedrigere Rente- und dennoch verteuert sich das gesamte System langfristig nochmals um 25 Prozent.“ (Seite 42)

Erschreckend finde ich auch die Tatsache, dass man hierzulande als „Durchschnittsverdiener 31 Jahre Rentenbeiträge einzahlen“ muss, bis die Rentenansprüche im Alter überhaupt erst mal das Sozialhilfeniveau erreichen! (Seite 42) D.h. 31 Jahre lang Plackerei in die „Gemeinwohlkasse“ und am Ende steht man erst da, wo ein Mensch ohne lebenslange Arbeit stehen würde. Es lohnt sich an dieser Stelle, privat vorzusorgen und es lohnt sich dabei, auf Kinder zu verzichten, das ist die zynische Rechnung. (Siehe hierzu Internet-Grafik, Brutto-Rentenniveau Entwicklung; weitere interessante Zahlen und Statistiken hier)

Es ist für den Autor außerdem klar, dass gravierende Änderungen im System folgen müssen und er prognostiziert dabei eine Anhebung des Renteneintrittsalters, wie sie ja im Jahr 2011 politisch schon eingeleitet wurde. Auch den Fachkräftemangel sieht Deupmann voraus und er schätzt die ersten Anzeichen dafür auf das Jahr 2012.

Ähnliche Auswirkungen wird es auch im Gesundheitswesen geben. Als ungerecht bezeichnet er hier die Tatsache, dass Paare mit Kindern meistens auf ein Einkommen verzichten müssen, damit auch auf mehr Geld und höhere Rentenansprüche im Alter. Stattdessen müssen sie aber mehr Geld für Kinder und deren Ausbildung ausgeben. D.h. das heutzutage , trotz Förderung und Ausgleichszahlungen vom Staat, Paare mit Kindern eigentlich die dummen sind und dass es (sinngemäß) kein Wunder ist, wenn sich viele Eltern gegen ein Kind oder nur für ein Kind entscheiden. Die durchschnittliche Fruchtbarkeitsrate pro Frau liegt derzeit bei ca. 1,3, was langfristig zu einem Rückgang der Bevölkerung führt, sollte sie nicht durch externe Zuwanderung ausgeglichen werden. Er rechnet hierbei vor, dass Deutschland für eine „stabile Bevölkerungszahl bis zum Jahr 2050 netto 188 Millionen Menschen integrieren“ müsste, was pro Jahr 3,6 Millionen neue Zuwanderer bedeuten würde. (Seite 57)
Und würde man versuchen, die nachlassende wirtschaftliche Leistung und vor allem den Kaufkraft-Schwund im Binnenmarkt über konjunkturelle Aufschwünge auszugleichen, würde das eine absurde BIP- Wachstumsrate von 8 Prozent erfordern (Seite 39; zum Vergleich, im „historischen Mittel wuchs die Wirtschaft aber nur um 1,5 Prozent“). Also man kann nicht behaupten, dass man den Kindermangel durch wirtschaftliche Effizienz-Steigerung ausgleichen könnte. Derzeit leistet sich Deutschland fast noch das Gegenteil, den Luxus auf ältere Arbeitnehmer zu verzichten und Großteile der „ungebildeten Unterschicht“ mangels Bildung komplett vom Arbeitsleben fernzuhalten. (auch hierfür gibt es eigenes Kapitel in dem Buch)

Zur aktuellen Situation der Kinderbetreuung (2005) stellt Deupmann fest, dass Deutschland nur 38 Prozent der Familienförderung für Kindergärten, Schulen und Betreuung ausgibt, aber knapp zwei Drittel in direkte Geldleistungen steckt. In einem Land wie Schweden ist es umgekehrt, dort fließen 72 Prozent der Familienförderung in Schulen und Betreuung, nur ein Drittel geht per Überweisung an die Eltern (mit entsprechenden positiven Ergebnissen; Seite 22,23).

Etwas später kommt in der Buch zur Schlussfolgerung, dass vor allem der Missbrauch des deutschen Muttermythos durch die Nazis und damit auch der vorbelastete Begriff „Bevölkerungspolitik“ in Deutschland eine historische Ausnahmestellung hat. Das hat unter anderem dazu geführt, dass man seit dem Ende des 2. Weltkriegs Kinder und Familie als reine Privatsache deklariert hat und jegliche Einmischung des Staates kategorisch und beinahe reflexhaft ablehnt. Ähnliche Entwicklungen und damit ähnlich niedrige Geburtenraten sind daher gerade in den Ländern zu finden, die eine fachistische Vergangenheit haben (Japan, Italien, Spanien; Seite 77). Und auch die niedrige Berufstätigkeit von Frauen sowie die lückenhafte Kinderbetreuung ist in diesen Ländern trauriger Spitzenreiter. Bei Deutschland (vor allem Westdeutschland) kommt noch das international fast einzigartige Bild der fürsorglichen Mutter hinzu, welches die eigenen Ansprüche für die Frauen erhöht und zusätzliche (unnötige) moralische Hürden aufbaut. Je älter, männlicher und westdeutscher die Befragten sind, desto eher befürworten sie das klassische Hausfrauenmodell und meinen sogar, dass eine Berufstätigkeit der Frau der Entwicklung den Kindern Schaden zuführen könnte. (Seite 73) Es ist eben kaum möglich, das Thema Kinderkriegen locker anzugehen. Die Einmischung von allen Seiten und die guten Ratschläge werden das übrige tun. Die Vorstellung, dass Kinder auch eine staatliche Angelegenheit und nicht nur privates Vergnügen sind, ist in Deutschland nicht sehr beliebt.

Ich habe das Buch noch nicht zu Ende gelesen, aber schon auf den ersten fünfzig Seiten machen sich erstaunliche Einsichten breit. Der Stil des Autors, alles mit Zahlen zu beschreiben und dabei Kinder nüchtern als Wirtschaftsfaktor zu betrachten, mag nicht jedem gefallen. Auch die möglichen Einsichten und Konsequenzen aus so einem Buch mögen vielen Menschen zu konservativ erscheinen. Bis jetzt lautet die Botschaft nämlich eher so, dass wir auf Kosten unserer Zukunft gelebt haben und wenn keine staatliche oder persönliche Investition in das wichtigste „Gut“ überhaupt erfolgt (Kinder) wir unseren Wohlstand schrittweise verlieren werden. Die Kassen haben auf der einen Seite weniger Beitragszahler, müssen aber auf der anderen Seite mehr Geld für eine älter werdende Generation und ein höheres medizinisches Niveau zahlen. Es ist eine einfache Rechnung, dass das nicht gut gehen kann, sollte kein politischer oder gesellschaftlicher Wandel hin zu mehr Kindern stattfinden. (( Ich denke an der Stelle übrigens auch nicht, dass der Feminismus oder „starke Frauen“ dieser Erkenntnis im Weg stehen, im Gegenteil: ein Ja zu mehr öffentlicher Kinderbetreuung, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und ein humaneres, kinderfreundlicheres Erwerbsleben sind durchaus auch „weibliche“ Forderungen, bzw. Forderungen, die hauptsächlich von Frauen gemacht werden müssen; es geht im Kern um Progression der Geschlechtsrollen und zu mehr Dynamik, also damit auch ein Kerngebiet des Feminismus; Und „mehr Kinder“ müssen nicht zwangsläufig anti-feministisch sein))

Wie die Auswirkungen im Einzelnen sind, nüchtern und „demografisch“ betrachtet, kann man in diesem Buch mehr als ausführlich nachlesen.

Ein paar Jahre nach diesem Buch hat sich das politische Bewusstsein in Deutschland zwar schrittweise zu mehr Kinderfreundlichkeit gewandelt, aber ich glaube, dass vor allem die derzeitigen, praktischen Umsetzungen mehr als „erste Schritte“, denn als große Lösung bezeichnet werden können.

Es gibt viel zu tun, fangen wir es an!

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