Betrifft: Throwback Thursday

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You want it darker (Kalkbrenner Remix)

Zwanzig Jahre danach ist noch immer alles zerrissen. Ich bekomme die Teile immer noch nicht zusammen und werde es vermutlich nie schaffen.

Mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken, wenn ich die alten Bilder sehe. Noch habe ich keinen Mut, sie zu teilen, aber vielleicht irgendwann.

Wie frei und offen manche damit umgehen. Als ob es nix wäre.

Für mich ist das immer noch ein Riesenklops. Ein Schatten war es vorher, ein Schatten ist es heute. Nur in anderer Richtung, mit anderem Geschlecht.

Klar denke ich mir manchmal: Komm, jetzt teilst du das Bild von Dir halt, so wie du früher ausgesehen hast.
Du wirst bestimmt ein bisschen Rückmeldung und Likes bekommen, wie toll die Wandlung war und wie mutig Du damals gewesen bist.
Gibt ja nicht so viele Transmenschen. Jede Wandlung ist ein kleines Wunder für sich.
Auch wenn ich es nicht wollte, ist die Reise zwischen den Geschlechtern der größte Schritt, den ich je gemacht habe.
21 Jahre war ich ein Mann, knapp 21 Jahre eine Frau.

Er wäre perfekt geeignet, es zum „Markenzeichen“ von mir zu machen. Eine Trans-Identität auf der alles andere aufbaut.
Die niemand sonst hat. Die niemand sonst teilen oder nachvollziehen kann, der es selbst nicht gewesen ist.
Die mich wirklich besonders und einzigartig macht. Suchen wir das nicht alle heutzutage? Das Besondere, dass es sonst nirgendwo anders gibt?
Ein Wunder auf Erden?

Aber: Solche Bilder sind für mich höchst privat. Wenn ich es nicht teile, weiß es auch keiner. Die alte Person verschwindet völlig aus dem Bewusstsein der Menschen. Nur ich hüte noch den Schatz dieser Bilder. Mich macht es stolz. Wenn ich die Fotos in die Internet-Welt werfe, dann kann sie jeder besitzen.
Dann kann jeder ein Screenshot machen und sich darauf einen runterholen. Ich möchte das eigentlich nicht. Nein, so notgeil bin ich noch nicht.

Aber ich bekomme es einfach nicht zusammen. Der ganze Widerspruch wird deutlich, wenn man die Bilder sieht. Ich bin „zwei“ Menschen gewesen.
Eine männliche und eine weibliche Person. Sie sind nicht zu trennen und doch ganz weit entfernt.

Der Graben zwischen den Geschlechtern er ist so unendlich tief. Und man kann leicht darin ertrinken.

Und die Mädels heute, wie machen die das? Die posten ein Bild von sich auf Instagram, machen ein Smiley dazu und weiter geht´s im Text.

5 Gedanken zu „Betrifft: Throwback Thursday“

  1. Ich finde, es ist echt Deine Privatsache.
    Ehrlich gesagt, Du kannst die Bilder zeigen, wem Du willst, nur nicht gerade im Internet, bei so viel Homophobie. Da würdest Du Dir was aufladen: Oh, Mann! Die Likes und netten Kommentare würden das nicht aufwiegen.

    Ansonsten: Woran man noch schwer zu knabbern hat, das kann ruhig Privatsache bleiben, weil man einfach so verletzlich ist, wenn es um das Thema geht (im Endeffekt: welches Thema auch immer, solange man schwer daran knabbert). Zumindest handhabe ich das mit meinen schweren Themen so.

    1. das Lustige daran ist ja: Auch Frauen (ohne Vorgeschichte) verstecken „männliche Elemente“ in sich, um weiblicher zu gelten und ihre Rolle zu erfüllen. Ich mache heute nichts anderes. Nur dass meine Männlichkeit noch etwas stärker war. 😉

  2. ja ich denke Du hast vollkommen recht. Ich habe auch gemerkt, dass es im Internet viel Homophobie gibt. In der letzten Zeit mit all den Extremen (Nationalismus, Judenfeindlichkeit, Extremismus, Hetze, etc.) ist das auch eher schlimmer als besser geworden. Aber mich ärgert, dass ich für die „transgender community“ keine tragende Säule spielen kann. Ich würde gerne mehr helfen und andere bei ihrem Weg unterstützen. Dafür muss ich Wege finden. Alles weitere werde ich Dir persönlich erzählen. 😉

  3. Hallo Julia,
    Erstmal: schöne Musik (wobei das Original von Cohen wirklich der Hammer ist).
    Das mit den Fotos kenne ich gut. Ich finde mich kaum auf Fotos wieder. Mein Trick war daher immer, mich HINTER die Kamera zu stellen. Als Fotograf war ICH aus dem Fokus.
    Natürlich gibt es trotzdem Bilder von mir. Die meisten möchte ich echt nicht posten. Ein paar besonders schreckliche Exemplare habe ich bei meiner Mutter gefunden. Zum Glück lebt sie offline.
    Ich finde, wie ich mich online zeige, möchte ich selbst bestimmen. Ich möchte keinem fremden Konzept folgen.
    Liebe Grüße aus Berlin

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