Patient Deutschland

Sonntag-Morgen.
Das Wetter ist grau, die Sonne fehlt, es ist kalt.
Meine Stimmung wird von Tag zu Tag mieser. Von überall kommen schlechte Nachrichten.
Dieses Jahr scheint es mir besonders schlimm.

Deutschland wird kälter, rückständiger, unsicherer. Die Antworten darauf sind Hass und Intoleranz.
Ausgrenzung und Abgrenzung. Ich stelle mir vor, wie überall die Rollläden runtergehen und die Fensterläden geschlossen werden. Keiner will mehr was mit anderen zu tun haben. Jeder ist für sich. Die Menschen besinnen sich wieder auf sich selbst, auf ihre eigenen vier Wände, in denen sie dann mit Alexas-Zaubergerät alle möglichen Dinge aus der bunten Zauberwelt herunterladen. Probleme werden nicht gelöst. Sie werden noch nicht einmal erkannt.
Alles schläft in einer großen Lethargie. Alte Menschen, die schon viel zu lange an der Regierung sind, entscheiden wie es für uns, die jungen Menschen, weitergehen soll.

Es gibt überall auf der Welt Probleme. Deutschland fühlt sich für alles verantwortlich, die anderen nicht. Deutschland will helfen und Millionen Menschen aus armen Ländern versorgen. Die anderen nicht, sie schauen nur zu. Sie gaffen dabei, wie wir mit den Problemen nicht fertig werden. Und dann lachen sie dreckig und sagen „siehst du, hab ich dir doch gleich gesagt, dass das nicht klappt“. Also.. Deutschland ist der wehrlose Helfer, der sich verausgabt hat. Noch merken wir das nicht richtig, weil die „Wirtschaft“ noch brummt. Doch es ist nur ein künstlicher Ersatz aus dem Sauerstoffgerät, dass sich billiges Geld nennt. Wenn wir nicht mehr genug Geld haben, dann drucken wir doch einfach was! Und irgendwann wird dann eben alles teurer. Daran müsst ihr euch gewöhnen. Wer braucht schon einen ewigen Aufschwung? Das kann sowieso nicht gut gehen. Am Anfang werden die Mieten teurer, die Rente weniger, Energiekosten werden steigen und am Ende- damit es auch der letzte merkt- werden die Lebensmittel teurer. Das wird dann der Punkt sein, wo es unangenehm in Deutschland wird, weil die Leute sich kein Essen mehr leisten können. Die Rente reicht nicht. Der Minilohn schon lange nicht mehr. Die Tafeln werden mit Problemen überflutet und kommen nicht mehr hinterher. Das ist der Punkt, wo wir dann alle merken werden, dass es uns „doch nicht so gut geht“ und wir „so ein reiches Land“ sind, wie immer behauptet wird.

Die schwachen werden zuerst darunter leiden. Die Kinder, die kein Spielzeug und keine gescheiten Sachen bekommen. Die Frauen, die im Alltag belästigt und bedroht werden. Die armen, die nicht einfach wegziehen oder verreisen können, wenn es ihnen zu bunt wird.

Dann wird wieder jeder „in sein Viertel“ ziehen. Es wird die armen Vorstädte geben, wo die Migranten und Perspektivlosen unter sich sind. Und die Reichenviertel der gut situierten Menschen, die mit einem niedrigen Spitzensteuersatz noch im Land gehalten werden. Bei Bedarf machen wir eine „gated community“ daraus und zäunen alles ein.

Die Polizei tut so, als ob sie alles im Griff hätte. Doch schon bald wird man merken, dass die Polizei nicht ausreicht, um die Gräben und den Hass in den Köpfen zu befrieden. Wie bei G20 werden dann nur noch die besonders wichtigen Menschen beschützt, die anderen überlässt man ihrem Schicksal. Sind ja nur Steuerzahler.

Der Patient Deutschland hängt schon längst an Schläuchen. Alles ist künstlich, alles ist aufgeblasen. Nichts ist mehr natürlich, die natürliche Triebkraft und die Innovationskraft werden abgewürgt. Wir haben gelernt, dass der Staat alles für uns übernimmt und macht und wir in einer perfekten Waren- und Konsumwelt leben. Warum sollten wir uns selbst einbringen? Der aufgeblasene Sozialstaat und der Kapitalismus mit seinen Verlockungen haben uns entmündigt und schwach gemacht.

Die Medien erlauben keine schlechten Nachrichten mehr, die sozialen Netzwerke werden mit Gesetzen gemaßregelt und die private Initiative? Bleibt in unserer eigenen „Filterbubble“, konträre Meinungen sind nicht mehr nötig.

Alles ist schön, alles wird gut! Darauf trinken wir einen Sekt.




Freiheit und Sicherheit

Gestern habe ich beim Spazierengehen über das Thema Freiheit und Sicherheit nachgedacht.
Für mich ist eine Sache klar geworden: Sicherheit ist nicht primär eine Sache des Staates, der Polizei, von Militär, Waffen oder anderen Strukturen. Sicherheit und Freiheit in der Gesellschaft sind vor allem Dinge, die zwischen zwei Menschen ausgehandelt werden. Und somit ist es im Kern eine Sache, die auf der Einstellung, der Erziehung und den Werten von Menschen beruht.

Wenn zwei Menschen nebeneinander stehen oder sich begegnen, geht es IMMER um die Frage: Respektiere ich Dich und Deine Gesundheit? Habe ich Respekt vor Deinem Leben, Deinem Besitz, Deiner Freiheit, Deinen Rechten und Deiner Unversehrtheit? Im Alltag wird uns das nicht so bewusst, weil wir uns meistens frei und unbeschwert durch das Leben bewegen können. Wir haben uns daran gewöhnt, dass uns irgendjemand „Freiheit“ gewährleistet, die Gesellschaft und der Tag kommen uns sicher vor. Wir müssen meistens gar nicht darüber nachdenken.

Sicherheit und Unbeschwertheit im täglichen Leben sind enorm wichtige Werte, die ein Leben ohne Angst und in Freiheit erst ermöglichen. Wenn es eine Aufgabe gibt, die der Staat gewährleisten muss und die die Basis für die Demokratie ist, dann diese.

Aber was macht man dann mit solchen Meldungen?
https://www.rheinpfalz.de/lokal/artikel/nach-versuchter-vergewaltigung-in-gruenstadt-23-jaehriger-in-u-haft/

In meiner kleinen Stadt (ca. 13.000 Einwohner), in der ich mehrmals pro Woche einkaufen gehe und auch zur Schule gegangen bin, ist es zu einer versuchten Vergewaltigung gekommen. Täter war ein 24-jähriger Afghane, Opfer war eine 23 jährige Iranerin. Nach der Meldung der Zeitung war es „nur“ ein Versuch und der Mann konnte später festgenommen werden. Was mich aber besonders schockiert, ist die Tatsache, dass das ganze an einer belebten und zentralen Straße in Grünstadt passiert ist. Und mitten am hellichten Tag, um 11:30 Uhr. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass der Mann keinerlei Angst oder Skrupel hatte. Er hat sich einfach mitten am hellichten Tag vor die Frau gestellt und sie belästigt. Er ist der Stärkere, er kann sie einschüchtern. Vor diesem „Naturgesetz“ gibt es erstmal keinen Schutz. Was soll der Staat da machen? Soll er jeder Frau einen Bodyguard zur Seite stellen? Sollen wir hunderte Polizisten auf die Straße schicken und die Streifen verstärken? Sollen wir alle Asylanten einzäunen oder in Lager sperren, was derzeit in Österreich diskutiert wird?
Oder soll man als Frau lieber zu Hause bleiben und belebte Einkaufsstraßen ganz meiden?

Polizei ist in deutschen Städten fast nie zu sehen. Sie kommen, wenn man sie ruft, z.B. nach einem Unfall. Aber eine „sichtbare Alltagspäsenz“ von Polizei habe ich in noch keiner deutschen Stadt sehen können. Manchmal sieht man zwei Polizisten auf einem größeren Bahnhof (z.B. in Mannheim oder in Frankfurt). Wenn man in größere Städte wie Hamburg kommt, stehen manchmal Einsatzwagen an bestimmten Kriminalitätsschwerpunkten (z.B. an der Reeperbahn).

Aber reicht Polizei aus? Das Problem ist doch das Gefälle zwischen zwei Menschen und die Tatsache, dass der eine die Freiheit der anderen nicht respektiert. Es sind unterschiedliche Kulturen und Wertvorstellungen, die aufeinander prallen. Probleme zwischen Männern und Frauen hat es schon immer gegeben (auch zwischen deutschen). Und dunkle Ecken, in der gerade mal keine Polizei ist, gibt es sehr viele. Was passiert IN den Familien zum Beispiel? Wo die schlimmsten Dinge geschehen, die dann vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen sind? Das Thema Gleichberechtigung, Frauenrechte und Feminismus werden aktueller und wichtiger als je zuvor. Die Freiheit von Frauen ist in Gefahr, dort muss dringend gehandelt und gegengesteuert werden!

Die Gesellschaft wird nicht zufrieden sein, bis diese Probleme gelöst sind.




Freie Zeit

Jetzt sind schon wieder vier Wochen vergangen, ohne dass ich einen einzigen Artikel gebloggt habe! Ehrlich, das war keine Absicht, es ist „einfach so“ passiert. Facebook und Instagram beanspruchen derzeit meine volle Aufmerksamkeit. Vor allem bei Instagram habe ich seit vielen Jahren mal wieder das Gefühl von „Feedback“, aber auch von sozialer Gemeinschaft. Man trifft wieder neue Leute, man trifft wieder aufgeschlossene Leute und der Tellerrand des eigenen Blogs ist endgültig überschaut. Es ist einfach ein tolles soziales Netzwerk, dass mir zur Zeit viel Spaß macht. Ich gehe alte Bildbestände durch (das sind mittlerweile sehr viele Bilder) und versuche, nur die besten rauszusuchen und hochzuladen.
Das alleine ist sehr viel Arbeit, aber eine Arbeit, die gut zum Jahreswechsel und zur üblichen „Rückschau“ gepasst hat. Allerdings blicke ich mehr als ein Jahr zurück und schaue mir die Digitalkamera- und Handy-Fotos an.

Für Statistik-Fans habe ich auch ein paar Zahlen:

  • Bilder von der Lumix LX3-Digitalkamera (2009 bis 2017):
    ca. 8.000 Dateien, 43 Gigabyte Daten (ca. 890 Bilder pro Jahr)
  • Bilder vom Galaxy S4-Smartphone (2015 bis 2017):
    7.655 Dateien, 65 Gigabyte Daten (ca. 2.500 Bilder pro Jahr)

Es müssen also pro Jahr 3.390 Bilder durchgeschaut werden und nur die besten werden veröffentlicht. (Nebenbei kommen neue Bilder dazu.) Das dauert… viele Bilder sind schlecht (gerade vom Handy) und müssen beim Durchsehen auch gelöscht werden. Gerade das Handy produziert neben den Bildern auch viele Video-Dateien. Diese kann man schlecht „einfach so“ hochladen, ein bearbeiteter und geschnittener Film ist immer deutlich reizvoller. Außerdem ist die Upload-Zeit bei Instagram für Videos beschränkt (zwischen 3 und 60 Sekunden). 60 Sekunden! Was kann alles in 60 Sekunden passieren. Wenn mein neueres, fotografisches Leben 10 Jahre gedauert hat…

Allerdings zwingt mich so ein Netzwerk wie Instagram dazu, nur die Perlen anzubieten- denn wer will den ganzen Mist sehen? Wenn dann positives Feedback in Form von Like oder Kommentar kommt, ist das sehr schön und motiviert mich, weiterzumachen. Alleine 20 Likes für ein Bild bedeuten ja, dass sich 20 Menschen zusammengefunden haben und mein Bild auf ihrem Smartphone sehen konnten. Das ist schon eine kleine Schulklasse voll! Ich stelle mir vor, wie sie mein Bild bei sich sehen, sich freuen, wenn es jeden Tag (wie in einem Adventskalender) was neues gibt. Ich erkläre anderen gerne meine Welt, ich überlege „was könnte sie interessieren?“ und versuche dann mein Glück.
Es ist ein Feedback-Mechanismus, der funktioniert und sich selbst erhält- toll. Ich gehöre anscheinend schon zu einer neueren Generation (Generation Y? ), die gerne positive Rückmeldung bekommt. Vorbei die Zeiten, als Menschen nur still geackert haben und die Motivation irgendwie „von selbst“ oder durch Einschüchterung und Überlebensangst kam – andere Menschen stehen im Mittelpunkt des selbstbestimmten, modernen (selbstständigen) Handelns und verstärken den sozialen Sinn an der Arbeit.

Nebenbei schaue ich noch ganz viel bei anderen und vergebe natürlich auch viele „Likes“. Allerdings wird das mit der Zeit auch komplizierter, weil natürlich neue „Follower“ dazu kommen und ich selbst auch viele neue Menschen abonniere. Jeder beansprucht ein bisschen Zeit, um jeden muss man sich „kümmern“… und wenn es nur ein paar Gedanken sind, die man sich zur Person macht. Das finde ich besonders spannend! Was ist das für ein Mensch? Wie lebt er? Was arbeitet er? Was ist sein Beruf? Ist der Mensch berühmt oder eher ein privates Mauerblümchen? Wie unterscheiden sich extrovertierte und introvertierte Menschen? Was möchte jemand von sich zeigen? Was nicht? Es gibt soviele Informationen, die in Bildern stecken.. aber nicht alle sind offensichtlich. Und gerade dieses Rätselraten um andere Menschen und ihre „Insta-Perlen“, ist für mich die Spannung dabei.

Nach den vielen Bildern und den vielen Häppchen-Informationen, die z.B. den Alltag von Facebook dominieren, steigt bei mir aber auch wieder der Wunsch nach Vertiefung. Nur an der Oberfläche zu kratzen, macht auf die Dauer auch nicht satt. Manchmal wünsche ich mir die Zeit, mich zurückzulehnen und wirklich auf ein Thema einzulassen. Mir Zeit zu nehmen auch in Gedanken. Die Zeit bewusst „frei halten“ damit sich eine Sache auch innerlich entwickeln und reifen kann. Und dafür, das stelle ich immer wieder fest, ist das geschriebene Wort das einzige und das beste Medium.

Es ist bezeichnend für unsere Zeit, dass Bilder-Netzwerke und Video-Plattformen (wie Youtube) boomen, aber die Blogs eher ein Nischen-Dasein fristen. Bei Claudia gibt es einen interessanten Artikel zu diesem Thema.

Der Erfolg der sozialen Netzwerke liegt nicht alleine an der Marktmacht der Anbieter.. ich denke, es liegt an den Menschen und der Gesellschaft selbst. Es gibt einfach nur wenige Menschen, die Informationen gerne vertiefen, die wirklich weitergehen wollen. Schriftsteller und Autoren waren schon immer „selten“ und kostbar- natürlich gab es immer Menschen, die gedacht und geschrieben haben, aber die meisten Menschen haben auch keine Zeit dazu. Wir sind darauf dressiert, zu funktionieren und zu konsumieren. Die Uhr und die Maschinen geben uns den Takt vor. Wo ist da die freie Zeit?
Sie muss bewusst vom Menschen „erzeugt“ und freigehalten werden.




Podcast: Bilderbogen Instagram

In diesem Podcast geht es um meine Erfahrungen mit dem Bildernetzwerk “Instagram”. Ich mache mir Gedanken, wie das Feedback von anderen unseren Selbstwert und damit unser Handeln beeinflusst. Was findet man eigentlich auf Instagram? Welche Inhalte soll ich selbst posten? Und was ist das besondere an der internationalen Kommunikation, die dort stattfindet?




Geteiltes Licht

Ein Artikel über Instagram und meine persönliche “Erstfaszination”

Ist schon irre, was man im Internet so erlebt. Den ganzen Mittwoch war ich mies drauf und hab mir – typisch deutsch – viele Gedanken über die „Nachteile von Instagram“ gemacht. Instagram ist eine recht neue Plattform im Internet, in der alle Menschen Bilder hochladen können. Dann können andere Benutzer diese Bilder sehen und einen „like“ (also ein positives Feedback) hinterlassen oder das Bild kommentieren. Sogenannte „Hashtags“ helfen, die Inhalte zu sortieren und besser zu finden. Auch eine Suche über den Aufnahmeort ist möglich. Sehr schnell kommt man auf diese Weise rund um die Welt. Die Plattform ist simpel aufgebaut und sehr leicht zu erlernen. Von der Programmoberfläche wurde sie auf Smartphones optimiert, eine App ist zur Benutzung dringend zu empfehlen. Vom heimischen PC aus kann man Bilder nicht so ohne weiteres auf Instagram hochladen (darauf bin ich auch im letzten Podcast drauf eingegangen). Die Plattform gehört mittlerweile zu Facebook und so muss man sich mit entsprechenden AGBs und Nutzungsbedingungen herumplagen, die nicht unbedingt auf den deutschen Geschmack „optimiert“ sind.

Dazu hatte ich gestern auf Facebook zwei Links geteilt.

Einmal der interessante Artikel von „Basic Thinking“, der darauf eingeht, wie die Nutzungsbedingungen von Instagram nun verbessert werden sollen, nachdem es in Deutschland Protest vom Verbraucherzentrale Bundesverband gegeben hatte.
Mich persönlich stört besonders das weitgehende Weiterverwendungsrecht von Bildern, die sich Plattformen wie Facebook, Instagram oder WhatsApp einräumen. Dazu findet man in diesem Artikel mehr.
Allerdings war es schwierig, noch bessere oder genauere Informationen im Internet zu finden. Das ist kein Wunder, wer liest sich schon freiwillig die AGBs durch und macht diese Informationen für die Öffentlichkeit verständlich und lesbar? In den meisten Fällen klicken wir uns doch schnell durch die „Einstimmung“ zur AGB und sind froh, endlich loslegen zu können und uns kreativ ausdrücken zu können. Die Plattformen bieten einen großen Reiz und saugen die eigenen Daten und Fotos förmlich unter den Fingern weg. Belohnt wird man mit vielen Klicks und sozialer Rückmeldung oder Anerkennung. Das ist klar, das man da kaum widerstehen kann. Auch was das Erzeugen von „Aufmerksamkeit“ und „Traffic“ angeht, sind die sozialen Netzwerke nicht mehr wegzudenken.

Der Nachteil der Netzwerke ist völlig klar: Man verliert im Grunde die kommerziellen Nutzungsrechte der Bilder und tritt sie an die großen Netzwerke ab. Man kann auch nicht beeinflussen, was mit ihnen geschieht. Im schlimmsten Fall kann also ein privates Bild, das über WhatsApp oder im Facebook-Freundeskreis geteilt wurde, auf einem Werbeplakat landen, weil es sich gut verkaufen ließ. Das Babyfoto, die private Grillparty, das gemütliche Candle-Light Dinner oder das Treffen mit der Freundin? Und alle nehmen teil? Wie verrückt müssen wir sein, wenn wir dennoch fleißig weiter teilen und all diese Schattenseiten nicht hören oder lesen wollen?

Hin- und hergerissen von den Vor- und Nachteilen habe ich mich dann am selben Abend dennoch entschlossen, das Experiment Instagram weiter zu wagen. Denn es ist letztendlich so, dass ich mit dem Smartphone sehr viele Bilder aufnehme. In einer Woche kommen sicherlich 100 – 200 Schnappschüsse aus dem Alltag zusammen. Im Monat sind das 400 – 800 Bilder- und wenn spezielle Ausflüge oder Reisen gemacht werden, noch mehr. Bei keinem Bild erhebe ich Anspruch auf Professionalität oder Perfektion. Und wo landen die Bilder alle? Meistens auf der Speicherkarte, wenn sie gut gepflegt werden, noch auf der heimischen Festplatte oder in der Backup-Cloud. Aber sie sieht meistens keiner. Die interessanten Bilder schicken wir noch an unsere Freunde oder zeigen sie mit dem Handy rum. Die anderen Bilder verlieren ihre Wertigkeit. Es sind meistens vergängliche Zeitdokumente- zu viele, um sich über sie im Einzelnen Sorgen zu machen. Zu viele, um sie wirklich als „eigen“ zu betrachten. Denn das Licht, das vom Foto eingefangen wurde, gehört ja auch nicht uns. Und viel mehr sind Fotos ja nicht. Es ist eingefangenes Licht, dass man mit Hilfe der Digitaltechnik haltbar und weiterverwendbar gemacht hat.

Was macht nun dieses „geteilte Licht“ mit anderen Menschen? Es verändert sie. Es dringt von der Netzhaut in das Gehirn und von da in die Gedanken. Es erzählt eine Geschichte. Eine Geschichte über Dein Leben, über Deine Gedanken und Deine Gefühle. Es verrät, wie du die Dinge siehst. Oder sie bewertest. Was überhaupt in deinen Sinn, in deine Augen kommt. Das digitalisierte Licht macht die Dinge teilbar, unmittelbar, direkt, ohne Umwege.

Ich habe also für mich beschlossen, den Instagram-Weg weiter zu gehen. Denn Kunst muss sich immer irgendwie ausdrücken und findet immer irgendwie einen Weg. Allerdings mache ich mir um das „drumherum“ so viele Gedanken, dass es zur Zeit nur im Schneckentempo vorangeht. Ich frage mich z.B. „was ist für die Menschen interessant? Was wollen sie sehen? Soll ich mein Land vorstellen und wenn ja, was könnte interessant sein? Wie gehe ich mit Fragen der sexuellen Selbstbestimmung um? Wieviel Haut möchte ich zeigen? Was ist angemessen- und was geschmacklos?“

Ich wollte gestern einfach mutig sein und ein weiteres Bild teilen. Mich kribbelte es in den Fingern. Also bin ich meine Handy-Galerie durchgegangen und habe mit hastigen Fingerbewegungen Unmengen an Bilddaten durchgewischt. „Dieses nicht… jenes nicht.. das ist zu dunkel… oh nein, das kann man ja keinen zeigen.. dies ist unscharf… zu privat…das ist langweilig“
Mein Geist war kritisch und ich traf durchaus eine Vorauswahl. Plötzlich bin ich an einem Bild hängengeblieben. Es hat mir einfach gut gefallen, ich weiß nicht warum.

Als die Sonne noch schien. #clouds #landscape

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Es zeigt einen Blick auf meine nähere Umgebung, so wie sie eben ist. Ich lebe auf dem Land. Im Hintergrund sieht man Felder. Das sind entweder reife Weizenfelder oder abgeerntete Felder mit unterschiedlichen Beige- und Brauntönen. Am oberen Rand sieht man einen strahlend blauen Himmel und kristallweiße Wolken. Im Vordergrund ist eine Grasfläche mit einer ordentlich gemähten Wiese. Der Mittelpunkt des Bildes wird von einem Strommasten geprägt, von dem zwei Kabel nach links-mitte und nach rechts-oben aus dem Bild herauslaufen. Am Fuße des Mastes liegen unordentliche Haufen aus Holz und abgesägten Baumstämme. Im Hintergrund sind weitere Strommasten einer größeren Überlandleitung zu erkennen.

Das Bild habe ich im Vorbeigehen mit meiner Handy-Kamera gemacht. Es ist nicht besonders scharf, noch hat es eine besonders gute Qualität. Mir ist das Bild einfach ins Auge gestochen, weil ich es „harmonisch“ fand. Ansonsten wäre die passende Bildüberschrift „mein oller Masten“. Den sehe ich beim Spazierengehen sehr oft. Er bildet ein Fixpunkt in meinem Leben. Ich liebe diesen Masten. Aber erscheint mir nicht besonders. Daher hab ich ihn veröffentlicht.

Und was macht die verrückte internationale Bilddaten-Instagram-Gemeinschaft daraus? Als ich das Bild hochgeladen habe, erscheint es kurz im „Schaukasten“, also einer Art Auswahl von aktuell hochgeladenen Bildern. Das ist die Chance, um schnell an Aufmerksamkeit zu gelangen. Wer weiß, vielleicht wird im Hintergrund der Algorithmus so gesteuert, dass neue Nutzer mehr Aufmerksamkeit bekommen, um sie schneller ans Netzwerk zu binden? Wie auch immer, innerhalb von Sekunden ploppten auf meinem Handy die „Likes“ ein. Aktion- und Reaktion, ein ganz einfacher Mechanismus. Menschen haben sich mein Bild angeschaut und mit „Gefällt mir“ geklickt! Das ist ein ungeheures Gefühl. Man ist plötzlich berühmt, man wird endlich beachtet. Und das alles mit meinem ollen Masten!!

Ich gehe ganz aufgeregt die „Herzchen“ durch, die man mit geschenkt hat. Ich bin gerührt. Von wo kommen die Menschen? Was haben sie zu erzählen? Was ist ihre Geschichte, was ist ihr Leben? Was ist ihr Blickwinkel? Dieses verrückte Gefühl der Internationalität konnte mir bis jetzt nur Instagram vermitteln. Kein Vergleich mit der Filterblasen-Gemeinschaft Facebook, bei der man fast wie im Büro jeden Morgen in die gleichen Gesichter schaut. Und wo „gefällt mir“ nur äußerst spärlich verteilt werden.

Ich gehe die Menschen und ihre Profile also durch: Da ist einer aus einem Land, das ich nicht kenne und er verwendet Schriftzeichen, die mir arabisch vorkommen. Ich google das Schriftzeichen kurz und komme auf eine Firma aus Marokko. Aha, interessant! Da gibt es außerdem eine Studentin aus Philadelphia.  Eine Frau mit spanischem Namen, die Fotos aus Madrid oder Toledo postet. Ich klebe an ihrem Stream und komme kaum los. Der nächste Nutzer nennt sich „performance.arts“ und postet krasse Bilder in gewagten Farben. Ich erkenne russische oder osteuropäische Schriftzeichen, kann es aber nicht eindeutig zuordnen. Allerdings sind die Bilder schwer faszinierend und offenbaren ein völlig anderes Denken, eine neue Herangehenswiese, die sich frisch anfühlt. Ich bin gefordert. Mein Gehirn schlägt Kapriolen.
Schnell gehe ich zum nächsten Like. Ein Mann, der sich „Benjamin“ nennt. Er postet interessante Bilder. Von Thailand? Und Dubai. Er schreibt aber nicht, wer er ist, woher er kommt. Ich sehe nur seine Bilder und darf raten. Das ist interessant.

Travel with andy hat einen hübschen Kranz aus Blättern auf dem Kopf und postet tolle Herbstbilder in knallig roten Farben. Das ist genau mein Geschmack! Weil er bei mir kommentiert hat, kommentiere ich schnell zurück. Sonst würde mein Gesicht so rot wie die Blätter werden, die er da geknipst hat. 😉
Er scheint mir ein Profi. Seine Bilder haben viele Likes und hunderte Kommentare. Toll. Ich bin beeindruckt. Dagegen komme ich mir klein und unwichtig vor.

Der nächste Typ, der meinen Masten „geliked“ hat, ist krass. Wie kommt er auf mich?
Er hat provokante Bilder in seinem Feed, die Farben sind grell, die Winkel verrutscht. Unorthodox und unangepasst. Genau das Gegenteil von mir. Dennoch gefällt mir seine Sichtweise. Weil sie anders ist. Weil es seine Sichtweise ist.
Ich hinterlasse also ein Like bei diesem Bild  . Dann gibt es wieder einen amerikanischen Mann.. seine Bilder sprechen mich gleich an. Hier könnte ich überall Likes hinterlassen, weil er so freundlich wirkt. Ich mache es dann bei diesem Bild.

Claudia hingegen- mag nicht nur meine Felder und den ollen Masten- sondern ist auch ein Naturliebhaber und steht auf Blautöne. Das passt, die mag ich auch.
Ihr Stream sprüht vor Weiblichkeit und ist pastellig-angenehm. Irgendwie sympathisch. Ich kann nicht sagen, warum. Aber Bilder sind manchmal eine gute Möglichkeit, Übereinstimmungen mit anderen Menschen zu finden, was man mit 1000 Worten nicht schaffen würde. Sie kommt wohl aus New England und die Bildbeschreibungen erzählen kleine Geschichten.

Eine 19jährige mit italienisch klingendem Namen hat mich auch „geliked“. Sie macht viele Selfies vorm Spiegel. Und schon wieder entdecke ich eine peinliche Gemeinsamkeit.
Sie ist hübsch und strahlt eine gewisse Freundlichkeit aus. Ihre Bilder verraten eine Leidenschaft für Smartphones und Musik.

hikinghighlights kommt viel in der Welt herum. Und er trägt graue Socken.
😉

Yashraj_rajput ist Single und verwendet eine interessante Gitter-Technik namens „instagrid“. Ich weiß noch nicht, wie es funktioniert, aber es sieht spannend aus.

Bulkensik ist hübsch und hat lustige Bildbeschreibungen. Daher bekam sie einen Like für ihr „potato face“  Ich bin also nicht die einzige, die sich Sorgen um ihre „zu große“ Nase macht. Außerdem macht sie Selfies mit … Pferden? … was sie sehr sympathisch macht.

Miss bubblemaker Habe ich abonniert. Sie hat tolle Bilder und ein interessantes Profilbild. Anscheinend kommt sie aus Indien. Und sie hat schon was von „me too“ gehört.

p.kuklafoto kommt aus Polen.. die Bilder sind düster und interessant.
Für das lustige „Spiegelnde Felgen-Selfie“ gab es von mir ein Like.

Jeanyveslerminiaux spricht französisch. Ich kenne ihn nicht. Aber seine Bilder sind toll.

Awarage ist aus Russland und sieht gut aus.

Wo ist die Sonnenbrille, wenn man sie braucht?