Anatomische Lehrstunden

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Am letzten Sonntag ging es nach Heidelberg. „Körperwelten- Anatomie des Glücks“ wollten wir uns ansehen.
https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6rperwelten

In Heidelberg bin ich nie oft gewesen, obwohl es von unserer alten Wohnung in Mannheim nur ein Katzensprung gewesen wäre.

So war ich auch erstmal erstaunt, was es da alles gibt, als ich die Stadt in „Google Maps“ geladen habe. Dass es die Körperwelten-Ausstellung überhaupt noch gibt, war mir neu. Ich hab damals den Hype in den Medien mitbekommen und dass sie sehr umstritten war. Ich glaube, sie war sogar eine Zeit lang in Deutschland nicht erlaubt?

Wir haben vor vielen Jahren „Körperwelten der Tiere“ in Mannheim angeschaut und fanden die Ausstellung gut. Mit Menschen ist das bestimmt nochmal ein ganz anderes Kaliber, dachte ich mir und auf ging es in die Stadt!

Mit unserem brandneuen Diesel der Euro 6 – Norm wagten wir das Risiko und wählten das Abenteuer „Außenseiter Autofahrer“.
Die Verbindung nach Heidelberg ist eigentlich gut. Ich kann mich noch an eine gut ausgebaute, kaum befahrene Autobahn erinnern.
Dazu noch am Sonntag, wo doch sowieso weniger los ist – was sollte da schief gehen? Wer solllte den Entdeckerdrang stoppen? Das Wagnis „Reise“ bestrafen? Die Experimentierfreude und den freien Geist beschneiden?
„Eigentlich alle“, dachte ich mir, als wir mit 40 km/h über eine Brückenbaustelle zockeln mussten, die extrem schmal und eng bebaut ist (Die Brücke auf der A656 über die A5). Dazu kommt noch ein Symbol mit einer Kamera „Achtung, hier wird geblitzt“. Die machen bestimmt ernst, dachte ich mir. Heidelberg war mir noch als relativ auto-feindliche und eher fahrrad-freundliche Stadt in Erinnerung. Und tatsächlich, der angedrohte Blitzer erschien wirklich in Gestalt einer aufrecht stehenden, grauen, hässlichen Säule mit vier Augen.

Nachdem wir diesen Spuk überstanden haben, ging es in die Innenstadt. Hier erfreute uns ein großes Parkhaus-Angebot mit vielen freien, angebotenden Plätzen. Freie Stellplätze, wohin das Auge sieht, dazu große Parkbuchten- wann hat man das schon mal? Sollen die Studenten und Grünen doch alle mit dem Fahrrad fahren oder zu Fuß gehen, wir wählen das gute alte Automobil.

Unser Ziel sollte das Parkhaus am „Alten Hallenbad“ sein. Direkt neben der Ausstellung. Das klappte ganz gut. Das alte Hallenbad ist ein interessantes Jugendstil-Gebäude und war bis 1981 ein Schwimmbad (https://de.wikipedia.org/wiki/Altes_Hallenbad_(Heidelberg) ).

Man kann sich ein wenig Zeit nehmen, und die interessante Architektur bewundern. Dennoch waren wir auch auf die Ausstellung von Gunther von Hagens gespannt. Der Eintritt ist mit 17 Euro ziemlich happig.

So war auch das Publikum auf den ersten Blick eher gut betucht und aus den „höheren Schichten“, wie man so schön sagt.
Was mir an Heidelberg auch sofort auffiel, war das junge Alter vieler Menschen und die hohe Internationalität der Gäste.

Innerhalb von kürzester Zeit kann man sehr viele verschiedene Menschen aus allen Herren Ländern treffen.

Die Ausstellung war hervorragend gemacht und didaktisch sinnvoll geführt. Zuerst bewegt man sich „im oberen Stock“, eine Art Balkon und geht einzeln von Exponat zu Exponat. Durch den hohen Andrang muss man immer etwas warten, bis sich die Schlange weiter bewegt.

„Das Glück“ sollte Kern der Ausstellung sein. Schon bei der Planung des Ausflugs habe ich mir überlegt, wie man das wohl realisieren und darstellen möchte? „Glück“ ist ja eher eine Sache des Geistes und der Einstellung. Wo soll sich das in der Anatomie niederschlagen?

Nicht allzu verwunderlich, war das erste Exponat dann auch eine Darstellung des menschlichen Nervensystems mit all seinen Einzelheiten.

Und auch dann ging es erstmal mal um „Gehirn“ und Neven. Wie ist das Gehirn aufgebaut? Welche „Zentren“ und Areale gibt es? Wie wirkt sich die Alzheimer-Erkrankung auf das Gehirn aus? Es war sehr eindrucksvoll, mal die Unterschiede zu sehen! Man sieht, dass es in den Zwischenräumen tatsächlich weniger „Masse“ gibt. Dazu gab es einen lehrreichen Film über diese schwierige und leider noch nicht zu behandelnde Krankheit.

Noch voll mit Gedanken über diese Besonderheit… konnte man bei der nächsten Ecke plötzlich ein fliegendes Schwein bestaunen! Dazu die Fragestellung, was Menschen und Tiere gemein haben. In der Anatomie gibt es auf jeden Fall viele Gemeinsamkeiten. Werden also auch Schweine nach Glück streben?

In der nächsten Exponatenreihe ging es um die Fragen „Gesundheit und Streß“. Das wurde mit verschiedenen Grafiken veranschaulicht. Außerdem bekam man nähere Einblicke in gesunde und kranke Herzen. Auch eine künstliche Herzklappe konnte man bewundern – sehr eindrucksvoll, wie das kleine, drehbare Plättchen kunstvoll in den Herzmuskel eingebaut wird. Die Veränderungen des kranken Herzens (z.B. bei einem Herzinfarkt) wurden sehr anschaulich dargestellt (kranke Regionen sind weißlich). Immer wieder hörte man andere Besucher murmeln, wie sie ähnliche Krankheiten bei Verwandten erlebt haben. Parallelen zum eigenen Leben sind möglich und regen die Gedanken an.

Schon ab diesem Zeitpunkt war das Gehirn voll mit Informationen. Die Schlagzahl der dargebotenen Informationen ging aber munter weiter. Es folgte die Darstellung von Blutgefäßen (sehr eindrucksvoll, weil die Gefäße mit rotem Kunststoff gefüllt sind und eigentümliche Muster und Formen ergeben). Man konnte sich selbst den Blutdruck messen. Ein Mensch wurde in dünne Scheiben zerlegt und hängt da jetzt wie ein alter Bademantel am Bügel. Ein kleiner Junge macht Fotos mit seinem Smartphone. Er nimmt freundlich auf mich Rücksicht, als ich auch ein Foto machen möchte.

Zwei junge Frauen mit schweizerischer Aussprache (vermutlich Studentinnen) stehen vergnügt vor einer interaktiven Video-Installation. Der eigene Körper wird gescannt und in interaktive, durchleuchtete Anatomie-Bilder verwandelt. Sie haben ihren Spaß daran, und die Zuschauer auch. Ich traue mich nicht, mich auf die Aufkleber mit den Füßen zu stellen. Interessant hier unten die Tafel mit der Frage „Was ist für Dich Glück“? Besucher können ihre eigenen Gedanken mit Stiften darauf kritzeln. Erstaunlich viele assoziieren Glück mit „Reisen“ fällt mir auf. Aber auch „einfach leben“ findet man oft. „Sich um andere sorgen“ finde ich hingegen nicht.

Im Erdgeschoss wird die Ausstellung breiter und die Schlangen lösen sich zum Glück auf. Krankheiten werden weiter kommuniziert. Es ist höchst interessant zu sehen, wie sehr sich Krankheiten auch organisch niederschlagen können. Normal sieht man das ja bei sich nicht. Man kann sich nicht selbst sehen. Bildgebende Verfahren sind Ärzten vorbehalten und wirken immer ein wenig indirekt. Bei den Plastinaten ist hingegen schonungslose Offenheit möglich. Wie sieht eine Raucherlunge eigentlich aus? Was ist eine vergrößerte Milz? Wie sieht ein Lungenflügel aus, wenn er vom Krebs zerfressen ist und in sich zusammenfällt? (schrecklich!) Eine gesunde wird einer kranken Leber gegenübergestellt und man sieht den schonungslosen Querschnitt durch einen übergewichtigen Menschen. Diese interessante Didaktik der Gesundheit wird „aufgelockert“ mit Plastinaten in sportlichen Posen, z.B. beim Basketball oder Fußball-Spielen.

Den Schlusspunkt bildet die Erörterung über unsere eigene Geschlechtlichkeit. Wie sehen die Geschlechtsorgane von Mann und Frau eigentlich aus? Was ist eine Plazenta und wie sieht sie aus? Wie wirken sich Scheidung und Heirat auf das Glück des Menschen aus?

Und der Höhepunkt der Ausstellung ist eine liegende, schwangere Frau im achten Monat. Mit einem geöffneten Blick auf ihre Gebärmutter und den kleinen Säugling. Es gehört Mut dazu, Exponate (von echten Menschen!) derart auszustellen. Mir gefällt dieser Mut. Es ist echte Kunst. Schaurig, lehrreich und mutig zugleich.

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