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Weibliches Sprechtraining MzF – 1

Heute habe ich mich mal um das Grundproblem der Transgender-Stimme gekümmert.
Die Stimme ist neben dem Aussehen das „erste Aushängeschild“, das in fast allen menschlichen Kommunikationsverhältnissen eine große Rolle spielt. Hier wird man sofort als „Mann“ oder „Frau“ eingeordnet. Aber auch die Einordnung nach „sympathisch“, „kompetent“, „selbstbewusst“, „ängstlich“, etc. treffen wir oft über den Klang der Stimme. Frauen kennen z.B. das Problem, wenn die Stimme bei Aufregung (Streit, Ärger, Prüfungen) schrill und zu hoch wird. Bei Männern ist es oft ein Problem, das  sie zu undeutlich sprechen (brummeln) und die tiefen Frequenzen kaum variieren.

Nach Wikipedia liegt der männliche Grundton bei 125 Hz und der weibliche Grundton bei ca. 250 Hz.

https://de.wikipedia.org/wiki/Menschliche_Stimme

Mit verschiedenen Tools kann man die Tonhöhe der eigenen Stimme identifizieren und evt. „nach oben“ hin trainieren. Ein gutes Ziel ist eine ausgewogene Alt-Stimme. Mit der könnt ihr zufrieden sein und tapfer durch das Leben schreiten. Übertreibt es nicht, wenn ihr nach oben geht, weil man schnell schlumpfig oder nach Micky Mouse klingt. 😉 Das Ziel sollte eine ausgewogene Sprache sein, in der alle Anteile enthalten sind, also tiefe, hauchige, aber auch weiche und hohe Töne.

Neben einem Computer mit Mikrofon kann man zum Training diese Tools verwenden:

Midi Piano
http://www.midipiano.net/

Musical Tuner
http://www.softpedia.com/get/Multimedia/Audio/Other-AUDIO-Tools/Musical-Tuner.shtml

 

Zuerst muss man herausfinden, wo man überhaupt steht.. und wieviel Halbtöne oder Ganztöne man bereit ist, nach oben zu trainieren. Man muss die Töne erst singen und kann dann hoffen, dass sie eines Tages auch beim Sprechen zu erkennen sind (Hör-Training) Meiner Meinung nach ist ein Stimmtraining für Transgender-Frauen immer die bessere Wahl als die Stimmband-OP, weil ihr so alle Frequenzen erhalten könnt und eure Stimme dadurch voll und attraktiv bleibt.

Im Spiegelbild

Die 14-jährige in mir erwacht plötzlich und es ist so, als sei sie nie weg gewesen. Unklar vielleicht, unscharf, eine Zeit lang nicht zu spüren.

Jetzt wird mir plötzlich alles klar- so glasklar, einfach und gut. Ich fühle mich, als ob ich endlich vollständig „materialisiert“ bin… vielleicht kennt ihr die Transporter von Raumschiff Enterprise? Wenn man einen Menschen von einem Ort an einen anderen „beamen“ möchte: Zuerst ist da nur ein Zaubernebel und lustige Geräusche, er ist noch nicht ganz da… und man braucht immer mehr Energie, muss den Hebel weiter umlegen und – schwupps-! Ist der Mensch plötzlich da.

Ich schaue in den Spiegel- und sehe mich zu 95% wieder so, wie ich eigentlich bin und sein muss.

Und schon kommt wieder Kritik und Gemecker vom weiblichen Ich, „das hier passt nicht und jenes passt nicht“.
Es ist wirklich zum Verzweifeln. Wie schaffen das Mädchen in der Pubertät? Wie schaffen sie es, stabil zu bleiben und sich zu akzeptieren wie sie sind?

Ich bin 39… hab einiges an Lebenserfahrung hinter mir.. kenne mich mit dem Feminismus aus… weiß sovieles mehr… und bin im Moment doch betroffen wie jede andere Frau und denke über mein Aussehen nach.

Da ist z.B. meine Nase. Ich weiß, sie ist zu groß und sie passt eigentlich in mein zartes, weibliches Gesicht. Sie wirkt auf mich wie ein großer Klotz. Egal von welcher Seite ich schaue, ich mag sie einfach nicht. Sie hat eine zu große Oberfläche, zieht Dreck und Schmutz an und braucht stets eine Sonderbehandlung. Ich weiß, dass sie aus meinem alten Leben kommt und dieses alte Leben möchte ich doch vergessen und endlich abhaken. Aber es holt mich immer wieder ein. Jeden Tag guckt es mich im Spiegel an, frech und verwegen, drängt „er“ sich in mein Leben. Frauen haben keine großen Nasen, Frauen haben kleine und zarte Nasen. Sie passen in ihr unaufälliges Gesicht, in ihre zurückhaltende Weiblichkeit. Spitz darf die Nase noch sein, so wie bei Marietta Slomka, das wäre okay. Aber bitte nicht groß und breit so wie bei Wladimir Klitschko!

Doch jetzt erwache im Körper einer 39-jährigen. Ich habe keine Angst und keine Skrupel, meinem Körper irgendwas an zu tun, so groß ist der Druck und das „Schiefgefühl“. Meine Nase zu verkleinern, das kommt mir so vor, wie Zahnstein entfernen oder einen Pickel ausdrücken. Unangenehm- muss aber sein. Weg damit !! Ich bin mir sicher, wenn ich 6.000 Euro Taschengeld auf dem Konto hätte und zwei Wochen Zeit- nichts würde mich aufhalten. Ich würde das Geld nehmen, zur Schönheitsklinik meines Vertrauens fahren (von denen gibt es genug) , meine Probleme vortragen und dann würden sie mich in Narkose legen und alles ist vorbei.

Ich habe letzte Woche sogar schon darüber recherchiert und die (lange verschollenen) Gedanken werden wieder ganz groß und mächtig.
Sie werden so mächtig, dass sie eventuell bald Realität werden.

Dann sind da aber diese Schattenseiten. Was alles passieren kann! Alleine jede Narkose ist eine Belastung. Und die Komplikationen bei der OP. Da kann irgendwas in die Nebenhöhlen laufen (Eiter, Blut). Schwellungen entstehen am Auge. Die Nasen-OP gilt als schwierige OP. Wenn sie schief geht, siehst du gleich alles. Die Atmung kann durcheinander kommen. Man darf ewig lang keine Brille tragen.. Also müsste ich mir vorher Kontaktlinsen holen.

Meine weiblichen Ängste sind ein bisschen stärker als mein weiblicher Mut. Wie so oft.

Und dann ist da noch mein großes Ego, mein Gehirn, das alles zerdenkt. Das allwissende Über-Ich, das stets das letzte Wort spricht.

Ich frage mich, ob die größere Nase auch Vorteile haben kann? Sie ist sowas wie ein „Alleinstellungsmerkmal“. Wenn man eine Nase hat, die etwas größer oder „anders“ ist, prägt sich das bei den Menschen ein. Warum will ich unbedingt mit der Masse verschwimmen und eine „Einheitsnase“ haben? Warum kann ich nicht darauf stolz sein, so wie ich bin? Ich bin ja auch ein besonderer Mensch mit besonderer Vergangenheit.

Schwarzwald 2006

Dazu fällt mir eine Geschichte ein: Es war irgendwann 2006, wir waren im Schwarzwald wandern. Nach einem langen und schönen Tag in der Sonne kehrten wir abends im Gasthaus ein. Wir mussten dann an den wartenden Gästen vorbei. Wie so üblich, wird man erstmal gemustert. Wir setzen uns hin und ich bekomme mit, wie am Nachbartisch von anderen Frauen getuschelt wird. Sie machen das aber so indiskret, das ich jedes Wort verstehen kann und dabei rot werde. „Ja die Frau soundso, die hat doch auch so eine kräftige Nase..“ es war nicht besonders abschätzig, aber mir ist aufgefallen, dass ich sofort am Gesicht gemustert wurde und bei den Leuten dann irgendwas im Kopf abläuft. Es wäre schön, wenn sie sich über meinen Charakter unterhalten hätten oder über mein mitfühlendes Ich oder meine tollen Ideen… aber nein, was machen sie? Sie charakterisieren mich als erstes anhand meines Aussehens, ob ich will oder nicht. Und so geht es einem doch mit Millionen anderen Menschen. Es ist der erste Eindruck, der zählt. Wenn ich mit einem Pferdeschwanz und T-Shirt in den Supermarkt gehe, werde ich anders angeguckt und beachtet, als wenn ich mit offenen Haaren, einer weiblichen Bluse und hohen Schuhe daher komme.
Mit dem ersten Eindruck wirst du in eine Schublade gesteckt und entweder als „hässlich“ , „interessant“ oder „sympathisch“ einsortiert.
Zum Verbessern des ersten Eindrucks reicht das Lächeln alleine nicht. Aussehen ist Kommunikation und es gibt unendlich viel Kommunikation im Leben, die völlig ohne Worte geschieht. Es heißt ja auch „Facebook“ und nicht „Gehirn und Geist und selbstloses Miteinander- Book“. 😉

20 kg leichter, aber genauso verwegen wie heute 😉

Ich überlege weiter: Wenn ich meine Nase weiblicher machen lasse, dann passt vielleicht das Kinn nicht mehr. Die Harmonie im Gesicht gerät durcheinander. Und meine etwas tiefere Stimme? Dann sind die Kontraste wieder größer..

Außerdem, meine Nase und mein ganzes Gesicht sind ein Buch. In dem meine Vergangenheit steht. So wie sie mich eben geformt hat.
Soll ich Angst davor haben? Oder soll mich jeder „lesen“ können?

Wieviel Offenheit lasse ich zu und was will ich mir antun für ein Schönheitsideal?

Wieviel Einzigartigkeit kann ich in meinem Leben ertragen?

Und warum in aller Welt denke ich ständig darüber nach? 😉

Drei Gedichte..

für mehr Kraft. Dazu am besten laute Heavy Metal- oder Grunge-Musik hören, z.B. Creed oder Nirvana.
Dazu die Zeilen lesen, sich reinversetzen und neue Kraft genießen! 😉

Energie.
Aus der Mitte heraus direkt in den Solarplexus.
Alles ist geöffnet, alles ist frei, alles fließt.
Du bist die Energie.
Du bist der Schatten.
Du bist die Angst und die Wut und der Zorn.

Du zerteilst Dinge in der Mitte hindurch.
Du sägst Stein
Du schlägst Holz
Du triffst einen Entschluss

Du gehst.
Du sitzt
Du rennst
Du bist.

Die Angst ist weg.
Du gehst auf andere zu.
Du freundest dich an.
Du sprichst laut.

Du machst sauber.
Gründlicher als sonst.
Dazwischen eine Blume.
Sie wird sorgfältig gepflückt und geachtet.

Am Abend steht sie auf dem Tisch
und lächelt dich an.

………………………
zu Creed- Ode

Wut

Die Bierflasche in der Hand
gehst Du durch die Stadt
jeder Schritt ist schwer und trifft den Boden
andere wenden sich von Dir ab

da kommt eine Frau.
der Blick ist schüchtern auf den Boden gewandt
sie hat keinen Mut dich zu grüßen
oder auch nur anzusehen.

Du gehst weiter und hälst die Flasche fest.
Sie hält dich,
zusammen seid ihr ein Team.

Da kommt jemand von vorne, der ist gegen dich
er ist wütend und laut und schreit herum
er sagt, dass du scheiße bist
und es nicht kannst.

er wird wütend und schmeißt Dir Dinge in den Weg
es prallt alles an dir ab
du wirst gar nicht davon bewegt
du stehst einfach da und schaust zu.

du findest es erbärmlich
er tut dir leid
du denkst noch, ob du die Flasche nehmen sollst
dein Griff wird fester
du hast den Drang, das Ding zu werfen
oder damit zu schlagen

alles vibriert
du zitterst vor Wut.

Was hält dich davon ab, es nicht zu tun?

……………………………
Geschwindigkeit (Nirvana- Smells like teen spirit)

Der Panzer wird gestartet
er grummelt
die Zylinder werden mit Brennstoff gefüllt
es fängt langsam an

dann kommt die Maschine auf Touren
ein leichtes Pfeifen von beiden Turboladern
zeigt die Bereitschaft zum Sex.

Du tippst auf das Gas
es gibt einen Ruck nach vorne
„Vorsicht, der hat Kraft“
sagt der Autoverkäufer

du fährst auf die Landstraße
und gibst mehr Gas
es drückt dich in den Sitz
Energie und Verbundenheit

dann kommt die Autobahn
auf der Auffahrt gleich Vollgas
es beschleunigt dich auf den linken Streifen

alles ist eine Bewegung
die Tacho-Nadel steigt und steigt
es gibt kein Ende und kein Limit

bei 230 lehnst du dich zurück
es ist wie fliegen
alle anderen werden klein und schwach
du bist der schnellste.
und der beste
und der größte.

Hormon-Status und Langzeit-Erfahrungen bei MzF-TS

In diesem Text können interessierte Leser etwas über meine Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Hormon-Dosierungen erfahren. Das Thema behandelt vor allem die „Transidentität“ und deren Besonderheiten, ist aber auch interessant für Frauen in den Wechseljahren oder der Pubertät, weil ich denke, dass die Vorgänge teils ähnlich sind.

Zu meiner Vorgeschichte:
Ich bin 39 Jahre alt, seit 14 Jahre MzF Post-op, d.h. ohne Produktions-Möglichkeit für eigene Sexualhormone (sieht man von den kleinen Mengen aus diversen Drüsen ab, die jeder Mensch produziert). Äußerlich lebe ich schon sehr lange „als Frau“ und das Thema TS ist schon seit Jahren kein Thema mehr für mich. Weil sich derzeit aber wieder Veränderungen ergeben, will ich die interessierten Mitleser des Blogs gerne auf dem neusten Stand halten. Außerdem habe ich rausgefunden, dass die Informationslage zum Thema TS und die Öffentlichkeitsarbeit weiterhin einen großen Nachholbedarf haben. Man kommt hier nur mit bedingungsloser Offenheit weiter, alles andere macht keinen Sinn. Die Leute wollen etwas zum Thema wissen und interessieren sich dafür. Die Qualität und Vielfalt der angebotenen Texte zum Thema ist daher sehr wichtig. Sich irgendwie „verstecken“ mag reizvoll sein- wenn man einen großen Teil von sich immer verleugnet, kann man sich nie ganz davon befreien.
Wenn man über die eigene „Krankheit“ offen spricht und die Leute kommen damit klar- super! Und wenn nicht, dann weiß man sofort, woran man ist. Wenn man erst alles versteckt und erst hinterher Klartext spricht, wird sich das Leiden nur unnötig verlängern. Dennoch wird man nicht automatisch als erstes über die eigene Sexualität sprechen. Das machen „normale Frauen“ ja auch nicht. Man spricht nur darüber, wenn es sich ergibt oder die Leute mehr wissen wollen. Dann ist es okay. Aber bitte macht nicht den Fehler und quasi „mit der Tür ins Haus zu fallen“, wenn das Geschlecht in irgendeiner Situation gar keine Rolle spielt (und im normalen Alltag verhalten wir uns zum Glück oft sehr geschlechtslos und neutral).

Zu den Hormonen bei Langzeit-Operierten:

Laut eines Textes aus dem Internet (von Prof. Eicher http://s616689606.online.de/hormone-521-2 ) ist es bei Post-Op MzF-TS dringend erforderlich, weiterhin mit Östrogen zu behandeln. Tut man das nicht, droht eine vorzeitige Alterung des Körpers mit den typischen, aber rasch beschleunigten Wechseljahresbeschwerden: Hautalterung, Gewichtszunahme, Wassereinlagerung, Müdigkeit, Antriebslosigkeit. Als ich Prof Eicher (der selbst bei mir der OP-Arzt war) vor ca. 13 Jahren gefragt habe, was passiert, wenn ich meinen Körper nicht weiter mit Östrogen behandele, war seine Antwort (mit der typischen Nüchternheit eines erfahrenen Chirurgen) nur lapidar „Dann werden sie sterben.“

Nun, ich bin noch nicht gestorben und kann heute noch diesen Text schreiben. 😉 Aber ich habe damals die Östrogene recht niedrig eingestellt, weil ich es einfach sehr befreiend fand mal „keine Sexualität zu haben“ und mit dem Körper wieder quasi auf Anfang zu sein. Meine langwierige Dosis betrug am Anfang ein Estradot 50er Pflaster (etwas zu niedrig), später dann 2 Hübe Gynokadin, was ca. 1,5 mg Estradiol entspricht. Vor der OP hatte ich die Hormone auf ca. 4 mg, zusammen mit dem Testosteron-Blocker. Nach der OP kann man den Blocker natürlich weglassen. Die Östrogene wirken dann recht sanft und angenehm. Progesteron habe ich nie zugefügt und auch nicht wirklich das Bedürfnis, das zu ändern (wie wir aber sehen, ändert sich das später).

Die Transsexualität ist ja mit all ihren Auswirkungen und teils starken Irrungen und Wirrungen eine „Gender-Dysphorie“, quasi eine Zerissenheit zwischen den Geschlechtern, die sehr anstrengend sein kann. Gerade am Anfang, wenn man mit dem männlichen Körper auf die Welt kommt, aber in sich die „weibliche Seele“ entdeckt, kommt es zu sehr starken Diskrepanzen. Diese Diskrepanzen stecken ein Leben lang in uns. Es ist der Widerspruch mit dem wir geboren sind, der uns zu dem macht, was wir sind. Es bringt also überhaupt nichts, sich ausschließlich für eine Frau zu halten (Identität) und die männliche Genetik zu ignorieren oder nicht zu akzeptieren (Realität). Wir können nur dann ganz bei uns ankommen, wenn wir die beiden Pole in unserem Leben akzeptieren und durch geduldige Anpassungen des Ausgangskörpers das beste daraus machen. Wir müssen die Realität unserer eigenen Identität anpassen und formen, daher spricht man auch von „geschlechtsangleichender OP“ und nicht „Geschlechtsumwandlung“ (ganz wichtiger Unterschied!). Zur „Geschlechtsanpassung“ gehört aber viel mehr, sie geht über das kurzfristige Ansteuern mit Östrogenen oder das Anziehen eines kurzen Rocks deutlich hinaus. Die Anpassung bedeutet auch eine starke Anpassung in der sozialen Rolle, in den Beziehungen, bei der Partnerwahl, Arbeit etc. Im Grund ist das ein lebenslanger Prozess wie bei jeder anderen Frau auch. Es geht nicht immer nur in die „eine Richtung“, manchmal auch in eine ganz andere. Man formt die eigene Realität so, wie es gerade notwendig ist und sinnvoll erscheint.

Auch ich habe oft gedacht, dass ich mir mein Geschlecht irgendwie aussuchen kann. Dass ich mit dem bewussten Ansteuern von Hormonen oder der Wahl einer „Geschlechterrolle“ irgendeine Wirkung oder Wahl habe, aber letztendlich habe ich die nicht. Die eigene Weiblichkeit geht bei mir von der Geburt an immer nur in eine Richtung. Manchmal geht es langsamer, manchmal schneller. Manchmal habe ich damit eine Krise, manchmal merke ich es nicht, aber die eigene „Frau-Werdung“ ist ganz langwieriger Prozess, der sich beim ersten Experimentieren mit der Kleidung des „Gegengeschlechts“ zeigt, von Versuchen die sexuelle Orientierung zu wechseln oder die „richtige Identität“ zu finden, von den ersten Outing-Gesprächen, Hormon-Behandlungen, Krankenhaus-Aufenthalten, usw. Nach der OP glaubt man dann eine lange Zeit, die ganze Sache ist erledigt, bis die Gender-Dysphorie wieder kommt und sich immer wieder neu zeigt oder aufbricht (vor allem den Stellen wo wir Defizite haben und uns immer sehr bemühen müssen, z.B. im sozialen Umfeld (mangelnde weibliche Kindheit und Sozialisation), in der Akzeptanz bei anderen, in der Öffentlichkeitsarbeit (Stichwort Trans-oder Schwulen-Feindlichkeit), bei den engen Freunden, der Partnerwahl und Unterstützern). So ganz einfach ist es nicht. Es gibt auch keine „perfekten Transsexuellen Frauen“ die keine Probleme haben, selbst wenn sie in jungen Jahren anfangen und äußerlich wirklich perfekt sind. Der Zwiespalt bleibt auch in den hübschesten von uns- man denke nur daran, dass wir keine Möglichkeit zur Fortpflanzung haben und auf viele Normalitäten einer Frau verzichten müssen (kein richtiger Monatszyklus, keine Gebärmutter, etc.), was den inneren Zwiespalt sehr schmerzhaft werden lässt.

2003-2017 (Weibliches Alter 0 -14, Genetisches Alter 25-39)
„Kindheit “ bzw „Stabilisierungsphase“- Ausgeglichen und friedlich mit 1,5 mg Estradiol

Seit der OP 2003 habe ich die Östrogene niedrig eingestellt. Mir ging das mit dem Frau-Werden alles viel zu schnell. Im Leben hatte einiges noch nicht gepasst, ich wollte es langsam angehen und erstmal „Ordnung schaffen“. Eine zu hohe Fokussiserung auf die Sexualität ist manchmal hinderlich bei der Lebensentfaltung, die ja eher mit „dem Kopf“ geplant wird.

Das ging lange gut und hat mir ein stabiles und zufriedenes Leben beschert. Aber ich kann die Transsexualität (das Gefühl, eine Frau zu sein) immer noch nicht ausschalten, sie wird durch bestimmte Ereignisse wieder stärker- es macht dann plötzlich „klick“ und man ist soweit.

Auf jeden Fall habe ich bei meiner Östrogen-Dosierung vor ca. 2 Jahren gemerkt, dass sie zu niedrig ist, um damit bis zum Lebensende durchzuhalten.
Besonders aufgefallen ist mir das bei einer leichten Immunschwäche und dass ich das Pfeiffersche Drüsenfieber überhaupt nicht mehr überwinden konnte (Berichte gab es im Blog). Auch Zahnprobleme (Stichwort Wurzelbehandlung) und ein relativ früher Beginn von grauen Haaren (obwohl in meiner Familie sehr untypisch). Besonders groß war bei mir auch die andauernde Müdigkeit und die Tatsache, dass sich an meinem Gewicht so gut wie gar nichts tat (wie festgezurrt auf 88 kg).
Auf Sport hatte ich so gut wie keine Lust mehr und mein Drang zu essen hat stark zugenommen. Die ganze fehlende Aktivität und der schlechte Grundumsatz hat mich am Ende sehr belastet.

Vorteile der niedrigen Östrogen-Dosierung waren auf jeden Fall, dass ich mich recht gut konzentrieren konnte, sachlich arbeiten konnte, ausdauernd und „nicht abgelenkt“ war. Auch das Interesse an eher männlichen Themen wie Programmierung, Politik oder Technik war noch relativ groß. Ich konnte hier gut eine Brücke zu meinem alten Leben aufbauen und habe diese produktive Verbindung auch als Vorteil empfunden.
Diese Eigenschaft der erhöhten Sachlichkeit sagt man ja generell auch älteren Frauen zu, wenn sie von der Wirkung des fruchtbar machenden Östrogens nicht mehr so betroffen sind. Der Sexualtrieb ist bei mir fast auf ganz null gefallen, was natürlich auch von Vorteil ist, wenn man in einer Ehe lebt und nicht ständig den Partner wechseln möchte. 😉

Also niedrige Östrogene machen Frauen erfahren und weise- aber auch ein bisschen langweilig.

Durch mein 20-Jähriges Klassentreffen und die gute Akzeptanz meiner früheren Mitschüler ist dann bei mir irgendwie „der Knoten geplatzt“ und ich hab mich gefragt, warum ich eigentlich nicht noch weiblicher werden möchte und warum ich nicht einfach dazu stehe, wie ich bin. Die anderen Frauen in meinem Alter sind auch noch sehr jugendlich, weiblich und hübsch- da ist mir ein bisschen der Funke übergesprungen. Ich wollte die Weiblichkeit wieder beschleunigen.

Vor allem musste ich was gegen die Grundprobleme der eigenen Wechseljahre und der vorzeitigen Alterung tun.

Ab 2017 zweite „weibliche Pubertät“ (weibliches Alter 14, genetisches Alter 39)
Estradiol auf 2,25 – 3 mg (enspricht 3-4 Hübe Gynokadin)
seit ca. Juni 2017

Es ist unglaublich, wie stark Hormone auf den Gesamthaushalt wirken.
Die Erhöhung des Medikamentes lag am Anfang bei gerade mal 0,75 mg (rauf von 1,5 mg auf 2,25 mg).
Mein Ausgangs-Körpergewicht sind gut genährte 88 kg, in Milligramm gerechnet 88.000.000 (88 Millionen Milligramm)
Der Anteil des neu hinzugekommenen Hormons entspricht also 8,5227 e-7 Prozent, ein unvorstellbar kleiner Anteil.
Wenn man daran denkt, sollte einem auch klar werden, wie gefährlich der Anteil von künstlichen Östrogenen in unseren Lebensmitteln, Abwasser oder Verpackungen sind. Selbst kleinste Mengen können hier sehr starke Folgen haben (und bei „normalen Männern“ sind die sicherlich nicht erwünscht).

Zuerst hab ich nicht viel an Veränderungen gemerkt. Die Hormonerhöhung hat zu mehr Frische und Kraft geführt, aber ich habe zuerst nicht erkannt, woran es liegt und zuerst auf den erholsamen Urlaub getippt. Im Internet gibt es zum Thema Hormone kaum verlässliche Angaben oder ausführliche Listen. Ich habe mir also überlegt, dass dringend so eine Liste her muss und sich jemand mit dem Thema ausführlicher beschäftigen muss. Vielleicht ist es nicht für TS-Frauen interessant, sondern auch für Frauen und Männer im Allgemeinen. Über Hormone ist sehr wenig bekannt, aber sie beeinflussen uns doch sehr deutlich. Sie wirken wie ein „Zeiger“, der je nach Alter und Entwicklungsstand Aussagen über unser Geschlecht trifft. Viele Eigenschaften wie „Frauwerden“ können durch Östrogene erst ermöglicht werden. Man kann das „Frau sein“ nicht ausschließlich im Kopf hervorholen, man muss es auch erfahren, indem man sich mit dem Hormon-Haushalt auseinandersetzt und bei Bedarf das Östrogen „hochregelt“. Mir ist bei meiner Hormon-Veränderung auch aufgefallen, wie wichtig der eigene Gegenspieler Testosteron ist. Dieser reguliert nämlich die eigene Weiblichkeit, wenn sie wieder zu stark wird. Das Testosteron ist auch bei Frauen an sehr vielen Vorgängen beteiligt. Man denke z.B. an Mut, die Lust auf andere zu zu gehen, Interesse an der Sexualität, Spannkraft, Muskeln, Vitalität und Frische.

Und dieses körpereigene Testosteron scheint nun sehr stark auf das höhere Östrogen zu reagieren. Es gibt im Körper nichts, was nicht ohne Gegenreaktion bleibt. Steigt der Östrogen-Spiegel signifikant, ist der Körper erstmal geschockt und möchte irgendwie „gegen reagieren“. Das geschieht zum Beispiel durch das Testosteron. Zum Ausgleich zwischen den Spiegeln wird Progesteron genutzt (zumindest hab ich das so verstanden und kann das auch durch eigene Erlebnisse bestätigen).

Ein anderes Problem scheint auch die enge molekulare Verwandtschaft zwischen Östrogen und Testosteron zu sein. Der Körper scheint die freigesetzten Sexualhormone dort anzudocken, wo sie gerade benötigt werden. Bei manchen Hormon-Berichten wird vermutet, dass es Östrogen-Rezeptoren gibt, die „absterben“, wenn man zuviel Östrogen zuführt. Diese Erfahrung kann ich nicht ganz bestätigen. Es ist vielmehr so, dass wir mit unserem Kopf (dem Identitäts-Gefühl) die Richtung der Hormone vorgeben und der Körper sich ganz einfach danach zu richten hat. Wenn er mehr Östrogen bekommt, passt er sich eben an und bildet neue Rezeptoren. Schon nach kurzer Dosis-Erhöhung ist mir nämlich aufgefallen, dass ich die neuen Hormone viel besser vertrage und auch die Hitzewallungen oder Schweißausbrüche weniger werden.

Viele TS-Frauen verabscheuen ihre eigene Männlichkeit komplett und gehen sehr hart gegen das eigene Testosteron vor, z.B. mit Androgen-Blockern. Ich halte das aber im Post-Op Fall nicht für ratsam, weil man sich dadurch eines wichtigen Gegenspielers beraubt, der aus den ganzen Geschlechter-Polen überhaupt erst eine Erfahrung und Austausch macht. Wenn man sich als TS-Frau nur mit Östrogenen überschwemmt, bekommt man sehr schnell die ganze Bandbreite der negativen Eigenschaften zu spüren (sogenannte Östrogen-Dominanz, dazu gibt es im Internet einige Quellen). Unterdrücktes Testosteron bei Frauen kann z.B. zu Weinerlichkeit, Libido-Verlust und Gewichtszunahme führen. Ich sag dann immer „man muss auch den eigenen Mann in sich stärken und akzeptieren“. Nur so ist ein Wachstum auf beiden Polen möglich.

Nochmal ganz wichtig:
Die ganzen, geschilderten Erfahrungen zu den Hormonen beruhen auf meinen eigenen Erlebnissen und Deutungen. Es ist nicht ganz auszuschließen, dass ich mich täusche oder manche Dinge nicht bei allen Menschen so stark empfunden werden. Ich kann auch keine Garantie für Richtigkeit oder Vollständigkeit geben. Ich beobachte einfach nur sehr genau und versuche alles möglichst genau aufzuschreiben.

Hormone und Genetik

So wie ich es bis jetzt beobachtet habe, regeln die Hormone die Ausdruckskraft der Gene (Gen-Expression). Jeder Mensch hat aber andere Gene. Wenn z.B. in der eigenen weiblichen Verwandtschaft bestimmte Vorlieben wie Musikalität oder Spaß an Farben und Bildern besteht, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man diese weiblichen Eigenschaften mit den Östrogenen „herausholt“. Eigenschaften der eher männlichen Verwandtschaft (z.B. Interesse an Technik, logisches Denken, Mathematik-Fähigkeiten, etc. ) gehen entsprechend zurück. Wenn man also begreifen will, was „die eigene Weiblichkeit“ ist und wie sie sich wahrscheinlich ausdrücken wird, muss man einfach in die eigene Familie schauen. Es scheint auch keine Rolle zu spielen, ob man nun ein XX oder ein XY-Chromosom hat, weil die wichtigsten genetischen „Speicher“ ja sowieso auf dem X-Gen liegen. Bei uns TS-Frauen steigt allerdings die Gefahr für „Besonderheiten“, weil wir Fehler des einen X-Gens nicht so leicht wie Biofrauen kompensieren können (z.B. Erbkrankheiten).

Herausholen oder warten?

Ich denke, ich habe recht lange gewartet mit einer weiteren Hormon-Erhöhung, daher haben sich recht viele Rezeptoren ausbilden können und mein Körper nimmt den Stoff begierig in sich auf. Ich habe eine regelrechte Sucht nach den Östrogenen entwickelt. Es tut einfach unglaublich gut und ist befreiend. Auf der anderen Seite nehmen auch die Schattenseiten zu (später dazu mehr). Der verweiblichende Effekt ist teils drastisch und krass, daher muss ich genau aufschreiben, was ich beobachte und überlegen, ob ich mit der Erhöhung in der Form weitermachen möchte. Es gibt irgendwie keinen idealen Weg. Es gibt für uns TS-Frauen nur die vollkommene Geschlechtslosigkeit (nach der OP) oder eben die ausgelebte und akzeptierte Weiblichkeit mit all ihren vielen Problemen, aber auch tollen und spannenden Seiten. Das Leben wird auf jeden Fall anstrengender und intensiver.

Einen Arzt kann man nicht wirklich fragen, weil die meisten keine Erfahrung damit haben. Spezialisten wohnen oft weit weg oder man muss langwierige Termin-Vorgaben abwarten (z.B. beim Endokrinologen).

Außerdem, was sollten die Ärzte einem sagen? Sie können mit ihren Instrumenten nur einen Blutwert ziehen und die aktuellen Werte aufschreiben. Dies sind aber immer nur „Kurzfrist-Aufnahmen“ und spiegeln nicht die Lebendigkeit und Abwechslung wieder, die gerade bei einem weiblichen Hormon-Haushalt vorhanden ist.
Dazu kommt das psychologische Problem mit der Identität: Die ganze Geschichte mit der Verweiblichung betrifft ja den eigenen Körper- da kann keiner sagen, wann es jetzt nun gut ist oder wann nicht. Man muss selbst den Entschluss treffen und bereit dafür sein. Dass andere Frauen so wenig darüber sprechen, was eigentlich „ihre Weiblichkeit“ ausmacht, macht es noch umso schwieriger. Entweder man ist Frau oder nicht- aber man redet eigentlich nicht darüber.

Da ich eine spezielle Vergangenheit habe, möchte ich mein Wissen darüber gerne mit anderen teilen, in der Hoffnung, dass es einen Nutzen hat und vielleicht das Leid bei anderen Betroffenen lindern kann. Ich muss dazu viel von mir preisgeben- aber so hat meine „Veranlagung“ wenigstens einen Sinn und schmort nicht nur vor sich hin.

Körperliche Veränderungen des erhöhten Östrogen-Spiegels:

  • Gewichtsverlust
  • Rückbildung von Muskelkraft
  • weicheres Bindegewebe, mehr Unterhaut-Fett
  • Wasser wird aus dem Körper vermehrt ausgeschieden
  • Hitzewallungen nehmen wieder zu („umgekehrte Wechseljahre“)
  • nächtliches Schwitzen („umgekehrte Wechseljahre“)
  • Zunahme der weiblichen Rundungen an Brüsten, Po und Hüfte
  • Bauchfett bildet sich zurück, Taille bildet sich aus
  • Gesicht wird weiblicher und schöner
  • gesteigerte Empfindlichkeit am ganzen Körper
  • gesteigerte Libido
  • Frau-Sein wird viel stärker empfunden
  • mehr Bewusststein für den eigenen Körper
  • Haare an den Armen wachsen noch langsamer nach
  • besseres Immunsystem: Pfeiffer Drüsenfieber Virus geht fast ganz zurück (Yeah!)
  • Gesteigertes Kälteempfinden (teils unangenehm)
  • Wärme und Sonne werden deutlich besser vertragen
  • anderes Bräunungsverhalten, nicht so schnell Sonnenbrand
  • weniger Schmerzen (vermutlich wegen der Testosteron-Gegenreaktion)
  • Zittern am Körper (evt. von der Schilddrüse)
  • stärkere Entzündungs-Neigung im Körper (z.B. kleine Wunden, Zahnfleisch)

Auswirkung bei der Nahrungsaufnahme:

  • Alkohol wird nur sehr schlecht vertragen (schlechte Verstoffwechselung)
  • mehr Lust auf Zucker und Süßes, Blutzucker spielt verrückt
  • schlechtere Verträglichkeit von Nahrung, kein Appetit auf bestimmte Lebensmittel, z.B. fetthaltige Speisen oder Industrieprodukte
  • mehr Appetit auf frische Sachen
  • mehr Lust auf Eiweiß und Flüssigkeiten (ich mache wie von selbst eine „Low-Carb“ Diät, weil mir Kohlenhydrate nicht mehr schmecken)
  • beginnende Essstörung … kein Appetit, nichts schmeckt mehr
  • ich muss mich zwingen, etwas zu essen

Seelische Veränderungen:

  • intensiv gesteigertes Wahrnehmen, Empfinden auf alle möglichen Reize und Eindrücke
  • Stimmungsschwankungen, kribbeliger und reizbarer
  • Schlafstörungen (sehr stark, evt. fehlt Progesteron)
  • die inneren Stimmen (Grübelei, Gedankenkreisen, etc. ) werden deutlich lauter
  • teilweise soziale Angst und sozialer Rückzug (weil in mir soviel abgeht)
  • generell gesteigerte Ängste
  • Depression, Manie
  • Gender-Zwiespalt bricht wieder auf (auf Grund des Sexualtriebes)
  • logisches Denken wird deutlich erschwert
  • Hierzu hab ich mir einen Test ausgedacht. Das ABC innerlich vorwärts und rückwärts aufsagen
    Oder Zahlen multiplizieren.. ich bin in allen Disziplinen, die mit innerer Ordnung und Struktur zu tun haben,
    furchtbar schlecht geworden
  • kein richtiges Zeitgefühl mehr (vergesse ständig die Uhrzeit)
  • fühle mich selbst etwas doof und mache mir Vorwürfe deswegen; bin deutlich alberner und unkonzentrierter geworden
  • Interesse an technischen Dingen geht deutlich zurück; dafür aber mehr Spaß am schnellen Autofahren (kurioserweise)
  • Computer werden im Moment eher als „langweilig“ empfunden
  • kaum noch Interesse an Politik oder Nachrichten
  • (ich empfinde die emotionalen Botschaften viel stärker und negativer)
  • mehr Interesse an typisch weiblichen Fernsehsendungen (weil ich da mehr „sehen“ kann)
  • ich werde unzufriedener mit mir selbst (Aussehen) und schaue öfter in den Spiegel
  • Geruchsempfindlichkeit hat sich gesteigert, ich empfinde Dinge schneller als schlecht riechend

Hier noch ein paar gute Seelische Veränderungen:

  • Bessseres Wortfindungsvermögen und besseres Gefühl für Sprache
  • adaptives Unbewusstes wird deutlich stärker
  • ich kann Dinge viel besser spontan machen und nicht soviel „zerdenken“
  • weniger Ordnungssinn, mehr Schlampigkeit 😉
  • das Gefühl für Musik, Tanz und Rhythmus verbessert sich
  • besseres Gefühl für Farben und Formen
  • ich erkenne plötzlich spontan, wenn etwas hässlich ist oder nicht harmoniert
  • viel bessere Laune
  • mehr Energie
  • ein viel stärkeres „Frau-Gefühl“
  • die Identität lebt total auf
  • Lust, mich sozial zu vernetzen und andere Leute kennenzulernen
  • generell gesteigertes Interesse an anderen Menschen
  • ich sehe mehr in menschlichen Gesichtern, sie „sprechen mehr“
  • mehr Selbstbewusstsein und Kraft (Testo-Gegenreaktion)
  • gesteigertes Interesse an Make-Up und Mode und mehr Spaß damit
  • ich sehe plötzlich die hübschen Dinge im Leben (die mich vorher kalt gelassen haben)
  • ich verbringe mehr Zeit im Bad und mit mit dem eigenen Aussehen
  • mehr Kreativität, mehr Schaffenskraft, mehr Ideen
  • viele Vorgänge bekommen plötzlich eine „sexuelle Färbung“
  • unnütze oder eher „männliche Interessen“ gehen deutlich zurück
  • habe daher Lust, mein Zimmer umzuräumen oder auch andere Räume neu zu gestalten

Zu heiß

Man Leute war das heute mal wieder heiß heute! Die ganze Zeit schon irgendwie. Echt voll nervend.
Und dann haben wir kein Internet. Seit über 10 Tagen!!! Maaaaan wie mich das nervt. Wollte dringend was schönes shoppen gehen, hab aber nur dieses Schnecken-Internet über mein Handy. Gerade in den Kleiderschrank und voll den Schreck bekommen. Wer hat denn da gehaust und alles eingerichtet? Auf jeden Fall kein Geschmack, die Tussi. Muss ich dringend ändern.

Tja Facebook geht mir im Moment auch ganz gut ab. Wollte eigentlich mit den Mädels ein Termin zum Treffen ausmachen.
Geht aber jetzt alles nicht.
Voll der Frust. Dazu ruft mich meine Mutter ständig an und fragt wie´s mir geht. Ääätzend!
Mein Typ war voll streng heute zu mir und ich musste voll viel arbeiten. Kompliziertes Zeug am Computer, hatte null Bock drauf und nix verstanden. War froh, als es endlich rum war.. Hätte bei dem schönen Wetter lieber abgehangen und die schöne Sonne genossen. Um 14 Uhr hatte ich dann endlich frei und hab erstmal was gegessen. Voll übel, wollte eigentlich die ganze Woche fasten, ging aber nicht ganz. Also mussten doch drei Pflaumen und ein halbes Glas Milch her. Ich weiß, ich bin verfressen.
Aber diese ganze Zittrigkeit im Moment, die bringt mich voll, um ey.

Also was solls. Chick machen und Party on. Yeah!

Der Lebensweg

Was ist das große Problem mit der Sexualität in unserer Gesellschaft? Es wird viel zu wenig darüber geredet und alles ins „unbewusste“ verdrängt. Wo wir nichts sehen können und ansprechen, können wir uns aber nichts bewusst machen und nichts erkennen. Klarheit entsteht dann, wenn wir die Sexualität mal aus uns heraus holen und gewissermaßen mit einer Taschenlampe beleuchten. Was steht denn da eigentlich? Was macht mich eigentlich an, welche Gedanken und Berührungen sind attraktiv und welche eher abtörnend? Beim Orgasmus ist man zu oft verkrampft und denkt, das müsse jetzt alles ganz schnell gehen und er steht „für sich“ als alleinige Instanz ohne Verbindung zu allem anderen. Männer setzen sich vielleicht zu sehr unter Druck, wollen nur ihre Potenz beweisen und unbedingt zum Höhepunkt kommen. Und Frauen sind vielleicht frustriert, weil das mit dem Höhepunkt so gar nicht klappt und irgendwie ganz anders ist, als beim Mann. Körperlich wird gerne zuerst an die Klitoris oder die Penisspitze gedacht, aber letztendlich entsteht ein guter Orgasmus im Kopf und ist somit eine komplexe Ansammlung von Gedankenmuster und Bildern, die uns antörnen oder kalt lassen.
Es ist daher auch unsere Aufgabe, unsere eigenen Bilder und „Sexualitätsmuster“ in der eigenen Tiefe zu erkennen und das beste daraus zu machen. Es gibt eine starke Verbindung zwischen unserem täglichen Dasein, dem Alltag, unserer Identität, der Verbindung zu anderen und unserer eigenen Sexualität. Wo die Sexualität nicht glücklich und frei entfaltet ist, kann sich auch alles andere nicht entfalten. Wo wir gehemmt und unzufrieden sind, macht uns auch der Rest keinen Spaß. Die Arbeit, Kunst und alle anderen Werke kommen nicht zur Entfaltung, wenn keine „Bilder angezapft“ werden können und man lieber alles dem Alltag, dem Praktischen und dem Gewöhnlichen unterordnet. Dabei geht die ganze Energie verloren, die wir eigentlich in uns tragen und die durch Spannungen aufgeladen und „hochgepuscht“ wird.
Man sollte aber auch nicht vergessen wie stark die Wirkung von Sexualhormonen wie Östrogen und Testosteron auf unsere Sexualität sind. Zu oft wird im Kopf gesucht, aber die Körperlichkeit völlig außer Acht gelassen. Warum nicht einfach mal zum Arzt gehen und die Hormonspiegel messen lassen? Das Thema „Wechseljahre“ betrifft uns alle Menschen, nicht nur die Frauen. Wir werden einfach alle älter, weniger spannungsgeladen und weniger sexuell, wenn wir älter werden. Wir müssen uns ja nicht mehr fortpflanzen, die Sache ist sozusagen erledigt und eine spannende Sexualität würde dann nur noch „dem Spaß“ dienen. Warum sich nicht mal einen Spaß gönnen? Wer sagt, dass es verboten ist oder man diesen Weg nicht gehen darf? Wenn das Muster aus der Erziehung sind oder auf Grund von Urteilen unserer Mitmenschen, müssen wir uns ganz entschieden dagegen wenden und mit unserer eigenen Kraft überwinden. Die Freiheit liegt immer „hinter der Angst“.
Warum nicht einfach eine gute Sexualität genießen und die Blockaden aus dem Körper spülen? Neue Formen des eigenen Ichs entdecken, mit Rollen experimentieren und ungewohnte Wege gehen? Warum haben wir immer vor allem Angst und machen uns selbst so klein? Wie sollen wir wachsen, wenn wir die stärkste Energie in uns (energetisch gesehen das Sakral-Chakra) nicht endlich öffnen und fließen lassen?

Die Gesellschaft hat große Probleme mit der Sexualität und viele Probleme sind völlig ungelöst. Männlichkeit, Kraft und Aggression gelten oft als ungewollt, störend und eindringend. Sie werden von einer verkrampften Weiblichkeit (den Medien, etc.) kleingeredet und schlecht gemacht. Entfalten können sich beide nicht. Manchmal hat man Glück und die männliche Sexualität wird positiv beschrieben und mit Werten wie Potenz, Macht, Wissen und Überlegenheit in Verbindung gebracht. Bei der weiblichen Sexualität ist das schon viel schwieriger. Was ist das „besondere“ an der weiblichen Sexualität, was sind ihre herausragenden Werte? Zum Beispiel Zärtlichkeit, Sich einfühlen können, etwas empfangen, schön und attraktiv sein? Weiblichkeit kann aber auch durchaus Potenz entwickeln, wenn man als Frau z.B. spürt, wie die eigene Wirkung auf das andere Geschlecht ist. Dass man sich durch Themen wie Make-Up und Mode attraktiver geben kann und somit auch mehr Erfolg und „Einfluss“ auf Männer hat. Das ist sicherlich der Grund, warum diese Themen bei fast allen Frauen (jedweden Alters) eine große Rolle spielen, aber besonders bei den jungen Frauen zwischen 14 und 25 Jahren.
Ist die Phase der Werbung dann mal abgeschlossen, gehen die Bedürfnisse zurück, sich sexuell oder attraktiv zu geben. Das führt dann wiederum zu einem Erschlaffen der Partnerschaft und einer „etwas langweiligen“ und gewöhnlichen Ehe. Im Ideallfall gelingt es beiden Partnern, die Sexualität lange Zeit aufrecht zu erhalten. Wenn es nicht gut läuft, bleibt eher Langweile, aber auch Ausgeglichenheit und Routine.

Weibliche Werte sind insgesamt Werte, die in unserer Gesellschaft als eher schwach gelten und nicht so hoch angesehen werden. Zusätzlich wird den Frauen noch aberzogen, über ihre Sexualität zu reden oder die Gefühle darin noch mehr zu ergründen. Sich auf jemand einlassen, die passive Rolle einnehmen und die männliche Sexualität „über sich ergehen zu lassen“ passt einfach nicht zum Bild der selbstbewussten Frau, die alles alleine macht und immer in ihrem eigenen Mittelpunkt steht. Hier kollidiert das moderne Frauenbild eindeutig mit dem eigenen, biologischen Geschlecht und dessen Bedürfnis nach Fortpflanzung. Wir denken so oft, alles wäre Rolle, sozial und diskutierbar – dabei ist das meiste eigentlich nur Chemie!

Sexualität bedeutet überschreiten der Grenzen, die besten Gefühle hat man beim Begegnen der Geschlechter auf der Grenze. In der Grauzone, wo die Geschlechter eher verschwimmen und die Frau plötzlich Macht und Energie, der Mann aber auch Weichheit und Zärtlichkeit empfinden kann.
Bei der gewöhnlichen, männlichen Sexualität aus den Medien geht es mehr um das „Objekt“, um die Herabsetzung der Frau auf ihr Äußeres und ihre sexuelle Attraktivität. Frauen gelten oft erst als weiblich, wenn sie keinen großen Platz im Leben beanspruchen, sich irgendwie einfügen unter die allgegenwärtige männliche Dominanz. Jedes Aufbegehren wird bestraft und geächtet. Bewegungen wie der Feminismus sind auch nicht besonders hilfreich, eine ausgewogene und glückliche Sexualität zu erwerben. Die Verbundenheit zwischen den Geschlechtern wird dann eher zum Kampf, zum Rosenkrieg, bei dem alle Gefühle und alle Verbindungen auf der Strecke bleiben, anstatt sich zu entfalten.

Die Sexualität, vor allem die glückliche und frei entfaltete ist unsere eigene Aufgabe. Unser eigener Lebensweg, den uns niemand wegnehmen oder vorschreiben kann. Wir müssen ihn alleine gehen.

Abgrund

Odessa Explorer

Der Wasserfall hat Dich hinweg gefegt. Die Welle hat Dich hoch und runter getragen. Du dachtest schon, dass die Flut niemals endet und bist immer weiter nach unten gefallen. Mit jedem weiteren Fallen hast Du Dich daran erfreut und überlegt, wie Du den Fall noch weiter beschleunigen kannst. Es gab keine Haltestangen mehr. Manchmal denkst du, dass es falsch ist und du willst Dich dann an den glatten Wänden des Brunnenschachts festhalten, der Dich in die Tiefe zieht, aber Deine Finger rutschen nur ab an der rutschigen Wand. Du fängst an zu zittern, weil du merkst, dass das ganze real ist und es kein Halten mehr gibt. Die Veränderungen gehen in rasender Geschwindigkeit. Und mit jeder Beschleunigung wirst du süchtiger danach. Wie ein Junkie, der seine perfekte Droge gefunden hat. Die Nacht ist Dein Vertrauter geworden, hier fühlst du dich deutlich wohler. Je kühler desto besser. Tauchst Du hin und wieder im Tageslicht auf, bist Du erschrocken über deine Veränderungen. Schlaflosigkeit haben Augenringe entstehen lassen. Deine Haut ist glatt und sehr empfindlich. Du findest Dich attraktiv, aber auch ein bisschen lasterhaft. In Deinem neuen Leben bist Du komplett unausgeglichen. Eben noch ganz zart und anschmiegsam, dann auf einmal wieder reizbar und launisch. Du hast auf nichts Lust, hast an allem Langeweile und Desinteresse. Computer guckst Du nur an, wenn sie hübsche Farben haben. Du sitzt neben dem Nerd und schaust ihm bei der Arbeit zu, aber du verstehst nix davon. Du fragst dich nur, wann er dich endlich mal wieder küsst oder streichelt oder auf dich aufmerksam wird. Alles ist Sexualität, alles wird überlagert.

Wo eben noch der spielerische Austausch mit anderen Menschen stand, hat jetzt alles einen Sinn und eine Richtung. Nichts ist mehr neutral. Der geschlechtslose Klotz, der du eben noch gewesen bist, hat nun eine Polarisierung auf der weiblich steht. Alle Gedanken, alle Handlungen werden diesem Pol nachgeordnet. Du kannst das nicht beurteilen, nicht steuern oder aufhalten. Es passiert einfach. Und du bist frustriert dass es so ist, dass es sich „so richtig“ anfühlt und du süchtig danach bist.

Du suchst verzweifelt den Ausschalter, den Knopf mit dem alles angehalten wird. Du drückst einen bunten roten Knopf, aber er zerbricht unter Deinen Fingern. Du drückst einen weiteren Knopf und er verwandelt sich in eine schleimige, grüne Masse, die jetzt an deinen Fingern klebt. Du drückst einen anderen Knopf und er verschwindet in der Wand. Zurück bleibt ein großes Loch, eine tiefe Verzweiflung, eine Einsamkeit, die zu deinem neuen Zustand wird.

Du fängst an zu weinen, weil es keine Erlösung gibt. Weil sich jemand ausgedacht hat, dass es besser ist, wenn du eine Frau bist. Du weißt nicht, wer sich das ausgedacht hat und warum. Es ist eben so. So wie eine Blume eine Blume ist, eine Biene wie eine Biene umhersurrt und ein Baum wie ein hübscher kräftiger Baum mit starken Ästen aussieht. Warum solltest du ständig hinterfragen, wer du bist und warum du so bist? Die Gedanken darüber machen Dich nur verrückter und unglücklicher.

Du musst lernen, dich fest zu halten und die Schilder mit „Vorsicht“ nicht zu ignorieren. Du musst lernen dich zu achten und die richtigen Ausfahrten zu nehmen, bevor es zu spät ist. Du musst dich an den Leuten festhalten, Dir dir helfen wollen und die Veränderungen erträglicher machen. Du musst Deinen Kopf benutzen und Dinge hinterfragen. Du musst Deine Lunge benutzen und atmen. Du musst Deine Muskeln benutzen und arbeiten.. Wenn du im Dunkeln bist, musst du mal wieder ins Licht gehen. Wenn du faul bist, musst du Dich überwinden. Wenn dir kalt ist, musst du Wärme suchen.

Wenn das eine Extrem zu stark ist, dann such das gegen überliegende. Und irgendwo in der Mitte, da liegt dein Glück.

Geblitzdingst

Zuerst war da die große Wärme. Die Sonne hat mich aufgeheizt. Ich hab mich nicht wohl gefühlt. Ständig diese Überlegungen, diese Zweifel, diese Ängste, die die Wolken umherwirbelten und den Wasserdampf im Kopf verdichteten. Die Sonne hat mich immer weiter aufgeheizt. Je mehr ich meine Moleküle im Kopf gedreht habe, desto mehr Spannungen sind entstanden. Dann endlich, die Luft war voller Energie, die Atmosphäre prall gefüllt. Die Menschen waren aufgeladen, voller Ideen und Gedanken, voller Liebe und Vertrauen, wie der erste Sonnenstrahl am Morgen. Wir führten die Wolken zusammen, reibten uns ein wenig aneinander, lachten uns an, betrachteten zusammen den Himmel und die Wunder der Natur. Irgendwann ist dann ein Funke übergesprungen. Zuerst ein kleiner, schwacher, der nur ein bisschen aufgeleuchtet hat. Dann kam eine dicke Wolke, die Reibung hatte stark zugenommen. Weitere kleine Wolken zogen vorbei. Weitere Funken haben geleuchtet und geknistert. Du hast schon gedacht, dass du es jetzt geschafft und endlich hinter Dich gebracht hättest. Doch bei der letzten Wolke, der schönsten und wohl geformtesten unter allen, war Dein Widerstand bereits im Eimer. Eigentlich wolltest du diese Wolke mit all den negativen Erfahrungen weiträumig umfliegen. Du drehst Dich noch um die eigene Achse, willst irgendwas intelligentes sagen und während im Kopf das Karrussell auf Höchstgeschwindigkeit beschleunigt und Du nur noch ein Ansammlung aus Worten, Angst und Neugierde bist, wirst du von der hellsten Wolke getroffen und ein Blitz jagt direkt in dich hinein. Du guckst an Deinem Bauch herab und überlegst, wo er wohl eingeschlagen hat. Du greifst dir mit der Hand an die Stirn und sie glüht. Du fühlst dich in dein Herz und es schlägt laut und pochend. Der Blitz zieht dich und somit das ganze Gewitter heran. Die anderen bekommen das mit und stehen im Wind, der aufheult und um die Straßen zieht. Es ist eine Kaskade, die immer stärker wird. Jetzt ist es nicht aufzuhalten. Die Wassermassen bäumen sich auf, es brummelt und brodelt und ein Riesen-Gewitter zieht über dich hinweg und entlädt endlich die Spannungen.

Es dauert vielleicht eine halbe Stunde, danach ist nichts mehr wie es war. Das Internet und Telefon sind tot. Du machst den Mund auf, aber da kommt nichts mehr heraus. Die Leuchte für die Achtsamkeit ist nur noch am Blinken und sagt, das hier was nicht stimmt. Du willst etwas klares denken oder Deine Arbeit machen, aber es hat sich alles aufgelöst.
Wo eben noch die tiefe Verbundenheit zu anderen stand, ist jetzt eine große Leere und Distanz. Der Blitz hat ein Loch im Bauch hinterlassen und du weißt nicht, wie du es füllen sollst.
Das alte Leben vor dem Gewitter ist komplett verändert. Wo vorher noch klare Strukturen herrschten und alles herrlich aufgeräumt und ordentlich war, liegen jetzt Lehmkrümel und Zweige auf der Straße. In den Abwässern gluckert das Wasser, in deinem Herzen fließt ein Strom. Dein Kopf war Mittelpunkt des Gewitters. Sämtliche Gehirnzellen die für Ordnung und Struktur stehen, wurden verbrannt.
Deine Hände handeln nur noch aus dem Instinkt heraus. Du kannst sie nicht mehr bewusst steuern. Dein Mund redet Worte, die er nicht kennt, und deine Beine führen dich in eine Welt, die völlig neu ist.

Der Blitz hat eingeschlagen, die Erde wird nass.

Erinnerung- Teil 2

Musik:  NirvanaSchool / Rape me,
PaniqI cry about you every day, Kungfusion

Über mein 20jähriges Klassentreffen (das erste)

Da steht er der alte Bau. Verschandelt mit hässlicher Dekoration. Bis zur Unkenntlichkeit verbarrikadiert. Einlass-Kontrollen und Energie-Ausweise. Die freie offene Treppe zur Herrlichkeit des Geistes mit Bürokratie zugebaut. Über den Hof kann man nicht mehr frei gehen da steht jetzt ein massives, abgeschlossenes Tor.
Nur die Raucherecke sieht noch aus wie früher. Wieviele Stunden wir da verbracht haben! Die einzige freie Zeit in einer durchorganisierten und geplanten Zeit, in der andere für Dich entschieden haben, womit Du Dich beschäftigen sollst.

Und nun kommen wir an, alle 20 Jahre älter geworden und der ganze Schrecken von früher kann uns nur noch ein Lächeln entlocken.
„Allein der Geruch da drinnen…! Ich wäre am liebsten sofort wieder rausgerannt“ erzählt mir eine Freundin von einer Episode mit Ihren Kindern in diesem Gebäude. Die Widerstände sind also noch da. Die negativen Erlebnisse wie auf einer Festplatte fest gespeichert. Man kann sie nach Belieben hervorholen oder in einen „neuen Ordner“ packen. Vielleicht noch auf eine andere Platte verschieben. Nur löschen geht nicht ganz.

Und dann erlebe ich noch etwas, das ich ganz vergessen habe. „Es handelt mich“, anders kann ich es nicht beschreiben.
Ich sage plötzlich Dinge und reagiere auf Menschen, ohne darüber nachzudenken. Mir rutscht ein Kompliment nach dem anderen heraus und alles liegt mir auf der Zunge. Wo ist die coole Zurückhaltung von früher? Nur keine Gefühle zeigen, man könnte sich ja in eine unangenehme Situation bringen. Und ich bin auch tatsächlich überrascht von der positiven Reaktion anderer Menschen auf mich. Die meisten erkennen mich nicht. Ich muss jedes Mal mein Sprüchlein aufsagen, was denn alles passiert ist und wie ich früher geheißen habe und warum sich manche Vorzeichen geändert haben, aber ich immer noch der gleiche Mensch wie früher bin. Das will mir keiner glauben. 😉 Neugierige Blicken lasten auf mir, ich hätte mich doch chicer machen sollen, wo ich jetzt so im Rampenlicht stehe. Wobei mir auch die Natürlichkeit auch wichtig ist und ich eben so bin, wie ich bin.

Ich frage mich, was ich gemacht hätte, wenn schon früher alles anders gewesen wäre. Dann hätte ich einen ganz anderen Freundeskreis gehabt. Ich setze mich mit den Männern von früher an einen Tisch. Es ist genauso wie früher. Die gleichen Sprüche, die gleichen Witze, die gleichen genervten Blicke oder die freudigen Überraschungen und lustigen Einfälle. Nur ich bin anders. Ich vertrage nix mehr. Nach drei Gläsern Sekt habe ich schon genug und will auf Wasser umsteigen.

Dafür werde ich blöd angemacht und muss mir einen Spruch anhören „was, jetzt schon mit Wasser?“. Ich gucke auf die Uhr, es ist vielleicht 21 Uhr und ich denke daran, welcher Film zu Hause gerade im Fernsehen läuft. Die anderen scheinen sich recht wohl zu fühlen und haben alle viel Ausdauer. Die ganze Situation hat etwas Aufkratzendes, bewegendes, belebendes.
Einer der krassesten Erlebnisse, die ich in der letzten Zeit so durchgemacht habe. Es ist alles anders, die Welt bewegt sich, verändert sich und man ist mittendrin. Kein Stein bleibt auf den anderen. Das Leben ist ein Kontinuum und alles festes kommt uns nur so vor, weil wir so langsam denken und keine Vergleichsmöglichkeiten haben.

Ich gehe zu einer Zweiergruppe mit Mädchen, die den gleichen Vornamen wie ich tragen. „Na, da hast Du Dir aber einen hübschen Vornamen ausgesucht“ lächelt mich die eine an. „Den besten der Welt“ muss ich freimütig zugeben. Dann verwickeln wir uns schnell in interessante Gespräche. Hier ist sie also. Meine neue Clique. Mein neuer Bezugsrahmen. Ich bin mir sicher, wenn ich mit Ihnen damals mehr als drei Tage in der Schule gesessen hätte, wären sie auch heute noch meine besten Freundinnen.
Und ich mäandere wieder zwischen den Welten, kann mich nicht so recht entscheiden, wen ich jetzt cooler finde und wo ich mehr Gemeinsamkeiten finde.

Die Männer von früher haben sich zum Teil stark verändert. Viele sind kräftiger geworden oder haben mehr Gewicht.
Bestimmte Züge von früher kommen jetzt noch mehr zum Vorschein. Die gewonnene Lebenserfahrung merkt man vielen deutlich an. Nicht auf den ersten Blick, aber wenn man genau hinhört und hinschaut. Alles fühlt sich reifer an. Es ist mehr Reue im Spiel. Von dem Ausgeflipptsein von früher ist nicht mehr viel übrig. Alle sind sehr beherrscht, fast könnte man meinen, sie haben Angst wieder in in ihre alte Rolle zu fallen. Das finde ich fast ein wenig traurig, weil ich doch gerade diese Jugendlichkeit, die wir durch gemacht haben, sehr reizvoll fand. Aber man kann sie nicht bewahren. Sie verändert sich, sie entwickelt sich und an ihre Stelle treten neue Verhaltensweisen.

Viele Mädchen sind zur Zeit in der Familien-Gründungsphase. Viele haben Kinder und Partner mitgebracht. Es wirkt bei vielen sehr harmonisch, viele sind glücklich, so ist mein Eindruck. Über den Beruf und die Karriere wird auch geredet, aber nicht mehr so intensiv wie früher, als man sich die Karrierepläne ausgemalt hat und alles noch vor einem lag. Die Streber von gestern sind auch heute noch Streber. Aber das klingt so abwertend. Sie sind einfach anders. Interessierter, wissenschaftlicher, akademischer. Und die intelligenten von früher sind auch heute sehr erfolgreich geworden. Keiner spricht über Geld oder Einkommen, aber ich bin mir sicher, dass die meisten, die hier gekommen sind, sehr gut verdienen und erfolgreich sind.
Und das finde ich gleichzeitig schade. Denn von denen, bei denen es nicht so gut gelaufen ist, hört man nichts.
Man hört und sieht nur die Schokoladenseite des Lebens, aber nicht die Enttäuschungen, Probleme oder negativen Erfahrungen.

Nur einer ist bereit, offen und ehrlich darüber Auskunft zu geben. Schon bei der Begrüßung fängt er damit an, was alles schlecht gelaufen ist. Er tut mir leid, ich würde ihn am liebsten umarmen und trösten. Ich sage ein paar Worte, spüre aber, dass sie nicht ausreichen, seinen tiefen Lebenskummer zu vertreiben.

Und wer sich heute fragen sollte, ob er je auf ein Klassentreffen gehen sollte- ganz gleich welches Schicksal er oder sie erlitten hat. Ganz gleich wie groß die Gefühle und die Enttäuschungen im Inneren so sind. Ich würde sagen, es lohnt sich.
Man sollte wenigstens eins im Leben machen.

Erinnerung

Passend dazu „Caribou Jamelia

Ordentlicher Betrieb und normaler Alltag
sind bei mir im Moment nicht möglich.

Die Gedanken fahren im Kreis und eine Fülle an Daten muss neuverarbeitet werden.
Sicher geglaubte Gewissheiten lösen sich im Strom der Erinnerungen auf.

Eine Therapie des Herzens
das Leben hat dich geküsst
du hast in den Abgrund geschaut
und neben Dir an der Beerdigung gestanden.

Hübsche und junge lächelnde Gesichter
soviel Liebe und Hoffnung allüberall
soviel Neuanfänge, soviele Pläne und Ideen
neues Leben und neue Beschlüsse.

Das alte muss weichen
die Trümmer sind endgültig weggeräumt
die Musik spielt dir den Rhythmus
die Vergangenheit ist nur ein Film.

Die Blockade hat sich gelöst
dahinter fließt freie Energie
ungehindert, kraftvoll, rein
wie frisch verliebt

und doch ist es nur das alte Leben – Dein Leben!
in dem wieder ein bisschen Sinn pulsiert.

Ich bin gegangen,
In Erinnerung an die Unterdrückten und nicht-gehörten
in Erinnerung an die im Leben, die es nicht geschafft haben.

an die, die geliebt werden wollen
und umarmt von allen
an die, die Hoffnung geben und Wärme spenden

an die mit der Verantwortung
die das Leben tragen
und entscheiden.

In Erinnerung an,
Die Starken, die was bewirken
die Schwachen, die feinsinnig sind
die Faulen, die im Grunde sehr intelligent sind
die großen, die innerlich klein sind
die kleinen, die so oft Größe beweisen

die Lustigen, die ernsthafte Gedanken haben
und die Ernsthaften mit dem Schalk im Nacken.

Ich denke an die, die man nicht gesehen hat
die besseres zu tun hatten
die nicht erinnert werden wollten,
die abgeschlossen haben

noch ist der Kreis klein
aber eines Tages gehören wir alle dazu.