Posted by J.A. on Dezember 11, 2009

Gekaufte Plätzchen

Lebkuchen im Kerzenlicht

Lebkuchen im Kerzenlicht

Doreen nahm die Kopfhörer auf den Kopf, legte die Beine auf ihrem 2000 € Massage-Wohlfühlsessel zurecht, drehte die Lehne ein wenig zurück und hörte die neue X-mas CD, die sie sich heute nach der Arbeit noch schnell gekauft hatte. In der ganzen Stadt hing weihnachtlicher Schmuck, es roch nach Glühwein und auch der erste Schnee war heute endlich gefallen und hüllte die Innenstadt in eine behagliche, gemütliche vorweihnachtliche Atmosphäre.

Sie war etwas traurig, nachdenklich und verstand die Welt nicht mehr. Heute, kurz nach ihrem anstrengenden Büroalltag hatte sie noch schnell die Böden geputzt und danach ein hitziges Gespräch mit ihrer Freundin geführt.

Nach anfänglichem Geplänkel und den typischen „wie geht’s dir so“ Fragen war die Stimmung immer schlechter geworden, bis das Ganze schließlich in einem erbitterten Streitgespräch über weibliche Rollenmodelle und Aufgaben endete.

Ihre Freundin war vor kurzem Mutter geworden und immer wieder nervte sie mit Fragen, wann es denn bei ihr endlich soweit sei und ob mit Christoph denn noch „so gar nichts“ geplant sei.

Doreen nervten diese intimen Fragen und sie ärgerte sich über die Verbissenheit und Engstirnigkeit ihrer Freundin, mit der sie sich immer so gut verstanden hatte. Was ging sie denn ihr Leben an? Jeder konnte doch so leben, wie er wollte und nur weil sie jetzt auf diesen Mutti-Zug aufgesprungen war, den um sie herum so viele Frauen erfassten, brauchte sie da doch nicht mitzumachen. „Immerhin leben wir in einem freien Land“- da wird man als Frau wohl auch die Entscheidung gegen Kinder treffen dürfen, ohne von allen ausgeschlossen zu werden. Aber anscheinend befriedigte Sandra ihr eigenes Mütter-Unglücklichsein damit, dass sie die Lebensmodelle von anderen abwertete und ständig hinterfragte.

Doreen war glücklich, ohne Kinder. Christoph war gutverdienend und nett – genau so, wie sie einen Mann immer haben wollte. Sie verstand sich gut mit ihm, sie machten lange Reisen zusammen, sie neckten sich meistens und konnten stundenlang zusammen sein, ohne sich gegenseitig zu nerven. Auch im Bett lief alles hervorragend und sie war völlig frei von Babygeschrei, Verpflichtungen und Ärgernissen. Rundum: Sie genoss ihr Leben und es fehlte nichts. Ein Kind hätte sie selbst eher als Bedrohung oder Belastung empfunden. Sie war auch der Meinung, dass sie nicht genügend Zeit für die Erziehung aufbringen könnte und sie wollte nur ungern ihren Job an den Nagel hängen.

Ja, sie war glücklich in ihrem Leben und die Frage nach Kindern hatte sich ihr daher nie richtig gestellt. Nach dem Abitur hatte sie Jura studiert und der Job in der Kanzlei machte ihr Spaß. Sie war zwar nie selbstständig geworden, hatte aber ebenfalls einen netten Chef und verdiente nicht schlecht, manchmal sogar etwas mehr als ihr Mann- was den natürlich wurmte, aber er war tolerant und liebte starke Frauen.

Natürlich war ihre Mutter am Anfang entsetzt, da sie aber noch zwei Schwestern und einen Bruder hatte, die alle eine glückliche Familie vorweisen konnten, war ihr „Ausfall“ nicht so schlimm. Umso mehr nervten sie aber die Fragen und Sticheleien ihrer Freundin.

Warum meinten andere immer so gut zu wissen, was für eine Frau gut ist? Warum gab es soviele Leute, die ihr dabei helfen wollten, die richtige Entscheidung fürs Leben zu finden? Und wie konnte sie die Freundschaft zu Sandra aufrecht erhalten, ohne ständig dieses Thema anschneiden zu müssen?

Sie war verzweifelt und in ihrem Kummer stopfte sie immer mehr Weihnachtsgebäck in sich hinein. „Mit der Zeit werde ich davon auch einen runden Bauch kriegen“ dachte sie nur kurz verbittert, musste dann aber doch über ihren eigenen Witz lachen. Sie streifte sich einen Krümel aus dem Mundwinkel und dachte weiter nach.

Natürlich war alles gekauft, denn nach dem anstrengenden Büroalltag wollte sie nicht auch noch Zeit in der Küche verbringen. Das hätte sie höchstens am Wochenende machen können, aber da bereitete sie meistens die Arbeit nach oder wollte sich einfach bei einem guten Buch und einer gefüllten Badewanne entspannen.

Die gekauften Plätzchen schmeckten ihr genauso gut! Das war das Herz des Feminismus, der Gleichberechtigung. Niemand konnte sie zwingen, in der Küche zu stehen- wenn, dann würde sie es freiwillig machen.

Ihre Nachbarn waren allerdings ganz anders eingestellt und seitdem sie in diese Siedlung gezogen war, fiel ihr auf, wie wenig berufstätige Frauen es hier gab. Wenn sie mit ihrem BMW rückwärts in die Garageneinfahrt stieß, konnte sie manchmal eine Frau aus der Wohnung von gegenüber hinter den Gardinen sehen und sie bildete sich ein, dass sie etwas neidisch zu ihr geblickt hatte. Viel Kontakt hatte sie leider nicht mit den Nachbarn. Sie hatte es immer mit Freundlichkeit probiert, aber allen Versuchen zum Trotz waren diese eisig und unnahbar geblieben. Diese igelten sich in ihr eigenes Familienglück ein und so ging jeder seinen Weg.

Die eine Familie erarbeite die Steuergelder und die andere Familie von gegenüber, die nicht mit soviel Glück und Geld gesegnet war, bekam das Geld vom Staat und hatte Kinder.

„Manche Dinge ändern sich eben nie“ – seufzte sie immer noch leicht verbittert und schaltete den Fernseher ein.

Das Programm beruhigte sie und lenkte ab.

So schnell würde sie nicht mehr darüber nachdenken, darüber war sie sich sicher.

Posted by J.A. on Dezember 7, 2009

Nicht so ganz reality

Ganz anders und wesentlich besser der heutige Tag, über den ich auch nicht viel Worte verlieren möchte.

Hinter den Kulissen

Interessant aber, am Ende, die kritische Sendung „Zapp“ (ARD), die einen Beitrag über die Rücksichtslosigkeit und Profitgier der „Frauentausch“-Macher brachten. (Link, mit Video)

Im Grunde bestätigte es nur den Verdacht, den man als Zuschauer sowieso immer spürt, wenn man sich dieses Format anschaut: Es ist alles furchtbar überdreht und auf Einschaltquote getrimmt. Die Fernsehteams begleiten die Familie oft 12 Stunden am Tag, dass es dabei zu Spannungen kommt, ist schon ganz automatisch klar- jeder, der bei sich längere Zeit Besuch hat, kennt das Gefühl keine Rückzugsräume zu haben. Da muss man noch nichtmal besonders „assozial“ sein, das ist einfach menschlich, wenn es dadurch kriselt. Konflikte werden falsch zusammengeschnitten und die Inhalte tlw. auch aus der Wahrheit herausgelöst. Das heißt dann nichts anderes, als dass Tatsachen verdreht werden und die Medien-Laien keine Ahnung haben, wie sie am Ende vor einem Millionenpublikum da stehen. Aus einem friedlichen, harmonieliebenden Pärchen wird dann eine „typische“ Problemfamilie, bei der der Zuschauer -angeheizt durch die leicht zynische Stimme aus dem Off – denken soll, dass es Assoziale sind und somit das eigene Vorurteil über die Unfähigkeit derer nur noch bestätigt wird. Also nichts anderes als eine reine Meinungsmanipulation, die dem Profit zu Gute kommen soll (und andere politische Ziele könnte man damit theoretisch auch durchsetzen).

Und wenn die geschädigte Familie während der Dreharbeiten merkt, wie der Hase läuft, hängen sie schon längst in einem derart raffiniert gemachten Knebelvertrag fest, dass es kaum möglich ist, die Ausstrahlung zu verhindern.

So heftig habe ich noch keinen kritischen Beitrag darüber gesehen, aber es ist gut von „Zapp“, dass sie es mal so deutlich vermittelt haben. Dass andere Sendungen der Machart in eine ähnliche Schiene schlagen, liegt auf der Hand. Nicht immer ist die Reality-Soap so real, wie wir denken, manchmal ist es doch deutlich mehr „Soap“.

Denn was wäre die Show ohne gute Schauspieler?

Und wie ist es bei den Blogs?

Da lob ich mir die Blogs, da hat man es wenigstens noch selbst in der Hand, was man schreibt und ganz ohne Vertrag auf freiwilliger Basis kann man soviel herauslassen oder reinschreiben, wie man möchte. Nicht halb Deutschland schaut einem zu, sondern vielleicht nur ein zwei, die es überhaupt interessiert- und die anderen, die keine Skandale bekommen, für die ist es langweilig.

Ist unsere Welt denn so einfach gestrickt?

Oder sind die Blogs nicht auch erst interessant, wenn sich der Leser „wohlfühlen“ kann? Sprich, wenn er über Probleme liest, die ihn nichts angehen, die er nicht beeinflussen kann- aber die ihm bei der Bewältigung von eigenen vielleicht irgendwie helfen können?

Ja, ich würde schon sagen, dass es so ist und dies auch immer den Druck, aber auch Reiz beim Schreiben ausmacht. Viele Leser werden echte Gefühle den objektiven Analysen vorziehen. Soweit ist das auf jeden Fall meine Erfahrung.

Wieviel von mir entblöße ich und wie soll es wirken? Bin ich eine Jammertante und anschmiegsam, oder die große Macherin, die alles im Griff hat, aber doch ein wenig ausbrennt und kalt wirkt?

Und daher ist zuviel Privates nicht gut im Blog, es ruiniert den eigenen Ruf und besser geht es einem auch nur, wenn man wirklich Mitgefühl bekommt.

Und für echtes Mitgefühl braucht man eigentlich keinen Blog, da würden ein paar gute Freunde reichen.

Wer sich im Blog öffnet, der öffnet sich unverbindlich, ohne einzuengen und im eigenen Tempo. Besser hier, als nirgendwo. Lieber der Welt mehr vertrauen, als der Welt zu misstrauen und sich vor allem zu verschließen.

Andere können nur ihr Herz öffnen, wenn sie sehen, dass sich auch andere öffnen und dabei fängt man am besten bei sich selbst an.

Offenheit steckt an und vergrößert die Welt. Zu großes Misstrauen verkleinert sie und macht sie fad.

Posted by J.A. on Dezember 6, 2009

Getrennt und doch verbunden

Plätzchen und Adventskerze

Plätzchen und Adventskerze

Das war also heute mein Tag, der Vortag des 2. Advent. Ich sag es gleich vorweg, es war ein extrem unausgeglichener und seltsamer Tag.

Überhaupt fühle ich mich derzeit nicht wohl, es schwankt immer sehr. Ich bin von vielen Eindrücken überrollt und ich habe das Bedürfnis ganz schnell, ganz viel zu ändern.

Was hat das ausgelöst? So genau kann ich es nicht sagen, aber ein paar Dinge waren schon dabei. Dinge, die mein Leben in der nächsten Zeit vielleicht gewaltig und positiv ändern und das ist genau das, was ich mir sehne. Aber doch stockt es in dem alten Trott und die Mauern scheinen kurze Zeit später wieder so hoch, im direkten und auch übertragenen Sinne.

Ich könnte auf das Jahr zurückblicken, … , aber ich wüsste nicht so recht, wo ich anfangen soll. Ich könnte in meine Gefühle schauen, aber auch da herrscht momentan eher Chaos und alles scheint sich gerade neu zu ordnen. Ich hab sowas öfters in den Wintermonaten: Zuerst ist die dunkle Jahreszeit, die langsam, aber dann immer stärker wird. Zuerst nur eine kleine Verstimmung, bis es dann ziemlich schnell ziemlich dunkel und anstrengend wird.

Ich bin nicht schlecht drauf, aber irgendwie überdreht.

Meine Freunde und Bekannte können es mir momentan nicht recht machen, ich kann es verstehen. Ich weiß ja im Moment selbst nicht, wohin die Reise gehen soll.

Das ganze vergangene Jahr haben wir mit Renovierungen und Arbeit verbracht, wir haben keinen richtigen Urlaub gemacht, nur sehr kurze Städte-Reisen, die auch meistens mit Arbeit verbunden waren. Auch im dritten Jahr des Einzugs ist noch soviel zu machen und wir haben erst die Hälfte des alten Hauses renoviert. Wir machen alles (fast alles) in Eigenleistung gehandwerkt und in den warmen Sommermonaten habe ich mein Blog und auch Twitter sehr selten genutzt. Es ging einfach nicht, andere Dinge waren wichtiger. Dadurch sind Risse entstanden und ich habe meine innere Bindung an den Blog und auch die Leute um ihn herum etwas verloren. Mein Lieblingsblogpartner Hartmut hat sein Blog pausiert und das hat mich sehr getroffen. Warum noch weiterschreiben, wenn einer meiner besten Internet-Freunde nicht mehr schreibt? Ich hoffe nur sehr, dass er bald wieder schreibt.

Nun, im November und Dezember versuche ich anscheinend alles Nicht-Geschriebene nachzuholen, aber das ist wenig entspannend. Eher nutze ich meine Energie und vielleicht auch das gewachsene Durchhaltevermögen dazu, mich auch noch restlos zu verausgaben.

Wenn man dann so auf Twitter liest, wie andere ihr Leben tlw. verbringen, von ausgedehnten Weltreisen, gut bezahlten Jobs, erfolgreichen Startups, Familienglück und ähnlichem, könnte man schon neidisch werden.

Aber wem bringt das denn was? Ist der Mensch nicht immer auf irgendwen neidisch? Warum also dann nicht den Neid vergessen und einfach positiv denken? Sich darüber freuen, was man schafft und erschafft, und wenn es auch nur kleine Dinge sind. Und sich auch über das Glück von anderen freuen, denn wie der Dalai Lama in einem seiner schlauen Bücher schreibt, braucht „die Gesellschaft viele tatkräftige Menschen“, und „jeder ist wichtig“. Wir sollten die anderen grundsätzlich immer als Partner und Freunde betrachten, nie als Konkurrenten. Konkurrenz-Denken führt nur zu Unglück.

Auf Twitter scheinen vielen Leute zu schreiben, die alle viel Geld und Zeit haben, von den einfachen Leuten, die am unteren Rand des Existenzminimums leben, oder auch von Arbeitslosen und Außenseitern scheint es nicht viel zu geben. Je niedriger die Bildung, desto weniger Zugang zu Internet und modernen Medien ist gegeben oder sie werden anders genutzt. Auf Twitter sind die Leistungsfähigen zu Hause, die, die sich verantwortlich fühlen und etwas geben, aber auch gerne lenken und beeinflussen wollen. „Macher“ eben, typische deutsche Macher und Pragmatiker, die es nicht erlauben, dass man auch etwas Halbes nimmt. Perfektionisten, möchte man meinen.

Die vorherrschende Aura der meisten Twitterer erklärt wahrscheinlich auch, warum ich intuitiv die Herzlichkeit vermisse, und auch die freundliche Bodenständigkeit, die ich sonst so gewohnt bin. In Twitter gibt es viele humorvolle, aber auch zynische Menschen und Zynismus ist meistens ein Ausdruck von menschlichem Leid und Unglück. Sowas steckt an und irgendwann wird man auch zynisch, ungehalten und macht-versessen.

Natürlich hab ich kein Problem damit, in diesen Sphären mitzuhalten, betrachte es aber als Herausforderung. Mein spirituelles Gewissen mahnt mich doch manchmal, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren und daran zu denken, wo ich stehe, was ich erlebt und durchgemacht habe und wo die wirklichen Probleme des Lebens sind. Wer die Schablonen des Gewissens und der Moral aber zu eng anlegt, der wird sehr bald sehr unglücklich- also gilt auch hier wieder der richtige Mittelweg, sich nicht verkrampfen, aber auch nicht zu lasch zu sein.

Twitter ist manchmal wie eine Droge, man berauscht sich an dem guten Leben der anderen, an ihrer Freude, an ihrer Zeit, an ihrem Wissen und ihren netten Kontakten. Twitter ist aber meistens Schönwetter-bloggen, bis auf ein paar #fail Botschaften, die meistens auch irgendwie lustig sind.

Wie ich heute schrieb, kam ich dabei zu folgender Feststellung:

Dunkelheit und Kälte / Sich an der Timeline mit den vielen Seelen wärmen / und doch getrennt / Allzu menschliches Schicksal

Das ist sowas wie ein kleines Twitter-Gedicht (fällt mir immer nebenbei ein, ist eine tolle Sache, dieser Zwang in wenigen Zeichen zu denken)… und drückt mein Befinden aus.

Was bringen all die Kontakte, wenn es nicht zu realen Begegnungen kommt?

Die Menschen, man sieht nur ihre Seele, aber sie sind nicht greifbar, man kann sie nicht besitzen, man kann sie noch nichtmal wirklich beeinflussen, jeder ist im See der Internets gefangen und eine unsichtbare Mauer, die Datenleitung trennt uns. Das, was uns trennt, verbindet gleichzeitig- ist das Internet nicht eine schöne Paradoxie? Und der moderne Abenteuer-Dschungel, das unbebaute Land, nach dem sich viele sehnen. Die Projektion ihrer Ideale?

Ist nicht jeder Mensch in seiner letzten Instanz alleine- und gezwungen, sein eigenes Antlitz jeden Tag neu zu verstehen? Und ja, diese kleinen Rechengeräte mit der Leitung zu anderen, sie helfen uns mitunter dabei.

Wann und wie kann man aber moralisch erwarten, dass sich andere mit dem eigenen Schicksal auseinandersetzen?

Wann bekommt man schon mal Lob und Zuwendung? Wie kalt die Welt doch meistens ist und wie sehr wir uns nach ein wenig Liebe in der kalten Welt sehnen.

Das Gefühl, wirklich mit der Welt in Verbindung zu sein und nicht nur mit den scharfen Schemen, die dunkel auf den Schnee gezeichnet werden.

Und doch macht es süchtig, diese schwebende Leichtigkeit über den Dingen. Es erfrischt den Kopf und es klärt die Seele. Es wirkt, obwohl man gar nichts zu sich genommen hat.

Außer ein paar Informationen.

Categories: Privates
Tags: , ,
Posted by J.A. on Dezember 4, 2009

Twitter richtig nutzen, für Anfänger

Twitter ist momentan mein Lieblings-Web 2.0 Medium (Link zu meinem Profil) .

Über keins hab ich mich bis jetzt mehr ausgelassen, geärgert, gebloggt, gefreut und mich innerlich beschäftigt. Das gigantische vernetzte Gehirn „Internet“ bringt ja immer mal wieder neue Trends raus, die die Nutzung wirklich verändern und nicht nur oberflächlich- und ich würde Twitter auf jeden Fall dazu zählen. Ob das ebenfalls sehr gehypte Google Wave auch mal dazugehören wird oder sogar schon eine Fortsetzung des Ganzen ist, wird sich zeigen müssen.

Aber bei Twitter kann ich es auch besser abschätzen, weil ich es inzwischen besser kenne (bin seit ca. einem Jahr dabei, aktiv seit ca. einem halben Jahr). Ich habe zwar erst knapp 240 Follower und bin auch auf nur drei Listen verlinkt, aber ich lese sehr viele Tweets und beschäftige mich innerlich viel mit der Technik und auch den zwischenmenschlichen Abläufen.

Unbedingt neue Follower zu bekommen ist nicht unbedingt das oberste Ziel, es ist eher ein Nebeneffekt, wenn man alles richtig macht und diejenigen Leute findet, die einem zusagen UND gleichzeitig für Trends stehen. Wenn man eher Leuten folgt, die etwas besonderes darstellen und ebenfalls nicht so sehr Wert auf Verlinkung setzen, dann ist Twitter auf jeden Fall sowas wie eine Personen-Suchmaschine und hervorragend geeignet, um neue u. interessante Leute für das eigene Netzwerk zu finden (ganz gleich, wozu man dieses Netzwerk braucht).

Twitter ist so besonders, weil hier dezentral die Meinungen veröffentlicht und publiziert werden, weil es keinen gemeinsamen Chatraum gibt, sondern eben immer nur Gesprächs-Fäden mit den Menschen und Themen, die einem im Moment am meisten zusagen.

Dieses Prinzip „Follower“ und „Gefollowte“ bedeutet aber auch, dass es nicht ohne Zeit geht. Man muss sehr viel Zeit investieren, bis man Menschen findet, die einem zusagen. Wenn man nicht nur nach Äußerlichkeiten, Macht und Einfluss gehen möchte, lohnt es sich, die Tweets von anderen eingängig und lange zu lesen und dann im Einzelfall zu entscheiden, ob dieser Mensch auch wirklich alle Interessen oder zumindest die wichtigsten mit einem teilt.

Durch die Kürze und Häufigkeit der Nachrichten ist es nicht so gut möglich, den eigenen Charakter zu verschleiern und es ist auch schön, dass viele Leute über ihr Privatleben und ihre Befindlichkeit „twittern“- das macht es viel besser zugänglich und auch menschlich relevant.

Twitter verhindert, dass man die Kontakte wieder aus den Augen verliert, weil z.B. jeder einen anderen Messenger benutzt oder gerade nicht online ist. Twitter ist immer online und auch im eigenen Account wird immer geschrieben- es gibt also immer eine messbare Aktivität oder zumindest eine Timeline, wo man interessante Bookmarks, Songs und ähnliches zurückverfolgen kann.

Wenn man noch so einen Musik-Dienst wie Blip.fm nutzt, hat man immer auch einen virtuellen Kassettenrekorder dabei, vollgestopft mit Kassetten und Tracks der eigenen Lieblingsongs…und derer von Freunden.

Es ist wirklich praktisch. Durch das Web-Interface kann man von überall darauf zugreifen und auch das kleinste Smartphone wird mit den technischen Anforderungen zurechtkommen, ich habe Twitter z.B. erfolgreich auf dem DS eingesetzt und twittere dann oft auf dem Sofa, beim Fernsehen in den Werbepausen. Wireless-LAN und DSL machen es möglich, viel technischen Aufwand braucht man nicht.

Wie kann man nun Leute finden, die ähnliche Interessen haben?

Dazu gibt es viele Wege, aber der folgende Weg hat sich als sehr praktisch erwiesen:

  • Man gehe auf http://search.twitter.com/
  • Man gebe einen Suchbegriff der eigenen Persönlichkeit und des eigenen Interesses ein: Z.B. „smartphone“, „Politik“, „Zensursula“, „Gleichberechtigung“ oder was auch immer
  • eine Liste mit Twitteren und ihren Tweets erscheint, daraus picke man sich einzelne und schaut sich deren Profile an
  • man überfliegt die Profile, entscheidet nach dem Gesagten- vielleicht auch nach Bild, der Webseite und dem jeweiligen Beschreibungstext
  • bei Gefallen addet man den Twitterer hinzu
  • man wartet ein wenig, wenn es dem anderen auch so geht, (er bekommt nämlich eine Mitteilung darüber), wird man auch ge-followt
  • das Netzwerk (der eigenen Themen) vergrößert sich (ERFOLG!)
  • dann sollte man darauf achten, mit den neuen Kontakten auch zu chatten, zu „tweeten“; denn wenn man es nicht macht, verliert man vielleicht wieder jemand
  • oder man merkt, dass es doch nicht so passt und der Kontakt löst sich wieder (ganz leise) auf (wieder zurück auf Start..)

Interessant ist z.B. auch, dass ich regelmäßig Leute finde, denen ich zwar nie schreibe, die ich aber dennoch immer interessant und lesenswert empfinde. Ich bin einfach der Meinung, sie machen ihre Sache gut und will sie nicht bei der Arbeit stören. Dennoch, hin und wieder eine positive Rückmeldung senden, kann nicht schaden. Selbst der fleißigste Twitterer freut sich darüber, wer denn nicht?

Twitter ist mit den Menschen reden, anstatt aneinander vorbei, das ist seine Stärke. Es macht das Netz menschlicher und sozialer und das ist gut so.

Es ist in der Summe die Erfindung mit der größten Neuheit und auch mit dem meisten Nutzen für den mitteilungsfreudigen Internet-User. Es ergänzt Blogs perfekt, man teilt aufgeschnappte Nachrichten in kleine Portionen ein oder handelt sie ausschließlich dort ab, bekommt Rückmeldungen und Anregungen- schneller geht es nicht.

Zum Schluss bleiben die einzigen Kritikpunkte an Twitter, die schlechte Rücklaufquote bei den Followern (sowohl bei den Tweets als auch beim Zurück-Gefollowt werden) und die Tatsache, dass es Wenig-Nutzer und Anfänger eher abschreckt.

All diese Nachteile werden aber von den Vorteilen übertroffen und richtig genutzt, ist Twitter eine prima Sache.

Andere J.A. Blog-Artikel

http://www.ja-blog.de/2009/10/personliche-twitter-analyse/
http://www.ja-blog.de/2009/02/lustige-zwitter-spruche-teil-1/

Weiterführende, externe Links

http://dirk-baranek.de/internet/twitter-fur-anfanger-so-kann-es-losgehen/

Categories: Medien, Soziales
Tags: ,
Posted by J.A. on Dezember 3, 2009

Blog Special Schreiben- Teil 6

Die anderen Teile: HIER

Jede Schwäche kann zur Stärke werden

Was sind die Stärken des Blogs, ist auch die Frage, was sind meine Stärken?

Das bringt uns unweigerlich auch zu persönlichen und geschlechtlichen Fragen, die sich jeder Autor und jede Autorin täglich neu stellen muss und die, wenn sie richtig verarbeitet und integriert werden, die eigentliche Substanz jeder kreativen Arbeit sind. Man kann es nicht oft genug betonen, hier liegt der Schlüssel zum Erfolg, aber auch zum Glück, vor allem wenn man die ethischen und spirituellen Fragen miteinbezieht.

Ich habe mir z.B. meine letzten Artikel angeschaut und stelle fest, dass sie alle so negativ klingen. Von „Vergifteter Stimmung“ ist da die Rede, von Zerbrechlichkeit, Untergang, Selbstmord und Depressionen. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, ich bin eine blutrünstige Krimi-Autorin oder eine Skandal-Reporterin, die immer nur über Schlechtes schreibt. Auch wenn ich versuche, die schlechten Dinge beim Namen zu nennen und Lösungen zu erarbeiten, so bleibt doch das Negative hängen, zumindest in den Schlagzeilen, aber vielleicht auch in den Köpfen?

Bei vielen Leuten, bei denen ich so in der Nachbarschaft lese, stelle ich immer wieder fest, wie kritisch die meisten Menschen mit der kritischen Meinung von anderen umgehen, so als sei dieser Monat der Monat der gegenseitigen Kritik. Jeder auf seinen eigenen Gedanken, aber niemand gemeinsam im Boot. Ist das nicht das eigentliche Problem? Jeder wirft dem anderen persönliches Versagen, Rechthaberei, Engstirnigkeit und andere Schwächen vor- wann aber sitzt man schonmal an einem Tisch und beredet die Probleme miteinander? Klar, es gibt sie die Momente und ich will auch nichts schlecht reden… aber mir fällt schon auf, dass Rechthaberei doch auch ganz allgemein eine menschliche Schwäche ist, die wir fast alle haben. Rechthaberei ist eben auch ein Ausdruck der eigenen Persönlichkeit und ist in Maßen genossen hilfreich, angenehm und Ausdruck von Persönlichkeit. In Maßen! :-)

Und jetzt, in der Weihnachtszeit, sollten wir Frauen speziell nicht lieber über Plätzchen-Rezepte, über Geschenkideen und die aktuellsten Mode-Tipps tratschen? Die Probleme verdrängen und uns lieber mit Konsum-Gütern berauschen? Warum nicht? ;-)

Überhaupt, wir Frauen! Warum habe ich keine richtige enge Freundin, warum sind die kritischen u. intellektuellen Frauen immer so einsam, oder täusche ich mich da in der Wahrnehmung? Bedeutet der Gang in die Tiefe auch der Gang weg vom Gegenüber, weg von der Welt? Nun, ich kenne die Antwort…

Denken und argumentieren sind traditionell schon immer Männer-Domänen gewesen. Fast immer waren es die Männer, die wichtige Säulen der Meinung projiziert und notfalls auch mit Gewalt verbreitet haben, Frauen waren meistens nur schmückendes, gebärendes und kochendes Beiwerk. Sinnvoll, freilich- aber machtlos. Nur ausgestattet mit einer feinen, unsichtbaren Macht, die jedem Manne schon immer ins Gesicht geschlagen ist, der dies mit Kälte und Stolz beantworten wollte. Und ja, auch von denen gibt es heute noch viele…

So ist es auch kein Wunder, dass die wichtigstens Blog in der deutschsprachigen Blogosphäre alles Männer-Blogs sind. Das Blöde am Patriarchat ist, dass diejenigen, die es vertreten, meistens gar nicht merken und wissen wollen, dass es so ist. Die Sicht der Dinge ist aus Männersicht meistens ganz anders als aus Frauensicht und ich bilde mir da ein qualifiziertes Urteil ein. Darf ich das?

Frauen hören auf die Zwischentöne, und sind meistens emotionaler und menschlicher veranlagt. Sie definieren sich auch ganz anders und haben andere Interessen und Weltbilder.

Alleine im Raum stehen und eine Meinung nur für sich vertreten, dabei noch Karriere machen wollen, all das schickt sich für eine Frau nicht, für die ewige Hüterin der sozialen Kontakte und des familiären Friedens. Man mag es nicht glauben, aber die soziale Kultur hängt der technischen Entwicklung in unserem Jahrtausend weit nach. Einfach, weil sie von niemandem mit Nachdruck entwickelt wurde und wir der Technik und dem Verkaufbaren stets den Vorrang gaben.

Klar, wo Männer an der Macht sind, werden eben auch nur männer-relevante Dinge fortentwickelt und weiche Themen, alles psychologische, weiche und Soziale liegt den meisten Männern halt nicht so. Es nicht entwickeln zu können, wiederum ist das Dogma und die Falle der männlichen Geschlechtsrolle.

Auch so Leute wie unsere Bundeskanzlerin würde ich als „männlich“ bezeichnen, zumindest in den Werten und Dingen, die sie vertritt, ist sie für mich keine typische Frau, kein schwaches, emotionales Wesen, sondern eben eine Karrierefrau- vielleicht eine angepasste?

Um es kurz zu machen, ich glaube schon, dass man als Frau (auch als typische, weibliche) gut bloggen kann, ganz egal was für Interessen, Veranlagungen und für Vorgeschichten man hat.

Ich denke, es ist nicht gut, sich von der feministischen Denkweise zu sehr einschüchtern oder gar schlecht reden zu lassen. Es ist so typisch für das weibliche, die ewige Selbstkritik und nicht nach draußen wollen, sich nichts zuzutrauen und schon gar nicht das eigenständige Denken.

Selbstbewusst auftreten, die Zweifel überwinden, einfach das machen und durchziehen worauf man Lust hat- das sind durchaus männliche Eigenschaften, die man braucht, wenn man bloggt.

Aber die weiblichen Fähigkeiten und Eigenschaften haben auch ihre Stärken und genau diese Stärken muss man erkennen. Man muss weg, von dem Glauben, dass man schlechter und unfähiger ist, nur weil man eine Frau ist. Und auch als männlicher Autor lohnen sich die übermäßigen Selbstzweifel doch nicht. Zweifelt euch nicht ständig selbst an, es reicht, wenn es andere tun.

Denen könnt ihr dann mit aufrechtem Gang das Gegenteil beweisen- und ganz nebenbei lernt ihr gutes Schreiben, Denken und Argumentieren.

Also steht zu dem was ihr seid und seid stolz darauf, ob Frau, ob Mann und welchen Glaubens auch immer.

Seid einfach so wie ihr seid, das ist genug.