Archiv: Juni 2009
Die Legende
In the closet
Mit fast keiner Silbe lese ich bei den Meinungen zu Michael Jackson etwas zu seiner Androgynität. Doch ist es doch gerade das, was ihn damals so sehr ausgezeichnet hat. Zumindest fand ich diese Zwei-Geschlechtlichkeit und vor allem seine feminine Art immer sehr herausstechend. Michael Jackson ist der Vorläufer eines neuen Männerbildes. In unzähligen Videos verkörpert er immer jemand anders, er spielt Rollen. Er lässt sich von den Produzenten, beinahe wie eine Frau als Objekt, als perfekten Tänzer und Sänger stets neu inthronisieren. Zweifellos ein Held, ein König mit Würde.
Und so perfekt, stets auf den Punkt- wie die elektronischen Drums, die ihn begleiten und in jedem Lied sehr ähnlich sind. Ja , es gibt den typischen “Jackson-Beat” und die typische “Jackson-Drum”. Unverkennbar und schon fast ein Vorläufer von moderner Disco- und Technomusik. Seine Musik hat die elektronischen Drums populär gemacht. Das ganze Orchester wird in den Hintergrund gedrängt, ist nicht mehr wichtig.
Dirty Diana
Er wird zum Spielball der Musik und die Musik wird zum Effekt. Die Musik wird zum Video, das Video wird zum Erlebnis. Und Michael ist mittendrin.
Die Massen jubeln, das Hemd ist weiß. Die Stimme voller Sehnsucht. Er schreit eine neue Zeit heraus. Eine Zeit ohne Krieg. Eine Zeit ohne Hass. Eine Zeit voller Verständnis. Er verkörpert das Lebensgefühl der 80er Jahre wie kein anderer. Wenn ich an die 80er Jahre denke, dann muss ich an Michael Jackson denken.
Dann sehe ich Panzer, hungrige Kinder, schlagende Polizisten und zwischen allen, ein Mann der sich selbst (!) von schwarz nach weiß gewandelt hat und mit seiner Musik die ganze Welt auf den Kopf stellte.
Stets war er der Messias, der Retter. Er gab den Menschen das, wonach sie sich sehnten: Liebe und Verständnis, Mut, Kraft und eine geballte Ladung positiven Zorn.
Seine Musik ist mutig. Laut. Bahnbrechend.
Und doch wirkt er dabei zart und zerbrechlich wie eine Frau.
Beat it
Popmusik war inzwischen weit mehr, als nur Musik und schreiende Teenies. Musik fing an, Botschaften zu transportieren. Und immer begleitet, von dem jungen Mann mit der empfindlichen, aber doch zackigen Ausstrahlung.
In diesem Video sieht man noch sein altes Gesicht, vor der “Verwandlung”. Hier wirkt er wie der typische Anti-Held aus einer sozial schwachen Schicht, was er vielleicht auch gewesen ist. Ein Mann geht seinen Weg. Auch das ist ein Traum. Von so vielen. Der amerikanische Traum.
Er stellt sich den Gangstern, den Fratzen aus seiner Vergangenheit entgegen, die alle nur so vor Männlichkeit und Kraft strotzen. Die Botschaft ist klar: Ich nehme es mit allen auf, egal wie viele es sind.
Ich schlage sie. So wie sie mich geschlagen haben. Aber mit meinem ganz speziellen Beat. Musik gegen Gewalt.
Ein Konzept, das funktionierte.
Billie Jean
Ein Lied, an das ich mich noch gut erinnern kann. Langsamer Beginn. Traurige Stimme. Bekannter Beat.
Voller Sehnsucht. Wieder eine perfekte Kulisse. Pop meets Hollywood.
Lässig. Salonfähig. Überlegen.
Diesmal steht er ziemlich alleine auf der Bühne, was ungewöhnlich für seine vielen Videos ist, die vor Nebendarstellern immer nur so glänzten.
Stattdessen wird ein Trick aus den alten amerikanischen Comicfilmen benutzt: Rahmentechnik, die die Szene immer wieder zerteilt und die Geschichte optisch begleitet.
Black or White
Kleine Jungs werden zu Helden. Schwarz oder Weiß, das ist egal.
Erinnert mich an die eine Werbung von Benetton. Vor allem das Morphing muss damals phänomenal gewesen sein, als Computer für den Privatgebrauch noch nicht soviel leisteten und das Wort “Bildbearbeitung” für die meisten ein Fremdwort war.
Bad
Who´s bad?
(Der Bericht musste an dieser Stelle unterbrochen werden, weil die Autorin sich zu einer spontanen Tanzeinlage hat hinreißen lassen und nicht mehr aufhören konnte.)
Ein Nachruf
auf Michael Jackson
Während ich auf meinen Besuch warte, läuft im Hintergrund “They don´t care about us” – ein Song des kürzlich verstorbenen Michael Jacksons. Ich wünsche mein aufrichtiges Beileid. Diese Gedanken dienen dazu, die Trauer zu verarbeiten, die sich um den ganzen Globus gespannt hat und auf seltsame Weise alle Seelen berührt. Auch meine.
Aus Angst vor gierigen Plattenbossen, der GEMA und ihren Schergen (Anwälten) versage ich mir das Veröffentlichen seiner Lieder im Blog. Im Radio haben sie heute gesagt, dass erwartet wird, dass seine Platten sich nun wesentlich besser verkaufen werden als noch zu Lebzeiten, dass es einen regelrechten Run auf die Musik geben wird. Aasgeier, denke ich mir. Als ob sie nichts besseres zu tun haben, als schon wieder an die Vermarktung und das Geld zu denken. Aber auch das ist Teil unserer heutigen, kranken Welt.
Was aber zeichnete Michael Jackson wirklich aus, welche Bedeutung hatte er für die Menschen und welche für mich?
She´s a pirate
Ich bin schon den ganzen Tag in einer gehobenen Stimmung. Den ganzen Tag geht mir diese Titelmelodie “He´s a pirate” von Fluch der Karibik durch den Kopf, die ich heute mittag ausgiebig und in verschiedensten Variationen gehört habe. Sie half mir beim Putzen. Die positive Energie der Instrumente verwandelte ich in pure Schaffenskraft und mit Leichtigkeit verschwand heute der Staub vom Boden und der Dreck vom Waschbecken. Wahrscheinlich liegt es auch an der Sonne, denn heute war es sehr sonnig und fast die ganze Zeit über 25 Grad. Leider auch etwas schwül.
Ich bin mir sicher, dass die Musik Menschen verändern kann. Ich bin sehr Musik-abhängig geworden, höre an manchen Tagen fast ständig Musik, vor allem am PC. Es arbeitet sich leichter. Inzwischen kann ich mit Musik besser arbeiten, als ohne.
Dazu die ständigen Signale und Inputs von Twitter, woraus eine köstliche Illusion des sozialen Alltagslebens entsteht. Man denkt und fühlt, man wäre mit anderen zusammen, doch am Ende ist man es nur virtuell. Dennoch, das Gefühl reicht und erfüllt mich irgendwie mit Freude.
Morgen bekomme ich Besuch. Realen Besuch. Auch darauf freue ich mich. Eine alte Schul- und Kindergartenfreundin, eine der wenigen, mit der ich noch Kontakt halte- die sogar von selbst wieder auf mich zugekommen ist, was etwas Besonderes ist.
Ich habe mich gestern gedanklich mit dem Thema “Öffentlichkeit” und “Privatleben im Netz” auseinandergesetzt. Bei Hart aber fair war das das Titelthema.
Es gab ein paar neue Argumente und inzwischen bin ich wieder fest der Meinung, dass es nicht schadet, dass es aber darauf ankommt, wieviel und was man von sich preisgibt. Es ist überhaupt eine Sache, die mich mal wieder sehr beschäftigt.
Nicht zuletzt durch andere Blogger, die eine sehr offene Art zu schreiben haben und dadurch viele Leute kennenlernen, frage ich mich, ob ich alles richtig mache. Ich habe eine andere Art zu schreiben, denn ich bin ein anderer Mensch.
Ich lege viel Wert auf lange Texte und lese sie gerne. Ich lese auch bei anderen gerne lange und durchdachte Texte. Ich mag Kultur, Bildung, Politik und Tiefgang. Ich lehne das Oberflächliche etwas ab und werde damit oft nicht so warm.
Mit persönlichen Freundschaftsbekundungen und Liebesbeweisen, ja auch mit Komplimenten und “sozialen Themen” tue ich mir seltsam schwer, bin in meinen Kontakten etwas schwerfällig und zurückgezogen.
Es ist nicht so, dass ich andere Menschen nicht mag- aber ich sage es vielleicht nicht so direkt. Zudem besteht der Wert von Freundschaft und sozialer Nähe für mich aus etwas anderem, aus etwas tiefergehendem. Nur leider erreicht man das tiefe oft nicht, wenn man das oberflächliche nicht auch ausprobiert. Ich sollte also vielleicht von meinem hohen, grübelnden Ross runterkommen und einfach mitmachen. Bei Stöckchen-Aktionen, bei Bilderaktionen, bei privaten Geschichten und was es sonst noch alles so gibt.
Erschwerend kommt noch dazu, dass ich mein Blog gerne weiter kommerzialisieren würde, dass ich richtig Gefallen am “redaktionellen Schreiben” gefunden und viele Ideen, auch in Richtung Bücher und länger zusammenhängende Themen habe. Ich denke, zuviel private Themen wirken da vielleicht etwas störend und man kann es nicht allen Wünschen in einem selbst recht machen.
Ich denke an die Anfänge meiner Webseite. Es war dort anders. Ich gab mehr von mir privates preis und die Leute honorierten das im Gegenzug auch mit ihren privaten Geschichten. Ich bekam pro Tag mehrere Anfragen über das Kontaktformular und der Wortlaut war meistens ähnlich : “du bist eine sehr sympathische Frau, tolle Webseite, ich habe da ein ähnliches Problem…” und schon ging es los. Ich habe das gemocht und diese Emails auch fast immer alle beantwortet. Aus manchen Kontakten ergaben sich Freundschaften und mehr. Es war eigentlich eine tolle Zeit. Aufregender, aber auch anstrengender als die heutige Zeit, wo ich vieles von damals verdränge.
Und wie verhext ist es, dass ich ab dem Zeitpunkt, als ich mir gesagt habe, dass damit jetzt Schluss ist- auch immer weniger solche Anfragen kamen. Ich wurde immer objektiver, analytischer, nüchterner. Ich befreite mich auf der einen Seite von meiner Krankheit. Vom Drang nach Geltung und Aufmerksamkeit- aber irgendwie schnitt ich auch das Emotionale, das Liebe und Freundschaftliche gleichermaßen in mir ab.
Was sicherlich auf die Dauer, keine gute Entwicklung wäre.
UPDATE
Wann aber liegt die Verantwortung für das glückliche Leben in einem selbst und wann ist es die Gesellschaft, in der man lebt?
Jeder, der irgendwann mal das Gefühl hatte, dass die Welt um einen herum einfach krank ist, sollte vielleicht mal dieses Buch lesen. Es ist schwere Kost, aber wenn man sich darauf einlässt, sind die einen oder anderen interessanten Erkenntnisse dabei.
Eine meiner Kernfragen, wird schon ganz am Anfang behandelt, wenn es um die Frage geht, ob der Mensch in der Gruppe gesund bzw. gesünder als der Einzelgänger lebt- und Fromm kommt zu der einfachen Erkenntnis, dass nur der Mensch, der sich seine Welt selbst schaffen kann und sich dem Wert seiner Taten voll und ganz bewusst ist, ein gesunder ist.
Umgekehrt bedeutet das, dass er die Gruppe als maßgeblichen Bezugsrahmen sogar ablehnt, weil der Mensch hier seine Individualität zugunsten von anderen aufgibt und sich quasi in Abhängigkeit verstrickt.
Man sieht, das neumodische, pädagogische Gerede von den sozialen Kontakten ist mitunter nur aufgesetzt und entspringt genauso einer normativen These wie so vieles andere. Gerecht wird die Theorie immer erst dann, wenn sie in der Praxis als wirkungsvoll und adäquat empfunden werden kann. Wenn ein Mensch lieber Kontakte hat, als der andere, der zum Einzelgängertum neigt, dann ist das halt so. Es gibt kein objektives richtig oder falsch.
Auffällig ist zudem das Verhalten von vielen Leuten in Twitter: Die Rücklaufquote von Anfragen ist derzeit überraschend gering (ca. 10 Prozent). Man fragt sich, was die Menschen mit Fragen machen, die in ihrem Fenster erscheinen. Ob sie sie als störend empfinden in ihrem narzistischen Weltbild- vielleicht auch nicht verstehen? Aber warum verbringt ein Mensch dann Zeit mit Twitter, wenn er erst noch nichtmal schafft, die einfachsten 100 Zeichen zu beantworten oder mit Dankbarkeit zu beantworten? Seltsame Welt!
Ja, sie darf vielleicht ein wenig krank genannt werden.





