Blog Special Schreiben Teil 3

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Heute: Neue Medien

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich über den festen Einband gestrichen habe und die zarte Maserung bewundert und mit den Fingerspitzen befühlt habe. Die glänzende, in kleine Schnitte geteilte Folie, die fast unsichtbar den Papierrand zierte. Die Schwere des Werks, dass so deutlich in der Hand lag und immer erst abgelegt und aufgeschlagen werden musste, bevor es mir seinen geheimnisvollen Inhalt offenbarte. Ein leicht abgestandener Geruch nach Papier und Druckerschwärze kam mir entgegen. Neugierig blätterte ich die Seiten um, wälzte mich buchstäblich durch die ellenlangen Seiten und die nie enden wollenden Seitenzahlen, bis ich endlich zum Stein der Weisen vorgedrungen war und dem Werk eine einzige Erkenntnis entlocken konnte. Hin und wieder war mein Ehrgeiz geweckt und ich wagte es, einen benachbarten Artikel zu lesen, der mit dem meinigem erstmal nichts zu tun hatte. Ich erinnere mich außerdem daran, dass ich als Kind mal beschlossen hatte, so ein Lexikon von A nach Z durchzulesen, ein Kinderlexikon wohlgemerkt, aber doch war ich auf Grund der Langweile schon bald gescheitert.

Wie kurzweilig und zielgerichtet das schnöde Eintippen der Textzeilen in eine Suchmaske und das darauf folgende „auf- die- Enter- Taste- hämmern“ dagegen wirkt. Und doch ist gerade diese Einfachheit der Schlüssel zum Erfolg, wenn man den Aussagen Glauben schenkt, dass es im Februar 2008 wahrscheinlich die letzte Brockhaus-Ausgabe gegeben hat.

Vernichtend und traurig wirkt da nur die einzige Rezension, die es beim Amazon-Buchhändler zu diesem Werk gibt.

Ein wenig zynisch mag zudem der Versuch sein, gerade die Quelle zu benutzen, die für den Rückgang der klassischen Lexika verantwortlich ist: Das Online-Lexikon Wikipedia. Aber der Größenvergleich kann sich sehen lassen.

Wenn man sich diese Zahlen durchliest und dann so Einzelfälle wie den Untergang der klassischen Lexika betrachtet, kann nur ein Schluss gezogen werden: Wir stehen nicht nur vor einer gigantischen Umwälzung unserer gesamten Medien- und Informationslandschaft, wir sind mittendrin. Und, alle Entwicklungen zusammen genommen sieht es so aus, als ob die Erfindung des Internets und anderer elektronischen Helferlein ähnlich revolutionär zu interpretieren ist, wie einst die Erfindung des Buchdrucks.

Niemand, der auch nur annähernd mit dieser Branche zu tun hat, kann und darf davor die Augen verschließen. Das Internet ist die bedingungslose Zukunft für unsere Informationseinspeisung und es bleibt die große Frage, ob es ein Zweierlei (also gedrucktes Buch und Netz) in absehbarer Zeit noch geben wird.

Ähnlich wie in der Musikindustrie werden die traditionellen Märkte eines Tages wegbrechen und die reinen, digitalen Publikationen unser Wohnzimmer beherrschen. Am Anfang wird sich Unmut breitmachen und auch die elektronischen Lesegeräte werden die meisten verschrecken. So wie aber heute leichtfertig und ohne darüber nachzudenken zur Digitalkamera gegriffen wird, wird es auch dem klassischen Buch passieren. Ich schätze mal, die Zeit bis dahin beträgt zwischen fünf und maximal zehn Jahren. Die Entwicklung der Technik ist im Moment so rasant, dass es sogar noch schneller passieren kann, solange die Verbraucher und die Märkte mitmachen, die letztendlich- allem freien Geist zum Trotz- die Spielregeln bestimmen.

Kritische Stimmen, die sich gegen die modernen Medien stellen, gibt es sehr wenige. Die meisten sind wahrscheinlich auf Grund intensiver Nutzung darauf eingestellt und praktisch überzeugt, dass nicht der Geist bedroht oder verschlechtert wird, sondern durch die neuen Formen im Gegenteil mehr als bereichert wird. Im Internet finden wir alles schneller, mehr, übersichtlicher, strukturierter, nachvollziehbarer und menschlicher (“sozialer”) als in allen anderen, bis dahin gekannten Formen des Informationsaustausches. Allein durch die Masse der Autoren an einem Werk und die ständige Bearbeitung eines Textes oder einer Meinung im Forum wird eine Präzision und Tiefe erreicht, von der der beste Einzelne nur träumen kann.

Und hier entsteht die Frage, wo dann der Einzelne überhaupt bleibt, wenn die Masse doch so viel mehr erreichen kann? Wird mit dem Internet und den modernen Formen des Meinungsaustausches auch das Individuum verschwinden? Werden wir zu einem Gesamt-Wesen verschmelzen? Oder sitzen wir einfach nur zu lange am Monitor und verlieren den Bezug zur Realität ? (…)

Was ist Realität eigentlich? Was ist Meinung? Wieviel zählt der Einzelne? Werden auch die Romane gemeinsam geschrieben? Gibt es da noch mein Wissen, meine Rechte? Wie regeln sich dann die Einnahmen?

Soll man ein Projekt alleine starten oder es gleich in den Topf des Universal-Wesens werfen?

Neben den vielen Fragen bin ich davon überzeugt, dass sich ein natürliches Gleichgewicht einpendeln wird und wir nichts zu befürchten haben. Es wird alles ein wenig anders, schneller, bequemer, erreichbarer. Sicherlich ist auch eine Kulturflatrate eine Sache, die Zukunft verspricht: Ich zahle einen festen Betrag und lade mir unbegrenzt Medien, Filme, Bücher, usw.

Die Politik muss darauf achten, dass jeder Mensch einen Zugang zum schnellen Internet erhält und auch die entsprechenden Fähigkeiten angemessen unterrichtet werden. Der Bürger muss ein mündiger Informations-Bürger werden, sonst hat die neue Welt keinen Sinn. Harte Arbeit nimmt einem das Netz nicht ab, recherchieren, zusammentragen und nachdenken muss man immer noch selbst.

Und so schließe ich das Werk frohgelaunt an dieser Stelle, nehme das dicke Buch und stelle es in das Regal zurück. Wo es wahrscheinlich noch eine sehr lange Zeit stehen wird….

Weitere Teile des Blog-Specials

http://www.julia-adriana.de/2008/10/blog-special-schreiben-teil-2/
http://www.julia-adriana.de/2008/10/blog-special-schreiben-teil-1/

5 Kommentare

  • Das hast Du sehr schön auf den Punkt gebracht. Ich sehe die Problematik dieses Gesamtkunstwerks, in der jeder die Möglichkeit hat, sein Wissen, seine Gedanken zu einem großen Informationsberg anzuhäufen, ähnlich.

    Es birgt nämlich eine Gefahr: Die Menge.
    Ich kenne genug Menschen, die es abschreckt, wenn sie bei mir im Blog einen längeren Artikel lesen. Marcella sagte mal, dass sie manche erst gar nicht liest, wenn sie mit der Maus ewig scrollt, um die Länge des Textes abzuschätzen. Nicht der Inhalt interessiert sie dann noch. In der Kürze liegt die Würze.
    Klar, war es bestimmt früher so, dass es auch Leser eines Buches vorzogen, dieses nur bruchstückhaft zu überfliegen, aber eigentlich zwang das Buch den geneigten Leser doch zum innehalten. Er sollte sich darauf einlassen.

    Der Trend der immer schneller wachsenden Informationsberge, die Menge der Medien zwingt die Menschen, alles nur noch häppchenweise zu konsumieren. Niemand kann mehr alles lesen, interpretieren und verstehen. Dann soll er noch seine eigene Meinung bilden und diese im hart umkämpften Markt der Kritiker auch noch vertreten. Wie leicht kippt eine Meinung, weil man verunsichert zugeben muss, dass man diese oder jene Quelle nicht beachtet hat.

    Das zweite Problem ist bei einem Buch, dass es doch “nur” von einem Autor stammt. In der Welt der mannigfaltigen unzähligen Quellen soll man sich hier auf die Ideen und Meinungen eines Einzelnen verlassen? Soll man ihm über Stunden seine begrenzte Lebenszeit zur Verfügung stellen, ohne Andere zu vernachlässigen?
    Wieder dreht sich das Rad der Zeit, man selbst hat Angst, etwas zu verpassen oder gar dem flott nagenden Zahn der Zeit zum Opfer zu fallen. Nicht mehr trendy und ein Aussenseiter zu sein.
    Ich schrieb hierüber mal einen Gedanken in meinem Blog – hier.

  • Über was man sich heute alles Gedanken machen kann und sollte, ist schon erstaunlich. Ich ziehe mit dem Gedanken nach, das zur Zeit der industriellen Revolution noch kein Arbeiter Autofahren musste und somit keinen Führerschein hatte und brauchte. Und heute?
    Ich sehe das auch mal optimistisch, obwohl ich nicht weiß wieso, dass sich alles einpendeln wird. Vielleicht können wir ja in 10 Jahren ganz normal sagen: “Du, nö, das hab ich nicht gelesen”, weil jeder wie selbstverständlich weiß, das nur noch auf Bruckstücke des riesigen und einfach beziehbaren Menschenwissens der Einzelne verfügen kann?
    So ändert sich vielleicht auch der Zeitgeist mit der Informationswelt.

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  • Ein sehr schöner Beitrag, finde ich. Ein Gesichtspunkt der mich in diesem Zusammenhang beschäftigt, ist, ob dann in Zukunft jeder nur noch in seiner eigenen Kommunikationswelt lebt. Die jeweiligen Themen so speziell und individuell werden, dass man nur noch schwer zu einem gemeinsamen Diskurs findet. Robert Misik hat hierzu auch einen interessanten Artikel geschrieben: http://www.misik.at/sonstige/parallelgesellschaften.php

  • ich denke sogar, dass diese “Kommunikationswelten” gleichzeitig der Schutz vor dem Missbrauch der Inhalte sind.

    Beispiel
    Ich gehe nur auf Blogs von Freunden. Andere interessieren mich nicht. Was andere sage: Ist mir egal. so findet sich im Internet jeder unter Gleichgesinnten wieder.

    Warum sollte ich Angst haben, Privates preiszugeben? Es wird doch nur Leute geben, die das ähnlich machen oder ich finde halt Leute, die nur beruflich schreiben oder nur Leute über Kaninchenzucht, usw.

    Die Angst vor dem Privaten im Internet ist ungefähr so wie die Angst, dass jemand durch die Straßen geht und in jedes Fenster schaut und an der Tür lauscht. Er hätte viel zu tun, wenn er das bei allen machen möchte… vielleicht passiert es hin und wieder, aber ehrlich: Stört mich das? Nein!

    Was nicht heißt, dass man über alles schreiben sollte und es kein Vertrauen mehr gibt, im Gegenteil. Aber die hohe Spezialisierung im Internet führt zu einer Datenmenge, die gleichzeitig wieder der Schutz ist.

    Problematisch ist das nur bei Tools und Seiten, die sich personenbezogen darauf spezialisieren, Profile oder ähnliches über Menschen zu erstellen oder gleich ganze Straßenzüge ins Netz stellen (Google…)

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