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In meinem kleinen Weblog schreibe ich über Psychologie, Philosophie, Kunst und Politik.
Interessierte LeserInnen und freundliche Kommentare sind immer willkommen. Viel Spaß beim Lesen!
Posted by J.A. on Januar 16, 2015

Winter-Intermezzo

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Winter- wenigstens für einen Tag

Mal dunkelblau und strahlend, dann wieder grauweiß wie Deckfarbe.
Feine Konturen zeichnen sich auf die Leinwand
mit Bleistift angespitzt
etwas kratzig
und ziemlich kalt.

Jemand hat mit einem Eimer Farbe,
einen Weg auf den Schnee gekippt
und mit einem dicken Borstenpinsel,
die Bäume gleich dazu.

Hier an der Stelle überzeugt mich
grell-blaues Aquamarin!
Ein Ozean mitten im Wald.
Dunkel die Schatten, kräftig die Rinde,
glitzernd der Schnee.

Ich wende meinen Blick nach oben
und empfange den freien Himmel.
Die Freiheit, die Luft, das kalte klare Wetter,
das mir gute Laune macht

Später am Tag,
-es ist wohl bald Tee-Zeit-
senkt sich die Sonne und taucht alles in nuss-braun
und gold-metallic;
eine Prise Rot obendrauf,
vielleicht die Dose mit Keksen,
die da so schillert.

die Bäume stehen alle ganz gerade
wie Zeichenstifte im Glas
wärmen sich ein bisschen

und freuen sich auf den Frühling!

Categories: Draußen
Tags: ,
Posted by J.A. on Januar 10, 2015

Aufgewühlt

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Er holte einmal tief Luft. So tief es ging, blies er sich die Backen auf, pumpte jedes freie Atom, dass in der Umgebung noch zu finden war in seine Lungen, bis zum Anschlag, bis er rot und dann blau im Gesicht wurde- so langsam wurde ihm schon schwarz vor den Augen, als das er ganze mit einem riesigen „Ziisschhhh“ aus dem Mund presste, dabei die Lippen anspitzte, damit sich die Geschwindigkeit und der Druck der Luftmassen noch erhöhte. Den Menschen unten auf der Erde war es nicht geheuer! Die Bäume fingen an zu wanken und ihre Astspitzen zitterten, der Wind riss an den Fensterläden, Schornsteinen und Dachgiebeln. Gegenstände wurden aufgeschleudert und übersäten die Straßen und Plätze. Die Luft war plötzlich voller Teilchen! Bringt euren Kopf in Sicherheit oder macht wenigstens einen Helm drauf! Die besonders großen Türme aus dünnem Stahlgerüst fingen an zu wanken. Das Meer peitschte auf, die Wellen schossen kreuz und quer und oben auf ihnen thronte die stolze Gischt. Wassermassen drückten sich an die Küste und die Möven flogen umher wie Geschosskugeln. Gut, wer jetzt einen sicheren Platz auf einem Öltanker ergattert hatte! Diese gab es nun viel öfters, seitdem die Ölriesen anfingen das schwarze Gold zu bunkern, damit es endlich mal wieder teurer werden würde und dann ordentlich abgebrannt werden konnte! Seht her, wie es brennt! Wie schön das CO² lodert und duftet und die Erde erwärmt. Ach, Klimawandel woher? Letztens war es doch mal kalt. Einen Tag lang im Winter ist das kein Beweis? Und in meinem Kühlschrank ist es auch kalt. Und ihr solltet erstmal den Tiefkühlschrank sehen!

Den empfindlichen Menschen wurde es langsam zuviel. Sie hätten sich gerne zurückgezogen und unter der Decke verkrochen. Die empfindlichen Ohren mit Knetmasse verschlossen und sich selbst in eine Druckkammer begeben, in der leichter Überdruck und ständiger Sonnenschein herrscht. Luftdicht versiegelt, versteht sich! Doch hier draußen fingen die inneren Gleichgewichtsorgane an zu wanken wie das Pendel einer großen Wanduhr, immer von links nach rechts, dann wieder umgekehrt oder mal gar nicht, unsicher wie auf einem Schiff bei Windstärke 9. Mir wird schon allein beim Gedanken kotzübel! Die Atmosphäre wurde plötzlich laut, es zischte, es blies, es rappelte, föhnte, rumpelte, schmauchte und fauchte.

Hoffentlich ist dieser Sturm bald vorbei, dachte sie sich. Dann werde ich wieder Origami an der frischen Luft zusammenbauen. Mir ein paar Blütenblätter auf den Tisch legen und ihre Größe und Form studieren. Gemütlich an der Küste entlang laufen und einen Schirm aufspannen. Einfach nur so, weil es geht. Wieder zu Hause werde ich mir einen Löwenzahn nehmen und ganz zart presse ich ein paar Gramm Luft über die Lippen, damit die Samen langsam und sanft zur Erde gleiten.

Und am Abend werde ich selig einschlafen und mich über die Ruhe und den Frieden des eiskalten Winters freuen.

Der dann auf den Frühling folgt. Ne umgekehrt. Erst der Herbststurm, dann der Sommer? Ne, auch egal. Auf jeden Fall wird es wieder ruhiger und friedlicher. Irgendwann.

Categories: Draußen
Posted by J.A. on Januar 9, 2015

Sie haben Kenny getötet

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(Zitat aus Southpark)

Mit Aufmerksamkeit und Neugierde, aber auch mit Schrecken verfolge ich derzeit die Ereignisse in Frankreich, die das ganze Land seit gestern in Atem halten. Der blutige Anschlag auf das Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ war der Auslöser. Über 11 Menschen sind gestorben und auch heute gibt es weitere Schüsse, Geiselnahmen und Tote. Die beiden Haupttäter, zwei Brüder (mit französischer Staatsbürgerschaft aber radikal-islamischen Überzeugungen) zwischen 30 und 40 haben sich in einer Druckerei verschanzt und mind. eine Geisel genommen.

Minütlich prasseln die Meldungen über die Liveticker diverser Medien, wer möchte kann sich auch in die verschiedensten TV-Livestreams reinklinken, die alle von den aktuellen Ereignissen berichten und mal näher und mal weiter weg von den Geschehnissen aufgebaut sind. (z.B. http://www.n-tv.de) Das ganze kommt mir derzeit noch etwas surreal vor. Es fing damit an, dass ich gestern fast im Vorbeigehen beim üblichen, gelangweilten Durchscrollen durch die Nachrichten-Headlines plötzlich vom Anschlag aus dem Zentrum von Paris gelesen habe. Ich wollte gerade weiter scrollen, da wurde mir plötzlich die Tragweite der Ereignisse bewusst. Beim genaueren Hinsehen und im Laufe des gestrigen Tages wurde dieses ungute „Anfangsgefühl“ noch verstärkt. Das ist doch absoluter Wahnsinn, was da abgelaufen ist! Ein bewaffneter Anschlag mit Kalaschnikows auf eine friedliche Redaktionssitzung einer Zeitung. Allein die Vorstellung, die Bilder im Kopf, die dabei entstehen passen irgendwie nicht zusammen. Wie kann man ein derart „weiches Ziel“ zum Hauptpunkt eines Anschlages machen? Bei der RAF waren es „wenigstens“ noch die Repräsentanten ihres verhassten Feindbildes: Der Staat, Polizisten, Staatsanwälte, Militär-Einrichtungen. Das konnte man irgendwie nachvollziehen (ist nicht gleich rechtfertigen!), aber der Angriff auf künstlerisch-tätige Autoren, die friedlicher und losgelöster von allen Macht-Systemen der Welt nicht sein könnten, ist grotesk.

Ein Angriff auf das 10 Uhr-Redaktionstreffen einer Zeitung, die niedliche Figürchen malt, die an sich überhaupt nicht anstößig, obszön oder gewaltverherrlichend sind! (Beispiel) Da gibt es tausende Medien-Produktionen, die schlimmer sind, ja bei manchen Sendern muss man nur bis Mitternacht warten, bis die ganze Sexindustrie endlich mal durchladen kann. Oder die ganze Gewaltdarstellung in Filmen, die Pornografie und „weltliche Darstellung“ von Frauen in der Werbung, der Konsum von Alkohol, Schweinefleisch, etc. . Und jetzt regt man sich über ein paar handgezeichnete Figuren auf? Welcher Gott oder Prophet sollte so humorlos sein, als dass er damit ein Problem hätte? Der Humor und der Zeichner ist ja so etwas wie eine geschützte Instanz: Wie ein Hofnarr im Mittelalter, der allen Adligen und Herrschenden den Spiegel vorgehalten hat, aber im Rahmen der künstlerischen Darstellung die sog. Narrenfreiheit genoss und nicht verurteilt oder zur Rechenschaft gezogen werden konnte. Das gab es schon im Mittelalter und da waren auch im hochgelobten „Abendland“ die heiligen Insitutionen noch mächtiger und strenger.

Diese Figuren führen nur bei der Interpretation des Betrachters zu so etwas wie einem Schmunzeln oder einem Lachen. Bisweilen wird auch das Lachen im Hals steckenbleiben. Es hängt hauptsächlich am Betrachter, wie man damit umgehen kann, genau das ist die Aufgabe der Satire! Nicht die Satire ist böse, sondern die eigenen (!) Gedanken und Interpretationen, die sie auslösen kann.
Sie ist daher die beste und friedlichste Pädagogik, die man sich vorstellen kann. Weil sie auf Humor und Selbstkritik beruht und nicht auf Dogmen.

Aber die Leute, die sich an so etwas stören, sind genau wie jene, die sonntags verärgerte Leserbriefe an ihre Zeitungen schreiben, weil sie sich von irgendeinem Artikel, irgendeiner Wortwahl oder einer anderen Banalität so tief getroffen fühlen, dass sie erst weiter leben können, wenn sie ganze Welt mit ihrem Schmerz beglückt haben und dann am besten noch so etwas wie ein „Schmerzensgeld“ erhalten. Mit dem Unterschied, dass die Terroristen durch Ideologien aufgehetzt sind und noch radikaler reagieren.

Wieviel Schmerz kann denn ein Comic auslösen? Zuerst, man muss es ja nicht lesen! Man könnte es ignorieren. Satire gilt in Frankreich als starkes Medium mit hoher Beliebtheit, aber die letzten Auflagen von Charlie Hebdo sollen gerade mal um die 60.000 Exemplare gelegen haben. Das ist weit entfernt von einem mächtigen Einfluss. Erst jetzt, nach dem Anschlag wird nochmal nachgelegt. Das “Motiv” kommt mir daher wie ein Vorwand vor. Ein Vorwand, um Macht und Hass auszulösen und Gesellschaften zu spalten.

Die Zeichner haben auch andere Religionen „beleidigt“ oder aufs Korn genommen. Das Motiv für den Mordanschlag ist daher so grotesk und unverständlich wie ein Mord nur sein kann. Der ganze Konflikt zwischen “dem Islam und dem Westen” ist künstlich und kann nur existieren, weil ihn ein paar radikale dazu machen und hier in Europa mit anderen Extremisten und Fundamentalisten (ganz gleich welcher Richtung) prächtige Resonanz-Böden vorfinden.

Es bringt meiner Meinung nach auch überhaupt nichts, jetzt die große Interpretationsmaschine anzuwerfen, wie es von den Medien derzeit gemacht wird: Haben wir ein Problem mit Islamfeindlichkeit in Deutschland? Wie geht man mit Bewegungen wie Pegida um? Ist ein friedliches Zusammenleben mit Muslimen und Nicht-Muslimen möglich? Was sagen die friedlichen Vertreter aller Religionen dazu? Wie ist die Meinung von Terrorismus-Experten? Welche Bürgerrechte sollen als nächstes eingeschränkt werden? Warum konnten die Behörden nicht alles wissen, warum sind ihnen gewisse Zusammenhänge der Brüder und evt. Mittäter nicht aufgefallen? Ja, warum wusste man nicht, wann die Terroristen morgens aufstehen, wo sie ihr Müsli kaufen, bei welchem Waffenhändler sie noch schnell ein paar Päckchen Munition einkaufen und wie- in Gottes oder Allahs Namen- sie diese schwere Waffe ungesehen in diesen mickrigen Kleinwagen stopfen konnten?
Wie haben sie im Gedränge von Paris eigentlich die richtige Adresse gefunden, wo die Redaktionsräume von „Charlie“ mittlerweile geheim waren? Ist unser neuer Gott Google mittlerweile so mächtig, dass das Navi auch diese Adresse ausspuckt?

Und warum waren sie so dumm, und haben ihren Personalausweis im Auto vergessen? Tja, man kann eben nicht an jedes Detail denken.

Der eine von den Brüdern hat gerne Rap-Musik gehört und gekifft. Wäre er mal dabei geblieben! Aber dann, eines Tag, man weiß nicht genau warum und wieso1 – hat er angefangen sich zu radikalisieren. Tja, irgendwann. Das Leben war anscheinend zu langweilig. Die Verlockungen sich einer extremistischen Ideologie mit ein wenig mehr „Action“ hinzugeben sind da groß.

Die Halteseile der Demokratie sind nicht fest genug, um jungen Männern mit fragilem Ego eine klare Perspektive und Struktur zu geben. Bezeichnend, dass sie ohne Vater aufgewachsen sind und ihre Mutter irgendwann verloren haben.

Man könnte noch ewig weiter spekulieren, wenn das ganze nicht so schmerzhaft, grausam und traurig wäre. Mein Beileid für alle Opfer.

Dieser Anschlag wird eines Tages ein Fall für Satire werden. Denn die Freiheit kann man nicht töten. Man kann sie auch niemanden wegnehmen, man kann sie nicht wegsperren, nicht enthaupten und nicht steinigen. Die Freiheit eines jeden beginnt in einem selbst. In der friedlichen Einstellung der Welt gegenüber. In dem klaren (ethischen) Bekenntnis auf Gewalt oder Intoleranz zu verzichten. Indem man andere respektiert, wird man selbst auch freier. Sobald man anfängt, die Dinge kontrollieren zu wollen und ihnen einen eigenen Stempel aufdrückt, werden sie kompliziert und wenden sich gegen einen.

Das beste Gegenmittel gegen Terrorismus ist die klare Bekenntnis zur Offenheit der Demokratie, zu den Menschenrechten, zur Toleranz und zum friedlichen Miteinander der Religionen.


Anmerkungen:
  1. nacherzählt aus n-tv und dem interessanten Interview mit Antonia Rados []


Posted by J.A. on Dezember 19, 2014

Jahresendtext

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Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern des J.A. Blogs fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch in das Neue Jahr! Vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren und ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.

Passender Song: Wolke 4 von Marv & Philipp Dittberner

Jahresendspurt! Die Ereignisse überschlagen sich mal wieder und ich tippe immer noch auf meiner neuen/ alten Tastatur.
Soviele Dinge sind passiert, dass ich nicht sagen könnte, wo ich eigentlich anfangen soll. Nimmt man noch den Filter „nichts privates“ dazu und stülpt ihn über die Kamera-Linse, bleibt das Bild sowieso nur schwarz. Egal, eine Zusammenfassung muss trotzdem sein, oder wenigstens nur eine Momentaufnahme, ein Zwischenfazit, ein „snapshot“ aus dem Leben. Ja, mein Leben, was passiert denn gerade so mit Dir? Komm mit und lass uns mal schnell ein Selfie machen:

Im Großen und kleinen haben sich Dinge und Prioritäten verschoben und oft hatte ich das Gefühl „ja, das passiert jetzt so“… aber wirklich aufhalten oder ändern konnte ich es eigentlich nicht. Das ist erstaunlich, lebt man doch in einer sehr freien Welt, in einer „freien Marktwirtschaft“ und mit dem aufgeklärten „freien Willen“, der nur „aus der Vernunft heraus“ agieren vermag, stellen wir uns oft vor, dass wir völlig frei sind und dem Wandel nicht unterworfen. Und doch stellt sich am Jahresende heraus „huch, ich hab wieder sehr viel für andere, aber nix für mich gemacht“ oder „die großen Prioritäten des Lebens, die großen Ziele wurden nicht erreicht“, dafür viele kleine Zwischenziele. Und das große Ganze? Kommt viel zu oft aus dem Blickfeld.
Dazu die Prozesse des Alterns, die anscheinend ganz von selbst innere Schwerpunkte, Vorlieben und Leidenschaften verschieben. So dass es mir z.B. überhaupt nicht leid tut, wenn ich nicht ständig auf Facebook/Twitter aktiv war und dort meine Zeit vertrödelt habe und auch über die eine oder andere entgangene Party keine Träne vergieße (genau genommen, war dieses Jahr fast ganz ohne Feste oder feierliche Höhepunkte, bis auf die übliche Handvoll Einladungen zu Hochzeiten oder Geburtstagen). Aber Feiern bis in die Nacht? Unrealistische Träume träumen? Sich die Welt kunterbunt malen und doch nie in der Realität ankommen? Mir scheint, diese Zeiten sind so unendlich weit weg. Stattdessen stehen jetzt andere Dinge auf dem Programm. Dinge, die Ende 30 nunmal wichtig werden: Familie, Stabilität, Zuverlässigkeit, finanzielle Unabhängigkeit, Reisen.. auch mit dem einen Auge wird schon auf die Rente geschaut, denn die schlechten Nachrichten aus dem deutschen Polit-und Gesellschaftsumfeld scheinen nicht abzureißen. Was ist da noch sicher? Worauf kann man sich noch verlassen? Die Russen vor der Tür mit ihren Manövern, die „Ausländerproblematik“, der demografische Wandel und der unsichere Euro. Die „Germans“ sind von Angst und Unsicherheit umgeben und das, wo sie die Sicherheit und Planbarkeit doch so lieben. Was auch erklärt, warum Bewegungen wie „Pegida“ so erfolgreich sind. Wo wir doch alle meinten, die braune Gefahr in der bürgerlichen Mitte sei längst überwunden… Angst und Ressentiments sind aber die denkbar schlechteste Reaktion auf Veränderungen. Eigene Anpassung und Flexibilität scheinen mir besser zu sein (zugegeben, aber auch deutlich schwerer umzusetzen).

Für größere, kreative Projekte ist mir dies Jahr nicht soviel Zeit geblieben. Das Blog z.B. : Dieses Jahr hat es sehr gelitten, weil ich soviele andere Ideen und Pläne hatte und auch viel auf Reisen war. Ich hatte mehr Lust, im Äußeren was zu verändern, als immer nur im Inneren zu verharren und die Impressionen des Lebens wie ein Memory-Spiel tausendmal umzudrehen. Da es diesmal fast nur Geschäftsreisen und keine Privatreisen waren, mussten sie jeweils gut vorbereitet und nachbereitet werden. Kaum war eine Reise vorbei, folgte auch schon die nächste. In den Reiseberichten kam das etwas zum Ausdruck. Auf dem Zettel standen vor allem Frankreich, Dänemark und Belgien. Alles Länder, die ich kaum kannte, die mich aber alle auf ihre Art beeindruckt haben. Und ich hab Blut geleckt! Ich will noch mehr sehen. Das Reisen rückt den eigenen Kompass und die – manchmal starre- Weltanschauung zurecht.

Der Zeitrahmen für das intensive Bloggen war daher auch das erste, was abgeschnitten und anderswo zugeteilt wurde. Ja, ich muss es zugeben: Das Blog ist eben nur ein Hobby, Geld wird damit nicht verdient, es ist „freie Kunst“ und die leidet am ehsten, ordnet man sie den übrigen Pflichten des Alltags unter. Und wenn ich das Blog nicht pflege, mich nicht aktiv vernetze, kommen auch nicht soviele aktive LeserInnen und Kommentare. Dennoch sehe ich an den Suchergebnissen, dass die Leute durchaus mit der Suchmaschine hier landen und ganz gezielte Antworten auf bestimmte Fragen bekommen. Das freut mich irgendwie, leistet so das Blog auch seinen Dienst, wenn ich nicht ständig davor sitze und neue Texte produziere.

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Posted by J.A. on Dezember 14, 2014

Wetten, Dass .. es das nicht so schnell wieder gibt

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Das war also gestern die letzte Ausgabe von „Wetten Dass“. Nie wieder wird es eine Sendung geben. Freude, Erleichterung und Trauer, stille Wehmut mischen sich gleichermaßen, um dann in einem stillen Strom der endgültigen Gewissheit überzugehen. Oder in der gewissenhaften Gleichgültigkeit…

Natürlich bin ich – wie viele andere auch- mit der Sendung aufgewachsen und groß geworden. „Wetten dass“ war immer eine Konstante im Leben. Etwas, auf das man sich verlassen kann. Etwas, das man schauen kann, es aber auch nichts macht, wenn man mal eine Sendung verpasst. Dennoch sind die Erinnerungen angestaubt und schon leicht verblasst. Da war zuerst der ernste, aber dennoch amüsante und für die damalige Zeit als locker geltende Frank Elstner, der der Sendung zu erster Popularität verhalf: geniale Ideen, lustig verpackt für ein großes Familienpublikum. Die Diversität der Sender und Kanäle war noch nicht so ausgeprägt, man konzentrierte sich eben auf das, „was lief“. Immer wieder wurde die Sendung mit der „großen Samstag Abend-Sendung“ angepriesen und viele Jahre schien es das Konzept der deutschen Fernseh-Gegenwart zu sein. Als Kinder waren wir immer begeistert, wenn Prominenz in der Sendung Einzug erhielt. Echte Schauspieler und Sänger-Stars, lebensgroß zum anfassen! Wann hatte man schonmal die Gelegenheit prominente Deutsche beim lockeren Plaudern auf dem Sofa zuhören zu können? Das große Wohnzimmer der Showbühne kam gleichzeitig in das eigene Wohnzimmer mit Salzstangen, Schnittchen und Schlafanzug bis weit nach 22 Uhr…

Auch die Musik war ein Highlight, denn Musik-Sender wie MTV gab es ja noch nicht und von der freien, jederzeit verfügbaren Musikauswahl von Streamingdiensten und Internet war man noch Lichtjahre entfernt. Wenn man gute Musik im Fernsehen sehen wollte, war „Wetten Dass“ die erste Wahl. Legendär z.B. der Michael Jackson – Auftritt. Wenn man am Montag über eine Sendung sprach, dann über „Wetten dass“. Alles andere hat nie diesen Ruhm und diese Größe erreicht, keine andere Sendung konnte tiefer in die deutsche Fernsehseele blicken und in keine andere Sendung hat man je tiefer zurückgeschaut.

Dazu kam das neuartige Showkonzept, das mit den Wetten einen gewissen, unberechenbaren, chaotischen Faktor in die ansonsten biedere und streng durchregulierte Fernsehlandschaft brachte.

Umso bezeichnender, dass es in der letzten Sendung gestern nur noch vier Wetten gab und die Saalwette kurzerhand ganz gestrichen wurde. Dabei lief die Sendung über vier Stunden, in der gleichen Zeit hätte man bei der konkurrierenden Sendung „Schlag den Raab“ schon mind. 12 Spiele gespielt, drei Werbeblöcke und zwei Musikauftritte gesehen. Und das ganze „Gelaber“, das zusehends verkrampfter, überflüssiger und mit Markus Lanz nie besser wurde, schenkt man sich gleich dazu.

Richtig anarchisch wurde die Sendung erst mit Thomas Gottschalk, der für mich bis heute noch der beste aller „Wetten Dass“- Moderatoren war. Er brachte die Sendung auf ihren Höhepunkt, und zwar mit genau der richtigen Mischung aus frecher Schnauze, Improvisationstalent, dem richtigen Gespür und Geschick für die internationale und nationale Prominenz und sogar der Fähigkeit mit Kindern freundlich und respektvoll umzugehen. Bei der gestrigen Sendung war der Aufbau der Kinder-Wette zwar im Ansatz schön und süß gemacht („Hunde am Schlabbern erkennen“), litt aber unter den Kommentaren der anwesenden Prominenten und dem mangelnden Respekt und Feinfühligkeit für die Situation. Erst der frühere Kindersendung-Moderator Elton machte es besser, als er sich zum Clown machen ließ und wegen des verlorenen Wett-Tipps die Backe mit Leberwurst bestreichen ließ. Anschließend wurde diese von einem Hund, der auch Teil der Wette war, abgeleckt.

Dennoch, Gottschalk war und ist im Vergleich zu Lanz immer das bessere Gesamtpaket für diese Sendung gewesen. Er war irgendwann „Wetten dass“, Lanz hingegen wird immer Lanz bleiben.

Eine Sendung, die auf etwas so unvorhersehbaren aufbaute, wie es die meisten Wetten waren, musste einfach ein Erfolg werden. Die Wetten waren schon immer der Markenkern, das besondere an der Show. Die Botschaft war einfach: Jeder einfache Mensch von der Straße kann es auf die große Bühne des Rampenlichts schaffen, wenn er nur etwas wirklich besonders kann und leistet. Somit war die Sendung auch der Vorbereiter für die vielen Casting-Shows, die heute die Fernsehlandschaft überschwemmen. Und mit dem eingebauten Leistungsfaktor auch typisch deutsch. Die Botschaft ist immer die gleiche: Wir zeigen Dich, wenn du uns was zeigst. Streng Dich an, dann kannst du wenigstens für zwei Stunden deines Lebens mal den süßen Duft des Ruhmes und der Ehre um die Nase wehen lassen. Danach wirst du ebenso sicher wieder vergessen.

Tragik vs. Klamauk

Den einzigen Namen eines Wett-Kandidaten den man sich bis heute gemerkt hat, war der tragische Samuel Koch. Mit seiner traurigen, und stillen Bescheidenheit wirkt er wie ein erdfarbener Kontrapunkt zum dem sonstigen neonfarbenen Getöse der Show. Zugleich ist der Antizipator und Grabträger der Sendung.
Mit der Gier, die feilgebotenen Wetten auf ein Äußerstes auszudehnen und die Risiken und Dramatik immer weiter zu erhöhen, hat sich auch das Team um Thomas Gottschalk überhoben. Die große Blase der Sensationslust platzte in vielen Tränen und einem sehr traurigen Schicksal. Danach wurde es nicht mehr besser. Ein Nachfolger fand sich lange nicht. Mit Markus Lanz schien nur noch der „Nächstbeste“ in Frage gekommen zu sein. Obwohl mit einem fernsehtauglichen Nice Guy-Lächeln gesegnet, war er doch am Ende zu glatt, zu bieder zu wenig innovativ, um die Sendung aus der Leichenstarre befreien zu können. Das besondere an „Wetten dass“ war eben auch das Freche und politisch unkorrekte. Wo früher dezente Chaotik und gute Scherze standen, wandelte sich Wetten Dass zum Schlimmsten aller TV-Formate: Dem belanglosen Klamauk, den es so oder in leicht abgewandelter Form schon tausendfach gibt. Die Sendung wechselte sich vom hippen, coolen, unberechenbaren Jugend-Image zum biederen, trockenen, steifen, uncoolen Format. Spätestens als die ausländischen Stars in der Presse über die Sendung lästerten, hätten alle Alarmglocken angehen müssen. Wobei es da auch schon zu spät war.

Fazit
„Wetten Dass“ war eine einstmals gute Sendung, die sich nun vielfach überlebt hat. Einen guten, würdigen Nachfolger wird es lange nicht geben. Vielleicht fehlt es an mutigen, innovativen Konzepten in der deutschen Fernsehlandschaft, vielleicht aber auch an den passenden Charakteren für den Moderatoren-Job. Vielleicht sind auch das Publikum und die veränderten Lebensbedingungen schuld: Große Haushalte und Familien-Abende mit vier oder mehr Leuten sind selten geworden. Wozu da noch das Lagerfeuer der Nation entzünden?

Solange es nichts neues gibt, muss man auf Alternativen ausweichen, das beste ist noch „Schlag den Raab“.

Shows gibt es sowieso viel zu viele im Fernsehen. Lieber eine gute auf die man sich dann mal alle acht bis zwölf Wochen freuen kann, als tausend schlechte, die niemals satt machen und belanglos vor sich her vegetieren.